Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 19 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19. Krantsurter Jftaelitiiche« FamUitMaU. zuversichtlich auf bessere Zeiten. Selbst Leute, die von ihren Verwandten in Amerika Schiffskarten erhalten, sind hier geblieben. Amerika. Philadelphia, 5. Mai. Die vierte National- Konferenz der jüdischen Wohltätigke i t s g e s e l l s ch a f t e n wird hier vom 6.-8. Mal stattfinden. William B. Hackenburg, Präsident der Jüdischen Hospital-Gesellschaft, wird mit einer feierlichen- Ansprache die Tagungen eröffne», Richter Julian W. Black, Präsident der National-Kvnserenz, .wird Bericht erstatten, ebenso werden Julius Mayer, Attornery-Gcneral des Staates Newyork, und Cyrus L. Sulzberger sprechen. Als Redner sind ferner vorgemerkt: Dr. Lee, K. Frankel-Ncwyork, Tr. Boris. D. Bogen-Cincinnati, Tr. L. B. Bernstein-Newyork, Rabbiner Simon Pciser-Cleveland, Charles Jsraels- Newyork, Frau Rose Sommcrfeld-Newpork, S. C. Löwenstein-Newyork, Michael Hcymail-Nciv-Orleans, Alfred Müller-Denver, Prof. Morris Loeb-Ncwyork, A. M. Kich-Millvankee, Rabbiner3l. R. Levy-Chicago, Dr. I L. Leucht-New Orleans, Tr. I. Kranskopf- Philadelphia, Dr. H. L. Sabsavich-Rewyork, Eugene S. Benjamin-Äiewyork, C. D? Spivak-Tenver, Dr. Sachs-Chicago und Dr. F. L. Wachenhcim-Newyork. Chicago.^ Stiftungen. Der am 1. März verstorbene Millionär Bcrthold L o e w e n t h a l hat testamentarisch folgende Summen für Wohltütigkcitszwecke verinacht: je Doll. 5,000 an das Michael gicise- Hospital, an die Jüdische .Erziehungs-Schule, an das Heini für alte Juden und an das Heim für jüdische Weisen und je Doll. 1000 an eine Reihe weiterer Wohltätigkeits-Institute. Argentinien. Buenos Aires. Einwanderung. Aus der soeben erschienenen amtlichen Statistik über die Einwanderung in Argentinieir für das Jahr 1005 entnehme» wir folgende Daten: Tie Gesamt-Einwanderung betrug im Jahre 1905 177117 gegenüber 125 567 im Jahre 1904. An erster Stelle stehen die Italiener mit 88950. Es folgen dann die Spanier mit 53 029. An dritter Stelle die Juden mit 7516. A n k a u f v o n L a n d. Eine größere Anzahl eingewanderter r u s s i s ch e r Jude n hat ein Terr i t o r i n m f ü r. 400 000 P e s a s in Baradero, Provinz Buenos Aires angekauft und eine k a n d w irisch a f t l i ch e Kolonie unter dem Namen M a x N o r d a u begründet. Die Kolonie hat die besten Aussichten, schnell einporzublühen. Palästina. Jaffa. Der Absatz des Weines der jüdischen Kolonien hat sich sehr ungünstig gestaltet. Die Weingärtncr machen jetzt jährlich 70 000 Hektoliter Wein, von denen nur ungefähr 5000 Hektoliter zu guten Preisen und 12 000 Hektoliter zu schlechten Preisen verkauft werden; von dem übrigen Quantum wird ein Teil mit Verlust und ein Teil überhaupt nicht abgesetzt. Die Weingärtner haben bisher nicht von dem Erlös'für ihre Produkte, sondern von den Zu- . schlissen, die sie von der Verwaltung in Paris erhalten haben, gelebt. Dieses Resultat ist Umsomehr zu bedauern, da grade der Weinbau den Uebcrgang zinil Ackerball darstellt, denn seine Betreibung ist leichter als dieser, der bedeutend mehr physische Kraft erfordert. Die Schuld dürfte wohl hauptsächlich dem von der Jca, der ja Baron Edmund von Rothschild die Kolonien zur Verwaltung übergeben hat, befolgten Systeme zuzuschreiben sein. Die „Jca" dekretiert von Paris aus/ cs fehlt dadurch dem gesamten Beanlten-Apparate