Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 15 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu M. 15 des Frankfurter Israelitischen Familieublaltes. Inhalt der Beilage: Artikel: Nachklänge. — Aus 'aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der zionist. Bewegung. — Briefkasten. — Vakanzen. „Jüdische Jugend." Nachttiiuge. Vorbei der Sedcr, verklungen die Gesänge, verrauscht ... Noch tönt mir in der Seele der gewaltige Schlußakkord, ertönt von tausenden Lippen, erfleht ans tausenden Herzen, ersehnt und erhofft von Sausenden und Tausenden Armer, Verstoßener, Verlassener, Heimatloser: Leschonoh habo biruscholojim! Wie viele von Euch, die Ihr lm behaglichen Heim, im Kreise Eurer Kinder sitzt, ich frage Euch, wieviele von Glich tvünschcn wirklich, was die Lippen sprechen? Es geht uns ja nichts ab, selbst in Jeruscholajiin kann's uns nicht besser gehen, als hier. Ich aber hatte an meinem Seder-Tische einen jener unglücklichen, von Weib und Kind gerissenen Armen, und als ich sah, wie bei dem Rufe: Leschonoh habo biruscholojim seine Angen sich feuchteten und eine Träne in seinen weißen Bart rollte, da kam es niir klar wie noch nie zum Bewußtsein, daß dieser Aufschrei eines gequälten Herzens auch die Hoffnung der Gequälten, Getretenen ist, der Rettnngsschimmer, der wie eine Wolkensäule bei Tag,!vie eine Feuersäule bei Nacht vor uns hcrzieht lind uns die Richtung gibt. Habe ich Dir nicht ein tlnrecht abznbittcn, armer Flüchtling an ineinem Tische? Warum bist Du elend, heimatlos? Weil DU Jude bist. tlnd bin ich, sind wir nicht auch Inden? Sind wir besser als Du? Nein, tausendmal nein, DU leidest für uns alle, für unser aller Sünden, und darum möchte ich Dir die Hände unter die tvandermttden, wunden Füße breiten, nröchte ich Dir die Stirne glätten »nd Dich bitten: O verzeih! — 'lud noch ein's ist's, >vas mir am Seder durch den Kopf ging und was ich Glich sagen möchte. Kol dichsiir, jeze w'jechel! Macht Ihr es wahr, was Ihr so großniütig und laut bekennt? Sind Eure Türen geöffnet, ist Euer Tisch gedeckt für diejenigen, die da hungern? Wohl, sagt Ihr, ich habe das Mcinige getan, ich habe so und so vielen heute zu csscil geben lassen! Ja, lassen, Ihr habt Geld'gegcven zur Stillung des Hungers; „Gehet hin," sagt Ihr, „esset nnd triilket, ich zahle es, ich habe ja Geld genug; ja, esset und trinket, nur über meine Schwelle koinnit nicht, an meinem Tische kann ich Euch nicht brauchen, meine Parketten und Teppiche beschmutzt nicht, meine Kinder beleidigt nicht durch Eiiren unästhetischen Anblick! Ihr seid ja nicht salonfähig, Ihr seid — Pollaken!" tlnd ich frage Euch, ist das jüdisch, ist das edel, ist das die Tugend, die Eilre Väter geübt? llnd ich schwöre Glich, daß derjenige der seinen Kindern zeigt, wie wohl man einem Heimatlosen init einem warmen Wort, init einem freundlichen Blick tun kann, ihnen ein weit besseres Erbe hinterläßt, als der von Euch, der Geld genug hat. Hungernde speisen zu lassen. Und habt Ihr nun ein Körnchen Wahrheit gefunden in dem, was ich .Euch, gesagt? Bekennet Ihr, daß Ihr dieses Jahr Unfreie seid, befangen in Lieblosigkeit, Stolz und Vorurteil? — O! So werft ab von Euch,"was Euch die Seele einengt, werdet frei, befreit Euch von jeder Voreingenommenheit, auf daß bas nächste Jahr uns alle begrüßen möge als Bne chorim, als Freie und Befreite. ... S. R. