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Neue jüdische Presse · 1906-06-15 · Heft 23 (15.6.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 23 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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e* BDff ” -o»v v - Jtfc 23. Mit stockender Stimme berichtete er, die Seinigen hörten lautlos zu. ' -. •: Als er fertig war, sagte sein Baker: „Also mit. kurzen. Worten, wir sollen Deine Hochzeit nicht mitfeiern, wir dürfen Deinen Schwiegereltern nicht nahen. Deine Frau wird nicht unsere Tochter. Nun, das sind ja alles Bagatellen, über die sich ein guter Sohn hinwegsetzt. Und was hast Dü , geantwortet?" „Ich würde es mir überlegen." „Wie. wirst Dü beschließen?" „Vater, ich-liebe Lieselotte, iL kann sie nicht lassen." - Herr Cohnheim erhob sich. „Ich' will Deinem Glück nicht im Wege stehen. Deine Mutter und' ich werden uns'mit dem Gedanken verträut machen, daß wir einen Sohn hatten. Und das ist die Vergeltung dafür, daß ich mir die Achtung aller ehrenwerten Menschen verscherzt habe und Dich taufen ließ, um Dir die Höhen der Menschheit zu erschließen." 1 Die Worte klangen schneidend, wie Peitschenhiebe. Nolst wurdedunkelrot. Er rief: „Ich schulde Dir keinen Dank. -Eure Fürsorge, mich in einen fremden- Boden zu versetzen, ist mir zum Fluche geworden. Ihr habt mich aus Eitelkeit in einen Stand erhoben, wo Demütigungen auf mich warteten. Soll ich blind sein, wenn ein Kamerad von den Geldjuden redet und ein anderer ihn, mit einem Blick auf mich, anstößt? Kann ich taub sein, wenn man in Gesellschaft von den reichen Juden spricht, die sich taiifen lassen, aber doch-- ihre. Nasen behalten. Meine Abstammung ist eine große, große Wunde, jedes Wort, jede Geberde wühlt sie auf, daß sie schmerzlich juckt. Hättet Ihr mich in Eurem Glauben gelassen, so würde ich studiert haben und ich hätte Hervorragendes geleistet, in welchem Fache es auch gewesen wäre. Ich hätte ein Erster sein -können, und'jetzt fühle ich mich als der Letzte, als Eindringling.' Wäre ich vor der Taufe gestorben, wahrlich, mir wäre wohl gewesen!" Und' heiße Träne» rollten von seinen- Wangen. Seine Mutter-saßda-wie eine' Bildsäule, blaß wie der Tod. . . - Sein Vater atmete mühsam. Lucie rief unwillig: '„Schäme Dich, Rolf, Dü'bist ein herzloser Patron: Alle Deine Zurücksetzungen bestehen nur in-Deiner Einbildung; ich verkehre in gleichanständigen-christlichen Kreisen wie Du und hatte niemals, hörst Dü, niemals Grund, mich über Demütigungen zu beklagen." „Ach, einem reichen Mädchen huldigen alle, mag sie Jüdin oder Christin sein!" Herrn Cohnheim sah um Jahre gealtert aus. Er sagte mit bebender Stimme: -„Esist die gerechte Strafe für Deine Mutter und'für mich. Mich'tröstet' nur die UeberzeUgung/ 'daß-Düals Jude derselbe gemütlose Egoist wärest." „Ach . was Egoist. Ich bin Christ und habe eben ganz^andere Ansichten wie Du." Lucie eilte zu ihrer Mutter und umarinte sie zärtlich. ... . . „Mütter, er weiß nichts was : er spricht."" ' Sie: wandte sich aii 'ihren' Bruder.; „Rolf, entferne Dich. Entschuldige mich auch bei Deinen Schwiegereltern. Ich-werde sie-uicht'besuchen und.'selbstredend auch Deiner Hochzeit fern-bleiben." Rolf murmelte: „Na, man sagt manchmal was im Eifer,- ich werde Euch vielleicht meine Braut bringen, adieu." — ' Er - ging desselben Tages noch zu Herrn von Muskulus.. Die gnädige Frau nannte ihn lieber Sohn-und' küßteihn - feierlich auf; die Stirn. Dann rief sie Lieselotte,-- die mit einem Freudenschrei in seine Armeflog. . Der Pasta-warauf seinem Bureau: Als er heim kam,'-.'saßen die Liebenden vertraulich nebeneinander. Er-- schüttelte Rolf kräftig die Hand. „Machen Sie:' unser Kind glücklich, es verdient'es." „Herr Gehermrat, ich habe einen Beweis meiner LiebeLabgelegt — ichhabe keine Eltern mehr." Ererzählte ' das Ergebnis der .Unterredung mit seinen Ellsrn:-' \ - Liselotte weinte bitterlich) bie Mütter sägte nichts,: abeü-ber Vater brummte: „Na, es. wird sich schon alles geben."