Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 26 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilagezu Nr. 26 des Inhalt der Beilage: Aus aller Welt. — Personalien. Aus der zionistischenBewegung. —Aus derLehrerwelt. Aus airsr Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 4.Juli. Protestversammlung gegen die russischen Judenmassukres. Bei gedrängt gefülltem Saale — Hunderte mußten umkehren — fand gestern Älbend inr großen Börsensaale eine Protcstversammlung gegen die russischen Judenmassakrcs statt. Die Redner des Abends waren" durchweg Christen; Herr Stadtrat F"" Herren S . ' München, die Hauptreden. Professor Rade wies darauf hin, daß schon die Tatsache, daß die Erschlagenen Juden und die Totschläger Christen sind, für die Christenheit tiefbeschämend sei; die Greuel in Rußland müßten nicht innr dem Absolutismus zur Last gelegt werden, sonder» auch der Kirche, die dem Absolutismus zur Seite steht. Man sagt, die Kirche in Rußland sei tot; — doch siehe! wo Mord, Plünderung und Raub ist, da steht die Kirche lebend da. Wie es scheint, kennt die russische Kirche die Bibel, in der 'das fünfte Gebot „Du sollst nicht morden" lautet, nicht; aber auch nicht die Bergpredigt. Die Juden beklagen ihre Toten, aber wir Christen, so schloß der Redner mit tränenden Augen und vor Aufregung zitternder Stimme, beklagen die große Ohnmacht des Christentums, die Verunglimpfung und Vcr ungestaltung seiner Lehre. — Rechtsanwalt S h d anvw erzählt die Geschichte der Pogrome und die Entwicklung der Freiheitsbewegung; er bringt nichts Neues vor, aber seine Ausführungen machen merklich.tiefen Eindruck. — Professor Quidde beleuch tet die Bjehostoker Greuel vom politischen Gesichts punkte aus; er meint, es gehöre zum Systeme des Absolutismus, daß man, wenn alles versagt, zum letzten Mittel, der Aufhetzung von Nationalität gegen Nationalität, der Konfession gegen Konfession, greift. Europa hat auf sich eine große Schuld geladen, indem es den russischen Absolutismus mit Geld unterstützte. Er klagt auch die preußische Regierung an, die von jeher das russische Willkürsystem unterstütze, kommt auf die Ausweisung der in Pren ßen Schutz suchendon jüdischen Flüchtlinge zu spre chen und erwähnt,, daß mau auch hier zu Lande nach der russischen Methode verfährt, jede unbequeme Be wegung als jüdisch zu diskreditieren. Er schließt: Was unsere Regierung schlecht gemacht hat, wollen wir, das Volk, gut machen, indein wir Freundschaft mit dem neuen istußland, dem Rußland der Duma, halten, nicht aber mit dem Rußland des alten Re .gimes. Darauf wird die folgende, an die Duma abzu sendende.Resolution verlesen: „Die Versammlung spricht ihr tiefes Mitgefühl mit den Opfern der Metzeleien in Rußland und ihre Empörung über die Urheber der unmenschlichen Grausmnkeiten aus. Sie vertraut, daß die Duma es erreichen wird, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, damit neuen Untaten vorgebeugt werde, und sie ist von dem Wunsch beseelt, daß es den Mächten des Zvrtschritts und der Kultur gelingen möge, unserein großen östlichen Nachbarreich, den flZerfassnngsstaat mit Sicherung der bürgerlichen Rechte und'der religiösen Freiheit zu bringen, zum Segen Rußlands und als eine zuverlässige Bürgschaft friedlicher und freundschaftlicher Beziehungen zum Deutschen Reich" und mit allen gegen eine Stinnne angenommen. -In der Diskussion sprachen noch Reichstagsabgeordneter Schmidt