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Neue jüdische Presse · 1906-05-04 · Heft 17 (4.5.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 17 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Beilage zu Nr. 17 des Frankfurter Israelitischen FaMiMattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Gedächtnisblätter einer jüdischen Mutter. — Aus derzionist. Bewegung. — AusderLehrerwelt. — AuSdenVercinen. — Letzte Nachrichten. — „Jüdische Jugend." Gedachtnisbliitter einer jüdischen Mutter. (Nachdruck verboten.) VII. Tas Kind aber ist lustig und fröhlich mitgezogen in seiner Unschuld. Wir in Hannover dagegen verbrachten den Jäumtauv gar traurig unter Tränen und Wehklagen. Tie Vier zogen nach dein Dorfe und wurden in ihrer Herberge, einem Bauernhause, gut aufgenominen, da sie ja Geld bei sich hatten, und solange man das besitzt, macht es sich der Bauer zu Nutzen. Ter Bauersmairn fragte sie, warum sie am Feiertag nicht bei ihren jüdischen Genossen geblieben seien. Sie antworteten, es seien schon zu viele arme Leute in Hannover, deswegen habe inan sie dort nicht eingelassen, jedoch glaubten sie sicher, die Juden in Hannover würden ihnen auf die Feiertage Speisen herausschicken. Wir sind zwar an diesem Zlbschiedstage wieder zur Synogoge gegaiigen, aber uiau war mit dem Beten schon zii Ende. Nach, der Synagoge ließ ims R. Lob, der uns vor Jäumtauv zuin Essen eingeladen hatte, zu Tisch bitten. Man kann sich vorstellen, wie uns zu Milte war. Mein Mann sagte: Ehe ivir etwas genießen, muß ich meinem Kinde und seinen Begleitern etwas zu essen bringen. Das sahen denn auch alle ein und sagten: Tu hast recht, cs soll von uns niemand etwas essen, bis die da draußen etwas erhalten haben. Tie Entfernnng dorthin war ja nicht größer als der Weg von Mona nach Hamburg. Man trug also Speisen zusammen und jeder machte einen anderen Vorschlag über das Hinbringen, denn alle scheuten sie sich, zic gehen. Schließlich sagte R. Juda Berliner: Ich ivill cs ihnen bringen. R. Michael, der Lehrer, schloß sich ihm ail und auch inein lieber Mann ist mitgegangen, denn er hat unser liebes Kind überaus zärtlich geliebt. Tie Hannoveraner trauten ihin aber nicht, weil sie vermeinten, als Vater könne er es nicht unterlassen, zu dem Kinde hinzugehen. Um dem vorzubengen, mußte mein Schwager R. Lipmann rnitgehen und sie trugen alle zusammen das Esseil hinaus. Inzwischen ging die Magd mit dem Kinde und den beiden Mten hungrig auf dem Felde spazieren. Als das Kind meinen lieben Mann herankommen sah, wollte es nach Kindcrart sofort auf.ihn zulanfcn. R. Lipmann aber schrie, man solle das Kind zurückhalten und der alte Mann solle kommen und das Essen abholen. Meinen lieben Mann mußten sie allesamt am Gürtel zurückhalten, um ihn vom Kinde fernzuhalten. Ta weinten denn beide, ec und das Kind, denn mein lieber Mann sah ja das Kind gesund und munter und durste nicht zu ihm hin. Sie stellten also Speise und Trank am Wege nieder, die Magd mit den Uebrigen holte es ab und die ganze Gesellschaft kehrte wieder nach Hannover zurück. Tas wiederholte sich so täglich bis zu Schemini Azereih. Währenddessen kurierten die beiden Alten das jKind mittels Salbe und Pflaster von seinen Geschwüren und die Kleine sprang denn auch frisch und gesund wie ein Hirschlein auf dem Felde herum. Wir stellten die Hannoveraner zur Rede: Was wird nun aus eurer Narretei? Ihr müßt doch einsehen, daß das Kind vollständig gesund ist und keine Gefahr mehr besteht, laßt das Kind doch wieder hereinkommen! Nun hielten sie wieder Rat und es blieb dabei, vor Simchas Thora sie nicht hereinkommen zu lassen. Was blieb uns übrig,, als^anch das über uns ergehen zn lassen: R. Michael brachte an diesem Tage'das Kind mit den Uebrigen denn auch nach Hannover wieder Zurück und unsere Freude war so groß, daß wir laut ausschrieen beim Wiedersehen Unseres Kindes („Tas Auge weint und das Herz jubelt/') Jeder hätte das Kind — es war auch gar lieblich anzusehcn, — vor Freude am liebsten aufgegessen und man nannte das Tirnlein von da an lange Zeit nicht anders als„D i e Jungfer von P e i n h o l z". So ist denn diese Schickung, meine lieben Kinder, mit Gottes Hülfe glücklich abgelaufen und nahm ein Ende mit Freuden. „Nicht genug kann ich deni Höchsten danken und ihn preisen, der mir, seiner unwürdigen Magd, so viel Gutes in seiner Barmherzigkeit angedcihen ließ, was ich in 10 Büchern nicht