Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 28 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. 'ttr. 28 fehlen aus ängstlichem Zweifel am endlich e n E r f o l g. Es gibt nur ein wahres Judentum, wer es in seiner Wahrheit erkannt hat, ist umsomehr verpflichtet, an seinem endlichen Siege mitzuwirken. Plaidoyer des Verteidigers Justizrat Dr. Schmitt-Mainz. ^Gekürzt.) Meine Herren! Nach meiner Auffassung ist das, was der Angeklagte erklärt und gesagt hat, nicht gegen einzelne Personen gerichtet, sondern gegen das System, das in Baden herrscht, und von diesem System wird behauptet, .daß es durch die Art und Weise, wie es zugestandener Maßen auf Grund der in ■ Baden herrschenden gesetzlichen Bestimmungen einmal besteht, mit Entschiedenheit dahin führen muh, daß die Minderheit beeinträchtigt wird.' Es ist bewiesen, daß der orthodoxe Teil des badischen Judentums und die «Autorität der einzelnen kirchlichen Organe geschädigt werden und daß »ach der Ansicht des orthodoxen Judentums die Entscheidungen, die gegen das orthodoxe Judentum — wenn auch optima fide — ergangen sind, in ihren Gilgen eine Vergewaltigung des orthodoxen Judentums enthalten. Dieses System, Lessen vorzügliche Vertretung wir in dem badischen Oberrat haben, soll nach einem Vorschläge, und einem Entwurf des Geh.-Rats Rosin nunmehr auf Preußen übertragen werden, und gegen diesen Versuch, das Äebertragen der badischen Organisation des Judentums auf Preußen, dagegen wird nunmehr von einem großen Teil des Judentums angekämpft und zwar nicht nur etwa allein von dem orthodoxen Judentum, sondern auch von einer ganzen Reihe anderer Juden, die eben der Meinung find, :datz diese ganze Art. der Organisation für das Judentum nicht passe. Es ist heute Morgen bereits von dem Sachverständigen Herrn Dr. Cahn-Fulda daraus hingewiesen worden, daß der Zentral-Ausschuß des Deutschen Rabbiner-Verbandes, der im Mai d. F. zusammengetreten ist/ um über diese Drage zu verhandelndah da einstimmig eine Resolution gefaßt wurde, die dahin geht, mit aller Entschiedenheit gegen alle Bestrebungen sich auszusprechen, die aus staatlich synodale oder ähnliche Einrichtungen innerhalb der Mischen Gesamtheit Hinzielen. Es ist also zunächst nicht bloß «in Kampf des orthodoxen Judentums, sondern es ist ein Kampf weiterer Kreise des Judentums über Haupt. Daß aber bei dieser Frage das orthodoxe Judentum ganz besonders interessiert istist heute Morgen aus dem Gutachten der. Sachverständigen so 'klar urü» unzweideutig hervorgegangen, daß ich dazu besondere Erklärungen nicht zu machen habe. Es entspricht vollständig der Natur des Menschen/ daß diejenige religiöse Richtung, die weniger Pflichten auferlegt, größere Freiheit und angenehmeres Leben gestattet, mehr Anhänger hat, als die Richtung, welche das, was sie/als von Gott gegeben betrachtet, mit treuer Pflichterfüllung und oft' mit schweren Opfern aufrecht erhält, und nur. so ist es erllärlich, dah auch in Baden zwar-ie gesetzestreuen Juden die Mehrzahl der regelmäßigen Shnagogenbesucher bilden, aber die Minderheit in'den einzelnen Gemeinden. Wenn nunmehr eine Organisation aufgebaut ist, bei der die Minderheit und die Mehrheit abzustimmen hat, so ergibt sich daraus von selbst die Konsequenz, daß das orthodoxe -Judentum als derjenige Dell des Judentums gilt, der als Minorität inbezug auf He Wahl mit seinen Ansichten nicht züm Durchbruch kommen kann, daß idas orthovoxe Judentum durch die Organisation in Baden mundtot gemacht ist. Seit Jahrzehnten ist im Badischen Oberrat keinerlei Vertreter des orthodoxen Judentums und auch in der Synode kann nicht davon gesprochen werden, daß eine einigermaßen erhebliche Vertretung des orthodoxen Judentums vorhanden ist. Der Herr