und Pfarrer Klauke. Hamburg. Erleichterungen für Auswanderer ab Hamburg. Nachdem in Rußland in gesundheitlicher Beziehung seit Längerem in -Berlin und Frankfurt angenommene Protesterklärung angenommen. Oesterreich-Ungar«. Wien, 4 Juli. Delegation. Delegat Strauch er protestiert gegen die Bemerknug.Krazuarschs, daß russische jüdische Studenten Revölution machen. An den russischen Universitäten studierten fünf Prozent Juden und man könne daher nicht davon sprechen, daß Juden Revolution machen. Budapest, 2. Juli. Bor Eingang in die Tagesordnung per heutigen Sitzung des A b g e o r d - n eten Hauses besprach das Mitglied der Kvsssuthpartei, Dr. Andreas C s i z m a d i a die E r - Ereignisse in Rußland und gab seiner tiefsten Entrüstung und seinem Bedauern über die unrussischeu Behörden erfüllen müssen. Die Aeußcrung Csizmadias wurde im Hause mit Zustimmung begleitet. Rußland. Die letzte konfisziert Petersburg. Konfiskation Nuinmer der „Jewreskaja Schisenj" ist worden. Petersburg, 4. Juli. Die zur Prüfung der Vorgänge nach Bjelostok aus Anlaß der dort am 14. Jüni stättgehabten Judenmetzelei entsandte Ko m Mission von D u m a m i t g li e d e r n hat einen Bericht veröffentlicht, der im Auszuge fol gendermaßen lautet: lDeit der Ermordung des dortigen Polizeimeisters Derkatschew waren Gerüchte über einen bevor stehenden Pogrom im Umlaufe. Bereits vor dem 14. Juni erhielten die'Feldwebel eines Regimentes d e n B e f e h l, d e n M a n n s ch a ften mit zu teilen, daß am 14. Juni eine orthodoxe und eine katholische Prozess i o n st a t t f i n d e n w ü r d e. D i e I u d e n w ü rd e wein e B o m bewerfen und einPogrom würde folgen. Als nun am 14. Juni die ortho doxe Prozession in die Justitutsstraße einbog, wurde sie aus einem Hause derselben beschossen und einige Teilnehmer bemerkten, daß etwas Zischendes geworfen wurde. Sofort erschienen Truppen, die in der benachbarten Reichsbankfiliale bereit gehalten worden waren und feuerten auf die Häuser. Dieselbe Szene wiederholte sich auf denr Bazar, wo die zweite Bombe geworfen wurde. Es folgte dann ein Uebersall von Vagabunden auf eine Apotheke, und der Pogrom begann. Vagabunden und Polizei plünderten die Läden und raubten Waren, und die Soldaten folgten ihrem Beispiele. Es entwickelte sich eine Hetzjagd auf die Juden, die man aus ihren Häusern trieb, um sie brau ßen z u erschieß e ii. Auch auf dem Bahnhofe sammelten sich Haufe» von Vagabunden, um flüch tende oder entkommende Inden abzufangen, trotzdem der Bahnhof von Dragonern und Infanterie besetzt war und die Offiziere der in Bjelostok stehcu den Regimenter llglitsch, Kasan und Wladimir im Bahnhofsrestaurant saßen. Am 14. Juni tra auch der Gouverneur von Grodno ein ohne daß sich.jedoch Polizei, Sotdate . u n d V a g a b u n d e n durch s e i n e A n w e s e n -!heit stören ließen. Auch ain 15. dauerte das Morden fort. So wurden beispielsweise von zehn mit einein Zuge eintreffcnden Juden acht sofort getötet. Auch der auf dem Bahnhofe anwesende Staatsanj anwaltschaftsgehilfe und die übrigen dort anwesenden Amtspersonen rührten keinen Finger, um den Gewalttaten gegen die Juden ein Ende zu inachen. Nachdem noch eine Anzahl von Aussagen von Augenzeugen über jene blutigen Vorgänge angeführt sind, geht der Bericht zu folgenden Schlußfolgerüber: Vor altem ist die Planmäßigkeit des Po g r o m s hervorzuheben, die an die Strafexpeditionen in den Ostseeprovinzen