alles anfzeichnen könnte. Tenn an allem, was mir der große, gnädige Gott zugeschickt, erkenne und Verspüre ich seine große Gnade inid sein reiches Erbarmen. Schweigen will ich von den großen Bedrängnisse», die ich oftmals mit meinen Kindern erlebt habe, so daß ich gerne mein halbes Selbst hingegeben hätte, um meinem Kinde zur Gesundheit zu verhelfen. Immer aber hat inir der einzige gerechte Gott, wenn die Not am höchsten war, in seinem reichen Erbarmen so gnädiglich geholfen, daß ich alle gehabte Not und Plage darüber gerne vergessen habe." So hat auch in dieser Bedrängnis der gerechte Gott mit einein Male allen Gram von uns genommen und uns ein frisches und gesundes Kind geschenkt, wofür ihm immer und ewig gedankt sei! „Möge er eS stets dabei erhalten!" Erkennt nun ans diesem allem das göttliche Walten! So wir uns ganz hilf- und trostlos wähnen und aller Hoffnung entraten, gerade in dem Augenblicke des Verzweifclns schickt er uns Hilfe. Trifft uns diese Gnade auch nicht unserer Verdienste wegen, so geschieht es in Gottes großer Barmherzigkeit. Ist cs doch genug der Liebe des Ewigen, daß er mich schwaches Weib an: Leben erhält und mich in Ehren ernährt mit tausenden seiner wahrhaft Frommen, die er so gnädiglich uns beschert. Und wenn ich alltäglich im Gebete Gott für das alles danke, so wiegt das gar nichts ans gegenüber seinen Taten an uns schwachen Menschen. Obwohl zeitweilig nicht alles nach unserem Willen geht und wir mancherlei Verdruß mit Kudern und Fremden Haben, so wähne ich, daß dies das Entgelt unserer Handlungen ist, denn wir vergehen uns gegen den Höchsten fast in jedem Augenblicke und dienen ihm nicht nach Vorschrift. Dennoch läßt er seine Gnade walten und beschützt uns, wofür ivir ihm ewiglich, danken und ihn bitten müssen, daß er uns Geduld gebe, alle Schickungen in Liebe aufzunehmen und ihm für alles Lob und Tank zu spenden. Denn alles kommt von ihm, „er gibt und er nimmt, sein Name sei gesegnet immerdar". (Fortsetzung folgt.) Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M., 2. Mai. In der gestrigen Versammlung der Zion. Ortsgruppe sprach Herr Dr. m e d. W i l h. Hanauer über das.Thema „Me Zukunft des Judentums". Me Frage nach der Zukunft des Judentums ist, so führte der Referent aus. eine alte; sie hat seit dem Untergange des jüdischen Reiches nie aufgehört, im jüdischen Volke lebendig zu bleiben; es sei nur an das immer wieder versuchte Auftreten von Pseudo-Mesfiassen erinnert. Nachdem seit dem Anschluß an die westeuropäische Kultur die Judensrage, die bis dahin nur eine religiöse und politische war, auch 'eine soziale geworden ist, hat sie bereits die verschiedensten Veränderungen durchgemacht. Im 18. Jahrhundert waren cs die Emanzipationskämpfe, dann die Reformbestrebungen, dann gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Epoche des Antisemitismus, dann der Zionismus und heute sind es die Massacres in Rußland, die der Jüdensrage eine neue Signatur hinzufügten. Uns interessiert selbstredend besonders, welche Aussichten die Zukunft des Judentums auf Grund seiner Lage in der Gegenwart hat. Diese Frage zu beantworten, hat der bekannte Statistiker Mr. Arthur'RupPin in seiner sozialwissenschaftlichen Studie „Me Juden der Gegenwart" versucht. Leider begnügt sich Ruppin in seinem sonst vorzüglichen-Buche nichtmit Maten und Zahlen, sondern zieht viele subjektive Schlüsse und läßt sich zahlreiche Inkonsequenzen zu Schulden kommen, sodaß sein Buch nur mit großer Vorsicht zu lesen ist. Ruppin unterscheidet zwischen östlichen und westlichen Juden. Me östlichen Juden haben durch hohe Geburtsziffern eine starke Zunahme an Zahl, sie haben jedoch eine geringe industrielle Entwicklung und eine ungünstige materielle Lage, sie sind orthodox. Me westlichen Juden haben durch jpäte Heirat und geringe Fruchtbarkeit eine niedrige Geburtsziffer, ihre industrielle Lage und ihre materielle Entwicklung ist günstig, sie asfimilicren sich. Das Schicksal des Judentums sieht Ruppin in der Berührung der osteuropäischen Juden mit der westeuropäischen Kultur: sollten auch die osteuropäischen Juden bei der Berührung mit der westeuropäischen Kultur ihre Orthodoxie cinbüßen und sich assimilieren, so dürfte die Zukunft des Judentums — sagt Ruppin — verloren sein. Ruppin vergißt, daß das jüdische Volk diesen Prozeß schon häufig durchgemacht hat. Auch im vergangenen Jahrhundert hatte das Judentum große Verluste