Staatsanwalt hat in seinen Ausführungen gesagt, der Badische Oberrat könne angesichts dieser Drtsache, daß diese beiden verschiedenen Strömungen innerhalb der badischen Judenhüt vorhanden seien/ weder der einen noch der anderen Richtung sich anschließen. Das ist eine merkwürdige Auffassung; der Badische Oberrat, der von oben vis unten der einen Richtung tatsächlich angehört, der hat sich hier nicht mehr anzuschließen. - Es wird Ihnen heute so gegangen sein, wie es mir auch gegangen ist. Ich habe persönlich keine blasse Ahnung davon gehabt, von demjenigen, was Herr Dr. Cahn hier gesagt hat, von dem sach. lichen Unterschied zwischen Reformjuden und orthodoxen Juden. Ich persönlich war der Meinung, daß das geringfügige Unterschilde seien als ich aber hellte Morgen von dem Herrn die aus Grund innerster Ueberzeugung abgegebene feierliche Erklärung gehört habe, daß zwischen dem Refornijudentum und orthodoxen Judentum ein Unterschied besteht, wofür er uns die Rassischsten Zeugen angegeben hat, ein/Unterschied, wie zwischen Protestantismus und Katholizismus, da habe ich einen Einblick bekommen, den ich vorher niemals gehabt habe. Und wenn tatsächlich diese enormen Unterschiede bestehen, dann kann man erst recht begreifen und sich hineindenken, was diese Orthodoxen leiden müssen. Man tritt nun an Hand dieser -unumstößlichen horrenden Gegensätze an die Prüfung heran, wie nunmehr der Badische Oberrat, der notorisch aus der einen Richtung besteht, in die religiösen Gefühle der anderen hineinregiert, hineinregiert auf Grund des Gesetzes, ohne daß ihm von unserer Seite der Vorwurf gemacht werden soll, daß er parteiisch, abichtlich zu Unrecht usw. entscheide, von dem L-tandpunkt.aus, daß das ganze System, auf dem die Organisation aufgebaut ist,zusolchenKonsuquenzen führen muß, ohne daß jemand «in Verschulden treffen kann. Ich komme nunmehr zur Besprechung der verchiedenen Fragen. Zunächst die Frage des Gebetbuches! — Bei dieser Frage wird dem Badischen Oberrat vorgeworfen, daß er wichtige alte Glaubenswahrheiten der Juden einfach über Bord geworfen habe und' zwar dadurchdaß er die alten Stellen einfach umgeändert hat in einen Sinn, daß der orthodoxe Jude das Buch nicht in die Hand nehmen kann. Steht der Badische Oberrat nun einmal auf dem Standpunkt, daß dies veraltete Ideen seien und daß man infolgedessen dem Reformjuden nicht zumuten könne, derartige Gebete noch zu beten, so muß man auf der anderen' Seite doch festhalten, daß die Leute nicht gezwungen werden, derartige Gebete zu sagen, sie können ja diese Gebete ihrerseits einfach überspringen. Alwin, daß man dem orthodoxen Juden zumutet, die in seinem alt hergebrachten Glaubenenthaltenen Gebetesformeln einfach über Bord zu Wersen und zwar aus dem Grunde, weil andere, von denen er der Meinung ist, daß sie vom Judentum abgefallen sind, solche Gebete nicht mehr sagen wollen, fo ist das eine Zumutung, die vom Standpunkt der Gewissensfreiheit unmöglich gemacht werden kann. Man sagt, das Buch ist >ja noch nicht einge führt, es soll ja die Synode darüber entscheiden, jawohl die Synode soll darüber entscheiden, die zu 99/ioo aus Me form juden steht, die soll darüber entscheiden, ob die Minorität, das orthodoxe Judentum, dieses von ihm absolut verworfene Gebetbuch verwerfen solk'oder nicht! Wenn ich mir sage, mit welcher Entrüstung, mit welcher sittlichen Entrüstung heute Morgen diese drei Vertreter der orthodoxem Juden darüber gesprochen haben, daß man aus diesem Gebetbuch den Glauben an den persönlichen Messias herausgestrichen habe — ich kann den Leuten -das. vollständig nachfühlen und ich kann die Erregung begreifen und ich glaube, die Erregung wird jeder begreifen, der auf einem gläubigen Boden steht — und wenn die