-'' .Er' blickte in das zuckende Gesicht Rolfs, dann streckte'- er beide Arme aus und sagte : „Mein Sohn, wir werden Dir gute Eltern sein." ' Dev junge Mann stürzte 'in seine Arme und erwiderteherzlich-'den- Kuß djesalten Herrn. -Jetzt erst fühlte er sich zu Hause. Was die Mutter mitu'ihrer feierlichen- Rührungnicht erreichte-, war denit.-Vater mit drei Morten gelungen, da sie aus warment-Herzen kamen: Dep^ Btäutigam Mußte zuM-Abendesseü bleiben! DivWÄWs die sich gewissermaßen'wie: eine- Königin: fühlUT die ihre Tochter einem Vasallen verehelichte, verlor.-- schließlichihre herablassende Würde, als sie das.'Glück auf- 'denn Gesichtchen ihrer -Tochter' strahlen) sah7 . 'Der Vaters der sonst-ernst und. geckessen die Würde des'hoHen Beamten aüchim gamillenkreise bewährte) war cheute fröhlich.mit, den Fröhlichen. Zy später Stündeentfernte sich Rolf. Au der Tür.: noch endloses Geflüsttr mitseiner Braut und' einl Abschiedskütz-in.mehreren.Auslagen, bis. dieMutteo sie hereinrief.'' ' c :; ' r .. 7' ' " FraMurter JftaelMsche» Fmmlirnblatt. „Nun Kind,. , bist Du mit Deiner Mutter zufrieden, ich habe Dir meine ganze Tradition geopfert." Ihr Mann aber sagte langsam und nachdrücklich: ^Verzeihe, liebe Thea, aber ein Opfer hat nur Rolf -gebracht. Er hat Eltern und — ich glaube auch seine Schwester verloren um seiner Braut willen, wir müssen ihm doppelte Liebe spenden, damit er seine Eltern nicht zu sehr entbehrt." 12. Kapitel Rolf konnte ein gewisses Unbehagen nicht unterdrücken, wenn er an seine Eltern dachte und dies geschah auf dem Heimweg häufiger, als ihm lieb war. Schließlich jedoch dünkte er sich, glücklich in dem Gedanken, daß er jetzt als Christ unter Christen und nur unter Christen zu leben brauchte. Jmmerhm jedoch wollte er seine Eltern bisweilen besuchen. Sie haben mich lieb, und — hol' mich der Teufel, ich sie auch. Man kann - anch nicht wissen, wie man den alten Herrn noch einmal gebrauchen Wird, und daß er nicht in meiner neuen Familie verkehren kann, sieht er ja selbst ein. Und Lucie — er gähnte — ist ja äuch Christin und wird wissen, was sie zu tun hat. Und er schlief ein. — Als Rolf das Zimmer verlassen hatte, eilte Lucie zu ihrem Vater, der wie betäubt da saß. „Vater, nimm Dir die Sache nicht so sehr zu Herzen, Rolf wird sich besinnen,, er war bis zur Sinnlosigkeit erregt." Herr Cohnheim schüttelte den Kopf und sprach mit der alten Energie: „Nein, Rolf ist für uns verloren. Ich ahnte, daß es so kommen würde, so kommen mußte. Er hat kein Herz und opfert seine Eltern eitel» Vorurteilen. Er war unser Ideal, er wird unser Verhängnis. Wenn Du uns nur bleibst, meine Tochter!" Und er preßte die Erschauernde an sich! Er reichte seiner still vor sich hinweincnden Frau die Hand. „Fasse Dich Käthe, unsere Reue ist fruchtlos. Wir wollen dem Kind das Leben nicht zur Qual machen. Unsere Tochtersoll' im Elternhaus die Hetterkeit nicht "entbehren, sie darf ihr muntres Lachen nicht verlieren." Das Mädchen -lächelte und rief: „Vater,-wir werden sicher nicht in Sack und Asche um den Undankbaren trauern, der doch vermutlich nicht so denkt, wie er in seiner Aufregung gesprochen hat. Und wenn M wirklich seine