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Neue jüdische Presse · 1906-06-01 · Heft 21 (1.6.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 21 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 2l des Frankfurter JsraMscheu FamüiMattes. Inhalt »er Beilage: . Ärtikel: Gedächtnisblätter /einer jüdischen Mutter./— Theodor Herzl an die Delegierten in Hannover.. — Au sa l l erW elt. — P e rs.on ali en. — Aus'der Lehrerwelt. — Aus den Vereinen/,— Aus. der zionist. Bewegung.— Bün.t.e/Chronik, — Kunst und Literatur. — »J ü d.j sch e I u g e n d." Gediichtrüsblätter einer jüdischen Mutter. ' '' ' ' (Nachdruck »erboten.) : " //, ix. . Bon H anno der nach Hamburg, zu Land =r,:i’Um das Jahr 1670. , Mein lieber Mann blieb also nun in Hamburg und als er versichert war, das; dort wieder vollkommene Muhe eingekehrt, schickte er mir einen jüdischem,Voten.namens Jakob. Dieser war ein ehrlicher Mensch, nur hatte er den einen Fehler, gerne zu trinken und sich davon nicht zurückhalten zu können. Ist so mein guter Jakob bis nach Hannover gekommen, wo er aber liegen blieb und mir von dort schrieb, ich solle mit meinen Kindern nach Hannover kommen, von dort ginge es dann mit der Post nach Hamburg. . Daraufhin schrieb ich sofort nach Hildeshcim an Abraham Kantor, der früher bei uns im Geschäft gewesen, er möge sogleich zu mir nach Hameln kommen, und mich nach Hamburg bringen. Wir machten uns zusammen nach Hannover aus, wo wir unseren trinkfrcudigen Jakob antrafen. Ter suchte dann sofort den Fnhrhaltcr auf, der sein eingeschworencr Saufbruder gewesen, und mietete ihn für uns. Das war am Freitag. Ueber Sabbath blieben wir dann noch bei schlechtestem Wetter in Hannover. Ich hatte meine drei kleinen Kinder bei mir und lvährend des ganzen Sabbaths redeten niein Schwager L i c p - mann und meine Schwägerin Jente ans den Jakob ein, er solle uns gar wohl beschützen und in Acht halten und sich ja keinen Rausch antrinken, wie es feine Gewohnheit war. Er hat nieiner Verwandten mit Hand und Mund versichert, er wolle sich keinen Rausch antrinken, wolle überhaupt nur soviel wie unbedingt notwendig zu sich nehmen, — wie er das aber gehalten hat, wird weiter folgen.' Am Sonntag brachen wir auf, ich mit meinen Kinderchen, Mägden und meinem „geschickten" Reisebegleiter Jakob. Nun Pflegt der Postsuhrhalter selbst mitzufahren und dieser war, >vie bekannt, des Jakob Saufbruder. Jakob half uns auf die Wagen, brachte alles in Ordnung und ging dann niit dem Fnhrhaltcr neben den Wagen her. Ich dachte mir, sie würden bis vor das Tor so mitgehen und sich dann zu uns auf die Wagen setzen. Als wir aber vor das Tor kamen, sagte ich zu Jakob, er solle sich mit dem Fuhrhalter auch setzen, damit wir keine Zeit verlören und zeitig in die Herberge kämen. Der Jakob aber sagte: /Fahrt Ihr nur in Gottes Namen weiter, ich und der Fuhrhalter wollen ins Dorf gehen. Dort will er einen sprechen. Wir werden gerade so schnell gehen, als Ihr fahret und. bald wieder bei Euch sein. Den Grund davon habe, ich aber nicht verstanden. Das Dorf liegt nämlich . dicht bei Hannover und heißt Langenhahn. Es ist eine ganze Meile lang und im ganzen Lande gibt es kein besseres Weizenvier als/dort. Darum hat sich mein guter Jakob mit dem Posthalter in Langenhahnwährend des ganzen Tages und iwch ein Stück in die Nacht hinein zum Saufen gesetzt, wie noch folgen wird. Ich ahnte in meiner Unschuld von dem allem nichts. Wir fuhren weiter und ich sah mich jeden Augenblick' nach meinem Jakob um, aber wer nicht gekommen, ist Jakob gewesen. So kamen wir bis nach E-inpaß, wo man Zoll zahlen muß. Der -Postillon sagte mir das und ich habe auch den Zoll bezahlt, befahl dem Postillon aber, weiterzufahren,' um.zeitig zur