die notwendige Elastizität; ferner tut sie alles, die Kolonisten in abhängiger, unselbstständiger Stellung zu erhalten und nimmt ihnen damit die Freude an der Arbeit, und schließlich ist es ein großer Ueberstand, daß auf wichtigen Posten christliche Beaniten sind, die kein ideelles Interesse an dem Gedeihen der Kolonien haben, und daß auch den meisten jüdischen Beamten kein größeres Jntcyesse zngeschrieben werden darf. Würde die „Jca" ihren gesamten 'Apparat nach demokratische» Grundsätzen gestalten, würde sie den Kolonisten Selbstständigkeit und Selbstverwaltung gewähren, so würden sicher bald nicht nur bessere, sondern glänzende Resultate erzielt werden, denn an der Güte des Weines und seiner Wsatzmöglichkeit liegt der Ilebelstanh nicht. leiullefon. 0 Die Cohnheims. Roman von Jacob Levy. (Fortsetzung.) Die Präsidentin, von allen Mitwirkenden mit tiefer Verneigung begrüßt, schaute huldvoll lächelnd zu und blickte von Zeit zu Zeit in das auf Seide gedruckte Programm, das ihr überreicht wurde. Tie anderen Festteilnehmer muhten sich mit schnödenc Papier begnügen. / Sieben dem Obersten voir Much saß die Gräfin Meerschaum, die Witwe des Ländrats. Die Me Dame war schwerhörig und sprach sehr laut, weil sie ihre' anderen Mitmenschen meistens.für taub, hielt. So fragte sie, während die englische Gesandtschaft vorbeidefilierte, ihren Nachbarn: „Herr Oberst, der hübsche Mensch mit all den Spitzen sieht einem jüdischen Schauspieler ähnlich, den ich in Berlin als Shylock gesehen habe." Der Oberst, den» es um den eisgrauen Schnurrbart zuckte, sagten „Aber, gnädigste Gräfin, das ist einer meiner Offiziere." „Wie", fragte sic,-sich zu seinem Mund neigend. Er schrie ihr ins Ohr: „Ein Offizier". „So", machte sie beruhigt, „ich glaubte wegen seiner'Nase." Rolf, der das alles gehört hatte, Ivarf einen wilden Blick herauf und sah uni sich, Tie anderen Herren, die feinsten llmgangsformen beherrschend, hatten selbstverständlich nichts gehört und blickten ernst und unbefangen vor sich hin. Als der Zug sich aufgelöst hatte, stürmten alle zn den Büffets, um sich an den Speisen nnd Getränken gütlich zn tun. Siolf, der seinen Freund Glessen am Arm hatte, erwischte einen Diener und sagte ihm freundlich, aber mit dem Kommandoton des Offiziers: „Mein Sohn, jetzt bringen Sic nns eine Flasche Sekt mit zwei Gläser dort hinten in den Erker, aber bitte, etwas flott." „Zu Befehl Herr Leutnant," und nach zwei' Minuten leerten die Freunde schon das erste GlaS. „Botho, was ist das für eine schreckliche Alte, die mich für einen jüdischen Schauspieler hielt'?" „Das ist eine halbtaube Gräfin, die mit der größten Unbefangenheit jedem die größten Malicen an den Kopf wirft. Mich fragte sie beispielsweise einmal, ob meine Mutter mich nicht deutlich sprechen gelehrt hätte. Jetzt hat sie Dich vor dem Bisir, gehe ihr nur aus dem Weg." „Wenn sie mir noch einmal so etwas sagt, ist es mein Tod," stöhnte giolf. „Ja, und sie selbst ist nnangreisbar, weil sie nicht hört." Tie Ecke wurde sehr rasch von andern Masken entdeckt. „Trinkt Ihr hier Sekt, Ihr Schlemmer, wir müssen uns einen Tropfen am Büffet erobern. Wir sind übrigens zn ihrer Exzellenz befohlen, sie will nns ihren Dank höchst cigcnmnndig abstatten." Siolf fragte einen Landsknecht ängstlich: „Ist die taube Alte noch da, Brüning?" „Gewiß, sie sitzt neben nnserm Obersten und säuft. Wer kommen Sie Cohnheim, ein tapfrer Reiter