Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 19 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 19 des Frankfurter Israelitischen FaunüeMattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Gedächtnisblätter einer jüdischen Mutter. — Aus allerWelt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der zionist. Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Bunte Chronik. — „Jüdische Jugend." Gediichtmsbliitter einer jüdischen Mntter. (Nachdruck verboten.) VIII. Wir sind dann noch bis Rauschchaudesch Cheschwan in Hannover geblieben und zogen dann mit Kindern und Mägden nach Hameln, >vo lvir bleiben wollten, bis in Hamburg wieder ein guter Wind wehte. Wir hatten aber doch keine ruhige Stunde, da >vir geschäftlich in der Ferne in Anspruch genommen waren. So schrieb ein Geschäftsfreund namens Grün-Mosche meinem Manne, er sei mit einem Posten Perlen von Polen nach Hamburg gekommen und mein Mann solle sofort dorthin reisen. Er zog aber nicht sofort dorthin, blieb vielnrchr noch etwa 14 Tage in Hameln und meine Schwiegereltern waren wegen der Hamburger Schrecknisse so beunruhigt, daß sie ihn überhaupt nicht ziehen lassen wollten. Ja, wir sollten gar keine Hamburger Briefe annchmen! Kam von dort ein Schreiben, so wurde es zwei-, dreimal ausgeräuchert und wurde dann sofort nach dem Lesen in die Leine gelvorfen. Eines Tages sitzen wir im Gespräche zusammen, da kommt unser Geschäftsfreund Grün- Mosche plötzlich zu uns in die Stube. Ter Winter war furchtbar kalt und er trug darum eine Kapuze über den Kopf gezogen. Wir erkannten ihn trotzdem sofort und winkten ihm, nach außen zu kommen, denn außer uns hatte Niemand auf ihn geachtet. Hätten meine Schwiegereltern gewußt, daß Jemand aus Hamburg bei uns sei, so hätten sic uns mit ihm zusammen fortgejagt. Es war ja auch tatsächlich vor der Regierung sehr gewagt, denn es war geradezu lebensgefährlich strafbar, einen Gast aus Hamburg zu beherbergen und alle Reisende wurden an den Toren besonders scharf examiniert. Wir fragten Grün-Mosche: „Wie konntest Du in den Ort gelangen?" Er antwortete: „Ich habe mich für einen Schreiber des Amtmanns von Hoch heim (ein Platz bei Hameln) ausgegeben." Was hatten wir nun für eine Wahl? Er war nun einmal da und hatte den ganzen Posten Perlen bei sich, verstecken konnten rvir ihn nicht, ohne daß es die Schwiegereltern merkten, wir mußten es ihnen also wohl oder übel sagen. Grün-Mosche ließ nun meinen Mann nicht locker und bestürnrtc ihn, er solle mit ihm ziehen und die Perlen verkaufen, damit er dann wieder neue Ware einhandeln könne. Was sollte mein lieber Mann nun anfangen? Er hatte viel Geld in den Perlen stecken, und solche Ware lange aufznheben, ist nicht angebracht, da in diesem Falle die Zinsen den Verdienst aufzehren — er entschloß sich also, mit Grün-Mosche nach Hamburg zu ziehen, um die Perlen loszuschlagcn und sich auch nach dem Stand der Dinge in Hamburg umzuschen, damit ich mit den Kindern dann Nachkommen könne. Ich bin nämlich das Leben in Hameln > sehr überdrüssig gewesen. Wenngleich lvir dort nichts gerade entbehrt haben, .so bin ich doch das Leben in Hamburg und unser Geschäft dort zu sehr gewohnt gewesen, um mich in Hameln gedulden zu können. Mein lieber Mann versuchte, seine Perlen bei russischen Kaufleuten anznbringen, hätte aber zu wenig daran verdient. Es war im Schewat und im Av ziehen die russischen Händler wieder in die -Heimat, und der Tamus ist die beste Zeit für den Handel mit ihnen. Da aber das Gebot gar zu schlecht war, entschloß sich mein lieber Mann, der das Geld benötigte, die Perlen zu versetzen und dachte sie im Tamus wieder einznlösen und dann bessere Preise zu erzielen. Er hatte sich aber verrechnet. Aus Rußland kamen um diese Zeit Kriegsnachrichten, sodaß die Händler den Mut am Einkauf verloren Mein lieber Mann nmßte die Ware nun aber um jeden Preis absetzen und war gezwungen, einen sehr schweren Verlust daran zu erleiden. Daraus geht hervor, daß das erste Geschäft immer das beste ist und das soll man sich merken: „(Siitj Kaufmann muß ebenso gut Ja wie Nein sagen können." — Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Von der Auskunftsstelle für jüdische Auswanderer in Berlin erhalten wir folgende Mitteilung: