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Neue jüdische Presse · 1906-04-27 · Heft 16 (27.4.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 16 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Inhalt Ser Beilage: Artikel: Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den Vereinen. — Sprechsaal. — Aus aller Wellt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Von den jüdischen Einjährigen, die am 1. April in das hiesige Regiment ejntraten, ließ . sich, einer als „freireligiös" einschreiben; vielleicht glaubte er, auf diese Weise tchneller zu den „Knöpfen" zu kommen. Vorläufig hat er aber nur den Schaden und überdies noch den Spott gehabt, denn . als er zu den verflossenen Feiertagen um Urlaub nachsuchte, lvurde derselbe Hm -vom /Hauptmann verweigert, „da er weder Hude noch Christ sei und . so keine Feiertage habe." Berlin. Zu den Ausweisungen russischer Staatsangehöriger ans Berlin wird dem „Berliner Tageblatt" mitgeteilt, daß der aus der Reichshauptstadt ausgewiesene Rigaer Kaufmann Boris Berlin für sich und seine Familie hier eine Wohnung zum Preise von 2400 Mark jährlich KS Oktober 1909 gemietet hatte und daß ihm behufs zollfreier Einfuhr seines Mobiliars von demselben Polizeipräsidenten, der ihn jetzt auswies, bescheinigt wurde, daß er sich hier zu dauerndem Aufenthalt niederlassen könne. Einige weitere besonders kennzeichnende Fälle sind die folgenden: Frau M. Bodik aus Kiew, Ehefrau des dortigen Kaufmanns erster Gilde Bodik, ist, trotzdem sic der Schöneberger Polizeidirektion ein bei der Tiskontogesellschaft deponiertes Vermögen von 80,000 Mark Nachweisen konnte, ausgewiesen worden, ebenso der Ingenieur B r o t s k i, der sich zwecks technischer Ausbildung hier aushiclt und bei der Teutschen Bank ein nachgewiesenes Guthaben von 20,000 Mk. besitzt. 'Ferner sind ausgewiesen: Kaufmann D w o rkind aus Mariapol (Guthaben bei der Teutschen Bank 10,000 Mark), Frau M. I r o n i in u s, die «us Rußland eine monatliche Revenue von 1000 Mark bezieht, Frau Ljubowa M o g i l e n s k a j a, deren Gatte ein Exportgeschäft in Hamburg besitzt und die eine monatliche Revenue von 300 Mark bezieht. Tie Ausweisungen sollen sowohl im" Abgeordnetenhaus wie im Reichstage zur Sprache gebracht werden. Berlin. Fernwirkungen der geplanten Higaretteusteuer in Deutschland. Bekanntlich liegt zurzeit dem Teutschen Reichstag unter anderen Steuerprojekten auch ein ■ solches betreffend eine Zigarettensteuer vor. lieber eine Fernwirkung dieses Projektes wird jetzt ans C a i r o (Egypten) gemeldet: Aus Südrußland kamen, vertrieben durch die entsetzlichen Verhältnisse' im Reiche des Zaren, zahlreiche jüdische Emigranten nach dem Orient, namentlich auch Egypten. Viele von ihnen fanden als Zigarettenarbeiter in den Zigarettenfabriken Cairos Beschäftigung. Infolge der drohenden Gefahr der Einführung der Zigarettenstcuer in Deutschland und des damit verbun denen Ausfalls an Msatzgelegenheiten haben viele Fabriken ihre Tätigkeit eingeschränkt oder eingestellt, sobaß Hunderte von jüdischen Arbeitern brotlos geworden sind. Tie Fabrik Engel und die von Laurent haben je 100 Arbeiter entlassen. Von den weltbekannten Firmen hatten Timitrino u. Co. ihre Arbeiten. zeitweilig eingestellt. Hiersind 180 Arbeiter betroffen worden. Tie Firma Kyriazi fröres hat sogar 300 Arbeiter entlassen müssen. Tie Firma Tiinitrino u. Co. arbeitet jetzt zwar wieder, aber