und Sibirien erinnert. Der Tag ist vorher genau bestimmt, ebenso auch die Gelegenheit, g!inn an nicht nur jede Maßnahme zur Unterdrückung des Pogroms, sondern nt fesselte noch obendrein durch ihre iederen Organe wilde Le ide risch äsen. Die Polizei ordnete die Erschießu n g vv u P e r so n e n a n, d i e s i e z u R evolutionären g e st e mp e l t h a t t e. Sie führte Vagabunden an, als diese^plünderten nnd Judenermordcten. >Lchließlich ist zu bemerken, daß die Militärobrigkeitcn die Gewalt in der Stadt vor der Verhängung des Kriegszustandes an sich genommen und die Stadt Schutzleuten und bewaffneten Soldaten ausgeliefert haben, die auf Weisung von Schutzleuten nnd Vagabunden oder nach eigenem Ermessen nnbemaffnete Juden, die keinen Widerstand leisteten, erschossen. Bon wem ist dem Gouverneur am 14. und 15. Juni die ihm zustehende Gewalt entzogen und diese den Militärbehörden übergeben worden? Diese Frage nknß das Kriegsministerium aufklären. Afrika. Kapstadt, 1 Juli. Eine heute hier abgehaltene große, von Christen nnd Juden besuchte Protestv e r s a m in l u n g faßte eine Resolution, in der M- 'cheu über die I u d e n m e tz e l e i e n i n Rußland ansgedrückt und die Ausführung des jüdischen Territorial-Planes enipfohlen wird. Der Mayor führte den Vorsitz, und der Dekan von Kapstadt, owie verschiedene Mitglieder der Legislative, hielten Reden. Palästina. Jerusalem, 24. Juni. Die Lämelschule wird am 26. d. M. das fünfzigjährige Jub t l ä u ni feiern. Ihr Bestehen, trotzdeni alle Kräfte sich gegen sie verschworen hatten, ist ein Triumph des Zeitgeistes, der seine Schwingen auch in der heiligen Stadt mächtig rührt. Allerdings haben zur Hebung dieser 'Anstalt, die anfangs nicht recht gedeihen wollte, in erster Linie der „Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina", mit welchem sie seit 1890 vereinigt ist, nnd in zweiter der deutsche Hilfsverein dadurch wesentlich beigetragen, daß er das Lehrerseminar, welches er neulich errichtete, dieselbe angegliedert hat. Dieser erfreuliche Umstand zeigt uns aber zur Genüge, was sich durch Vereinigung der besseren Kräfte erzielen läßt. Wir heben diese Tatsache mit Nachdruck hervor. Vielleicht wird sie uns davon überzeugen, daß es nur schädlich wäre, wenn der Plan von der Errichtung eines neuen Waisenhauses für die von den russischen Pogromen betroffenen Waisen, wie er in der „Welt" vom 1. Juni angeregt wurde, zur Ausführung käme. Zur Zeit bestehen bereits drei Knabenwaiscnhünser. Wozu aber noch ein viertes, daß keines derselbe» Ersprießliches leisten kann? An Wohltütigkcitsanstalten gebricht es der heiligen Stadt nicht. Wir haben deren vielleicht schon heute mehr als genug. Was Jerusalem nottut, sind die 'Mittel zu deren Erhaltung. Sollen nun die verfügbaren Mittel, die ohnehin schon heute spärlich genug stießen, noch mehr zersplittert werden? Ich glaube, daß ehe an die Verwirksichung dieses Planes geschritten wird, die Frage vorher wohl erwogen werden sollte, ob dieser Schritt nicht die bereits bestehenden Waisenhäuser lahm legen würde. Aber wenn selbst dies nicht der Fall sein sollte, wäre es noch immerhin rötlicher, daß mit vereinten Kräften aller beteiligten Faktoren, insoweit sie hier in Betracht kommen können, vorgegangen werde. Die heilige Stadt wird ihnen dafür nur Dank wissen. Haamitti. wiedernormale Verhältnisse eingetreten, hat die amebei der der Pogrom seinen Anfang nehmen soll, Vi