Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 7 des Frankfurter Israelitischen Fluylliendlattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Schopenhauer über die Juden. — Göttliche Gerechtigkeit. — Personalien. — Aus d er Lehrerwelt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Vakanzen. — Briefkasten. — Literatur und Kunst. — ..Jüdische Jugend." Schopenhauer über die Inden. Von stuä. für. Gotthelf Cohn, Kiel. In Schopenhauers Schriften finden sich an vorschiedciie» Stellen mehrere mehr oder weniger ausführliche Bemerkungen über Inden, Judentum nsw., und cs lohnt wohl die Mühe, die verstreuten Ausführungen des großen Philosophen einmal zusammen» zustellcn, wenn sie auch bei den meisten von uns lebhaften Widerspruch Hervorrufen werden. I. G. Rhode hat in seinem Buche „Die heilige Sage des Zendvolks" nach Schopenhauers Ansicht gründlich nachgewiesen, daß die Judenreligion ans der Zendreligion*) hervorgegangen, daß Haschem ans Ormuzd geworden ist. Dieser selbst stamme ans dem Brahmanismns, er sei kein anderer als Indra, jener untergeordnete, oft mit Menschen rivalisierende Gott des Firmaments und der Atmosphäre. Einen Beweis dafür, daß Haschem Ormuzd sei, glaubt Schopenhauer gefunden zu haben im ersten Buch Esra in der I.XX: „Keyros, der König, ließ das Hans des Herrn zu Jerusalem bauen, wo ihm durch das immerwährende Feuer geopfert wird." Auch das zweite Buch der Makkabäer, Kaps 1 und 2, und Kap. 13, 8 beweise, daß, die Religion der Inden die der Perser gewesen sei, da erzählt werde, die in die babylonische Gefangenschaft abgcführten Juden hätten, unter Leitung des Neheinias, das geheiligte Feuer in einer ausgetrockneten Zisterne verborgen, und, nachdem es unter Wasser geraten, durch ein Wunder später wieder angcfacht, zu großer Erbauung des Perserkönigs. Ei» weiteres Argument für die Abstammung der jüdischen Religion aus der persischen sei der Umstand, daß die Perser den Abscheu der Juden gegen Bilderdienst .teilen und ihre Götter ebensowenig im Bilde darstellten, wie die Juden cs taten. . Schließlich führt Schopenhauer noch als Bestätigung des Ursprungs des Judentiiins aus der Zendreligion an, daß nach dem Alten Testament und anderen jüdischen Autoritäten, die Cherubim stierköpfige Wesen sind, auf welchem Haschem reitet. Derartige Tiere, halb Stier, halb Mensch, finden sich auf den Skulpturen in Persepolis, besonders aber unter den in Mosul und Nimrnd gefundenen assyrischen Statuen, und sogar soll in Wien ein geschnittener Stein sein, welcher den Ormuzd ans hinein solchen Ochsen-Cherubim reitend darstellt. . Wenn nun zwar für Schopenhauer die Abstammung der jüdischen Religion aus der persischen feststeht, so unterscheide sich jene doch, wesentlich in zwei Punkten von dieser zu ihrem Vorteil, wie zu ihrem Nachteil. Zunächst spricht er der jüdischen Religion das eigentlich Wesentliche jeder Religion ab; das Wesentliche einer Religion bestehe, in der Ueberzengung, die sie ihren Anhängern gebe, daß bas eigentliche Dasein des Menschen nicht auf unser Leben beschränkt, sondern unendlich sei. „Solches nun leistet diese erbärmliche Judenreligion durchaus nicht, ja unternimmt es nicht. Darum ist sie die roheste und schlechteste unter allen Religionen, besteht bloß in einem empörenden und absurden Theismus, und läuft darauf hinaus, daß der Kosmos, der die Welt geschaffen hat, verehrt sein will; daher er vor allen Dingen eifersüchtig, neidisch ist auf seine Kameraden, die übrigen Götter: wird denen geopfert, so ergrimmt er, und seinen Juden gehts schlecht." Während alle anderen Religionen Unsterblichkeit lehren, während sie die metaphysische Bedeutung des Lebens dem Volk in Bild und Gleichnis beizubringen suchen, liefere die Judenreligion nichts als ein bloßes Kriegsgeschrei bei Bekämpfung anderer Völker. *) Die Behauptung Schopenhauer's, daß die jüd. Religion aus der Zendreligion hervorgegangen sei, ist nichts wie eines Laien Spielerei; kein ernster Gelehrter wird eine