nur mit beschränkter Arbeiterzahl. Berlin, 24. April. Dem „Rerl. Tageblatt" zufolge hat der Minister des Jnnernden Polizeipräsidenten von Berlin angewiesen, ihm über die Ausweisung russischer Staatsangehöriger. aus dem Landespolizeibezirk Berlin Bortrag zu halten. Oesterreich-Ungarn. Wien, 24. April. Abgeordnetenhaus. Abgeordneter Ellbogen bringt eine Interpellation »in über die Kotieru ng der russischen Anleihe. Es wird darin erklärt, daß die Kotierung in finanzieller Beziehung die gewissenlose Auslieferung des österreichischen Publikums, der. österreichi- Staatsfinanzen und der österreichischen Industrie, in politischer Beziehung. ein Verbrechen bedeute, denn sie bedeutet nichts ipeniger als die Bezahlung der durch den russischen Absolutismus verübten Massenmorde'mit österreichischem Gelbe. Ter österreichische Finanzminister, offenbar veranlaßt durch Goluchowski, fördere, die österreichische Bevölkerung auf, der Regierung Durnowo-Witte Geld zur Niederschießung von Freiheitskämpfern, zur Veranstaltung von Juden- «assakres, zur Bestechung europäischer Zeitungen, zur Fortfristung des kulturwidrigen Regimes zu schenken. Ellenbogen fragt schließlich, ob der Finanzminister trotz aller dieser Tatsachen die russische Anleihe zur Kotierung zulassen wolle. Budapest. Die hiesige Neologen-Geiueinde veröffentlicht ihre Bilanz sür das Jahr 1905. Tanach vereinnahmte sie Kr. 1502 000 und verausgabte Kr. 1546 000, darunter Kr. 570 000 für Wohltätigkeitsinstitutionen; Kr. 280 000 sür Schulen, für ihre beiden Synagogen Kr. 170.000 und für Talmud-Tora- Zwecke Kr. 5749.' Tie Gemeinde zählt 160 000 Seelen; die Zahl ihrer Steuerzahler beträgt 19000. RutzlauÄ. Petersburg. Das Budget der Regierung sür das Jahr 1906 ist im Ordinarium ntit einer Steigerung von 11 Millionen Rubeln gegen 1904 (das erste Kriegsjahr) festgesetzt. Tiefe Steigerung aber ist in der Tat eine ungeheure Senkung, denn inr Lause der beiden letzten Jahre hat die Regierung neue Steuern (die Steuer vom Gehalt der Beamten) eingeführt und die realen Steuern Grundbesitzsteuer, Gewerbesteuer, sowie die Zölle und indirekte Steuern bedeutend erhöht. Tie Steuer auf Branntivein wurde z. B. aus 1 Iiubel pro Eimer, die Erbsteuer auf 50 Proz., die Biersteuer auf 33V» Proz., Zündhölzer ans 100 Prozent erhöht. Alle diese Erhöhungen machen nach der minimalen Wschätzung ca. 80 bis 100 Millionen Rubel mehr aus. Also ohne alle die neuen Steuern, die als schwere Last auf das ruinierte, durch schwere Steuern erschöpfte Volk drücken, hätte das Ordinarium vom Jahre 1906 90 Millionen iveniger als das des Jahres 1904 ergeben. Mer nicht allein das charakterisiert die Erschütterung des ökononlischen Lebens und der russischen Finanzen. Das Defizit des Jahres 1906, das offiziös mit der Summe von 481 Millionen angegeben ist, ist .in der Tat bedeutend höhe r. Zu den 481 Millionen sind noch 135 Millionen Rubel hinzuzufügen, die die Regierung an Mendelssohn als kurzfristige Verpflichtung aüs- ,zahlen muß. (Von den 150 Millionen wurden im Tezember 15 Millionen ausgezahlt.) Tas Geld wurde schon im Jahre 1905 verbraucht. Tazu sind noch die Kosten zur Erhaltung der Armee im fernen Osten zuzurechnen, die die Regierung fürchtet, nach Rußland zurückzuschaffen, die Kosten des Transports der Gefangenen usw. Das Defizit wird also die Summe vou 800 Mill. überschreiten. Tiefe Summe kann nur durch Anleihen gedeckt werden, die Anleihen