Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 17 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. des Kindes eingerichteten Religionsunterricht oder Gottesdienst zugelassen werden. Ter Erziehungsberechtigte kann die Freilassung des Kindes auch, von dem so eingerichteten^ Religionsunterricht oder Gottesdienst verlangen, wenn er schriftlich erklärt, daß dieser Religionsunterricht oder Gottesdienst seiner religiösen Ueberzeugung nicht entspricht." Verband der Deutschen Juden. Tr. E. Lachmann, Vorsitzender. Berlin, 28. April. In der Angelegenheit der Aus Weisung russischer Staatsangehöriger aus Berlin und seinen Vororten hat heute Vormittag eine Besprechung zwischen dem Polizeipräsidenten vou Schöneberg, Grafen v. Westarp, und dem Stellvertreter - des Polizeipräsidenten von Berlin, v. Friedheim, stattgefundc». Im Anschluß an diese Konferenz begab sich Graf Westarp zum Vortrag ins Ministerium des Innern. Berlin, 2. Mai. Vertreter der Berliner südischen Gemeinde, des Hilfsvereins der deutsche» Jiiden^ind der deutschen Konfcreiizgcmcinschast derAllianceJsraelite hatten gestern eine Unterredung mit dem Minister des Innern über die Ausweisung der russisch e n I u d e n. . Ter Minister erklärte, daß er bei der Ausführung der von ihm als notwendig erkannten Maßregeln jede humane Rücksicht walten lassen wolle, paß es sich bei der Ausweisung insgesamt um etwa 5500 Personen jüdischen Glaubens handele, die sich seit dem Jahre 1904 in Berlin neu angesammelt hätten. Von unmittelbarer Ausweisung sollten nur mittel- und ansiveislose, sowie politisch verdächtige Personen betrosfcn werden. Tie Zahl der zu dieser Kategorie gehörigen Personen betrage etwa 700. Bezüglich, der anderen Personen sollte jetzt keine Ausweisung verfügt, sondern den Betreffenden von der Behörde mitgeteilt iverden, daß sic auf die Erlaubnis dauernder Niederlassung hier nicht rechnen dürsten und sich deshalb vorbereiten müßten, das Stadtgebiet wieder zu verlassen. Diesen Personen wurde eine bestimmte Frist nicht gestellt. Wegen der aus Rußland gebürtigen Personen, die vor 1904 hierher gekonlincn seien, solle es bei der bisherigen Praxis verbleiben, sofern sie sich nicht lästig machen. Ten vereinigten jüdischen Hilfsorganisationen sollen von Polizeiwegen die Namcil der Personen genannt werden, denen das Verlasse» des Staatsgebietes ohne Ausweisung empfohlen wurde, damit die Hilfsorganisationen ihnen zweckentsprechende Unterstützungen mit Rat und Tat gewähren und dazu beitragen'können, daß die Wanderung sich ohne «Schwierigkeiten und tunlichst ohne Härte im einzelnen Fall vollziehe. Ter Minister behielt sich vor, über den ihm ferner vorgetragenen Wunsch zu entscheiden, ob und wiclvcit etwa die seit 1904 hier zugezogenen russischen Arbeiter, die hier ausreichend Unterhalt gefunden und sich einwandsfrei geführt hätten, unter die Kategorie der hier zu belassenden fremdbürdigeu Personen aufzunchmcn wären. Gegenüber der Lüiregung, es niöchten die russischen jüdischen Arbeiter hier gelassen werden, deren Bleiben im Interesse mancher einheimischen. an Arbeitermangel leidenden Industrie liege, erklärte der Minister, daß es bei den allgemeinen Bestimmungen über die Zulassung frcmdbürtigcr Arbbeiter sein Bewenden behalten müsse. Ter Minister sagte ferner bereitwillig zu, daß bei den Jrrtümern, die bei der Handhabung der ministeriellen Vorschriften in einem Berliner Vorort vorgekommcn sein möchten, eine Aendernng stattsinden soll. Tie Vertreter der Hilfsorganisation, die