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Neue jüdische Presse · 1906-03-16 · Heft 11 (16.3.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 11 des Frankfurter JsraMischeu Familiellblattes. Inhalt der BeUage: Artikel: Gedächtnisblätter einer jüdischen Mutter. — Ausgaben jüdischer Geineindepolitik. — Aus a-llerWelt. —Aus der zionistischen Bewegung. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Briefkasten. — Vakanzen. — Literatur und Kunst. — Bcreins- Gedächtnisblätter einer jüdischen Mutter. (Nachdruck verboten.) Nach dem schrecklichen Tode deS Mordcchai hatten wir keinen Gchnlfcn für das Geschäft. Kurze Zeit darauf-kam aber der reiche R. Juda Berliner mit R. Jakob Jbrin Kirchhahn zu uns. R- Juda blieb längere Zeit bei uns im Hause, da ans einer beabsichtigten Heirat nichts wurde und er ein Verwandter meines lieben Mannes war. Nachdem er so einige Wochen bei uns zu Gast war, erkannten wir seine Fähigkeiten solvohk im Gesetzesstudiuin, als auch im Geschäft, denn er war ein sehr kluger Mensch. Darauf sagte mein lieber Mann zu mir: „Gliickelcheii, was hältst Tu davon, wenn wir den jungen Mann bei uns anfiiähmen und ihn nach Danzig schickten, ich halte ihn für einen tüchtigen Menschen?" Ich erwiderte darauf meinem lieben Mann: „Auch ich, habe schon öfter daran gedacht, wir müssen doch wieder jemand haben." Daraufhin habe» wir mit ihm darüber, gesprochen, er ist es auch sofort zufrieden gewesen und es dauerte keine acht Tage, bis er nachTgnzig reiste. Sein ganzes Vermögen waren etwas Edelsteine im Werte von 20 bis 30 Taler», die er meinem liebe» Manne zu». Verkaufe oder zur Aufbewahrung znrücklicß. Nun, meine lieben Kinder, sehet, wenn der liebe Gott einem Menschen helfen will/ wie er aus Wenigem viel machen kann. Aus dem kleinen Kapital, das so viel tvie nichts gewesen, hat es R. Juda zu solchen Reichtümcr» gebracht und ist ein so großer, bedeutender Mann geworden.*) In Danzig hat R. Juda viele Unzen Perlen gekauft und ein recht gutes''Geschäft gemacht, wenn er auch das Geschäft noch nicht so sehr im Groszen betrieb. Dazu fehlte auch, der Kredit, der damals in Hamburg noch nicht in so ausgedehntem Maste gewährt wurde, wie heute. Wir loarcn ja noch junge Leute und verfügten nicht über große Reichtümcr. Wir versahen ihn aber mit Kreditbriefen und schickten ihm auch zeitweilig Wechsel, so das; er nie Mangel an Geldmitteln hatte. Zwei Jahre arbeitete er so in Danzig, kam dann wieder zu uns,, dann rechnete mein lieber Mann mit ihm ab und es kamen auf seinen Teil etwa 8—900 Taler Gewinn. Mit diesem Kapital zog R. Inda nach Hannover, hielt sich in der dortigen Gegend ans und traf SOi* stallen, sich zu verheiraten. In dieser Zeit ging das Gerücht von S a b - bat Hai Zwi durch die Welt. Um unserer Sünden willen haben wir aber die erhoffte Erlösung nicht erlebt. Was sich da alles getan hat, ist nicht zu beschreiben. Wie fest wir darauf gebaut und wie jung und alt sich reuiger Einkehr befleißigt und wie die Kunde durch die 'ganze Welt geeilt — o göttlicher Vater, wie stark hofften wir, daß du, barmherziger Gott, dich deines Volkes Israel in Gnaden annehnien und es erlösen würdest. Aber es war, als ob nur aus alledem Wind geboren werden soNte. Großer. Gast und König, wir vernahmen die Kunde und alle deine Diener und Kinder bemühten sich gar sehr in der ganzen.Welt, im Gebete, im reumütigen Wandel und ln guten Werken. Liber mitten in unserem gerechten Wandel und unseren Mühen sind wir gar. schmählich stecken geblieben. Aber mein Gott und Herr, dennoch verzagt dein Volk Israel doch nicht und . hofft täglich anf. deinenBarmherzigkeit und harret deiner Grsöfting,. -Wenn'auch' jeder kommende T'ag^e^.iwuietlen Aengsten 'findet, einstmals wird cs dein heiliger Wille sein lind du wirst , seinen'gedenken. Die-, laute Freude bei der Ankunft Sabb.