Herberge zu konnnen, denn es war so ein Wetter, bei den: man keinen Hund hinausjagen sollte. Es tvar gegen die Purimzeit zu und cs hat „so klein untereinander geregnet und geschneit und wenn es vom Hinimel auf" uns gefallen, ist alles gefroren." Die Kinderchen haben so viel llngemach dabei ansgestanden und ich habe den Postillon noch einmal gebeten, er solle doch wciterfahren, er sähe doch, was für ein schreckliches Wetter das sei und wir uns unterfreiem Himmel aufhalten müßten. Der Postillon sagte darauf: Ich darf nicht eher weitcrfahren, bis der Posthalter konmit. Er hat mir anbefohlen, ich solle hier solange warten, bis er »nt Jakob zu uns kommt. Was habe ich da anfangcn sollen? Zwei Stunden lang haben wir Noch so dagescssen, bis der Zöllner zu uns kam und sich unserer erbarmte und uns von: Wagen steigen ließ und in seine tvarme Stube brachte, wo die Kinderchen sich wieder durchwärnicn konnten. Auch dort haben Ivir eine Stunde zugebracht, danach sagte ich zum Zöllner: Ich bitte Sie, lieber Mann, veranlassen Sie doch den Postillon weiterzufahren, damit ich noch vor Nacht mit meinen kleinen Kindern in die Herberge komme. Ter Herr sieht ja wohl, Ivas das für ein Wetter ist, , bei dem man bei Tage nicht weiterkommen kann, tvie soll das erst in der finsteren Nacht werden? Wenn, Gottbehüte, in der Nacht ein Wagen Umschlägen würde, wäre cs. ja eine geradezu halsbrecherische Gefahr. Darauf forderte der Zöllner den Postillon auf, stracks tveiterzufahren. Ter aber antwortete: Herr Zöllner, wenn ich fortfahre, bricht mir der Posthalter Peterscn den Hals und ich bekomme keinen Pfennig Fuhrlohn. Ter Zöllner aber tvar ein gar ivackcrer, guter Mann, und hat den Postillon gezwungen, mit uns fortzufahren und gesagt, wenn die zwei versoffenen Schelme kämen, solle sich jeder ein Pferd nehmen und nachreiten, da wir ja doch in der Herberge, über Nacht bleiben würden. So mußte der Postillon also losfahrcn, und wenn es auch ein furchtbar schlechtes Wetter tvar, so kamen wir doch hübsch bei Zeit zur .Herberge und fanden dort eine warme Stube. Wir waren gar froh damit, obztvar die Stube mit Fuhrleuten und Reisenden aller Art angefüllt war, sodaß es darinnen gar eng gewesen ist. Aber die Leute waren alle sehr freundlich mit uns und haben die Kinderchen bemitleidet, die ° keinen trockenen Faden an sich hatten. Ich hängte ihre Kleidchen zum Trocknen auf und die Kleinen kamen bald tvieder zu sich selbst. Wir hatten gutes Essen bei uns und inl Wirtshaus gab es eilt gutes Bier und tvir konnten uns nach unserer mühseligen Reise mit Speise und Trank tvieder erquicken. So saßen tvir noch lange bis tief in die Nacht hinein und Ivarteten auf Misere beiden Saufbrüder. Als aber niemand kam, ließ ich mir eine Streu nrachen, legte mich mit meinen Kinderchen nieder, habe aber noch nicht einschlafen können und habe Gott gedankt, daß ich wenigstens nieine Kinderchen zur Ruhe bringen konnte. So lag ich in Gedanken bis ungefähr Mitternacht, auf einmal' gibt es ein Geschrei in . der Stube — es war der Posthalter, der in seinem Rausch mit einem bloßen Degen hinter dem Postillon her in die Stube gestürzt kanr, und den erstechen und morden wollte, weil er weitergefahrcn sei. Ter Postillon verteidigt sich , so gut er kann, der Wirt kommt auch hinzu und sie bringen es fertig, daß der Posthalter fich endlich zufrieden gibt. Ich saß ängstlich im Winkelchen und schwieg, .denn das war ein Tollhäusler und Saufbruder und ich war besorgt um den Jakob, den ich noch nicht gesehen hatte. Ein Weilchen danach setzte sich der /Posthalter zum Essen und ich merkte, daß dabei sein Zorn etwas vergangen war. Ich trat zu ihm und sagte: „Herr Petersen, wo habt Ihr denn meinen.Jakob gelassen?" „Wo soll ich ihn