Bor einiger Zeit ging eine Notiz durch die jüdische Presse, de^ zufolge die argentinische Regierung das ischäch - t e n verboten hätte. Die „Ausknnstsstclle für jüd. Auswanderer nach Südamerika und den Südstaaten der Union" wandte sich an die argentinische Gesandtschaft in Berlin mit einem Schreiben, in dem hervorgehoben wurde, daß zu einer Zeit, in der unsere Glaubensgenossen aus Rußland in größerer Zahl sich Argentinien zuwendcn, deren Einwanderung dem Lande nur die größten Vorteile bringen kann, _ da ich unsere Glaubensgenossen erfahrungsgemäß stets rls nützliche, die Wohlfahrt und die Kultur des Landes fördernde Staatsbürger erwiesen haben, eine Maßregel, wie die oben erwähnte, geeignet sei, die Einwanderung unserer Glaubensgenossen nach Argentinien zu hemmen. Darauf ist nun folgendes Schreiben des argentinischen Gesandten und bevollmächtigten Ministers ln Berlin, Dr. Jndalecio Gomez an die Auskunftsstelle gelangt: Berlin, 9. Mai 06. Sehr geehrte Herren! ~~ Ich kann Sie versichern, daß die Regierung der argentinischen Republik keine einzige Vorschrift erlassen hat gegen die Freiheit irgend eines Einwohners ihres Landes, die ihn an der freien Ausübung seines Kultus verhindern könnte, sei er auch, wer er sei, insofern er nicht gegen die Ordnung und die öffentliche Moral verstößt. Sollte sich irgend >emand nngerechtcrweisc behindert fühlen an der freien Ausübung seiner Religions-Pflichten, so kann er, mit Vertrauen auf Erfolg, an die Föderaljustiz appellieren, welche ohne Zweifel sofort das Hindernis beseitigen wird. Ich begrüße Sie, meine Herren, aufrichtig und zeichne Dr. Jndalecio Gomez, Gesandter der argent. Republik. Oesterreich -Ungarn. Wien. Ritter v. Taussig hat seine Demission als Vorstandsmitglied der israel. Kultusgemeinde gegeben, trotzdem der Gesamtvorstand ihn um Abstandnahme von seinem Entschlüsse ersuchte. Wien. Ministerpräsident Prinz Hohenlohe hat unter anderen Persönlichkeiten auch den Reichstagsabgeordneten Tr. S t r a u ch e r empfangen und von ihm die Wünsche der Bukowina entgegengenommen. Dr. Straucher hat bei diesem Anlaß den Ministerpräsidenten auch über die Forderungen ber Juden informiert. Wien. Der Stern der Antisemiten IN Wien ist im Riedersteigen! Die Antisemiten haben bei den in der vorigen. Woche vollzogenen Gemeinderatswahlen für den vierten Wahlkörper 4 Mandate an die Sozialdemokraten verloren, die damit ein Drittel der zur Besetzung gelangenden Mandate gewonnen haben. Budapest. Die Zahl der jüdischen Abgeordneten wird, nachdem nunmehr sämtliche Wahlen vollzogen sind, von der „Jüd. Allg. Ztg." mit 19 angegeben; 13 davon gehören der Kossuth- Partei, 1 der Versassungspartci an, 3 bilden die demokratische Partei, 1 ist das einzige sozialistische Mitglied des Parlaments und 1 steht außerhalb der Parteien. Lemberg. Jüdische Emigranten unter Polizeiaufsicht! Wie dem hiesigen „Tgbltt." mitgeteilt wird, hat in Galatz ein Passagierschiff mit 1ö8 aus Kischinew stammenden Emigranten die Anker gelichtet. Die Leute fahren unter der unfreiwilligen Begleitung der ungarischen Grenzpolizei bis Wien, und von dort bis Havre begleiten sic österreichische Polizisten. Prag. Schlußgottesdtenst in der Zigennersynagoge. Am 6. dsS. fand in der der Assanierung zum Opfer fallenden Zigeunersynagoge der feierliche Schkußgottesdienst statt. Lange vor der angesetzten Zeit war das Gotteshaus bis auf das letzte Plätzchen der Galerien und Vorhalle dicht gefüllt. Die Wände ■ des Gotteshaus waren mit zahlreichen Prauches — darunter wahren Kabinettsstücken alter Goldstickerei — geschmückt. An daS Mincha- Gebet schloß sich das Kaiscrgebet vor geöffneter Bundeslade an. Hierauf folgte die Festpredigt, gehalten von Rabb. Dr. Deuts ch, 'Sie war so recht ein Abschiedsgrutz, ganz dazu angetan, die wehmutsvolle Stimmung der langjährigen Besucher dieses Gotteshauses zum Ausdruck zu bringen. Der Redner gab in großen Umrissen die Geschicht» der Synagoge seit ihrer Gründung durch. Salkind und Golde Zigeuner am Ende des 16. Jahrhunderts, rühmte die Opferwitligkeit der Mitglieder und Vorsteher, die es ermöglichte, das Gotteshaus nach den) großen Brandkatastrophen von 1689 und 1754 immer lvicder schöner als früher erstehen zu lassen und gab der traurigen