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Neue jüdische Presse · 1906-06-15 · Heft 23 (15.6.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 23 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Inhalt der Beilage: Artikel: Gedächtnisblätter einer jüdischen Mutter. — Person ali en. — Aus üer zionist. Bewegung. — Aus der Lehrer Welt, — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Abgerissen. — K u n st und Literatur. — B r i e f k a st e n. — ü - i s ch e I u g e n d." Gedächtnisblätter einer jüdische« Mutter. (Nachdruck verboten.) X. Wir wohnten nun wieder glücklich in unserem lieben Hamburg und achteten den Schaden, der uns im Geschäfte während unserer Abwesenheit entstanden war, gering angesichts des Glückes, daß wir mit unserer ganzen Familie von allem Leid, Gott sei Dank, bewahrtgeblieben. Was ist am Geld gelegen? („Gib mir die Seele und behalte Dir die Habe zurück.") Gott hat uns unser Vermögen stets wieder beschert! , . Nach kurzer Zeit sind alle die vor der Pest nach Altona.Geflohenen. wiederum nach Hamburg gezogen und haben wieder Geschäfte zu treiben begonnen, da ja alles während der Epidemie darniedergelegen hatte. Bald darauf reiste denn auch mein lieber Mann zur Messe nach Leipzig und wurde dort von einer schweren Krankheit betroffen. Das war zu damaliger Zeit in Leipzig ein schrecklicher Zustand. Wenn ein Jude dort, Gott behüte, starb, konnte sein ganzes Vermögen dabei zu Grunde gehen. R. Juda befand sich zu dieser Zeit auch gerade in Leipzig und er stand meinem kranken lieben Mann recht treu zur Seite. Als es um seinen Zustand dann etwas besser wurde, redete er ihm zu, wie ein guter Freund zum andern spricht und machte ihm Vorwürfe, daß er als schwacher Mann sich auf so umständliche Reisen begebe. Er bot meinem lieben Mann an, mit ihm zusammen in Kompagnie das Geschäft zu betreiben. Er könne ja als junger Mensch die-ganze Welt bereisen und soviel verdienen, daß sowohl er als mein lieber Mann reichlich zum Leben hätten. Darauf sagte aber mein lieber Mann:; Ich bin noch immer nicht so ganz wohlauf und will nicht länger in Leipzig s bleiben, denn ich befürchte, mein Zustand könnte sich verschlimmern. Ich will mir ein eigenes Fuhrwerk mieten und nach Hause fahren. Es ist ja schon Zahlwoche und auf der Messe ist nicht mehr viel, los, fahre also mit mir, .es soll Dich nichts kosten, und zu Hause wollen wir dann darüber beraten. Mein Glnckelchen ist dann auch-zugegen und wird auch ihre guten Gedanken dazu aussprechen. Denn der liebe Mann unternahm nie etwas ohne.mein Wissen. R. Juda war damals schon verheiratet, denn mein lieber Main» hatte seinen Bruder R. Schemuel, der Fromme veranlaßt, ihm seine Tochter zur Frau zu-geben. Die Beiden kamen also von Leipzig zurück und mein lieber Mann war noch recht schwach, er lag aber nicht zu Bett und ist denn auch bald durch gute Wartung und mit Gottes Hilfe genesen. Inzwischen — etwa acht Tage lang — hat-,mir R- Juda unaufhörlich in den Ohren gelegen, ich solle meinen lieben Mann veranlassen, mit ihm Kompagnie zu machen. Ich könne es doch nicht verantworten, meinen lieben Mann solche Reisen machen zu lassen, ■ er könne ja in Leipzig an Körper, und Vermögen Schaden erleiden. Tatsächlich, hat mir das Reisen meines lieben Mannes nicht ' gefallen und es war mir sehr ängstlich zu Mute, als mein , lieber Mann in Leipzig erkrankt und mitten in der Messe nach Hause mußte, ohne daß ich eine Ahnung von-seinem Zustande , hatte. Ich blickte aus der Türe, da - kam mein lieber Mann angefahren und man. kann sich wohl denken, wie furchtbar ich. erschrocken bin. und wie sehr ich immer darunter leiden mußte. o ^.Einmal war mein lieber, Mann - zur Leipziger Herbstmesse "und : war! ftnö 'mehreren^/Geschyfts^-: freunden auf ' der Fahrt nach Hanse unterwegs. Sie kamen aber nicht , an dem bestimmten Tage an. Die Botenfrau, die die Briefe austrägt, brachte mix Briefe' aus Frankfurt und erzählte dabei, auf der Kaiserlichen Post liegt leider Gottes die Nachricht vor, es hätten sich zwei Wagen mit jüdischen. Kanfleuten am Zollenspiker