prinzipiell die Rücknahme des ganzen Vorgehens erbeten hatten, sprachen die Hoffnung aus, daß die Erledigung der ministeriellen Vorschriften gemäß den Wsichten des Ministers vom Geiste des WohlwoUens getragen werden müßte. Nürnberg. Folgende Stiftungen erhielten die landesherrliche Genchniigung: die von der Stadt - Nürnberg mit einem von dem Kommerzienrat Wilhelm Gerngros übergebene» Kapital von 20000 M. errichtete „Wilhelm u. Milch Gerngros'sche Stiftung" und die von der Witive Fanny Tuchmann mit einem Kapital von 25 000 M errichtete „Joseph u. Fanny Tuchmanii'sche Wohltätigkeitsstiftnug." Posen. Die Synagogen-Gemeinden des Regierungsbezirks Posen haben sich zu einen! Verbände zusammengeschlossen. Oesterreich -Ungar«. Wien. Die Teilnahme hervorragender Wiener jüdischer Finanziers, besonders des Vorstandsmitgliedes der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Leopold Rftter von Tausstg an der r u ssischen Anleihe hat mehrere Protest-Versammlungen, in denen die Empörung der Wiener Juden zum lebhaften Ausdruck kam, zur Folge gehabt. Auch der Vorstand der Oester r. -Israel. Uuion hat einstimmig eine Entrüstuiigsresoln t i o n gefaßt, in der er ausspricht, daß er es „für ein zwingendes Gebot der Ehre Hält, daß die Judenschast jede Solidarität zwischen sich und jenen Wischen Finanzmännern, die unter Zurückstel- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. lung ethischer Pflichten hinter das Geschäft die Beteiligung -Oesterreichs au der russischen Anleihe vermittelt hoben, vor der Oe fse n t li ch kc i t adle h n e" und daß «er„vom Vorstände der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, als der berufenen Repräsentenz der Juden Wiens, erwarte, daß auch er seinerseirs purch eine klare Manifestation die Solidarität mit dem gekennzeichneten, die Ehre der österreichischen Judenschast schädigenden Vorgehen öfjentlich a b l e h n e." Wien. In der Zeit vom 8. Februar bis 17. April fanden hier 127 Austritte aus dem Judentum statt. Unter den erbärmlichen Ueberläusern sind folgende Akademiker: Jurist Hugo Morgenstern (aus Mähr.-Weißkirchcn gebürtig), Schriftsteller Arnold Tora, Dr. med. Ottfried Fellner, Dr. jur. David Ehrlich (Mkolajcw), Dr. Robert Aschkenasy (Frankfurt a. M.), Redakteur Adolf Gelbar (Pocthajce), Chemiker Dr. Georg Schick (Schurz), stud. techn. August Löwy, Rechtspraktikant Jakob Welt (Slorozynctz), Zahnarzt Dr. Alois Rotstiber (Mälazka), Dr. med. Moses Hrero Stössel (Brünn), 2ldvokatnrskandidat Richard Passer (Nenbidschow), Chemiker Ego» Böhme, Ingenieur Rudolf Lembergcr, Chemiker Dr. Felix Bunzl, Student Jiilius Otto Mandl, Hof- und Gerichtsadvokäl Dt. Moritz Hahn (Chanowitz), Dr. med. Heinrich Koller (Javoslau) und Dr. Albert Fichtengoltz (Odessa). Budapest. Zur Beglückwünschung der neuen Regierung entsandte auch die u n g arländische autonomesrthodoxe israelitische K o n f e s s i on eine Deputation an dieselbe. Präsident Adolf Frankl richtete an den Ministerpräsident .Weckcrle eine Ansprache, in der er sagte: „Geruhen Exzellenz, unsere konfessionelle Autonomie in Ihren gnädigen Schutz zu nehmen und uns so durch die Beschützüng unserer selbständigen Separat-Organisation in jene Lage zu bringen, daß a u ch wir in unserem bescheidenen Kreise an der beginnenden großen nationalen Arbeit t ei ln e h in e n können als schlichte, anspruchslose, hingebendc, eifrige Anhänger und einfache Kämpfer der ungarischen Staats- I d e e." In seiner Ansprache an Kultusminister Graf Apponyi