-Zwi betreffender Briefe ist nicht zu beschreiben. Tie ineistcn . *) R. Jüda, von dem hier die Rede ist, war später der unter dem Namen Jost Liebmann bekannte Hofjulvelicr des Großen Kurfürsten. derartigen Bricsschnftcn gelangten an die Scphardim. Die brachten sie dann in ihre Synagogen und lasen sie dort öffentlich vor. Auch die deutschen Juden, jung und alt, sind mit dahin gezogen, sie zogen sich die besteil Kleider an, schlangen sich ein breites, grünseidenes Band um und das ist dann Sabbatai Zewi'S Livree gelvesen. So zogen sie mit Trommeln nlld Pfeifen in die Bethänser, lasen mit einer Freude lvie beim Wasserschöpffest die Schriftstücke, viele veräußerten leider Hab und Gut, Hans und Hof und hofften allesamt auf die Erlösung. Mein Schwiegervater wohnte noch in Hameln. Daraufhin gab er aber sein ganzes Besitztum auf, ließ Hans und Hof mit allem Zubehör stehen und nahm in Hildesheim seinen Wohnsitz. Uns schickte er zwei große Fässer nach Hamburg, die waren angefüllt mit Leinenzeng und Spcisevorrüten, wie Erbsen, Bohnen, Dörrfleisch, Dörrobst, soviel nur Raum hatte, denn der gute selige Mann dachte nicht anders, als man werde direkt von Hamburg nach dem .Heiligen Lande fahren. Länger als eia Jahr standen die Fässer bei uns im Hanse, endlich befürchteten sie, daß der Inhalt verderbe. Auf ihren Wunsch nahmen wir dann die Eßwaren heraus, dann standen sic noch weitere drei Jahre und er hoffte noch immer darauf, sie zur Reise zu benötigen. Aber dem .Höchsten hat cs nicht so gefallen l Wir lvissen lvohs, daß uns der Höchste die Erlösung zngesagt und wenn wir ganz fromm wären aus dem Grunde unseres Herzens heraus, und nicht so schlecht wären, so bin ich gewiß, daß Gott sich unserer erbarmen würde, und würden wir nur das Gebot der Nächstenliebe voll und ganz erfüllen, aber Gott soll sich erbarmen, wie wir dem gerecht werden, der Neid, Herder und der Haß unter uns, kann nicht gut tun. Dennoch, du lieber Herr und Gott, was du uns zngesagt, Ivirst du königlich und gnädiglich halten, ob. es sich auch um unserer Sünden willen so lange hinauszieht. Wir werden es doch erreichen, wenn die angesetzte Zeit herannaht, und darauf wolleir wir unsere Hoffnung setzen, wollen beten zu dir, großer Gott, daß du uns einmal mit der vollständigen Erlösung erfreuen werdest. (Fortsetzung folgt.) Aufgaben jüdischer Gemeindepolitik. Unter diesem Titel hat Rechtsanwalt Dr. Max Kollenscher - Posen ein Heftchen von 9 Seiten erscheinen lassen, dessen erste Sätze wie folgt lauten: „In den jüdischen Genreinden haben sich im letzte» Jahrhundert große Wandlungen vollzogen. Vor hundert Jahren waren sie die Mittelpunkte des gesamten jüdischen Lebens; alles, was die Jndenheit bewegte und erregte, spielte sich in den Gemeinden ab, war Teil des Gemeindetebens. Die jüdischen Gemeinden regelten und unterhielten den Kultus, sie pflegten jüdisches Wesen und Wissen, sie verwalteten alle gemeinsamen Angelegenheiten ihrer Mitglieder