Leute sagen, das ist eine Kränkung, wie sie schwerer überhaupt einem gläubigen Juden nicht zugefügt werden kann, so ist das ein Gefühl, das Sie meiner Meinung nach auch durchaus respektieren. Es kommt hierzu als zweiter 'Fall, daß wir gehört Haben, daß liach dem Badischen System ausdrücklich der Rabbiner für alle rituellen Anfragen seines Bezirkes ausschließlich zuständig ist. Man vergegenwärtige sich die. Tatsache, daß es sich um Gegensätze handelt wie Protestantismus und Katholizismus und frage sich nunmehr, wie es wirken 'muß auf den orthodoxen Juden, wenn er gezwungen äst, zu einem Mann zu gehen und dort seine religiösen Bedürfnisse zu befriedigen, den er nun einmal als Rabbiner, als geistlichen Führer seiner Religion nicht anerkennen kann. Man braucht sich nur "in diese Frage hineinzudenken, um sich klar zu machen, in welche Gewissensnot die orthodoxen Juden durch das System hineingeraten sind. < Der Punkt 3, das ist die Frage der Predigt des Herrn D r. L ö w e n st e i n. Von dieser Pre digt haben wir heute M0rgen gehört, daß sie einen Passus enthalte, der dem Herrn Geh. Regierungsrat Mayer nicht gefallen hat. Wohl bemerkt, dem Herrn Dr. Löwenstein, der Anhänger der orthodoxen Richtung ist, wird' die Predigt korregiert von Herrn Dr. Mayer, der einer ganz anderen Richtung angehört, und Herr Dr. Mayer streicht ' diesen Passus aus der Rede heraus, die Rede wird in der Gemeinde gehalten als Rede des Herrn Dr. Löwenstein, ohne daß Herr Dr. Löwenflein eine 'Ahnung davon gehabt hat, daß dieser Passus hcrausgcstrichcn worden ist!! Nachdem das vorbei ist/ werden dann die drei Konferenz-Rabbiner, die ebenfalls naturgemäß auf dem anderen Standpunkt stehen, hereingeholt und sie 'müssen hinterher begründen, warum und mit welchem Recht diese Streichung, in der predigt vor genommen worden ist! Ohne das Hinzutun 'des Rabbiners wurde die Predigt korrigiert und in der betr. Gemeinde verlesen, ohne daß der Rabbiner irgend etwas dagegen machen kann. Auch das ist ein Punkt, den man, wenn die Gegensätze so gewaltig sind, wie wir es heute morgen gehört haben, einfach für unmöglich halten sollte! Es besteht dann als 4. Punkt die Frage der gesanglichen Aufführung in der Shna goge in Bruchsal. In dieser Beziehung haben wir ja heute morgen den Sachverständigen gehört. Er erwähnte, daß in einer derartig r e i n r e l i g i ö sen Frage nach den Grundsätzen des Judentums eS ein Unding fei, daß gegen die Entscheidung des- Rabbiners irgend eine andere Behörde hineinzureden, habe. Wenn eine derartige Entscheidung des Rabbiners aufgehoben wird, daß dadurch die Autorität des. Rabbiners Not leiden muß, das bedarf 'auch keiner weiteren Ausführungen. -. Nun zu Punkt 5, die Angelegenheit des Schäch - , ers Rosenthal in Adelsheim betreffend. .Was den Schächter Rosenthal anlangt, fo wird dem Rabbiner Dr. Löwenftein der Vorwurf gemacht, daß er zunächst den Rosenthal verurtellte, ohne daß er ihn vorher gehört habe. Ich habe hier eine Abschrift des Schreibens des Badischen Oberrats bezw. der Religions-Konferenz vom 30.- November 1897 Nr. 1256 den Lehrer in Adelsheim betreffend. Es ist ' darin gesagt, dah der Rabbiner Löwenftein in seiner Eingabe seststellte^ daß der Schächter, der Lehrer Rosenthal, den Genuß verbotener Speisen zugestanöen hat. Es .muh also auch zuder Zeit, als diese Frage ergangen ist, der Schächter über diese- Frage vernommen worden sein, denn sonst könnte! man nicht davon sprechen, daß es zugestandener Maßen geschehen sei. Aber das hat nur wenig Wert, das, worauf ich Wert lege, bezieht sich darauf, daß wir auch hier wieder den direkten Gegensatz zwischen Reform-Judentum und orthodoxem Judentum sehen. Es ist uns heute Morgen von den 3 Sachverständigen bestätigt worden, daß die Lage, in der. sich dev Lehrer Rosenthal befand, keine solche war, die ihn vom orthodox. Standpunkt aus berechtigte, auf Grund eines Zwanges das Speisegesetz zu übertreten. Ich glaube, daß auch aus den Aenßerungen'des Herrn Dr. Mäher von heute Morgen sich die Richtigkeit des Standpunktes des orthodoxen Judentums ergibt. