Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage W Nr. 10 des Frankfurter Jfraelitifcheu Familienblattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Purims. — Die Beschlüsse derSchulgesehkommisfion über die zukünftige Gestaltung oes jüdischen Schulwesens. — Der böhmische Rabbinerverband und die Leichenverbrennung. — Der I. terretorialistische Parteitag der Schweiz. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den B er einen. — Aus der zionistischen Bewegung. — Literatur und Kunst. — Vakanzen. — Briefkasten. Purims. Obwohl seiner Entstehungsgeschichte und seinem ganzen Wesen nach ein Fest zweiten Ranges, verstand es der Purim, sich bei unserm.Volke so cinzubürgern, daß er zu einem beliebten, frisch-fröhlichen Feste wurde, an dem der sorgenbeladene, verfolgungsmüde Jude, auch Einmal lustig sein durfte. 'Schon unsere Weisen scheinen eine besondere Vorliebe für den Purim gefaßt zu haben. Sie prophezeien, daß er alle jüdischen Feste überleben werde und machen es zur Pflicht, sich an diesem Tage dem Trünke so weit zu ergeben, bis man unfähig ist, zu unterscheiden zwischen „Verflucht sei Haman" und „gesegnet sei Mordechai". Natürlich braucht der jüdische Leser nicht darauf aufmerksam gemacht zu werben, daß auch der strengreligiöseste Jllde niemals dieses Gebot wörtlich aufnahm, sondern es als einen drastischen Ausdruck für die Freude, der sich der Jude am Purim hingeben soll, ausfaßt. Irr Gegenden, wo noch die alt-jüdische Lebensweise zu Hause ist, bildet Purim in Wirklichkeit das fröhlichste Fest, das durch seine reiche „Sudah" und „Mischloach Monouß", durch „Homonklopfen" und „Purimspieler" und viele andre Ueberraschungen von jung und alt mit der gleichen Sehnsucht erwartet und mit der gleichen Freude begrüßt wird. Was am meisten für die große Popularität des Purimfestes spricht, ist die häufige Imitation desselben im späteren jüdischen Leben, die ungeheure Zahl von Purims, die von. einzelnen Gemeinden, ja sogar Fainilien zu den verschiedensten Zeiten ins Leben gerufen wurden. Drohte eine Gefahr irgend einer Gemeinde oder Person und wurde eines Tages diese Gefahr durch irgend ein „Neß" vereitelt, so wurde ein Purim proklamiert, der von den Mitgliedern der betreffende Gemeinde, bezw. den Nachkommen der betreffenden Person für alle Zeiten beobachtet werden' sollte. Das Zeremoniell war das Gleiche wie am Originalpurim: eine „Megillah", die Geschichte des betreffenden Purim, wurde in den Synagogen event. im Familienkreis verlesen, eine „Sudah" veranstaltet, Mischloach Monouß umatonouß loewjounim, kein „Tchanun" gebetet, man durfte keine Arbeit an diesem Tage verrichten, ja sehr oft ging sogar ein Fasttag dem Purim voran, wie Taaniß Esther dem wirklichen Purim. Me Zahl dieser Purims ist sehr groß. Prof. Steinschneider in seiner Schrift „Purim und Parodie" und Heinrich Zirndorf in einem in den Nr. 35 bis 51 1892 in der in Cincinnati erschienenen Zeitschrift „Deborah" publizierten Artikel geben eine Aufzählung dieser Purims, die jedoch keinesfalls als vollständig zu betrachten ist, da eine Anzahl der Purims bereits in Vergessenheit geraten ist, viele andere dagegen in die Oefsentlichkeit noch gar nicht getreten sind. Die meisten der Imitations-Purims gehören der neuen Zeit an, und nur sehr selten begegnen wir einem Purim, der vom wirklichen Mittelalter datiert. Einer besonderen.Beliebtheit scheinen sie sich bei den fephardisch-orientalischen Juden zu erfreuen, die sie noch bis auf den heutigen Tag beobachten, obwohl die Ursache ihrer Entstehung manchmal einen sehr geringen historischen Wert hat und in Wirklichkeit es gar nicht verdient, derartig -gefeiert zu werden. In Marokko hat fast jede Gemeinde ihren Purim, manche sogar einige Purims. Sie tragenalle den Charakter eines Gemeindeereignisses; es ist mir kein einziger Fall eines Familienpurims bekannt. Auch. Purims, die in spanischen Kehilloth entstanden sind, werden noch, jetzt von ihren Nachkommen in der Türkei und in Marokko gefeiert, obwohl die betreffende Gemeinde mit der Vertreibung der Juden aus Spanien weder