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Neue jüdische Presse · 1906-06-01 · Heft 21 (1.6.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 21 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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M 2V Frankfirrler JsraelitischeL FamMrnbkatt Leite 5. '!?>! „llnd lwasi '.antwortetest Dü?" fragte Lucie. ■■■um »Daß ich^nuv-Meine Eltern und Dich als "Verwandte hätte." .■; < „Das ist feige von Dir. Ich bekenne mit Stolz, daß istesey, Mann mein Vetter ist. Das 'kann uns nur ehren." „Schwesterchen, das kennst Du nicht. Mein'Oberst sagt, dieser Mann wäre gefährlicherals. die ganze Sozialdemokratie, weil er sinnier auf dem realen ätzöden der Tatsachen bleibt. Diese Vetterschaft könnte yrir Unbequem werden. Ich habe übrigens unter Mssinem Namen schon genug gelitten und sehe nicht ein, weshalb, ich als Christ noch weiter Cohnheim heißen soll — auf meinen Antrag ist mir erlaubt worden, mich König zu nennen,, hier das Aktenstück." 7 ' Sein. Väter sagte schmerzlich: „Du lösest^pach und nach alle Bande, die Dich mit Deinen Eltern vereinigen." ‘ „Nein Vater, aber ich sprenge die Fesseln, die mich an das Judentum heften. Es schmerzt mich tief,, daß ich mein orientalisches Gesicht nicht ändern kann. Lucie, die blonde Germanin, würde nie für eine Jüdin gehalten werden." Seine Mutter bemerkte unwillig: „Schäme Dich doch Deiner Furcht. Du hast viele Kameraden jüdischer Abkunft oder mit jüdischer Familie, keinem fällt ""es ein,. deshalb an eine Mindereinschätzung zu 'denken. Wer des Königs Nock trägt, steht über allen Deutungen." „Mutter, Du hast recht, ich kann aber, nicht änders. Es ist mein Schicksal, daß ich der Gründer meines Hauses sein muß, gewissermaßen der Ahnherr, mein Sohn wird es besser haben, denn er stammt von christlichen Eltern ab." Es klopfte an und ein schönes, schlankes Mädchen trat ein. „Clementine", rief Lucie und eilte ihr entgegen. . Sie grüßte mit anmutigem Neigen des Kopfes. " Rolf sprang auf und küßte ihr die Hand. „Gnädiges Fräulein, wann haben wir die erste Reitstunde?" „Tina, erfüllen wir seinen Wunsch?" fragte Lucie. „Herr. Leutnant, wenn ich nun einen Gegenbedingung daran knüpfe?" „Alles, mei« gnädiges Fräulein." Sie sprach langsam mit. schalkhaftem Lächeln: „Drei Gedichte von Walther von der Vogelweide auswendig lernen." „Den T — ja — nein — das heißt, gewiß, später, ich kann mich nicht an eine Zeit binden. Können Sie mir nicht "eine andere Aufgabe, eines Ritters würdiger, stellen, Riesen bekämpfen, dem Sultan Kinen Backenzahn ziehen?" Die Mädchen lachten herzlich. ,-Jch will Sie nicht quälen und nehme den guten Willen für die Tat. Wenn Sie ein sanftes Pferd haben, werde ich es versuchen, Herr Leutnant, "Cohnheim." „Bitte, Fräulein Tina, ich heißejetzt König. Majestät haben's mir gestattet." -Kirntfah. ihn an. >-Jch-'verstehe. Meinen. Glückwunsch, Herr Leutnant, Sie sind groß im Kleinen." Er biß "sich auf die. Lippen, antwortete aber nichts. — Das Frühjahr bot den jungen Leuten der Gesellschaft viele Anregung. Die Offiziere verkehrten gerne in dem gastlichen Hause des' Oberregierungsrats von Muskulus, deren TöchtercheN zu. allen Vergnügungen der Offiziere mit ihren Damen " zugezogen wurden. Frau von Muskulus, die den Sparren