Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 27 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692487--02547-2697156- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
.■ ■■ . — ——— — BeüM zu Nr. 27 des FrankfMer Jsmelitischeu Flwlüieublattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Die Juden in England. — Aus aller Welt. — Aus den Vereinen. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der geh rer Welt. — „Jüdisch e Jugend." Die Juden in England. Ein Rückblick auf ihre Geschichte und ihre gegen- - wärtige soziale und wirtschaftliche Stellung. Von Max Gillis. (Fortsetzung). König Johann, der Nachfolger Richards, beschloß, um einer von ihm befürchteten jüdischen Massenauswanderung vorzubeugen, die Juden fteundlich zu behandeln. Gleich im ersten Jahre seiner Regierung gab er ihnen in einer mit der damaligen antijüdischen Strömung seltsam kontrastierenden freundlichen Kundgebung die Ermächtigung, sich einen Chief Rabbi zu wählen. Der Chief Rabbi erhielt auch,. wie es tu dem Manifest hieß: a safe conduct through all liis dominions at home and abroad, freies Geleit durch des Königs Besitzungen daheim und im Ausland. Außerdem erließ Johann noch mehrere für die Jiuden äußerst günstige Bestimmungen, sodaß diese schnell wieder zu Wohlstand gelangten. Als der heimtückische König dies, sein erstrebtes' Ziel, sah, nahm er seine Maske ab und besteuerte die Juden durch unerschwingliche Summen. Ms ein Jude aus Bristol ihm die für die damalige Zeit ungeheuere Summe von lOOOO.Jf. nicht bezahlen konnte, ließ er ihn ins Gefängnis Wersen und ihm täglich einen Zahn ziehen. So begannen wieder die alten Zeiten. Normannen, Sachsen, Dänen und Briten, die sich gegenseitig auf das heftigste befehdeten, vereinigten sich in ihrem Haß gegen die Juden. Auch die berühmte' magna odart». die der Adel dem König damals abzwailg, enthielt für unsere Glaubensgenossen nur ungünstige.Bestimmungeu. Es ist indes die Behandlung der Juden nach dem Maßstab der damaligen Zeit und nicht nach der heutigen zu betrachten. König Johann selbst war ausschweifend, leichtsinnig und heimtückisch. Das Land unter seiner Regierung war voll von gesetzlosen Abenteurernwelche, von den Kreuzzügen heimgekehrt, erfahren in allen Lastern des Orients, ihre Hoffnungen auf politische Wirren setzten, und von dem Miel angeführt, plündernd das Land durchzogen. Der Nachfolger Johanns, Heinrich III., war noch minderjährig, als er zur Regierung kam, und der edle Graf Pembroke, der Verweser des Reiches, sah sein höchstes Ziel Parin, alle Klassen der Bevölkerung durch Gerechtigkeit und Unparteilichkeit zu versöhnen. Sein Nachfolger Hubert de Burg, von denselben Idealen geleitet, war ihm gleich an VHxisheit und Herzensgute. Während der Regierung dieser Minister fanden keine Gewalttätigkeiten gegen die Juden statt. Die Eingekerkerten würden wieder freigelassen, und ihre alten Privilegien, u. a. das oovgö d' elire, das ihnen gestattete, einen Chief Rabbi zu wühlen, wieder ' bestätigt. Um ihnen ferner Schutz zu gewähren, wurden die angesehensten Bürger der betreffenden Städte für eventuelle Beschädigungen jüdischen Eigentums haftbar gemacht. Zugleich mit der Bestätigung ihrer obartor wurden die Juden auch von der Jurisdiktion der ecclesiastischen Gerichtshöfe befreit. Bracton, ein Historiker, berichtet aus jener Zeit lakonisch, daß die Juden auch damals als „qualifiziert betrachtet wurden, Land zu kaufen und zu bebauen." So kann es uns nicht Wunder nehmen, daß die Juden rasch wieder zu Wohlstand gelangten und daß sich ihre Zahl durch Einwanderung rasch vermehrte. Nur ein-, mal schien ihre Lage wieder bedenklich zu werden, als 'der Primas, der Erzbischof von Canterbury, den Christen untersagte, bei Juden etwas einzukaufen. Mer als die Regierung diesem Gebot mit aller Macht entgegentrat, glaubten sie, daß die alten Zeiten nie wiederkehren würden. Doch auch dieses Mal sollten sie sich bitter getäuscht sehen. Zu ihrem sowohl, als auch zum allgemeinen Unglück wurde die Regierung aus der Hand von Hubert de Burg genommen und unter die Kontrolle von Männern gestellt, deren Grundsätze denjenigen dieses edlen Mannes entgegengesetzt waren. Bon dieser Zeit an waren die Juden fortwährender Gewalttätigkeit und willkürlichster Erpressung unterworfen. Im 14. Jahre der neuen Regierung wurden sie gezwungen, ein Drittel ihrer beweglichen Habe der Krone zu überliefern und von nun ab verging kaum ein Jahr, ohne daß man Steuern von außerordentlicher Höhe von den Juden erpreßte. Charles Egan sagt in seinem Werk „the status of the Jews in England", daß die Juden unter der Regierung Heinrichs III. in einem Zeiträume von 7 Jahren Lstrl. 