über die Elbe setzen lassen wollen, das Eis habe aber bei dem starken Eisgang den Prahm zerbrochen und alle seien ertrunken. . Nun, mein Gott, ich bin fast auf der Stelle geblieben und habe so gejammert, geschrieen und getobt, daß Grün-Mosche ins. Zimmer stürzt und mich »ach. dem Grunde meines Schreckens frägi. Ich erzähle ihm Zolles und flehe, ihn in Gottes Namen an:. Nimm Dir . rasch ein Pferd und reite nach dem Zollenspiker,' um zu seheir, was sich da begeben hm. Obgleich mir'nun Grün-Mosche und Andere meine Besorgnis ausreden wollten, so konnte ich mich doch nicht fassen.und Grün-Mosche mußte hinwegreiten. Ich lief dann noch zu einem Pferdehalter und der schickte dann noch einen Knecht zu Pferde ans einem anderen Wege aus. Wie ich nun in tiefer Betrübnis wieder heimkomme, sitzt mein lieber Mann in der Stube, wärmt sich und trocknet seine nassen Kleider. Es war ein scheußliches Wetter. Alles aber, was die Briefttägerin erzählt hatte, war erlogen gewesen. Ans alledem geht hervor, wieviel Angst und Schrecken ich durch das Reisen zu erdulden hatte und wie gerne ich es hätte sehen müssen, wenn mein lieber Mann hätte zu Hause bleiben können. Darum war ich dem Kompagniegcschäft mit R. Juda auch nicht abgeneigt. Als nun R. Juda uns seinen Plan genau auseinandergesetzt hatte, sagte ich zu ihm: Was Du sprichst, ist alles recht schön und gut, Du mußt aber auch einsehen, welche große Last wir mit unserer Haushaltung haben. Für den Haushalt gebrauchen wir allein jährlich über 1000 Taler, außer den Geschäftszinsen und sonstigen Ausgaben und ich weiß nicht, wo das Herkommen soll. R. Juda sagte darauf: Wenn Du deswegen besorgt bist, will ich mich verbindlich machen, daß,, wenn nicht mindestens 1000 Taler banquo jährlich verdient werden, Ihr die Kompagnie auflösen könnt. Er gab kroch viele weitere Versprechungen, die nicht alle aufznführen sind. Ich erzählte dann meinem lieben Mann den ganzen Vorgang und besonders die guten Aussichten, die R. Juda mir gemacht hatte. Mein lieber Mann sprach darauf: Mein liches Kind, das Reden ist . alles sehr gut, ich sehe aber nicht, wie das mit R. Juda sich gestalten wird! Ich meinte darauf: Man kann es ein Jahr versuchen, ich. will einen kleinen Vertrag aufsetzen und dann sehen, ob er Euch gefällt. So Hab' ich mich in der Nacht noch hingesetzt und allein einen Vertrag . entworfen. R. Juda ließ aber nicht Ruhe, wir sollten chm unser ganzes Geschäft übertragen, er wüßte solche Wege und Stege, um Geschäfte zu machen, daß wir sehr wohl zurecht kommen, würden. : Ich sagte aber:.. Wie. können wir das tun . und. Euch unser ganzes Geschäft überlassen? Darauf er: Ich weiß wohl, daß Ihr für einige Tausende . Juwelen besitzt, die Ihr nicht wegwersen könnt. So. soll, der erste Vertragspunkt sein, daß Ihr die Juwelen bestmöglichst verhandelt, Punkt 2 sei dann, daß die Kompagnie zehn Jahre dauert und jedes Jahr, soll Rechnung abgelegt werden, damit, wenn., nicht mindestens jährlich in Kompagnie 2000 Taler verdient werden, es Euch zusteht, die Kompagnie zu kündigen. Sobald dann die Kompagnie aufhört, müssen alle Waren verkauft werden, damit jeder sein Vermögen wieder , zurückerhält. Ferner solle als Punkt 3 mein lieber Mann ein- oder zweimal 'im Jahr mit R. Juda nach Amsterdam reisen und: ihn im Einkäufe genau unterrichten und' R. Jüd'a solle den Verkauf-vollständig in der Hand haben. Punkt 4 solle mein lieber Mann 0-76 Tausend Taler und R. Juda 2 Tausend Täler ins Geschäft, einlegen und mein , lieber Mnnn solle He vorhandene Ware alle bestens verkaufen oder vertauschen. Hierüber wurde ein sicherer und nach. . jeder Richtung hin unanfechtbarer Vertrag abge- , schlossen und R. Juda zog wieder pach Hildes- Heim, um sich dort das Einlagekapital zu ver-; schaffen. Innerhalb zwei bis drei Wochen wollte ' er dann mit meinem lieben Mann nach Amster- . dam reisen. — - (Fortsetzung folgt.) Personalien. Fürth i. B. Sterbefall. Ein Jude von - allem Schlage, ein echter Jehudi mit echt Mi- - schen Tugenden ausgestattct, ist dahingegangen. Herr - Bankier Gab riel Fe uch tw an g e