sagte Präsident Frankl: „Die konfessionelle llnabhängigkeit und sogenannte Organisation der vaterländischen orthodoxen Judenschast ist das Resultat unseres aufopfernden Kanipfes und indem sie mit den Interessen des Staates üvcrcinstimmt, einer der t r e n c st e n D i e - »er der ungarischen Staats-Idee, die übrigens jetzt schon keine Idee mehr, sondern eine heilsame und nach menschlicher Vorstellung auf Ewigkeit aspirirende Tatsache ist. Durch die Beschützüng dieser unserer autonomen Selbständigkeit könne» wir in jene Lage versetzt werden, daß auch wir in diesem längst erwarte t e n Zeitalter der Kraft-Befreiung in unserem bescheidenen Kreise uns a n d c m g r o ß e n nationalen Werke, an der Schaffung der sicheren Grundlage der großen Zukunft der Nation beteiligen können. Als gesetzliche Vertreter der vaterländischen o r - t h o d. Judenschaft, dieses nicht iinbedeiiteiiden Lagers bescheidener und anspruchsloser, aber begeisterter und eifriger Vorkämpfer für nationake Kultur, nationale Arbeit, nationale Bestrebungen, bitten wir Exzellenz wiederholt um Ihren Schütz gegenüber den gegen uns von welcher Seite 'immer — wo man sich mit der Tatsache unserer besonderen Autonomie und »nscrcr Selbständigkeit noch immer nicht befreunden kann (gemeint ist die Ungar, aut. neologe isräel. Konfession. D. Redakt.j — gerichteten Angriffen." Beide Minister erwiderten sehr warm und versicherten, den Wert und das Recht 'der Autonomie sowie der weitgehendsten Glaubens- und Gewissens- Freiheit vollauf zu würdigen. Lemberg. Wie berichtet wird, hat der Statthalter die Verordnung, durch welche der hebräische Unterricht in den Religions-Unterrichtsstunden untersagt wurde, wieder zurückgezogen. Die Wahl des neuen Oberrabbi'ners regt die hiesige Judcnheit sehr auf. Von seiner einflußreichen Familie, u. a. vom Kultusvorsteher Samuel Edler v. Horowitz, wird, der gegenwärtige Stellvertreter und Stadtsynagogen-Rabbincr Staube aufgestellt, die Nolkspartci hingegen verlangt den Stanislauer Rabbiner Horowitz, der den Ruf einer talniudischen Kapazität ersten Ranges und eines tüchtigen Redners hat und dem man Selbständigkeit des Charakters nachrühmt. Frankreich. Paris. Der amerikanische Botschafter H e li r y White saiidte an den Präsident der Akkiaiice Jsraäkite Universelle folgende Erwiderung auf das Dankschreiben der Alliance für White's Bemühungen zu Gunsten der marokkanischen Inden:. „Den 26. April 1906. Herr Präsident; Ich beehre mich, Fhiic» den Empfang des so wohlwollenden Briefes zu bestätigen, den die A. I. U. mir am 9. d. Mts. geschrieben hat Und der mir bei meiner Rückkehr von Mgeciras zugestellt worden ist. Auch ich bin Nr. 17. glücklich, daß Sie der Meinung sind, ich wäre den Israeliten von Marokko in irgend einem Sinne dienlich gewesen, indem ich zu ihren Gunsten ans der Konferenz Schritte getan habe, und danke Ihnen für die Gefühle, die Sie hinsichtlich meines Landes aüszusprechen die Güte hatten. Genehmigen Sie, Herr Präsident, den Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung. Henry White." Rußland. Petersburg. Die Bereinigung für jüd. Gleichberechtigung hat ihren Namen in Gesellschaft für Gleichberechtigung d e S j ü d i s ch e n Volkes i n R u ß l a n d umgeändert. Rabbiner Lurjc-Kiew will einen Allrussischen Rabbiner-Verein gründen; er versendet an alle Rabbinen Einladungen zu der Gründungs-Versammlung. Odessa. 