eines Ahnenstolzes kultivierte, - — sie stammte aus dem vierzehnten Jahrhundert, — Spötter behaupteten, das "sähe man ihr auch, an, ermahnte immer ihre Tochter, der Würde ihres "Stammbaums eingedenk zu sein, was sie auch'heilig versprach. Nichtsdestoweniger unterhielt sie sich mit bürgerlichen Offizieren recht gut, vermutlich weil sie "bedachte, daß der."Adel ihres Vaters neueren Datums war. Leutnant ' König war bei allen "Gelegenheiten ihr Kavalier. . Frau von Muskulus . sah dies mißbilligend an und fragte "einst mit hoch erhobener Nase ihren Gemahl, ob nicht die Intimität ihrer Tochter mit — hm — dem bürgerlichen Herrn zu groß würde. Er aber antwortete: „Liebe Thea, ich sehe keine Intimität, wohl aber ein ungezwungenes, vergnügtes Zusammensein der ' jungen Leute, das " sich immer in den feinsten Formen abwickclt. Du glaubst doch nicht etwa, daß sich etwa etwas ernsteres — lächerlich. Die jungen Offiziere denken nicht an die Ehe, um so. weniger, da unser. Vermögen nur ein bescheidenes zu nennen ist. Und Lieselotte,^ — er lächelte — „tanzt soeben mit ihrem. Pudel, dem sie eine Haube aufgesetzt, hat. Sie ist noch Kind, komplettes Kind." Frau Thea sagte "beruhigt: „Nun, dann habeich glücklicherweise zu schwarz gesehen. Denn "eine Verbindung . meiner Tochter, die mütterlicherseits aus dem vierzehnten Jahrhundert stammt, mit einem Bürgerlichen wäre geradezu mein Tod.". Ihr Mann brummte: „Ich würbe darüber eben nicht sterben." .. „Egon- Du kannst das Stanbesgesühl nicht besitzen, da erst Dein Großvater geadelt wurde, während'- es den Letzows. seit "einem " halben Jahrtausend im BlUte liegt." ' Nun hatte sich der Herr Oberregierungsrat von Muskulus doch geirrt. Das Fräulein Lieselotte hätte mit Lucie Cohnheim. Freundschaft geschlossen und die Mädchen besuchten sich des öfteren.. Lieselotte kam ziemlich regelmäßig nach Schluß der Malstunde und Rolf traf sie zufällig, wenn sie nach Hause ging, an der Ecke der Straße. „Aber welch' herrlicher Zufall! Gestatten mir gnädiges Fräulein, Sie einige -Schritte zu geleiten?" Sie-nickte dann errötend und zustimmend und dann gingen sie einträchtig und sehr langsam weiter. Beim Scheiden, hundert Schritte von ihrer Wohnung, bemerkte sie dann beiläufig: /Mittwoch kann ich leider nur bis fünf Uhr bei Lucien bleiben," und dann wußte Rolf genug. Er wartete dann schon seit vier llhr an seinem Fenster in vollster Ausgehtoilette und wenn er dann das Helle, blumengeschmückte Hütchen an der "Gartenmauer auftauchen sah, war er im Ru draußen. Das schöne Mädchen mit den dunkeln Augen und dem glockenreinen Lachen hatte cs ihm angetan — er war rettungslos verliebt. (Fortsetzung folgt.) Die heilige Tauro mit Jener geschrieben... Nach I". L. Gordou, von Dr. H. A. Ein Nachklang zum Schewuaus-Fest. Schwingt hoch den Pokal, wir tvollen ihn leeren. Dem einzigen Gotte, der. Tauro zu Ehren, Der göttlichen Tauro, die heilig und teuer, Gilt dieser" Trunk voll Purpur und Feuer. L'chajim, l'chajim, ihr jüdischen Brüder! Stimmt an jetzt und singet die heiligsten Lieder. Danken wir freudig dem Schöpfer, dem liebe». Für die heilige Tauro, mit Feuer geschrieben. Als sich, von uns unsre Freunde gewendet. Als dann die Feinde gemordet, geschändet. Ist uns da mehr als die Tauro geblieben. Die heilige Tauro mit