forcht sich nit." DCuf der Estrade wimmelte cs von dcni fahrenden Volk, junge Mädchen drängten nach, es war ein lustiges Leben nnd Treiben, ganz ohne jede Etikette. Das festgebendc Ehepaar, sowie die andere» Spitzen waren sehr aufgeräumt nnd nahmen cs durchaus nicht übel, wenn ein neckisches Wort fiel. „Platz den Gesandten," rief es uird die englischen Edelleute nahten der Frau Präsidentin, die in liebenswürdiger Weise Sekt kredenzen ließ. »Meine Herren, ich werde Ihre Aufmerksamkeit ewig in dankbarer Erinnerung halten." Tic Herren verneigten sich. „Exzellenz, cs war uns ein besonderes Vergnügen." Ein Gcheimrat bemerkte trocken: „Das glaube ich, es wäre in meinen jungen Jahren auch für mich ein Vergnügen gewesen." Alle lachten. Da hörte man die feste, laute Stimme der Gräfin Meerschaum: „Sie junger Mau», wissen Sie auch, wofür ich Sie vorhin gehalten habe?" Ter Oberst rief ihr ins Ohr: Meine Gnädigste, lassen wir diese Reminiszenzen." Sie überhörte das und wandte sich freundlich an ihn, auf Rolf deutend: „Dieser Herr wünscht mir vorgestellt zn werden." Der Oberst brummte: „Die alte Schraube scheint einen Schwips zu haben." Tann schrie er, sich zu ihr neigend: „Husarenleutnant Cohnheim." „Wie?" machte -sie. „Leut — mutt — Cohn — heim", brüllte der Oberst. Sie wiederholte „Cohnheim, also doch!" und sah ihn vorwurfsvoll an. Rolf stand in tötlichster Verlegenheit und hätte sie gern ermordet. 11m ihn herum kicherte es leise. Er wollte reden, da streckte der Oberst die Hand aus. Er war feuerrot geworden und schrie der Gräfin ganz langsam in's Ohr: „Frau Gräfin, wenn ich Ihnen einen Offizier vorstelle, so ist die Ehre gegenseitig irnd ich verbitte mir die geringste Glosse." Der Regierungspräsident nickte beifällig mit dem Kopfe, die Augen der Offiziere leuchteten. Die Gräfin Meerschaum aber sagte genlütlich zu dem pustenden Obersten: „Sie sind noch immer so grob wie früher." Dieser aber stieß mit den sich um ihn drängenden Leutnants an und trank aus. Siolf aber, mehr tot als lebendig, flüsterte: „Die 'Alte fletscht und sicht rnich noch immer an, wir wollen gehn." Tie Herren zogen lachend weg und iin Tanz und Flirt war die Episode rasch vergessen. Es macht nichts rascher vertraut, als das Bcisammensein im Maskenkostüm, und da die Eltern versichert waren, nur im Kreise ihrer eigenen bevorzugten Gesellschaftsklasse zn sein, waren sie nach¬ Eeite 5. sichtig, wenn ihr Töchterlein am Arme irgend eines Zigeuners oder einer anderen verdächtigen Gestalt durch den Saal wandelte. Rolf hatte einigenial mit einer allerliebsten Geisha getanzt, der Tochter des Obercegierungsrats von Muskulus. Ter Herr Rat sah aus, wie ei» Diplomat in 'Nöten, die Mutter bolzengradc nnd ernst, wie ihre eigene Ahufrau. Rolf hatte seine Tänzerin eben an ihren Tisch geleitet und auf die Einladung des Vaters hin Platz genommen. Die Liebenswürdigkeit des jungen Mannes eroberte im Nu die gestrenge Mutter und sie gab ihrer Tochter die Erlaubnis, einem Tcnnisklub, der heute 'Abend gegründet wurde, beizutrcten. Er sagte heiter: „Wir Offiziere sehen es als .unsere vornehmste Aufgabe an, den Damen die Saison so unterhaltend wie möglich zu gestalten. Im Klub werde ich den Vorzug haben, der gnädigen Frau und dem gnädigen Fräulein meine Schwester vorzustellen." Das junge Mädchen rief: „Das ist reizend, wir lverden Freundinnen." Er lächelte. „Meine Schwester ist sicher Freundin des