r ist im Alter von 71 Jahren am vorigen Freitag Älbend bei klarem - Bewußtsein, mit Gotteswort auf den Lippen, sanft, wie es dem Gerechten geziemt, entschlafen. Herr Gabriel Feuchtmanger entstammte einer der - angesehensten und bekanntesten Familien der Leut- , scheu Judenheit und erfreute sich wegen seines lauteren Charakters allseitiger Verehrung. Er war ein . ganzer Mann, eine Persönlichkeit, die keine p r i n - . z i p i e l l e Nachgiebigkeit kannte bei aller Herzensgute und Bescheidenheit ihres Wesens. Es lag nicht in seinem offenen und ehrlichen Charakter, etwas nach - außen zu tun, denn er kannte keine Polllik, und was er tat, war seine tiefste Ueberzeugung, sein ' fester Glauben. Sehr medakdek bemizwaus seiend, gehörte er zu den Srisin makdunim, so daß er stets einer der ersten beim Schacharisgebete war. „Tauroh1', „Jiras schomajim“ tu „Maasim tauwim“ waren des Verewigten Lebenskronen. Er war wohltätig, und wie es einem guten Jehudi zusteht, übte er „Zedokoh beseser“. Der Traoitwn seiner Väter war er mit fernem ganzen „Ich", mll seinem ganzen „Wollen und Können" ergeben; und so ' hing er auch an seinem unglücklichen Volke und; dessen Heimatland; sein ganzes Leben hindurch lebte in ihm die Sehnsucht nach diesem Lande, und wie glückselig war er, als ihm noch vor Jahresfrist vergönnt war, seine alte Sehnsucht zu realisieren und nach dem gelobten Lande gehen zu können! Zu der Bestattung hatte sich der größte Teil der Kehtllah eingesunden. Doch da der Verewigte . seiner echt jüdischen Aniwus gemäß sich einen Hesped ' verbeten hatte, so war es den anwesenden Rabbinen —1 darunter Herr Rabbiner Dr. Ehrentreu-München, ein Neffe des Verstorbenen — nicht gestattet, am Grabe zu sprechen. Ist doch auch Gabriel Feuchtwanger in- Wirklichkeit auch für das diesseits nicht gestorben, sondern lebt in seinen sieben Kindern, die alle -nach seinen Lebensgrundsützen leben.und ganz in seinen Wegen wandeln, fort! Berlin. Sterbefall. Der im Aller voll 39 Jahren verstorbene Privatdozent für orientalische Philologie Dr. Georg H u t h — geboren 1867 zu Krotoschin — unternahm 1897 mit Unterstützung der ' Petersburger Akademie eine Reise durch Sibirien > zum Studium des Tnngusischen, ging 1902 mit der Expedition des Museums für Völkerkunde nach Türke- - pan und verfaßte eine Reihe gelehrter Werke. In den von ihm besuchten Ländern hat Hüth stets mü - besonderem Interesse die Verhältnisse der Juden er- . forscht. Rogowö (Posen). V 0 rstandswahl. In der hiesigen jüdischen Gemeinde wurden gewählt: Kauf- ' mann Leopold Jacob zum ersten, Kaufmann Hanse, zum zweiten, Kaufmann Rycziwoller zum dritten und' : Kaufmann Jtzig zum stellvertretenden Vorstandsmit- ' gliebe. Brieg. Verleihung. Anläßlich seines kürzlich gefeierten 90. Geburtstages wurde dem Kgl. Lotterie? ' Einnehmer Joseph Boehm der Rote Adlerorden-, 4. Klasse verliehen. Herr Boehm gehörte 50 Jahre-' dem Stadtverordneten-Kollegium an und war lange : Jahre Repräsentant der jüdischen Gemeinde. Wie«. Der Raimund-Preis von 1600 Kr. ist dem dreiaktigen Bolksdrama „Die Strecke" von OskarBendiener zuerkannt worden. Das Stück . beweist ein nicht ungewöhnliches Talänt für die Schil-; öerung von Konflikten und Charakteren aus dem., bürgerlichen Leben und für die Anforderungen einer . modernen Technik des Volksstückes, und erschien aus diesem Grunde das Stück den Preisrichtern als das, relativ beste Volksstück aus dem Wiener Leben, das. in der abgelaufenen Zeit im Raimund-Theater zur Aufführung gelangt ist. Der Autor, Dr. Oskar . Bendiener, ist Beamter der Nordbahn und ein , Schwiegersohn des Holzhändlers und Hotelbesitzers M. Stern in Orlau. .Er trat zum ersten Male 1903 .: mit einem Schauspiele „Der Richter" bei einer litera- . rischen Matinee vor die Oesfentlichkell. Der. neue italienische Fi nanzmini- : per, Carlo Schaurer, entstammt, wie „Blochs ■ Oesterr. Wochenschr." berichtet wird, einer alten jüdi- . schen Familie. Galiziens. Sein Vater, Dr. Ludwig > Schaurerein Bruder des: Gründers der Tarnpwer/

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