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß der Schächter das Vertrauen seines Rabbiners haben muß. In Adelsheim haben wir den/Fall, daß der Rabbiner das Vertrauen zu seinem Schächter verloren gehabt hat; wir haben auch von den 3 Sachverständigen gehört, daß diese Entscheidung ' des Rabbiners Loewenstein eine nach den religiösen Auffassungen durchaus korrekte'war. Der Lehrer Rosenthal hätte, wenn er nicht darauf bestand, außerhalb der Kaserne zu gehen, an den Lehrer in Kehl oder nach Straßburg schreiben oder telegraphiere» können oder er hätte sich in der Kantine Eier kaufen können, dann hätte er vollständig leben können. Wenn der Lehrer Rosenthal behaupten will, et hätte von nichts anderem leben können als wie von Kommisbrot und schwarzem Kaffee, so wissen doch die Herren aus ihrer eigenen Militärzeit, dah er Eier gerade so gut hätte haben können - Der Herr Geheimrat sagt, gewiß der Rabbiner muß das Vertrauen in den Schächter haben können. Wie hat sich die Sache aber entwickelt? Es ist festgestellt, daß Herr Dr. Loewenstein kein Vertrauen in seinen Schächter hatte und das Resultatr derBadischeOberrat hatkommandiert, von heute an hast du wieder Vertraue» zu deinem Schächter zu haben! > Die Frage des Buches Loewenstein will ich nur mit einem Wort behandeln. Es ist nicht richtig, wenn heute Morgen gesagt worden!ist von Herrn Dr. Mayer und ich glaube, -auch von dem anderen Herrn, daß die Abweisung dieses Buches erfolgt sek ohne jede Rücksicht auf die religiöse Ueberzeugung und Anschauung, die in diesem Buche zum Vorschein gekommen ist. Daß das Buch in einer ganzen Reihe von Schulen eingeführt ist, daß namentlich auch die preußische Regierung an die Einführung - des Buches geht, und daß das Buch in Frankfurt eingeführt ist, diese Tatsache der Einführung des Buches in preußischen Schulen wirkt doch gerade so viel, wie die Nichteinführung in den badischen Schulen und yzenn wir wissen, daß auch in Lehrer- Seminarien in Köln und Würzburg und im Gymnasium in Würzburg dqs Buch zur Anwendung kommt, dann haben wir schon drei Bundesstaaten, in denen also dieses Buch Verwendung findet. Dr. Mäher beruft sich darauf, daß hier kein feststehendes Urteil über die Berechtigung der Ausschließung des Buches erfolgt sei, aber in dem Schreiben des Oberrats an Herrn Dr. Loewenstein 'wegen seines Buches'ist ausdrücklich folgende Erklärung enthalten: „Wir -erklären Ihnen demzufolge, daß keineswegs Ihre religiöse Richtung an sich für uns der Grund der Zurückweisung des Buches gewesen ist/ daß aber allerdings der Mangel der bei einem Schulbuch besonders unentbehrlichen Objektivität der Darstellung und der damit verbundene weitere, auch sonst bei Ihnen öfters gerügte Ma ngel der Achtung vor der gesetzesmäßigen Ordnung der Landessynagoge dabei mitgewirkt haben." Ich brauche danach nicht mehr zu erklären, warum seitens der orthodoxen Richtung die Ablehnung dieses Buches in so schmerzlicher Weise empfunden worden ist. ' Das sind die Bemerkungen, die ich inbezug auf die verschiedenen Fälle zu machen hafte. Ich wiederhole: Es handelt sich in dem Artikel lediglich um den Kampf gegen das System, bas'ln Baden zur Anwendung kommt, demzufolge in rein objektiver äußerlicher Beziehung das orthodoxe'Judentum 'ausgeschlossen wird und in religiöser Beziehung seitens des Badischen Oberrats die schwerwiegendsten Entscheidungen getroffen werden, die die schwersten