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 18. April. Die heutige öffent liche Sitzung des Ausschusses der Israelit. Gemeinde war nur kurz, sie währte kaum eine halbe Stunde. — Der Vorsitzende teilte mit, daß der Polizeipräsident den Voranschlag der Einnahmen und Ausgaben für das laufende Etatsjahr genehmigt habe. — Der Vorsitzende verlas sodann ein Schreiben des Vorstandes, in dem dieser mitteilt, daß er gegen die Veranstaltung eines unentgeltlichen orthodoxen H ü l f s g o t t e s d i e n st e s a n den hohen Feiertagen sek, er schlage vor, statt der Aula des PhilanthropinS ein größeres Lokal im Ostend zu nehmen, % der Plätze ä Jk 2MmE> den Rest unbemittelten Gemeindemitgliedern unentgeltlich abzngebcn; der Vorstand habe von dem Gemeindesekretär Herrn Worms, einen Bericht über die bisherigen Ergebnisse des org. HütfSgottesdienstes elngefordert, danach wurden das letzte Mal von 156 Mänuerplätzen 61 ä Jk 3 und von 80 Frauenplätzen 43 ä Jk 2 und der Rest unentgeltlich abgegeben, der Gottesdienst erforderte Jk 822 Ausgaben, denen nur Jk 312 Einnahmen gegenüberstande». — Nach einigen Bemerkungen der Herren Ettlinger und Kansman wird der Vorschlag des Vorstandes genehmigt. — Der Vorsitzende verlas sodann das Ergebnis einer am 1. Februar anfgenömmenen Statistik über die Teilnahme der israelitischen Schüler und Schülerinnen am.Religionsunterricht. Au den Mittelschulen ist die Teilnahme beinahe eine allgemeine. Bon 113 israelitischen Schülern des GoethegymnasinmS nahmen 77 am Religionsunterricht teil, Lessinggymnasium 36 (27), Musterschule 128 (120), Wöhlerschule 196 (170), Elisabethenschüle 299 (281), Hninboldtschule 76 (74), Madchengymnasinm 22 (13). Im ganzen nahmen von 1300 israelitischen Schülern und Schülerinnen 10°'» am Religionsunterricht nicht teil. Rußland. Sosnowice. In einem nur von Juden bewohnten Teile der. Ortschaft Z a r ck i sind 53 Häuser von einer. F e u e r s b r u n st eingeäschert worden. Die Not der obdachlos gewordenen Familien ist sehr groß und verlangt dringende Mhilfe. Argentinien. Buenos-Aires. Die Regierung hat ein Schach tv erb o t erlaffen. Personalien. Berlin. Fräulein Lucie Meyer Cohn, Tochter des im vorigen Jahre verstorbenen bekannten Bankiers und Ülutographensammlers Alexander Meyer- Cohn, hat sich mit dem Sollizitor Albert Oppenheimer in London, Sohn des verstorbenen Generalkonsuls Sir Charles Oppenheimer, verlobt. Berlin. In Meran verschied der Stabsarzt a. D. Sanitätsrat Dr. Moritz Korn, der viele Jahre in Berlin tvirkie. Korn ertvarb sich im dentsch-französischen Krieg das Eiserne Kreuz. Bou seinen Söhnen hat sich der jüngere, Arthur Korn, Professor der Physik in München, einen Namen gemacht. Man verdankt 'ihm n. a. ein neues System des drahtlosen Fernschreibens. Nürnberg» 17. April. Bei Beginn der heutigen Sitzung des Stadtmagistrats widmete der Vorsitzende denk vorgestern im 70. Lebensjahre verschiedenen Kommerzienrat Heinrich B e r o l z h e i - nr e