solche Behauptung ausstellen. D. Redaktion. Hiergegen, so räumt Schopenhauer ein, könne man deni Judentum den Ruhm nicht streitig machen, daß eS die einzige wirklich monotheistische Religion aus Erden sei: keine andere habe einen objektiven Gott, Schöpfer Himmels find der Erde, aufznweiscn. Besonders interessant für uns Zionisten sind die Ausführungen über die jüdische Nation. (Bd. V, S. 270 ff.j Der ewige Jude Ahasverus sei nichts Anderes, als die Personifikation des ganzen jüdischen Volkes. Weil er an dem Heiland und Welterlöser gefrevelt habe, soll er von dem Erdenleben und seiner Last nie erlöst werden und dabei heimatlos in der Fremde umherirren. „So ist denn »och heute die gensextorris, dieser Johann ohne Land unter den Völkern, auf dem ganzen Erdboden zu finden, nirgends zu Hanse und nirgends fremd, behauptet dabei mit beispielloser Hartnäckigkeit seine Nationalität, ja, möchte nach gern irgendwo recht fußen und Wurzel schlagen, um wieder zu einem Lande zu gelangen, ohne welches ja ein Volk ein Ball in der Luft ist." Bis dahin lebe es parasitisch ans den anderen Völkern und ihrem Boden, sei aber trotzdem vom lebhaftesten Patriotismus beseelt,-den cs an den Tag lege durch das festeste Zusammenhalten, sodaß dieser Patriotismus sine patria begeisternder wirke als irgend ein anderer. Die Religion, von Haus aus mit dem Staate verschmolzen und Eins, sei keineswegs die Hauptsache, sondern nur das Band, welches sie znsammenhalte, das Feldzeichen, daran sie sich erkennen. Demnach sei es eine höchst vberslüchliche und falsche Ansicht, wenn man die Inden bloß als Religioussektc betrachte. Wenn aber gar, um diesen Irrtum zu begünstigen, das Judentum bezeichnet wird als „Jüdische Konfession", „so ist das ein grundfalscher, ans das Jrreleiten absichtlich berechneter Ausdruck, der gar nicht gestattet sein sollte." „Vielmehr ist jüdische Nation das Richtige." Die Juden haben gar keine Konfession: der Monotheismus gehöre zu ihrer Nationalität und Staatsverfassung, und verstehe sich bei ihnen von selbst. Daß die dem Nationalcharakter der Juden anhängenden, bekannten Fehler, worunter eine wundersame 'Abwesenheit alles dessen, was das Wort vorscnndia ausdrückt, die hervorstechendste ist, hauptsächlich dem langen und ungerechten Drucke, den sie erlitten haben, zuznschreiben sind, anerkennt Schopenhauer. Dagegen warnt er davor, die Emanzipation der Juden so weit zu treiben, daß sie Staatsrechtc, also Teilnahme an der Verwaltung und Regierung christlicher Länder erhalten. Daß sie mit andern gleiche bürgerliche Gerechtigkeit genießen, heische die Gerechtigkeit; aber ihnen Anteil am Staat einzuränmen, sei absurd: denn sie seien und blieben ein fremdes orientalisches Volk, müßten daher stets nur als ansässige Fremde gelten. Zur Erhärtung dieser Behauptung führte er den bekannten hypothetischen Fall an, daß ein englischer Jude nach Lissabon kommt, woselbst er zwei Männer in äußerster Not antrifft, jedoch so, daß es in seine Macht gegeben ist, nur einen von ihnen zu retten. Persönlich sind ihm beide fremd. Jedoch ist der eine ein Engländer, aber ein Christ; der andere ein Portugiese, aber ein Jude. Wen wird er retten? Schopenhauer glaubt, daß weder Christ noch Jude über die 'Antwort im Zweifel sein wird. Sie aber gebe den Maßstab für die Ben Juden einzuräumenden Rechte. Aeußerst lobenswert sei der vernünftige Jude, welcher, alle Flausen und Vorurteile aufgebend, sich taufen lasse, selbst wenn es ihm mit dem christlichen Glauben kein großer Ernst sein sollte. Wenn dazu noch die Ehe zwischen Juden und Christen komme, werde es über 100 Jahre nur noch sehr wenige Juden geben, und bald darauf des Gespenst ganz gebannt, der Ahasverus begraben sein und das auserwählte Volk werde selbst nicht wissen, wo es geblieben ist. Göttliche Gerechtigkeit. Als einen Beweis für die Behauptung Linnös, des Vaters der neueren Naturgeschichte, baß das Schicksal bas Gericht Gottes sei, dem »och Niemand entronnen ist, und