und sprächen über sie Recht. Diese alten jüdischen Gemeinden fanden ihr Ende in der Zeit der Emanzipation. Nicht, etwa, weil das Fortbestehen des Judentums als nationaler und kultureller Einheit dem Geiste der Emanzipation widersprochen hätte, Die Emanzipation sollte nur die Fesseln sprengen, die der freien Entwicklung der Individualitäten — sowohl einzelner, als ganzer Volksklassen und. Volksstämme — hinderlich waren. Sie sollte für jeden Menschen die Möglichkeit schaffen, nach seiner Fasson selig zu werden, jedem Volksstamme die. Gelegenheit geben, sich in seinem Volkscharakter) in seiner, eigenen nationalen Kultur anszuleben.; ’ Rur die. ödeste Gleichmacherei konnte es fertig bringen, in der. Emanzipation das Linsgehen , aller nationalen Selbständigkeit, das vollständige: Aufgehen nicht, nur. im Staatswesen,. sondern auch in der fremden Rationalität zu erblicken. Biete Juden — und gerade die maßgebenden -- haben diesen logischen -.und politischen Fehler begangen. Sie haben geglaubt/' es der. Emanzipation und dem Staate, der sie . ihnen gewährte,. schuldig zu sein, die eigene .Rationalität...ganz ,aufzugeben: und alles zu unterdrücken, was jüdisch im Charakter nnd imEmpfinden, imDenkennnd im Handeln war. Nur die Religion glaubte man doch noch ' als einzige 'Reliquie von dem Schatze des Judentums in die moderne Zeit übernehmen gii sollen; und so entstanden die deutschen, französischen, englischen, amerikanischen, sogar russischen und rumänischen Staatsbürger jüdißchen Glaubens." ' . Die verderblichen Folgen liegen vor unfern Augen nunmehr klar zu Tage: Die Entjudung schreitet auf der ganzen Linie vor. Auch die „einzige Reliquie", die man noch bewahren zu wollen vorgab, das religiöse Judentum scheint dem Untergang geweiht. Bi an werfe einen Mick aus die religiösen Zustände unter den Juden Deutschlands wie sie vor hundert Jahren bestanden und vergleiche damit die trostlose Gegenwart, wo jüdische Männer, denen jüdisches Wissen und jüdische Tugenden noch nicht fremd geworden sind, so selten wurden, „einer in einer Stadt, zwei in einer Familie," und der Ernst der gegenwärtigen Lage, sowie die Aussicht für die Zukunft wird jedem Verni'iiistigcu klar sein. Und es mußte so kommen! Tenn muß nicht der . kräftigste Baum verdorre», dem das Erdreich, in dem er wurzelt, abgegraben wird, die wasserreichste Quelle nicht versiegen, der die Adern abgcschnittc» werden? DicS aber geschah dem Judentum mit seiner Entnationalisierung, d. h. Entjuduiig. . . . Und eben dahin ging das heiße Bestreben der blindwütigen Reformer. Nicht um die Zeremonie», ihre Zahl oder, die Art und Weise ihrer Ausübung, sonder» einzig und allein um die Gesinnung, um die Empfindnng, daß sie aufhörcii, jüdisch zu sein, war es ihnen vorzugsweise zu tun. Es ist daher nicht ohne Komik, wenn man sieht, daß diejenigen Kreise der Gesetzcstreucn, die in ihrer fortschreitenden Entwickelung cs so weit gebracht haben, daß auch ihnen schon das Jiideiitiim nichts weiter ist, als ein Bündel von Zercmonialgesetzcn: sie, die von einer jüdischen Ration nichts mehr wissen wollen, sich wie wütend mit den Reformern herumschlagen. Diese Herren, denen es glücklich gelungen ist, „die Seele zu verbrennen und nur die körperlichen Formen zu erhalten," können sich sticht genug tun im „Trennen"; sie möchten, wenn es ginge, noch die Trennung trennen. In der Hitze des langen und