f i"f« iOJiiivtaviMtA StA liiSA'nv fi'iv v i» f f 4 f <-f» n Of 1t I S r! JV L - 1t. » t j;'-.. u. rikanische Regierung die bisher für r u s s i s ch' e A u s wanderer vorgeschrieben gewesene dreitägige Beobachtungszeit im Hamburger Hafen wieder aufgehoben. Russische Auswanderer brauchen daher vpn jetzt ab weder früher in Hamburg einzut'reffen, noch länger sich dort aufzuhalten als die Angehörigen irgend einer anderen Nation. Auch in Mer Bewegungsfreiheit in Hamburg sind sie in keiner Weise mehr beschränkt. Sie können das große Auswandererhotel in Hamburg, die Auswandererhallen der Hamburg-Amerika-Linie nach Belieben verlassen, um zu Einkäufen, zu Besorgungen oder zum'Besuch in die Stadt zu gehen, kurz, sie können, wie alle übrigen Auswanderer, während ihres Aufenthaltes in Hamburg tun, was ihnen beliebt. Stuttgart, 5. Juli.. .... Die Prote st Versammlung gegen die Metzeleien in Ruß liän d war von etwa 1500 .Personen besucht. Nach . den.tief wirkenden Vorträgen des Stadtpfarrers Um frid-Stuttgart, des Rechtsanwalts Shdanow Moskau, des Landgerichtsrats Lust-Tübingen und des Professors Q u i d.d e - München wurde die bereits nämlich der Umzug der Kirchenprozessionen, wo mit der religiösen Stimmung der Menge gerechnet werden konnte' — DIoch wer war der Organisator? Der Grodnoer Gouverneur Küster, der noch vor dem Pogrom um Entfernung des Pristaw schere metjew aus Bjelostok als den Haupt hetz er von einer jüdischen Deputation gebeten war, verweigerte dies. Er war auch ajms 15. Jsuiüi.in Bjelostok, als der Pogrom b er eik's imlGau g ewar, ohn e etwas zu v'u!n und fuhr von dort nach Wilna zum Gen e r a l g o u v-e r n e u r. Entweder also wußte er von dem' Pogrom und ließ ihm seinen Lauf oder er stand den Vorgängen infolge einer geheimen Gewalt ohnmächtig gegenüber. Als die D u m a'a b g e o r d n e t e n Jakobson und Scheftel sich an den Minister des Innern mit der Bitte um Ergreifung von Maßregeln, um dem Morden Einhalt zu tun, wandten, wurde dieses zugesagt. Ein Erfolg ist aber, wenn solche Maßnahmen über Haupt angeordnet worden sind, nicht zu Tage ge treten. Die Po li zeiunterließ vonAube Personalien. Berlin. Ordensverleihung. Landgerichtsrat C i t r o n, Amtsgerichtsrat P o l t a k und Handelsrichter Heinrich Maas erhielten den Roten Adlerordcn 4. Klasse und der Fabrikbesitzer L. Nathan den Kronenorden 4. Klasse. Berlin. Ernennung. Zum dirigierenden Arzt einer neugegründeten Abteilung am Krankenhaus Moabit ist Dr. Mar E o h n, ein geborener Breslauer, ernannt worden. Eohn ist Spezialarzt der Chirurgie und hat naemntlich in letzter Zeit verschiedene Publikationen über die Anwendung der Röntgenstrahlen in der Chirurgie in Fachzeitschriften veröffentlicht. Erlauge«. Siebzigster Geburtstag. Am 16. ös. Mts. begeht der Professor der Physiologie an der hiesigen Universität Dr. jJ. Rosenthal seinen 70. Geburtstag. Görsdorf<Elf.-Lothr.) Das KOjährigeEhefubiläum feierten Herr Max Winter und Frau Eva geb. Waldhorn. Ung.-Brod. In unserer altehrwürdigen Gemeinde verschied der jüdische Talmudgelehrte Reb Perez Klein im Mter von 94 Jahren. Sein Leichenbegängnis lvurde mit den ihm gebührenden Ehren begangen. Der Sarg wurde von Ausschußmitgliedern der Kultus gemeinde in den schwarz drapierten Tempel getragen. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Jung hatte eine jdjloere Aufgabe, zumal der Verblichene in seiner Bescheidenheit sich jeden Nachruf