Wehmut Ausdruck, die jeden beschleichen muß, wenn ein Gotteshaus, das feit mehr als 300 Jahren unseren Ahnen, unseren Vätern und uns selbst' in Freud und Leid Erbauung und Trost gewährte, der Vernichtung überlassen werden muß. Doch/ sägte Redner hinzu, folge» lvir dein Beispiel des weisen R. Akiba, der als er mit seinen Gefährten den zerstörten Tempelberg Zions betrat, im Gegensätze zu diesen Freude äußerte, lieber den Grund seines wunderbaren Benehmens befragt, sagte er. lvie sollte ich mich nicht freuen, wenn ich sehe, daß Gottes Verheißung bezüglich der Zerstörung des Heiligtums erfüllt ist, liegt doch darin auch die Gewähr für die Erfüllung des zlveiten Teils der göttlichen Verheißung bezüglich des Aufbaues des Tempels. Und auch ivir, schloß Redner, können uns freuen, denn bevor das alte Heiligtum zerstört wird, steht schon das neue in herrlichem Glanze da (Anm.: Gemeint ist der neue Franz Josef Jubiläumstempel), bestimmt, noch nach Jahrhunderten von der Opferwilligkeit unserer Zeitgenossen zu zeugen. An die meisterhafte Rede schloß sich die Haskara für die Gründer der Synagoge. Mit einem vom Tempelchor vorgetragenen Schlußpsalm endete die weihevolle Feier. > Rußland. Warschau, 14. Mai. Wie dem „Weg" mitgeteilt wird, haben die jüdischen A b g e o r d n e t e n der D u in a beschlossen, in der Tnma nicht niij strengen Kritiken, welche die Lebenszeit der Duma verkürzen könnten, herauszutreten. Wegen der jüdischeu Frage faßten sie den Beschluß, auf der arx 22. Mai stattfindenden Versammlung des Verbandes für die Gleichberechtigung der Juden zu beraten. Wilna. Jahrzeit für die Tschudnower Helden. Eine tiefergreifenv'e Jahrzeitsfeier haben die T r o j a n o w e r Juden für die zehn jungen Leute veranstaltet, die vor Jahresfrist, nts sie den Trojanower Juden zur Hülfe eilten, von den ,Pogrombanden ermordet wurden. Samstag wurde in allen Synägogen eine Haskarah (Seelenfeier) abgehalten, und niemand ging während des ganzen Tages spazieren. Samstag Abend wurden kn allen Synagogen Lichter entzündet und Hespediin (Nachrufe) gehalten. Sonntag früh wurde eine zweite Haskarah gemacht, danach ging die gesamte jüdische Bevölkerung — von jung und von alt hat kaum jemand gefehlt — aus den guten Ort, wo der Chasen an den Gräbern der Erschlagenen „El molet Rachamim" zitierte. Während des ganzen Tages waren sämtliche Geschäfte geschlossen, viele fasteten. Personalien. Frankfurt a. M. St erb es all. In seinem 83. Lebensjahre starb einer der angesehensten Frankfurter Bürger, Herr A b r a h ä m D u r l a ch e r. Herr Durlacher war lange Jahre Vorstandsmitglied der israelitischen Gemeinde, sowie Stadtverordneter; auch bekleidete er inr Vereinsleben zahlreiche Ehrenämter. Er war ein hervorragend tüchtiger, gewissenhafter Mann, der sich, wo er sich betätigte, höchste Achtung erwarb. Frankfurt a. M. Mord. Der Musketier Sally B u ch h e i m aus Dauborn bei Limburg wurde, nachdem er 8 Tage abgängig war, am 13/ dss. Mts. als Leiche ans dem Mai» gelandet und am 15. dss. Mts. auf dem hiesigen jüdischen Friedhose begraben. Es liegt aller Wahrscheinlichkeit Raubmord vor. Berlin. Jüdische Offiziere in Bayern. Nach der „Allg. Ztg. d. Jud." sind von den 190 zum Bezirkskommando in Nürnberg gehörenden Offizieren Juden: bei der Infanterie 3 Hauptleute, 2 Oberleutnants, und 5 Leutnants, bei dem Train 2 Rittmeister, 1 Oberleutnant und 3 Leutnants, bei der Kavallerie 1 Rittmeister und bei der Artillerie 1 Oberleutnant. — Wir bezweifeln die Richtigkeit dieser Ausstellung. i Breslau. Doktor-Promotion einer Jüdin. An der hiesigen Universität promovierte Fräulein Anna H a m b n r g e r, Tochter des hiesigen Kaufmanns Heinrich Hamburger, als Dr. Phil.; ihr Spezialfach ist Chemie. Mülhausen i. Elf. Verleihung. Dem Oberlehrer Dr. H. Levy wurde der Titel Professor verliehen. , Budapest. Der als Präsident der israel. Kultusgemeinde in Aussicht genommene Herr Sigmund Kornfeld, Magnatenhansmitglied, hat erklärt, ans Zeitmangel die Stelle nicht annehmen zu können. Dagegen werde er, wenn Dr. Sein» mann zum Präsidenten gewählt werde, das Amt eines Vizepräsidenten gern annehmen. Prag. Sterbefall. Graf Dr. Heinrich Coudenhove-Kakergi, der Verfasser des Buches „Ueber das Wesen des Antisemitismus"»