gnädigen Fräuleins beim ersten Zusammensein." Frau von Muskulus erhob sich. „Egon, Lieselotte, meine Kopfschmerzen pochen an." Siolf geleitete die Herrschaften an den Wagen und nachdem ihm huldreich gestattet war, sich morgen nach dem Befinden der gnädigen Frau zn erkundigen, schritt er in den Saal zurück. Dort wartete sein Freund Botho von Glessen auf ihn. „Ich habe genug von dem Spektakel, wir wollen ein Glas Bier trinken gehn." Die beiden Herren schritten rasch von dannen und saßen nach einer kurzen Weile im Spaten. „Rolf", begann Botho, und ein sonniges Leuchten überflog seine Züge, „von all den hübschen Mädchen in der Gesellschaft gleicht keine Deiner Schwester. Sie ist schöner, klüger und besser als alle. Morgen spreche ich mit ihr. Deine Eltern werden nichts dagegen cinzuwenden haben. Ich kann Eurem Juwel die würdige Fassung geben." . Rolf sah ihn mitleidig an, dann sagte er: „Botho, warte noch etwas, man muß das nicht übereilen." Er fuhr auf. „Was heißt das, riskire ich einen Korb?" „Höre Botho, ich bin Tein Freund und will Dich vor einer Enttäuschung bewahren. Tu wärest meinen Eltern nnd mir der liebste Sohn und Bruder, aber Lucie will nicht heiraten." Der junge Mann war erblaßt. Er stammelte: „Das ist doch einfach unmöglich. Liebt sic einen Anderen?" „Botho, ich will Dir alles erzählen. Sie liebt einen Verwandten meines Vaters, den sie niemals, hörst Du, niemals heiraten kann. Er ist ein anständiger Kerl, im Augenblick, da sie sich ihre 'Neigung gestanden, nahm er Wschied aus Nimmerwiedersehen nnd Lucie, romantisch, wie junge Mädchen nun einmal sind, will ihrer Liebe treu bleiben." „Und weshalb ist eine Verbindung unmöglich?" Er ist starrer Jude nnd darf keine Christi» heiraten, auch nicht, wenn sie Übertritt. Und wenn er dürfte und wollte, würde ich es doch nicht zugeben." Botho sprang auf. „Soll sie einer Erinnerung, einem Phantom ihr Leben opfern? Das Vergangene ist. tot, aber ich bin lebendig. Ich liebe sie, ich erringe sie." „Botho, ich beschlvöre Dich, ivarte noch. Tie Erinnerung ist noch zu mächtig in ihr. Tu verkehrst ja jetzt bei uns, wie ein Sohn, lverbc nnc sie nnd sprich erst dann, wenn Du glaubst, ihr nicht gleichgültig zn sein." - Botho's blaue Augen leuchteten siegesgewiß. „Ich kann mir die Zukunft nur an der Seite Deiner Schwester denken. Das Glück der Glessen's wird mir nicht untreu, sie wird meine Gräfin." Er schüttelte seinem Freund die Hand und entfernte sich, da sich doch ihre Wege dort teilten. (Fortsetzung folgt). Wochen-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem losch.) Samstag, den 19. Mai (—24. Jjar): Sabbat - Anfang in Frankfurt a. M- 7 llhr 35 Min., Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 llhr — Min., Berlin 8 Uhr 53 Min. Samstag Abend: 4V. Tag im Omer. Die beiden Wochenabschnitte Bebar und Bechukausai sind die letzten im dritten Buch Moses, dem kleinsten im Pentateuch. Behar enthält die Verordnungen, welche man gemeinhin die jüdischen „s o - z i a l e n Gesetze" zn nennen pflegt. Der jüdische Staat, ein Agrarstaat, war nach chem göttlichen Gesetze auf solch gesunder Grrmdlage errichtet, daß selbst Judenfeinde dies zugeben und des öfteren schon rühmend hervorhoben. Eine sogenannte „s o z i - ale Frage", die der Gegensatz zwffchen blendendem Reichtum und drückender 'Armut schafft, konnte es nicht geben; auch keinen Ringkampf zwischen „Agrariern" und Industriellen". Im siebten