äs kaoto noch äs jure wehr existiert. —.Weniger an Zahl, dafür aber reicher an Interesse und historischem Wert sind die Purims, die in der afchkenasifch-jüdischen Welt bekannt sind und die überwiegend dem Familiengenre angehören. Es ist begreiflich, daß ich an dieser Stelle unmöglich alle bekannten Purims auszählen und ihre Entstehungsgeschichte berichten kann. Manche verdienen auch gar nicht das Interesse. Ich will hier nur die aller interessantesten Gemeinde- und IFamilienpurims sowohl der europäischen als der asiatischen Juden behandeln, natürlich in möglichster Kürze, nach dem ich einen TPil der übrigen nur bei ihrem offiziellen Namen nenne und Datum und Veranlassung im Stile chronologischer Tafeln angebe: Purim N a r b o n n e, am 21. Adar seit 1236, zum Andenken der Gefahr, die den dortigen Juden drohte, als ein Jude mit einem christlichen Fischer stritt und ihn ermordete; Purim Edom, am 8. Cherschwan seit 1541, in Algier gefeiert zum Andenken an eine Mederlage der Spanier; Purim Ancona, am 21. Tebeth, seit 1690 zum Andenken an das Erdbeben; Purim de los ladrones (der Räuber) am 22. Ellul, in Adrianopel, seit 1786, zum Andenken an die Anklage, die gegen die dortigen Juden erhoben wurde, sie hätten mit den Räubern, die damals die Stadt verwüsteten, und von den sie am meisten zu leiden hatten, gemeinsame Sache gemacht; P u r i m d i F u o c o (die Feuersbrunst), am 11. Sivan in Padua, seit 1795, in welchem.Jahre dort ein großes Feuer wütete, welches aber von dem Vize-Podesta besiegt wurde; Pulverpurim, am 15. Kislev, von den Nachkommen des Rabbi Abraham Danzig, des Verfassers des berühmten Buches „Chaje Odom", gefeiert zum Andenken an die fürchterliche Arsenalexplosion in Wilna, 1804, wobei viele Juden umkamen, der Rabbi und seine Familie jedoch auf wunderbare Weise gerettet wurden; Purim de la Senora (der Frau), aus der Insel Chios seit 1820 gefeiert, zum Andenken an eine jüdische Frau, die als sie Barches für Schabbos buck, mit einer geladenen Kanone in Berührung kam und durch de» abgefeuerten Schuß die Aufmerksamkeit der Türken auf die Anwesenheit von griechischen Freiheitskämpfern in Chios zog und den Juden dadurch besondere Privilegien verschaffte; Purim Rhodos, seit 1840 am 14. Adar auf dieser Insel gefeiert, zum Andenken an eine mißlungene Blutlüge, wodurch die dortigen Schwammhändler ihre jüdischen Konkurrenten zu vernichten hofften. Purim Schiras oder Purim „Moed K a t a n". Dieser Purim wird am 2. Cheschwan in Schiras in Persien gefeiert. Seine Entstehungszeit ist nicht genau bekannt; nach einigen soll er schon am Anfang des 13. Jahrhunderts bekannt gewesen sein, andere dagegen wollen ihn am Ende des 14. Jahrhunderts entstanden sein wissen. Dieser Tag wird genau wie Purim beobachtet und eine Megillah, die die Entstehung dieses Purims berichtet, zur Verlesung gebracht. Der Gruß an diesem Tage lautet: „Moed Katan!" oder „Abu-el-Chassan!" Folgendes ist die Geschichte dieses Purims. Ein jüdischer Metzger und Schochet, namens Mu-al-Chassan, wurde an einem Vorabend des Rösch haschanoh treifes Fleisch verkauft zu haben befunden. Me jüdische Bevölkerung war daher gegen diesen Frevler sehr empört. Um der Wut seiner Stammesgenossen zu entgehen, bekehrte sich Abu-al-Chassan zum Islam und hetzte, racheschnaubend, die Mohamedaner gegen die Juden auf und brachte es so weit, daß die Mohamedaner die jüdische Gemeinde von Schiras vor die. Alternative stellte, ermordet zu werden oder sich zum Islam zu bekehren. Die ganze Gemeinde wählte, leider, das letztere. Nach einem Monat, am 2. Cheschwan, starb plötzlich Abu-al-Chassan, in dessen Tasche ein Zettel gefunden wurde, in dem er beteuert, daß alle von ihm gegen die Juden erhobenen Beschuldigungen falsch seien. Daraufhin erlaubten die Perser den Juden, zu ihrem Glauben zurückkehren zu dürfen. Purim Saragossa wird von den Nachkommen der ehemaligen Gemeinde zu Saragossa, die ihre Synagogen in Jerusalem, Saloniki, Smirna, Konstantinopel, Magnesia, Mellasso und Aiöin haben, am 17. und 18. Schwat gefeiert, zum Andenken an ein Wunder, das