r, Ehrenbürger ber Städte Nürnberg und Fürth, einen Nachruf. Er betonte, daß der Verstorbene sich nicht nur durch Wohltätigkeit ausgezeichnet habe, sondern auch besonders für die Interessen der Allgemeinheit Hervorragendes leistete, so habe er für den Bau des Künstlerheims einen großen Betrag gestiftet uikd der Natrtr historischen Gesellschaft, der Volksbildungsgesellschaft'und dem Aerztlichen Verein auf seine Kosten eigene Heime errichtet. Breslau. Zum Syndikus der jüdischen Gemeinde wurde Herr Rechtsanwalt Jost, ein Sohn des verstorbenen Rabbiner Dr. Joel, gewählt. Hannover. Landgerichtsrat Hammerschlag ist als K a m m e r g e r i ch t s r a t an das königliche Kammergericht in Berlin berufen worden. Köln a. Rh. Die Landgerichtsräte Wiernszows ki Und Rothschild sind zu O berlandesgerichtsräten ernannt worden, erstererin Köln, letzterer in Hamm. Dortmund. Assessor Gans wurde zum Amtsrichter in Gelsenkirchen ernannt. Königsberg. Dem Augenarzt Dr. Leo Polln ow ist die Rote Kreuzmedaille 3. Klasse verliehen worden. Dr. Pollnow ist der Vorsitzende der Krieger-Sanitätskolonne in Königsberg. Er stammt aus Lyck (O.- Pr.) und ist ein Sohn des dortigen Vorstandes der Synagogen-Gemeinde, Herrmann Pollnow. Vor einigen Jahren wurde Tr. Pollnow der Kaiserin vorgestellt und von . Ihrer Majestät zu einem Vorträge über die „Granulöse Augenkrankheit" besohlen. Wien. Von den auf der Jahresaussteklung im Künstkeryause verliehenen 17 Preisen erhielt Lazar Krestin für sein Bild „Bet!/ Hamidrasch" Äen Dumbapreis, Rudolf Knitt- ,ier für seinen „Herbsttag" die kleine goldene Medaille und Viktor Scharf für sein „Portrait des Herrn von M." die kleine goldene, Medaille. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Jüdische Bibliothek u u d L e s e h a l l e. Wie uns der Vorstand dieses Vereines niitteilt, hat sich die Lesehalle eines' stetig leigenden Besuchs zu erfreuen, so daß an manchen Lagen fast 50 Besucher gezählt werden. Während des Sommcrhalbjahres ist die Lesehalle an Wochentagen voll 12—3 vhr^mittags, Sonntag von 9—10 Uhr vormittags nnd samstags während des ganzen Tages geöffnet. Frankfurt a. M. Dem vor 3 Jahren gegründeten M ä d ch e n - K l u b gehören nach dem jüngst erschienenen Jahresbericht 112 junge Mädchen (27 Schneideriunen, 8 Putzinacherinneu, 1 Friseurin, 29 Verkäuferinnen, 15 Buchhalteriniieü, 3 Kassiererinnen, 5 Lageriskinneu, 3 Lehrerinnen, 2 Kindergärtnerinueu, 3 Köchiuucu und 16 Berufslose) an. Der Klulk ist seiner Aufgabe, den jungen Mädchen ein Heini zu schaffen und ihre Ausbildung zu fördern, im reichstcil Maße gerecht geworden. Er hat Kurse in Deutsch, Französisch, Englisch, Klinstgeschichte, Rechuen. Schreiben, Schneidern, Handarbeiten und Turnen eingerichtet und an 12 Abenden des abgelausenen Jahres GesellschastS-Abende veranstaltet. Die Bibliothek umfaßt bereits 1500 Bände. Auch ist, den jnngen Mädchen Gelegenheit geboten, im Klublokal ihre Abendmahlzeit (1905 wurden 2761 Portionen verabreicht) einzunehmen. Frankfurt a. M., Der Verein zur Bekleidung bedürftiger israelitischer Knaben wird von Jahr zu Jahr in erhöhtem Maße in Anspruch getrommen. Im Jahre 1905 versorgte er 233 