müssen aber geschlossen werden nicht nur um das Defizit zu decken, sondern auch zur Aufrechterhaltung dcS Geldverkehrs, denn der Abfluß des Goldes nach dem Ausland hat schon längst gefährliche Timenskonen angenommen. Ter Wert der im Umgang befindlichen Geldpapi ersche ine hat eine ungeheure Summe von 1200 Mill. Rübe l erreicht, während sie am 3 1. Dez. 19 0 4 nur 5 89,8 Millionen Rübe l betragen hat. Tie Goldmenge in den Schatzkammern der Staatsbank hat sich bedeutend vermindert. Tie freie Barschaft des Staatsschatzes ist längst verschwunden. — Es gibt nun keine neuen Einnahmequellen mehr; die vorhandenen sind, wie wir sehen, durchaus ungenügend, um nur die gewöhnlichen Ausgaben zu decken. Wie könnte es aber anders sein bei dieser ökonomischen Tesorganisaiion, bei dieser Armut, die im Lande herrscht, Allein während des Jahres 1905 hat das Land, einen ungeheuren Schaden erlitten, der eine - Zeit .von 10—20 Jahre braucht, um gedeckt zu werden. Tie Unruhen in Baku haben, nach den Angaben der Naphtaindustriellen, einen Schaden von 60 Mill. verursacht, die Bauernunruhen haben, nach den Angaben der Kommission Golubjow, einen Schaden von 33 Millionen, die Judenpogromen nicht minder wie 100 Millionen Rubel, der allgemeine Eiscnbahnstreik im Oktober ca. 50 Millionen Rubel gekostet usw. Rechnen wir noch die Hungersnot in 23 Gouvernements hinzu, die mehr als 40 Mill Rubel zur Vertellung unter den Hungernden erforderte. Tazu kommt der Medergang der Produktion nicht nur in der Eisen-, sondern auch in der Baumwollenindustrie, (die Zolleinnahmen für Baumwolle sind im Jahre 1905 25 Mil l. Rubel w eniger). Ter völlige Ruin der Bauernschast, der Ruin von blühenden Provinzen, so steht vor uns das erschütternde Bild eines zu Grunde gehenden Landes. Tie russische Regierung, die sich nur um den heutigen Tag kümmert, besinnt sich der Zukunft nicht. Die Mittel, die sie jetzt in die Hände bekommt, werden von ihr zum Kampfe mit dem Volke angewende t . sein, d. h. znm weiteren Ruin des Landes. Tie neue Regierung wird nolens volens genötigt sein, die Zahlungen einznstellen. „Rufs. Korresp." LoSz. Am 24. ds. Mts. fanden die Wablmännerwahlen zur Duma statt; es siegten die deutsch-polnischen Kompromißkandidaten über die jüdischen Kandidaten. MoSkau. Der bekannte Antisemit Schmakow organisiert hier nach Art der Pariser antisemitischen Liga einen Verband zur Bekämpfung der Juden; der Verband soll auch eine eigene Zeitung herausgeben. . Livau, 18 April. Seit einiger Zeit wird hier eifrig für die Dumawahlen gearbeitet, welche am 10. (23.) April stattfinden sollen. Die stadt Libau hat fünf Wahlmänner zu wählen, und da es Hierviele Nationalitäten wie Letten, Juden, Lithauer. Deutsche und Russen giebt, so haben sich die Letten, Juden und Lithauer zu einem Block zusammengeschlossen gegenüber den Deutschen und. .Russen, die ihrerseits fünf Antisemiten als Wahlmänner äüfstellen wollen. Die Letten, die hier in Libau viermal so viel als ' die Juden sind, geben dennoch den Juden die gleiche Zahl Wahlmänner, nämlich von den 5 Wahbmännern bekommen die Inden zwei, die Letten zwei, und die Lithauer 1. Der Block hätte die Hoffnung zu gewinnen,, da der Block 75»/» von den Wählern hat, aber leider können sich die hiesigen Juden über die zwei Wahlmänner, die sie zu wählen haben, nicht einigen. Die meisten Wähler wollen Dr. N. Katzenellenson und Lurie, die beide gute Juden und Nationalistensind; dagegen