400000 — das find über 8 Millionen Mark '— an die Krone bezahlen mußten. Es ist dies für die damalige Zeit eine Summe von exorbitanter Höhe. Man erzwang die Steuern durch Einkerkerung, Güterkonfiszierung, Wegnahme der Frauen und Kinder und sicherte sich die Pünktlichkeit der Einzahlung, indem man die angesehensten Juden als Geiseln zurückbehielt. Einige Jahre nach diesen Erpressungen wurde auch ein regelrechtes jüdisches Parlament einberufcn, welches aber der König aufzulösen geruhte, nachdem es die Erlaubnis erhalten hatte, ihm Lstrl. 20000 zu beschaffen, Umsonst machten die Juden Vorstellungen wegen der sich häufenden Unterdrückungen. Sie baten um die Erlaubnis, das Land verlassen zu dürfen. Daraufhin wurden die Vornehmsten von ihnen vor einen Staätsrat gefordert und ihnen bei Todesstrafe verboten, England zu verlassen. Da erhob sich der Chief Rabbi Elias und redete die erlauchte Versammlung folgendermaßen an: „O, edle Lords, wir sehen, daß unser Herr und König unzweifelhaft beabsichtigt, uns von der Erde zu vernichten. Wir flehen zu Gott, daß er uns Erlaubnis und sicheres Geleit geben möge, seiir Reich zu verlassen, auf daß wir uns eine neue Wohnstätte suchen irr einem andern Land und Unter einem Fürsten, der barmherziger ist als er. Unser. Hab und Gut wollen wir hier lassen Und nie wollen wir nach England zurückkehren. Aber, wie kann er," so ruft der edle Anwalt am Schluß aus, „der seine eigenen Untertanen nicht schont, uns elende Juden schonen!" Trotzdem die Juden auf diese kühnen Worte hin gebeten wurden, in England zu bleiben, hörten ihre Mißhandlungen nicht auf. Ja, es wurde noch ärger. In London erschlug kurze Zeit darauf der Pöbel aus ein albernes Gerücht hin 700 Juden. Zwei Jahre später beschuldigte man sie des Verrats an den Bürgern von London und ermordete alle, die man auffinden konnte. (Fortsetzung folgt.) Aus aller Wett. Rußland. Warschau, 1l. Juli. Heute Abend verließen jüdische Familien die Stadt, da ein Gerücht im Umlauf war, daß ain morgigen Peter- und 'Paulstage ein Pogrom stattfinden solle. Alle Züge sind überfüllt. Es herrscht große Aufregung. Es wird gesagt, die Behörden hätten sich für machtlos erllärt infolge der durch die jüngsten Attentate gegen Schutzleute eingetretenen Desorganisation der Polizei. „Frkf. Ztg." Frankreich. Paris. Durch das demnächstige Eingehen der Restauration Langer ist hier die schnellste Errichtung einer rituell zuverlässigen Restauration eine dringende Notwendigkeit geworden. Niederlande. Amsterdam. Eine beabsichtigte antirussische Demonstration. Der Minister des Aeußeren hat der Zweiten Kammer einen Gesetzentwurf vorgelegt, der einen Kredit von 73 000 Gulden zum Empfang der Mitglieder der II. Friedenskonferenz im Haag fordert. Da inzwischen der Zusammentritt der Konferenz ans das nächste Jahr verschoben worden ist, so fand die Erörterung des Gesetzentwurfs bei der diesjährigen Budgetberatung nicht statt. Somit unterblieb auch eine interessante Interpellation, die die Regierung in mehr als einer Hinsicht in Verlegenheit gebracht hätte. Denn erstens war die Jnterpellatton von einer Gruppe von konservattv- und unionsliberalen Kammermitgliedern Leabsichttgt, also von Angehörigen der Regierungspartei selbst, und zweitens sollte sich die Interpellation gegen Rußland richten, eine „befreundete Nätton", die zudem der holländischen Regierung das Programm überreicht hat, auf Grund dessen die Niederlande die Vertreter der Mächte zur II. Friedenskonferenz in die holländische Residenz einladen sollte. Die an die Regierung adressierte Interpellation sollte über folgenden Wortlaut haben: „Die Kammer nimmt mit Schmerz und Entrüstung Kenntnis von den bluttge» Verfolgungen, denen ein Teil der Bevölkerung in einein befreundeten Lande ausgesetzt ist, die mit vielen unserer eigenen Bürger durch enge Baude vereint ist. Die Kammer erachtet, daß der, weitere Ausbau von Theorien über Recht und