Gedanken waren, so hahen wir ihn nicht erst heute verloren — so hatte er niemals kindliches Gefühl. Ich erinnere mich, daß er als Junge schon über Juden spottete und bemerkte, er müsse ferne Karneraden beneiden, die mit ihren Eltern - in hie -Kirche gehen - könnten. Wenn die jüdische Religion für uns zu schlecht wäre, hättet Ihr auch austreten sollen. Ich weinte darüber." Herr Eohnheim fragte: „Stimmtest Du ihm denn nicht bei?") , „Nein, mir >var jede Religion-gleichgültig, nur 'einmal hätte-ichgewünscht, Jüdin geblieben zn sein. Achverzeiht," rief sie erschrocken,- als ihre.Mutter eine heftige Bewegung machte. - „Du brauchst Dich nicht zu entschuldigen, liebes Kind," sagte sie milde) Das Mädchen fuhr fort: „Mir war jede Religion gleichgültig, wie ich schon vorhin sagte, es ist aber nicht recht. Wir sind auf der Erde, um zu leiden und um »ns für ein besseres Leben vorzuberciten. Und die Religion ist doch der-sicherste Stab, der uns auf Leidenswegen zur himmlischen Glückseligkeit führt." Lucie sprach dies mit leiser Stimme, ihre Augen blickten träumerisch vor sich hin, als ob sie über das Irdische in ungemessene Weiten dringen wollten. Ihre Mutter rüttelte sie am Arm, so wie man einen in bösem Traum Befangenen zur Wirklichkeit -zurückführt. „Lucie, welche - -Phantasien! Mein Gott fieberst Du, wie kommst Du zu diesen selbstquälerischen Gedanken?" Das Mädchen schreckte zusammen. „Liebe Dtutter, ich darf mir doch Äne Philosophie äufbauen. Da ich wenig Beschäftigung habe, studiere ich mit Clementine manches, was jungen Mädchen sonst abseits liegt."' Herr Cohnheim, der. seine Tochter unausgesetzt beobachtet hatte, erhob sich und sagte: „Ihr könnt Euch auf eine längere Reise vorbereiten, wir wollen einige Monate fortbleiben. Ich führe Euch jetzt nach dem-- Norden, den Herbst werden wir im südlichen Frankreich und den Winter in Italien verleben. Ich denke, daß Du dem irdischen.Jammertal doch "noch einigen Geschmack äb'gewinnen und die himmlische .Glückseligkeit: vorläufig -noch den Engeln'überlassen Mrst! Ich'willniA auch meine Tächter verlieren." ” Das Mädchen umarmte seinen Vater und verließ das Zimmer. — (Fortsetzung folgt). Bmrte Chronik. Fein st e s i mpvrtiertes Olivenöl! ' . Diese Worte blieben mir,, nachdem ich längst die letztd- SonsttckW-Nummbr * der^Irankfirrter Zeitung Leite 5. bei Seite gelegt hatte, von dem Inhalte derselben noch für. eine Weile im Gedächtnis hasten Es war von den ekelhaften, unglaublich gewissenlosen „Usancen" des nordamerikanischen Fleisch-Trusts die Rede gewesen — und da stand geschrieben: „Die Verarbeitung des Fleisches kranker und aus natürlichem Wege verendeter Tiere (etwa 200 bis 250 gehen jede Woche ein, ehe sie »och das Messer gesehen haben) geschieht des Nachts. Was sich davon absolut nicht zu Konserven eignet, geht in Würste, in denen große Quantitäten von Salz und Pfeffer den Fleischgeschmack „Überteufeln" und denen allerlei Chemikalien eine „natürliche" Farbe verleihen. Es ist entdeckt worden, daß an der Cholera krepierte Schweine den Schmalzbereitungsstellen überwiesen wurden, wo das ganze Tier verarbeitet ward. Das Schmalz kommt zuin Teil nach Frankreich, wo man feinstes impor-- tiertes Olivenöl daraus macht." Lange blieb ich im Sinnen! Ich sah blühende Menschenleben auf's Krankenlager geworfen, sah schwarze Schatten sich einnisten in das Glück harmoniereichen Familienlebens, sah Totenbahren, hörte' Wehklagen und Jammer aus verzweifelter Brust zum Höchsten hinausgeschrieen. . . . Doch die Bilder der-' - schwanden und lösten ein neues aus: Ein spöttisches - Lächeln