durch Assimilation; eine Viertel Million Seelen verlor c? durch Taufe, noch bedeutend mehr durch Mischehen, und trotzdem läßt sich jetzt wieder ein frischer Zug in den jüdischen Reihen verspüren, eine Hebung jüdischen Juteresies konstatiere». In der Pflege seines Volkstums, seiner Religion, seiner Kultur und seiner Wisienschaft liegt die Zukunft des jüdischen Volkes, ein Ziel, das der Zionismus auf seine Fahne geschrieben hat. Der Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall aufgenonrmen; die anschließende Diskussion war nur kurz. Hamburg. Am 28. April referierte Dr. Kalmus in einer gut besuchten Versammlung unserer Ortsgruppe über den Vorschlag von Dr. Moses betr. den Palästina-Verein. Er führte aus, daß die prinzipielle Forderung einer kräftigen finanziellen Unterstützung der Palästina-Kommission nirgends in zionistischen Vereinen aus Widerstand stoßen werde. Ihr hoher Wert werde von alten Zionisten ohne Unterschied der Partcirichtung anerkannt, es sei Ehrenpflicht, mit allen Kräften dafür einzutreten, daß der Zionismus die Zentrale für alle jüdischen Unternehmungen in Palästina werde; er dürfe bei der zunehmenden wirtschaftlichen Erschließung Palästinas kein uukergeordncter Faktor bleiben und müsse endlich den vom Kongresse vorgeschriebenen 'Aufgaben gerecht werden. Referent iveist an Hand der letzte» Jahresberichte ans die erfreuliche rationelle Pälästina-Arbeit der anderen großen Organisationen hin, insbesondere des „Esra" und des „Hülfsvereins der deutschen Juden", und zeigt, in wie vielen Punkten ein Zusammenarbeiten mit diesen Vereinen schon heute in Palästina möglichist. —Die Gründung eines neuen Vereins hält er jedoch nicht für zweckmäßig; wenn man damit die Msicht verbinde, auch'Mchtzionisten zur Zahlung heranzuziehcn, so erkläre man damit die zionistische Organisation für unfähig, für die Ausführung ihrer Beschlüsse die notwendigen Mittel aufzubringen. Er wüitsche an stelle eines Vereins die Institution eines freiwilligen Palästina- Schekels und hofft, daß die Einführung eines solche» auf deni bevorstehenden Telegiertcntage für Teutschland beschlossen werde. — Me Ausführungen des Referenten fanden ungeteilten Beifall. Sämtliche Diskussions-Redner stimmte» darin überein, daß man der Palästina-Kvmniission die vom Kongreß bewilligten Mittel verschaffen müsse, daß jedoch die Gründung eines besonderen Vereins nicht wünschenswert sei. Dr. Victor halb die Frage für eine lediglich finanztechnische, ist gegen die Institution eines Palästina-Schekels, weil derselbe den erstrebte» Zweck, die 'Aufbringung der benötigten 15 000 Fr. nicht erreichen werde, und beantragt deshalb die IIe b er w eisun g einer Be» st i m m t e n S u m m e seitens d e r O r t s g r u p - Pen an das A.-K. für die Palästina-Komini,ssioii. Dagegen trat Dr. Halpern entschieden für die Einführung eines obligatorischen Palästina-Schekels ein. Die Palästina-Kommission müsse sofort in die Lage versetzt werden, eine intensivere Arbeit in Palästina zn beginnen, namentlich auch mit Rücksicht auf den wirtschaftlichen Wettbewerb seitens der Mächte in Palästina. Im ähnlichen Sinne äußern sich die Herren Abraham und Sonn. Folgende von Dr. H a l p e r n eingebrachte und von Dr. Kalmus unterstützte Resolution wurde mit großer Mehrheit angenommen: „Me zionistische Ortsgruppe.Hamburg-Mona Be», grüßt lebhaft den Vorschlag von Dr. Moses, die Mittel der Palästina-Kommission zu stärken. Sie hält die Einführung eines Palästina-Schekels für zweckmäßiger als die Gründung eines neuen Vereins. Sie beauftragt daher ihre Vertreter auf dem Telegiertcntage, die Einführung' eines Palä-, stina-Schekels zu befürworten." Auch folgender Züsatzäntrag von Herrn Ab t». ham gelangte mit drei Stimmen Mehrheit 'zur Annahme: , „Mr Ortsgruppe Hamburg - Altona stellt der Palästina-Kommission M, 200 zur Verfügung." Alls der Lehrerwelt. Berlin. Inder Sitzung derSchulkommrssion des Abgeordnetenhauses vom 28. Aprik wurde die in der ersten Lesung entstandene Lücke durch.Wiederherstellung des § 28 der Regierungsvorlage ausgefüllt, nachdem zn diesem Paragraph' ein freikonservativer Vermittekungsvorschlag angenommen war, wonach bei einer geringeren Kinderzahk als 60 bezw. 120 die Schulaufsichtsbehörde nur ans besonderen Gründen berechtigt sein soll, die Einrich. tung einer besonderen Konfessionsschule 'anzuordnen.

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