daß es für jede Handlung eine göttliche Nemesis gebe, diene folgende, den rabbinischen Schriften entnommene Erzählung: Als Mosche mit dem Herrn auf Sinaj redete, fragte er, warum, da Gott gerecht sei, die Redlichen oft unglücklich tind die Gottlosen vom Glücke begünstigt wären. Ter Herr antwortete: „.Ihr Menschen urteilt nach dem Scheine, ich dagegen kraft meiner Allwissenheit. Sieh' hinab zum Fuße des Berges und zur Quelle, welche dort rinnt!" — Ta sah Mosche zuerst einen wilden Krieger vom Pferde steigen, uni ans der Quelle zu trinken. Ms er getrunken und sein Pferd wieder bestiegen hatte, verliert er seinen Geldbeutel, eilt aber, ohne es zu merken, rasch von dannen. — Darauf sah Mosche einen mit Schweiß bedeckten, zerlumpten Knaben des Weges kommen, aus der Quelle trinken und sich mit dein Gelbe eilig wegbegeben. — Zuletzt kam ein eisgrauer Greis, erquickte sich gleichfalls an der Quelle und verweilte bei derselben. — Plötzlich kommt der Krieger zurück, fragt nach seinem Beutel und schwört, den Greis umzubringen, wenn er ihm den Beutel nicht znrückgäbe. Der Greis beteuert durch einen Eid, er habe ihn nicht gesehen; doch der Krieger fällt Mer ihn her und ermordet ihn grausam. ' Bei diesem Anblick rief Mosche aus: „Gerechter Gott, der Schurke soll den ehrwürdigen Greis ermorden!" Ter Herr aber erwiderte: „So urteilst Du und doch ist's mit meinem Willen also geschehen. Ter Alte erschlug hier im Walde vor -acht Jahren den Vater des Knaben, um ihm sein Geld zu rauben. Seiner Stütze beraubt, hat sich der Knabe seitdem fortbetteln müssen; ihm gab ich das Geld, welches der Krieger mit Gewalt erpreßt hat, damit dieser eines Tages für alle seine Missetaten von der Strafe getroffen werde."- > Durch diese Erzählung können wir so recht verstehen die Worte des weisen Hillel, der, als er einst einen Menschenschädel auf dem Wasser schwimmen sah, ausrief: „Weil du ertränktest, wurdest auch du ertränkt; aber auch deine Ertränker werden ertrinken!" K o h n - Vallendar. Personalien. Berlin. Nach kurzem Leiden verschied Sanitätsrat Tr. Leo Lesser Hirschberg. Berlin. Amtsgerichisral Dr. Pleßner in Halensee, früher in Hohensalza, erhielt den Roten A d l e r o r d e n 4. Klasse. Leipzig. Frau Henriette Goldschmidt, die Seniorin der deutschen Frauenbewegung, ist vom König von Sachsen mit der Karola-Medaille ausgezeichnet worden. Stendal. Der Kaufmann Julius Salomon hier, ist laut Verfügung des Kgl. Regierungs-Präsidenten zu Magdeburg, unter Ernennung zum Brand- Inspektor, mit der Stellvertretung des Branddirektors der hiesigen Feuerwehr betraut worden. Plctz. Am 5. d. M. verschied der Vorstand des Repräsentanten-Kollegiums der hiesigen Gemeinde, Herr Dr. med. Gustav Caro. Wien. Der Kaiser hat dem Industriellen ArnoldFröhlich den Titel eines kaiserlichen Rats verliehen. Wien, 8. Februar Gestern verschied hier Herr Julius Pollak, kaiserlicher Rat und Kommerzialrat, Ritter des Franz Josef-Ordens, Zensor der Oesterreich-ungarischen Bank, emeritierter Kammerrat, gewesener vieljähriger Repräsentant der Schweizerischen Kreditanstalt, im 77. Lebensjahre. Rom. Luigi Luzatti ist zum vierten Male Finanzminister geworden. Luzzatti, der am 1. März 1841 geboren ist, ist als hervorragender Fachmann auf dem Gebiete der Nationalökonomie und der Finanzwissenschaft bekannt. : Riga (Rußland). Leib Schalit's Tod hat in der Rigaer jüdischen Gemeinde eine schmerzliche Lücke gerissen. Tenn keiner hat es so wie er verstanden, den Brennpunkt zu bilden, in welchem sich alle jüdischen Interessen Rigas dauernd sammelten. Und nicht nur'in den engeren Grenzen dieser seiner zweiten Vaterstadt, sondern weit über dieselben hinaus galt sein klares Urteil, galten seine Tatkraft, seine selbstlose Hingebung für das jüdische Gemeinwohl viel, wo auch immer über letzteres Rat gepflogen wurde» Eng mit seinem Namen verknüpft bleiben in Riga als äußere Zeichen seiner gemeinnützigen, opferfreudigen Tätigkeit die jüdische Volksküche, sowie der