wollen andere Wähler einen getauften Juden als Wahlmann aufstellen. . Und dann werden die jüdischen Wähler sehr stark von den Bündisten gestört. Die Bündisten suchen mit allen Mitteln, die Juden von den Wahlen fern zu halten, wahrscheinlich wollen sie, daß Antisemiten gewählt werden sollen. Pesach wurde in allen hiesigen Gotteshäusern durch die Bündisten der Gottesdienst gestört. .In einige Tempel wurden sogar cirr paar Revolvcrschüsse abgefeuert, und als ein Jude die Polizei rufen wollte, wurde er beinahe totgeschlagen. S. R."' Palästina. Jerusalem. Eine Folge der Wirren In Rußland ist es, daß die armen hier lebenden Juden, .die von der russischen Chalukkah unterstützt wurden, große Not leiden, da die Chalukkahbeiträge aus Rußland in letzter Zeit nur äußerst spärlich einliefen. Personalien. München. Dem Staatsanwalt Dr. S i lb ers ch m i d t in Zweibrücken ist unter Belassung tn diesem Amte der Rang und Gehalt eines Ober - landesgerichtsrates verliehen worden. Er ist zurzeit der einzige Jude, der in Bayern als »Staatsanwalt tätig ist. Ter Sekretär am Amtsgericht Nürnberg, Josef Hesselberger, wurde zum Amtsrichter in Ludwigshafe» ernannt. . ~ Ter geprüfte Rechtspraktikant Herm. Kahn in St. Ingbert wurde zum Amtsanwaltibeim Amtsgericht in Kandel ernannt und zwar widerruflich. Zum Vorsitzenden des Schwurgerichtes in München für die 4. Schwurgerichtsperiode ist Oberlandcsgerichtsrat Silbermann bestimmt worden. Györ. Ans dem ungarischen Amtsblatt entnebmen wir, daß vou allerhöchster Stelle deu Teilhabern der hiesigen altrenommierten Györer Kaufmannsfirma E. Keppich, namentlich dessen Söhnen, den Herren Wilhelm und Ludwig Keppich als Anerkennung dex vielseitigen Verdienste, die sich die genannten sowohl ans kaufmännischem, als auf Wohltätigkeits-Gebiete, speziell durch munifizente bedeutende Stiftungen für Mittelschüler am Györer Gymnasium und an der Staats-Oberrealschule usw. erworben; sowie auch den Söhnen nach weiland Franz Keppich: den Herren Viktor Keppich, Dr. Gyuka Keppich und Doktor Paul Keppich und deren gesetzlichen Nachkommen der ungarischeAdelmit dem Prädikat „Felpecz" verliehen wurde. . New-Aork. In ihrem 83. Jahre verschied Frau Regina Burgunder geb. Lang, Witwe des Herrn Seligmann Burgunder. Die Verstorbene, die in Pretzfeld (Bayern) geboren war, und ihr verstorbener'Gatte erfreuten sich in weitesten Kreisen großen Ansehens. Oktober 1902 war es ihnen vergönnt, die goldene Hochzeit zu feiern. In Levi Spiegelberg, der im Mter von 76 Jahren plötzlich verschied, verlieren die hiesigen jüdischen Wohltätigkeitsvereine eines ihrer hervorragendsten Mitglieder. Spiegelberg war aus der Nähe von Kassel (Hessen-Nassau) gebürtig. . - W ' Aus der Lehrerwett. 1 * Nürnberg, 22. April. Heute hat^ hiernnHotel Plaut eine Versammlung von Lehrern laus Nürnberg. Fürth und der Umgebung stattgesunden: Tch Einbernfer, Herr Oppenheämer-Sulzbürgsb^- grüßte in warmen Worten die Erschieiienech-Asiitckc ihnen war .auch Herr Tistrikts-Raübiire^ Dr..,2LeÄöerg aus Snlzbürg. Herr Oppenheimer ging dann zur Tagesordnung . über: Konstituierung eines Fortbildungskurs ns für die Religionswissenschaften. Tas „alte Lernen" soll wieder auferstehen. Mit großem Beifall fand dieser Vorschlag allgemeine Zusttmmung scitens der Erschienenen, unter denen sogar Herrenaus Cham und Regensburg zu sehen waren.; Ferner

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