gelassen haben, er hat nicht weiter können sortkommen und ist an einen: Zarin dicht an einem Wasser liegen geblieben, jetzt nrag er schon ersoffen sein." Darüber geriet ich sehr in Schrecken . und wußte mir nicht zu helfen. Er war doch ein Jude und ein Mensch — und ich war so ganz allein! Ich bat den Wirt, er solle mir zwei Bauern schicken, die sehen sollten, ihn zu finden und herbcizubringen. Die zwei Bauern ritten hinweg und fanden eine halbe Stunde vom Torf entfernt meinen Jakob als einen Halbtoten, abgemattet vom Weg und vom Rausche. Er hatte einen guten Mantel und etwas Geld bei sich gehabt, das ist alles weg gewesen. Die Bauern setzten ihn auf ein Pferd und brachten ihn zur Herberge und obgleich ich sehr bös aus ihn war, so dankte ich doch Gott, als ich ihn wieder zu sehen bekam. Das hatte mich über 6 Taler gekostet! Dann habe ich ihm etwas zu essen gegeben und mein schöner Begleiter, der auf mich und meine Kinder aufpassen sollte, hat von mir bedient werden müssen. Als es nun Tag wurde und die Fuhrleute die Wagen brachten, damit wir wieder weiterkämcn, setzte ich mich mit Kindern und Leuten auf den Wagen und sagte zu Jakob, er solle sich nun auch setzen und es nicht wieder machen, wie seither. Er sagte aber: „Nein, ich will mal in die Stube gehen und Nachsehen, ob nichts liegen geblieben ist." Ich glaube ihm auch. Aber mein guter Jakob hatte sich wieder hübsch ins Wirtshaus gesetzt und wieder von neuem zu saufen angefangen. Ich schickte die Fuhrleute hinein: Sie sollten doch heraus kommen, wir säßen bei dem scheußlichen Wetter schon so lange auf dem Wagen. Tie Fuhrleute fingen auch an zu zanken, was das für eine Art wäre? Die Pferde gingen zu Grunde, wemz sie so lange im Wetter stehen müßten. Aber das hat alles nichts helfen wollen, denn der Post-» Halter war der Meister und die Fuhrleute mußten warten. — So mußten wir wieder zwei volle Stunden stillsitzen und fuhren nicht eher hinweg, bis die beiden vollständig berauscht waren und sich dann endlich auf den Wagen setzten. Was soll ich darüber noch weiter berichten? Diese Händel haben wir bei jeder Herberge gehabt, aber doch sind wir mit Gottes Hilfe nach Harburg gekommen, wo mein lieber Vater und mein lieber Mann uns erwarteten, da von da nur eine Meile bis nach Hamburg ist. Die Freude, die wir aneinander hatten, kann nran sich leicht vorstcllen! Wir fuhren zusammen zu Wasser nach Hamburg und ich dankte Gott, daß ich alle unsere Freunde gesund anttaf und auch Gott sei Tank sonst wenige' Mische Häuser verunreinigt*) worden, während ich außerhalb geweilt hatte. Aber der Zorn (Gottes) ist noch nicht ganz gestillt gewesen und es hat noch hin und wieder einmal „gezupft". Gott sei Tank ist bei den Juden aber alles wohl gewesen und geblieben. „Möge Gott un» auch weiter mit ganz Israel behüten und vor allem Leid bewahren." lFortsetzung folgt). Theodor Herzl an die Delegierten in Hannover. (Schluß). II. Die „Plattform" in Palästina. ü. Wirtschaftliche Erschließung. „Tenn wer da glaubt, daß die Juden sich in das Land der Väter gleichsam cinschmuggeln könnten, der täuscht sich oder täuscht andere." Eröffnungsrede zum I. Kongreß. * „Einem Volke kann man nicht philantropisch Helsen, sondern einzig und allein politisch. Diese Wohltäter haben nur einen gewissen Widerwillen gegen die jüdische Staatsidee, weil sie besorgen daß das nützliche Kolonisationswerk gestört werden könnte, wenn die leitenden Kreise erführen, daß die Juden eine Staatsgründung beabsichtigen." Rede im Makkabäerllub in London am 6. Juli 1896. * ‘ „Wenn es schon töricht wäre, ohne Plan zu bauen, so wäre es auch nicht klug, Baupläne auszuführen, so- *) d. h. von Pest betroffen.

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