Feuer geschrieben? Gepeitscht ausdem Land, vertrieben vom Hans, Gejagtgehetzt durch Nacht und durch Graus, Geraubt-.»lch ^geplündert das Gold und das Gut- Tie Pfützen erkämpfend von jüdischem Blut, Geknickt der Mut, der Rücken ganz krumni. Die Sprache verloren, die Zunge auch stumm. Der König ein Sklave, der Priester ein Knecht, Mit Füßen zerstampft, unser heiligstes Recht, Nur eines: die Tauro in zitternder Hand, So wallten wir wandernd von Lande zu Land', Viel Leid' durchfühlt! Doch leben geblieben. Für die heilige Tauro mit Feuer geschrieben. Von keinem geliebt, von vielen gehaßt. Dem Einen zu '.viel, dem andern zur Last, Unsere Lieder: ein Seufzen, ein ewiges Klagen. Das Ende?; wer weiß es, wer kann cs uns sagen? Doch ja! das Eine, wer könnt' es uns rauben. Den Gott «ns der Höheaus dem Herzen den Glauben. Der gewaltige Glaube, er ist uns geblieben. An die heilige Tauro, mit Feuer geschrieben. — Drum schwingt den Pokal, wir wollen ihn leeren, Dem einzigen Gotte, der Tauro zu Ehren!! Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Die H o ch s ch u l e, e i n W o r t. a n alle P a l ä - . stinoPhilen; Als das Reich Inda seine Selbständigkeit verlor, da entstanden jüdische Hochschulen auf palästinensischem und babylonischem Boden. — Auch in unseren Tagen hat man aus vielen Gründen der jüdischen Hochschule gedacht. Die einen stellen sich die Errichtung einer jüdischen Hochschule auf palästinensischem Grund als einen der wichtigsten Schritte zur wirtschaftlichen Eroberung und Besiedelung des Orients vor. Andere erhoffen sich von der Hochschule einen Konzentrations- Punkt jüdischer Hochschüler,.ein Asyl für die überall abgewiesenen Studenten Rußlands, und nicht zum wenigsten die Erstarkung des jüdischf-nationalcn Gefühles und der Kultur unseres Volkes (Sprache usw.). Die Tage der Verwirklichung einer-technischen Hochschule oder einer Universität sind noch nicht gegeben, wohl aber liegt die Möglichkeit eines "ähnlichen Werkes vor. - - ' Me Durchführung, jüdische junge Rabbinen in Jerusalem zu unterrichten, dürste nicht allzu große Hindernisse antreffen. Die Opferwilligkeit gerade orthodoxer Kreise ist'bekannt und auch die Hingabe der Rabbinen. Die Türkei selbst würde wohl selbst einem friedlichen Unternehmen, das zu Beginn nicht allzu groß und-mit zu vielem, Geschrei ins Leben gerufen werden dürfte, nicht elementare Hindernisse in den Weg legen. — Auf die einzelne Ausgestaltung der Hochschule brauche ich wohl kaum einzugehcn. — Nun bleibt nur noch die Frage, ob auch für diese Art der Hochschule ein allseitiger, oder überhaupt nur irgend ein Nutzen zu erwarten sei. Eine weite Ausführung kann wiederum nicht der Zweck der Zeilen sein, da der Nutzen ineist in diesen Dingen dem aufgewandten Idealismus und der'praktischen Durchführung entspricht — aber all unsere ganze Mstraktion aus der jüdischen und allgemeinen Geschichte erlauben uns den hoffnungsvollen Glauben Ter Grund zu einem geistigen Konzentrations- Punkte, zu einer Hochburg echt jüdischen, hebräischen Geistes wird damit geschaffen werden. Das Judentum kann dann endlich an ein Zusammenarbeiten der Intelligenz des Volkes denken. Wie viel Liebe zum Judentum wird die Stätte, die wohl allen guten Juden noch verehrungswert ist, in diesem Falle den