ermüdenden Kampfes scheinen beide Kämpen vergessen zu haben — um was der Kampf eigentlich geführt wird . . .. daß der Kampf gegenstandslos geworden ist. da doch mittlerweile beiden Gegnern die jüdische Seele abhanden gekommen ' ist. Und um diese, und nur um diese entbrannte der grimmige Streit! Einst griffen, so erzählt uns Heine, zwei Brüder, von der Eifersucht entbrannt, zum ^chwcrte. Wenn Brüder aus Leben und Tod kämpfen, kann es nur Unglück geben: alsbald waren sie beide tot. Sie sind. tot und wissen es selber nicht; allnächtlich zur selben Unglücksstnndc, an derselben Unglücksstätte erschallt' immer aufs neue Schwertgeklirr und Kampfgetöse. Die Lebenden aber, denen ein warmes jüdisches Herz jii dem treuen Busen schlägt, haben bessere Aufgaben zu erfüllen und heiligeren Pflichten obzuliegen, als sich um diesen Schattenkrieg zu kümmern. Sie, die offenen Auges die Gefahr für Inden und Judentum erkennen, müssen dafür sorgen, daß ie abgewendct wird. Der Weg hierzu, da .des Uebels Ursprung bekannt, ist gegeben; man muß ihn nur beschreiten wollen. Eine kleine Zahl armer Schiffbrüchiger rettete sich auf eine kleine Insel inmitten des Weltmeeres. Klein und gering war die Fläche, die sie rettend trug, und von Tag zu Tag ward sic noch immer kleiner, denn die unbarmherzigen Wellen habe» langsam aber kräftig an die geringe Stütze ihrer Füße genagt, Teile davon in ihren unermeßlichen Rachen verschlingend. Langsam aber ohne Unterlaß zog das Verderben heran, der Schrecken raubte ihnen die! Uebcrlcguug und sie fingen a», jedes locker gewordene Stückchen ihrer Scholle mit Fußtritte» abznstoßen, vcrmcknend, dadurch' die Haltbarkeit des Restes zu 'sichern, während die stürmischen Wogen, unersättlich wie sie sind, immer weitere Teile — für einen Fußtritt reif machten. . . Tie Armen wären unfehlbar verloren, wenn sie nicht endlich zur Einsicht gekommen wären, daß sie, so fortfahrend, sich selbst de» Untergang vorbcreikcn: sie singen daher in dieser Stunde an, mit mehr Liebe ihren Boden zu behandeln: statt Fußtritte auszuteilen, fanden sich fleißige Hände, die bemüht waren, jeden Zott Boden, der sie trug, liebevoll zu pflegen, und gerade die schwächeren Teile erfreuten sich ihrer besonderen Sorgfalt, damit sie nicht abbrockeln, und die unbarmherzigen Fluten das Unheil nicht auf weitere Kreise ausdehnen. Gott wollte sie nicht verderben, daricm gab er .ihnen den Verstand wieder........ Aus den Eemeiiidcstube» ist der Geist des Lebens entschwunden, seitdem sie aufgehört haben, cs zu sein und in KnltuSstuben sich verwandelt haben. Sie müssen wieder Gemeindehäuser werden: Häuser der Gemeinde, wo alles Gemeinsame der' Jndenheit zu Hause ist. Aber, um diese Ziele zu erreiche», müssen alle jene Hand mit anlegen, die begreifen, um was es sich handelt, daß. es um unsere Seele und nm die Seelen unserer Kinder geht. Da gibt es nur zwei Parteien: Diejenigen, die die Erhaltung eines lebendigen Judentums wünschen und jene, die es höchstens als „alte Reliquie" noch behalten möchten. Es »ruß aber auch dasür gesorgt werden, daß dieses Verstehen weitere, immer weitere Kreise ergreift, dann werden die Gespenster und die Gespensterfurcht ans unserer Mitte verschwinden. 8. ES. Generalversa mmlung deS Zcntral- Die 'Aufgaben jüdischer Gemciiidepolitik war auch das Thema, über öo» Herr Fritz Sondheiiner

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