Schulknaben und 119 Jünglinge mit Anzügen nnd Stiefeln und verausgabte hierfür Jk 10090 (für Kleidung Jk 7411 und für Stiefel Jk 2679). Berlin. Die vor 5 Semestern gegründete »B ereluigung jüdischer Akademiker" hat sich ailch im vergangenen Semester in erfreulicher Weise weiter entwickelt. Die Zahl, der Mitglieder betrug 43, wovon in Berlin 30 anwesend waren. Die im Verhältnis zu der kurzen Zeit des Bestehens große Mitgliederzahl zeigt, daß mit der Gründung des Vereins einem dringenden Bedürfnis entsprochen wurde nnd daß der Verein, der seine Mitglieder zu glaubenstreuen Söhnen des gesetzestreuenJud e n t n m s erziehen will nnd dabei alle modernen Fragen in den Kreis seiner Erörterungen zieht, zu. großen Hoffnungen berechtigt. Diese Hoffnungen lassen sich aber nur dann verwirklichen, wenn alle gesetzestreueit Studenten, die nach'Berlin kommen, sich' unserem Vereine anschließen und mit Eifer für ihn tätig sind. Folgende Referate wurden im vergangenen Semester gehalten: Herr cand. Phil. L e w y: Ueber etil neues konservatives jüd. Geschichtswerk (Jawitz); Herr sind. jur. Möller: Zionismus und gesetzestreues Judentuiu (2 Mende); Herr cand. Phil. Ne uwirth: lieber die Stellung der Nichtrabbiner zum Talmud: Herr cand.. Phil. Dreifus: Kinderspiele im babylonischen Talmud; Herr stud. Phil. Löwenstein: Zum Wesen des jüdischen Religionsgesetzes; Herr Dr. med. Preuß: Der Blinde im altjüdischen Schrifttnm. — An alle diese Referate schloffen sich lebhafte und anregende Diskussionen, in denen alle modernen und wissenschaftliche Probleme, die zum Judentum in Beziehung stehen, erörtert wurden. Außerdem wurde auch die Gemütlichkeit gepflegt, die die Mitglieder bis zu später Nachtstunde zusammenhielt. Der Vorstand setzte sich aus folgenden Herren zusammen: stud. jur. Jacob Möller, 1. Vorsitzender, Rabbiner Dr. E. Munk, 2. Vorsitzender, sind. med. Iwan Haarbnrger, 1. Schriftführer, Dr. med. Max Ascher, 2. Schriftführer, cand. Phil. Jmmanuak Lewy, Kassenwart. Anfragen nnd' Mitteilungen sind zu richten an den Ferienpräsidenten Herrn cand. med. Salomon .Hildesheimer, Berlin N., Friedrichstraße 130. Berlin. Der Israelit. Fortbildungs- Verein „Montefiore" (Vereinskokal: Dircksenskraße 46) hat sich im Berichtsjahre 1905/06 günstig weiterentwickelt; die Mitgliederzahl stieg auf 126, die Zahl der Gönner auf 36. Es hielten. Vorlesungen die Herren: Dr. -Biberfeld über „Dinim", Dr. Bleichrode (bezw. cand. Phil. Emanuel Lewy) über „Sprüche der Väter", Dr. Biberfeld über „Psalmen" im Sommersemester nnd Tr. Munk über „Dinim" nnd Dr. Wohlgemuth über „Kusari" im Wintersemester. Außerdem wurden mehrere Vorträge, ein Ausflug und das Stiftungsfest veranstaltet. Die Vereinsbiblioihek umfaßt jetzt 855 Bände. Berlin. Der vierte Geschäftsbericht (1905) des Hikssdereins der deutschen Juden enthält nicht weniger wie 216 Seiten. Er gibt einen Ueberblick Wer die Mnnigfaktige Tätigkeit des Hilfsvereins und zeigt mit seiner Mitgliedschaft/ daß' diese Tätigkeit unter den Juden Deutschlands allgemeine Anerkennung findet. Wir hallen bereits anläßlich seiner Generalversammlung über das Wirken des Hilfsvereins einen eingehenden Ueberblick gegeben.