'An fünfhundert Waisen von dem November-Pogrom befinden sich hier i n d ex g r ö ß - ten Notlage. Da cs fast unmöglich ist, den fortwährend anlangeiiden Emigranten mit Hilfe zur Seite zu stehen, und da so wie so schon die Pogrome und die Krise im Handel und Wandel die hiesigen Juden sehr geschwächt haben, so kann für die Waisen nichts Belangreiches geschehen. Groüuo. Das Städtchen Schepotkin ist gänzlich ahgebrannt. Es kamen bei dem furchtbaren Brande auch etliche jüdische Personen um. Kiew. Die Polizei bat dem Gouverneur eine Liste der Häuser eingereicht, aus denen Mitglieder der jüdischen S e l b st w c h r bei den Oktober-Pogromen auf die Plünder- und Miird- Bandcu geschossen haben; auf die Häuser sollen Geldstrafen gelegt werden. Shitomir. Hier wurden die Wahlen zur Duma das erste Mal kassiert, aber auch das zweite Mal sind dieselben Juden wie das erste Mal durchgegangen. Die Gesamtzahl der Sttmmeii war 5300, davon von jüdischer Seite 3103 und von Russcii und Polen 2200. Personalien. Berlin. Der hier im Alter von 56 Jabren verstorbene Amtsgerichtsrat a. D. Heinrich Berwin hat von 1874 bis 1896 im Jiistizdienst gestanbcii und' war gleich nach seiner Ernennung zum Assessor 1879 als Krcisrichtcr in Schlverin a. W. angestellt worden. 1884 erfolgte seine Versetzung an das Amtsgericht in Knlmsce, wo er 1893 zum Amtsgerichtsrat ausrückte. Schon 1896 sah er sich aus Gesundheitsrücksichten genötigt, seinen Abschied zu nehmen. Seitdem wohnte er in Berlin. Schwei; a. W. Hier starb, 85 Jahre alt, der Kanfmanii Hermann Hirschberg. Der Verstorbene war mehr als 45 Jahre Vorsitzender des Vorstandesder Synagogengemeiiide. Lauenburg i. P. Am 9. Mai begeht in geistiger und körperlicher Gesundheit Frau H e n r i c t t e R i e ß ihren h ii ii b c r t st e n Geb n r t s t a g. Posen. Kaufmann Moritz Nathan in Samter ist zum Kreistag sab geordnete n und Dr. med. Munter daselbst zu dessen Stellvertreter gewählt worden. Rentier H e y m a u u in Chri st bürg, der mehrere Jahrzehnte der Stadtvertretung angehörte,-wurde zum Ehrenbürger ernannt. Brün». Die Witwe des Dichters Hieronymus L o r m, Mutter de-s hiesigen Arztes Dr. Ernst Laude s m a u ii, wurde unter zahlreicher Beteiligung zu Grabe getragen. Llmütz (Mähren). Unter großartiger Teilnahme aller Bevölkeriiiigsschichtcii — gegen 10 003 Menschen folgten dem Sarge — und militärischen Ehren wurde Herr Moritz Platzet, der älteste Radetzky- Beterau, zu Grabe .getragen. St. Gallen. Schulratspräsident Dr. Reichenbach ist mit 2393 Stmimen von 4358 abgegebenen Stimmen in den gallischen Kantonsrat gewählt worden. Philadelphia. Michael C. Hirsch, eines der angesehensten Mitglieder der hiesigen Judenhcit, ein Mann, der sich an allen jüdischen und allgemeinen Angelegenheiten aufs lebhafteste beteiligte, ist im Alter vou 71 Jahren verschieden. Er war in Bciisheim (Deutschland) geboren; konditionierte in Frankfurt und kam vor 50 Jahren nach ' Amerika. Eincinnatti. Der Seniorchef des größten jüdischen Verlagshauses in Amerika, Eduard Bloch verschied 77 Jahre alt. Bloch war der Schivager des bekannten Resormrabhiners Jsaac M. Wise, mit. dem er sich im Jahre 1855 zur Herausgabe des jüdischen Reformorgaues „American Jsraelitc" assoziierte. Aus diesem Unternehmen entstand dann das „Jewish Publiskiug House", ein jüdischer Verlag, in dem mehr jüdische Bücher, Broschüren usw. erschienen als in allen übrigen jüdischen Verlagsaustalten Amerikas zusammen. An den Namen Blochs knüpft sich auch die ameftikanischc, farbige Fahnen-Jndustric, deren Erfinder und erster Fabrikant in den Vereinigten Staaten Bloch'war.