blickte plötzlich auf mich herab und höhnisch kam's von den Lippen der grinsenden Larve: Magenreligion! Magenreligion! — Wie häufig ward dem Judentum wegen seiner strengen Speisegesetze dieses Wort entgegengeschleudert, entgegengeschleudert von denen, die sich hinweggesetzt hatten über das, was Gesetz und Recht ist in Israel! Und da zeigt nun — plötzlich, wie ein Blitzstrahl — eine Rachricht aus dem Lande der Freiheit und des Fortschrittes, daß Staatsdekrcte nicht vermögen, was Religionsdekrcte vcr-. mögen, nämlich: auch ohne Polizei den Eigennutz dem Wohle der Mitmenschen zu opfern — und so sind die strengsten Nahrungsmittelgesetzc des Staates nur bann Gewähr für-ihre wirkliche Befolgung, wenn sie die Religion als sittliches Gebot gegeben hat. Mögen jetzt die „liberalen" Juden Nachdenken über die Kleinigkeitskrämerei des „orthodoxen" Judentums, mögen sie Nachdenken als Väter und Mütterihrer Kinder! *te>A. Die Ansgr abun ge i»er b i b l i sche nStad t. In dem Universith College hielt Professor Flinders Petrie, der soeben voir einer archäologische» Expedition aus Egypten znrückgekehrt ist, einen Vortrag über die Ausgrabung der von den Kindern Israel gebauten Stadt Roms es. Die Stadt ist von einer quadratischen Mauer aus ungebrannten Ziegeln umgeben. Durch die westlichen und südlichen Mauern führen große Tore. Durch das westliche Tor kam nian ans einen breiten Weg, der zu einem großen, quadratischen Platz führte. Die Stadt enthielt das große Lagerhaus für den - syrischen Tribut und war von den Kyksos bewohnt. . Unmittelbar außerhalb der Stadt stand der von Quias - gebaute Tempel. Man fand ihn nach Beseitigung , eines etwa 60 Fuß tiefen Hügels. Der Haupteingang lag nach Westen zu. Bon da ab stieg der Weg durch einen Häuserblock von vier oder fünf Morgen Größe zu einem hohen Turme. Etwa 1000 Meter von der Stadt entfernt wurde ein großer Friedhof ausgegraben. In de» Gräbern fand man Perlenhalsbänder, Amulette und andere Gegenstände, Hie - man den Toten mitzugeben pflegte. Der Tempel der Qnias liegt 32 Kilometer nördlich von Kairo. Wochen-Kalerrder. (Zellangaben, nach dem Lnach.) Samstag, den 16. Juni (—23. Siwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Min., Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. S Uhr 35 Min., Berlin S Uhr 32 Mm. Der Wochen-Abfchnitt Schelach-lecho berichtet von einer großen Nationalsünde Israels. Mit Gottes Erlaubnis — doch gegen Gottes Wunsch — sandte ' Israel Boten nach dem verheißenen Land, um es auszukundschaften. Das kleingläubige Volk schentte den Lügenworten der 10 Kundschafter Gehör, glaubte aber nicht den Männern der Wahrheit: Josua und Kaleb. Sie verzweifelten an ihrer Zukunft, murrten gegen Moses und Ahron und wünschten sich nach Egyvten zurück. Gottes gerechter Zorn wollte sie vernichten. Moses Fürbitte wendet das schwere Verhängnis ab. Zur Sttafe muß das ungläubige Geschlecht vierzig Jahre in der Wüste wandern, um dort auszusterben.; Kinder und Enkel kommen aber ins gelobte Land, ebenso Josua und" Kaleb, Die 10 Lügenkundschafter sterben sofort. Zu spät bereut Israel den Fehler, will auf eigne Faust ins heilige Land ziehen, es mißlingt, wie Moses vorausgesagt. Ferner:- Die Lehre der Mehl-- und Weinopfer, welche letztere: je nach dem Tieropfer, z u. welchem man sie brächte, hinsichtlich des Quantums verschieden waren. Die Lehre von Challo-Absonderung vom Teigen der Kauhen (Pttester) bekam die Ehallo zum Wen. — Die Lehre über Versündigung durch Götzenmlt) insofern dies die.-Gemeinde" Israels oder Privat-

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