Menschlichkeit unvereinbar ist mit der gesunden Vernunft, solange in dem Reich, das den Aufruf zur sogenannten Friedenskonferenz erließ, fortdauernd Greuel geschehen, die die ganze gebildete Welt entsetzen. Die Kammer ersucht daher die Regierung, die Uebermittlung der russischen Einladung zur Zusammenkunft der Friedensgesandten auf holländischem Boden solange zu unterlassen, bis Earantten erhalten werden, daß derarttge traurige Ereignisse sich nicht mehr wiederholen." Aus den Vereinen. Stratzburg, iO. Juli. Am 1. Juli fand das Sommerfest des Vereins jüdischer Studenten an der Universität Stratzburg statt. Eine längere, ungemein genußreiche Fußtour führte die Teilnehmer des Festes durch eine der schönsten Partieen der Vogesen. Der Ausflug, an dem sich außer Freiburger Bundesbrüder auch zahlreiche Gäste aus der Bürgerschaft beteiligten — insbesondere war die Damenwelt zahlreich vertreten —, führte nach der stattlichen Burgruine Girbaden, wo für angenehmste Unterhaltung durch Gesellschaftsspiele, Ueberraschungen usw. Sorge getragen war. Erst gegen 11 Uhr abends trafen die Festteilnehmer, vollbefriedigt mit dem ihnen Gebotenen, wieder in Straßburg ein. Aus der zionistische» Bewegung. Berlin. Der Reichsanzeiger publiziert unter' Nr. 821 die Gesellschaft unter der Firma: „Die Welt Verlagsgesellschaft mit beschränkter Haftung", Köln. Gegenstand des Unternehmens ist die Herausgabe der Zionistischen Zeitschrift „Die Welt" und sonstiger Publikattonen jüdischen Inhalts. Das Stainmkapital beträgt 20 000 Jk. Geschäftsführer ist Julius Berger, Kaufmann, Köln. Gesellschaftsvertrag vom 16. Dezeniber 1905/vom 13. Juni. Ferner wird bekannt gemacht: Der Gesellschafter David Wolfsohn» Kaufmann in Köln, bringt die in Wien erscheinende Zeitschrift „Die Welt" mit allen Verlagsrechten ein, welche znm Preise von 15 000 Jk bewertet wird. Die Veröffentlichungen der Gesellschaft erfolgen durch die von der Gesellschaft herausgegebene Zeitschrift „Die Welt." Freiburg i. Br., 8. Juli. Einensebr gelungcnen Mend, dessen Ergebnis für den Palästina-Verein bestimmt ist, veranstaltete die Z i o n i st i s ch e Ortsgruppe für ihre hiesigen Freunde. Die Feier trug in Anbetracht der trüben Zustände in RuAand einen ernsten Charakter. Der große Saal war überfüllt. In der Festrede besprach Herr Dr. I s a k Straus- Heidelberg, ausgehend von den traurigen Verhältnissen in Rußland, den Weg einer dauernden Whilfe. Das zionistische Programm biete von all den im Lauf der jüdischen Geschichte aufgetauchten Lösungsversuchen die 'Gewähr für einen endgülttgen Erfolg. An der praktischen Vorarbeit für die Erreichung jenes großen Zieles muß ein jeder Mitarbeiten. Dann werden schmerzliche Zeiten, wie die heuttgen uns nicht mehr unvorbereitet antreffen. Der Präsident der Ortsgruppe, Herr Dr. Kaufmann, gedachte in einigen eindrucksvollen Worten Theodor Herzls, dessen Todestag dieser Tage wiederkehren wird. Besondere Anerkennung verdienten die Darbietungen junger Damen und Studenten der hiesigen Universität, die dem Mend ein würdiges Gepräge gaben. Die Feier hat ihren Eindruck ans die Anwesenden nicht verfehlt, und , auch der finanzielle Erfolg war recht befriedigend. Pretzbnrg, 9. Juli. ProtestversammlnnggegendasBjelostokerBlntbnd. Auf gestern Vormittag 10% Uhr hatten die hiesigen Zionisten nach der „Bellevue" eine Protestversammlung einberufen. Etwa 1000 Personen, darunter erste Persönlichkeiten öer Stabt» waren erschienen. Es sprachen: Primarius Dr. Fischer, Mvokat Dr. Sziklar, Dr. Georg v. S ch e l p e, Stadttepräsentant Buchhändler Hermann Steiner, Reichstagsabgeordneter v. Jankovich (ein Neffe Kossuth's) und Theologie- Professor S t r o m P. Am Schluß wurde eine vom Vizepräsidenten Dworak ungarisch und vom Präsidialmitgliede Samu Dettelheim deutsch verlesene Resolution angenommen. Poltawa (Rußland) In dem Dorfe Jakowkjinn fand eine zionistische Versammlung ein ttanriges Ende. Der Gehllse des Kronrabbiners hatte eine Rede für den Zionismus gehalten, ihm antworkete der Jurist Lif und zwar in solch' unverschämter, aufteizender Form, daß das Publikum den Redner unterbrach und znm Verlassen des Saales aufforderte. Lif kam der Aufforderung nach, ging aber zur Polizei und denunzierte dort die Versammlung. Daraufhin erschienen auf der 'Versammlung plötzlich 8