ihren Vorfahren in Saragossa, geschehen sein soll. Als Alfons der Fünfte im Jahre 1420 Saragossa besuchte, wurde er von den dortigen Juden mit großem Pomp empfangen. In der Prozession, die zu seiner Ehre veranstaltet war, trugen die Rabbinen der Stadt alle heiligen Schreine der dortigen Synagogen. Diese waren jedoch leer, da die Rabbiner ihre Bedenken hatten, gegen den Gebrauch der Gesetzesrollen zu einem solchen Zwecke. Dieses erfuhr ein getaufter Jude namens Marcus, der es dem König denunzierte, es. als geringschähende Handlung seitens der Juden auslegend. Der König war wütend und beschloß bei der nächsten Prozession die Schreine zu öffnen und die Gemeinde hart zu bestrafen. In der Nacht vor der nächsten Prozession erschien Elejahu hanowi den Synagogendienern der 12 Synagogen Saragossas und teilte ihnen den Königlichen Beschluß mit. Als die Prozession am nächsten Tage vor dem König vorüberging, wurden die Rabbiner angehalten und die Schreine ausgerissen. Die Thoras fehlten nicht. Der König verurteilte dann sofort Marcus zum Tode. Purim Winz wurde 1616 von der Gemeinde in Frankfurt a. Al. als ein Purim, der am 20. Adar gefeiert werden soll, proklamiert. An diesem Tage pflegte „Adon Aulom" mit einer besonders dazu komponierten Melodie gesungen zu werden. Rabbi Ejchonon ben Abraham Helen verfaßte ein hebräisches und jüdisch-deutsches Poem „Megillah Winz". Das deutsche „Das Vinz-HanS Lied" wurde auch am Purim Winz gesungen und zwar mit der Melodie „der Schlacht von Pavia". Die Veranlassung zu diesem Purim gab die Hinrichtung Vinzenz Fettmilchs, eines bekannten Demagogen in Frankfurt a. M., von dem die dortigen Juden sehr viel zu leiden hatten. So interessant auch die Geschichte des Fettmilch'schen „Pogroms" und des heldenmütigen Widerstandes, den die damals 2000 Seelen starke Frankfurter jüdische Gemeinde leistete, ist, so erachte ich es doch als überflüssig, über diese allzubekannte Begebenheit an dieser Stelle noch ausführlicher zu sprechen. Fürhan.g Purim am 22. Tebeth mit vorangehendem Fasttage von den Mitgliedern der Familie' Altschul seit 1623 gefeiert. Die Entstehungsgeschichte dieses Purims ist-sehr interessant. Im Jahre 1623 wurden vom Palais des böhmischen Statthalters, des. Prinzen Lichtenstein, während seiner Abwesenheit von Prag Damaskvorhänge gestohlen. Der Kastellan befahl in allen Synagogen zu verkünden, daß wer die Vorhänge gefunden, gegenwärtig besäße, sie dem Vorsteher seiner Synagoge bringen sollte. Ein Jude namens Joseph ben Jekutiel Thein brachte sie auch bald dem Vorsteher seiner Synagoge, der Weisel schul, Chanoch ben Mouscheh Altschul und teilte ihm mit, er hätte sie von zwei Soldaten gekauft. Altschul überlieferte dieselben dem Grafen Rudolf Waldstein, der damals als Vize-Statthalter fungierte. Der Graf wollte durchaus den Namen des Empfängers der gestohlenen Güter erfahren, damit er ihn bestrafe. Altschul weigerte sich aber, ihm den Namen zu nennen. Gemäß eines Statuts der „Takonoth" der Prager Gemeinde, nach dem es verboten ist, den Namen eines Empfängers gestohlener Güter zu entdecken, wenn er sie freiwlllig zurückgibt. Graf Waldstein machte daher Altschul verantwortlich, ließ ihn einkerkern und gab den Befehl, ihm am folgenden Tag hinzurichten. Als die Rabbiner davon in Kenntnis gesetzt wurden, erlaubten sie Mtschul, den Namen Theins zu nennen, wodurch er frei kam und Thein an seiner Stelle die Todesstrafe erleiden sollte. Die Genieinde gab sich alle Mühe, den Armen zu retten, es half aber nichts. Endlich gelang es den christlichen Stadtvätern, den Grasen Waldstein zu bewegen, den armen Mann zu verschonen, jedoch unter der Bedingung, daß die jüdische Gemeinde dafür, eine Summe von 10000 Florin entrichte. Um den Juden diese Strafe recht empfindlich zu machen, verordnete Graf Waldstein, daß diese Summe in zehn gleichen Raten ausgezahlt und zwar je 1000 Florin in Silber, die von Zehn der angesehensten Juden Prags in Leinwandsäckchen durch die Hauptstraßen auf das Rathaus gebracht werden sollten. Mtschul, der Gründer dieses Purim, hinterließ auch