berufensten Söhnen Judas geben! Ist es nicht eine Schande, wenn heutige Rabbiner die Sprache ihres Volkes nicht verstehen oder nicht verstehen wollen, wenn das Jüdische in der fremden Umgebung Mistverstandenem und völlig Wesensfremdem weichen muß. . . . Die Erstarkung des Zionismus in der Seele des Einzelnen, der einmal an der zionistischen Hochschule geweilt, wie der Bewegung selbst, wird sicher erfolgen. Diese Zeilen sollen nicht weiter Selbstverständliches noch ausführen, kleinlichen Parteigenossen, die sich in diesen Tagen mit dem Schekxlsammeln voll befriedigt fühlen, oder konservativen Glaubensober Stammesgenossen, welche sich nichts Schwieriges und Schwer-zu-Erringendes vorstellen können,, als Aufsorderung und Hinweis zur Arbeit dienen. Aber den Führern des Misrachi unterbreitet der Schreiber diese ganz einfach gehaltene Anregung zur Prüfung. Wenn sich aber keine Berge von Hindernissen auftürmen — dann ist es "heilige Pflicht, an die Arbeit zu gehen. Und die Arbeit dürfte dem jüdischen Volke wieder etwas Großes geben. München. Felix Theikhabcr. Mimte Chronik.^ Die Bewegung der jüdischen Bevölkerung in Preußen im Jahre 1904. Im Jahre 1904 kamen in Preußen 7339 jüdische Kinder, lebend zur Welt, das macht 18,7 auf je 1000 -Juden/>' ipührend auf. "je 1000 Christen 36,0 Geburten entfielen. Me christliche Bevölkerung hat annähernd eine doppelt so hohe Gebnrtsziffer als die jüdische. Dagegen ist die Zahl der unehelichen Geburten bei den Juden mir halb so groß wie bei den Christen. Denn unehelich waren nur 3,4 Prozent alter jüdischen Geborenen gegen 7,1 Prozent bei "den christlichen Geborenen. — Was die Eheschließungen im Fähre 1904 anlangt, so wurden geschlossen: rein jüdische Ehen 2602, Mischehen zwischen christlichen Männern und jüdischen Frauen 260 und solche zwischen jüdischen Männern und christlichen Frauen 322. Jede zehnte heiratende jüdische Person ging eine "Mischehe ein, von den heiratenden jüdischen Männern 11 Prozent, von den Frauen 9 Prozent. — Die Heiratsziffer der. Juden ist niedriger, als die der Christen. Auf je 1000 Christen kamen 8,6 Eheschließungen, auf je 1000 Inden nur 7,4. Es ist dies 'um so auffallender, als die Juden — nach den aus vielen Städten vorliegenden Daten über die Altersgliederung bei Christen und Juden — erheblich weniger Kinder und erheblich mehr heiratsmündige "Personen unter sich haben, als die Christen. Bei den Juden muß "also ein größerer Prozentsatz ledig bleiben, eine Erscheinung, welche die preußischen Inden zu den Juden in Oesterreich-Ungarn und Rußland, wo ein lediggeblicbener Jude eine Seltenheit ist, in Gegensatz bringt. Die Zahl der jüdischen Sterbefälle betrug 5577. Das ergibt eine Sterbeziffer von mrr 14,2 Gestorbenen auf 1000 Lebende, während bei den Christen 20,4 Gestorbene auf 1000 Einwohner gezählt wurden. Auffallend niedrig ist die Zahl der jüdischen Todesfälle im Kindesalter (bis zu 15 Fahren!. Während bei den Ehristen ungefähr die" Hälfte aller Gestorbenen unter 15 Jahren war. betrug dieser Anteil bei den Juden nur 20 Prozent. .Hierbei ist freilich nicht zu vergessen, daß diese niedrige Kindersterblichkeit bei den Juden zun; erheblichen Teil auf Rechnung der Niedrigen Geburtenziffer" zu setzen ist.

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