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Neue jüdische Presse · 1906-02-02 · Heft 5 (2.2.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 5 des Fmnkfurter Israelitischen FamlliMattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Wiederum Pogrom in Homel. — Ein Wort des Czaren. — Die Neubildung der Verbände. — Aus aller Welt — Personalien. — Au s d en B ere i n en. — Au s d e r zivnist is chen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Sprechsaal. — „S chule und Hau s." ' Wiederum Pogrom in Homel. Beim Empfang der Schreckensnachricht aus Homel wandten wir uns telegraphisch au eine angesehene Persönlichkeit der dortigen Jndenheit und erhielten folgende Antwort: Am 22. Januar lvurde ei» Polizcikommissar getötet, woraufhin das Militär den Juden Rache schtvor. Am 26. gegen Abend, nach dem Begräbnis des Kommissars, feuerten zwei Provokateure je einen Schuf; ab; das war das Zeichen zum Beginn des Pogroms. Es erschienen daraus in der Romanzows-Straße eine große Anzahl von Kosacken, Tschcrkessen und Dragoner. Zehn als .Holigans verkleidete Tschcrkessen begannen das Büchcr-Magazin Syrkin auszuplündern. Nachdem die Plünderung beendigt war, legten sic im Laden Feuer an. Nunmehr beteiligte sich die gesamte Soldateska am Plündern und Brennen. Mit Ausnahme eines öffentlichen Gebäudes, das auf Anordnung des Polizeimeistcrs verschont wurde, siel die ganze Straße den Plünderungen zuin Opfer. Dann zog die Bande nach dcr Straße Basarni, plünderte und brannte auch dort sämtliche Läden nieder. Tie Jude», die sich um die Rettung ihres Hab und Guts bemühten, wurden mit Kanonenschüssen empfangen. Die jüdischen Einwohner verlassen scharenweise die Stadt. Der Schade» beträgt einige Millionen Rubel. Ein Wort des Azoren. Tie „Objediuewja" gibt die Unterredung einer 23gliederigen Teputatiou dcr „Liga r n s s i s ch e r Ai ä n n e r" mit dem Czaren wieder. Obmann Tnbrowin verlas eine Adresse an den Kaiser. Diese Adresse sprach aus, das; die Macht und der Bestand Rußlands im Lelbstherrschertnin liege, das; es nach ivie vor ein Land ohne autonome Nationalitäten sei und die griechisch-orthodoxe Religion als die erste und die oberste im Reiche erhalten bleiben müsse. 'Nach Verlesung der Adresse überreichte Tnbrowin dem Kaiser zwei Exemplare des Emblems seiner Liga — eines für den Kaiser und eines für den Kronprinzen. Der Czar nahm die Embleme dankend entgegen und beauftragte den Obmann, dcr gesamten Liga seinen kaiserlichen Dank ausznsprechen. Nunmehr verlas dcr Delegierte Meikow eine Adresse, in der es u. a. heißt: „Glaube, Herr, daß jeglicher Versuch Deiner Feinde, die die Feinde des russischen Volkes sind, Tein Sclbsthcrrschertum zu beschränken, dem russischen Volke furchtbare, noch nie gehörte Verwirrungen bringen wird und imstande ist, ganz 'Rußland in einer Blntflamine auflodern Zn lassen." „Ich danke Dir für Deine Gefühle, die aus Deinen Worten sprechen: ich vertraue ans das russische Volk, aber wisset, das; das Amt, das auf meine Schultern im Moskauer Kreml gelegt worden ist, i ch selbst tragen werde; ich bin sicher, daß das russische Volk mir darin bcistehen ivird. R c ch n u n g sür mein Amt werde ich mit vor Gott ablegeu!" erwiderte der Czar. Darauf sprach der Baucrndclegierte Trischachia und sagte: „Die Zahl der russischen Männer vermehrt sich von Tag zu Tag: ihre Zahl wäre aber noch viel größer, wenn in der letzten Zeit nicht die Furcht gewesen wäre, das; der Czar auf sein Selbstherrschertum verzichten will." ,>Bald wird die Sonne der Wahrheit über Rußland scheinen, und alle Zweifel iverden verschwinden," gab der. Czar zur Antwort. Der Delegierte Bulazel hielt nunmehr eine Ansprache, in der er sagte, die Llnsicht der Gelehrten Macauley, Nietzsche und Max Nordau sei, daß die parlamentarische Konstitution und die allgemeine Wahl eine der großen Lügen der Menschheit darstellt. „Glaube, Herr, daß das Gebet eines frommen Russen mehr nützt, als alle ausländischen Bankiers:und das Lob Per Zeitungen", schloß der Delegierte, worauf der Czar wiederum dankte. Der Bauer Jarschow sagte dann in; feiner Rede an den Czaren, daß es nicht gut sei, das; der eine Gouverneur die Revolutionären ausrottet und der andere sie laufen läßt, — und der Czar dankte wieder. Ms letzter sprach der Delegierte Baranow. Er erwähnte, daß das russische Volk nur eine Einheit von Prowoslaven ausmache und die Liga deshalb Juden nicht als Mitglieder aufuehme. „Tenn die ganze Verwirrung in Rußland ist das Werk ihrer Hände, und wir bitten Dich daher, daß Du befehlen sollst, daß man diesen keine blechte gibt, damit sie nicht über uns herrschen." — Ter.Kaiser dankte wiederum: „Ich werde darüber Nachdenken." Die Neubildung der Verbände. Beurteilt nach alten Gesichtspunkten. Von Tr. M. Cah n. lSchluß). So sehen wir also in diesen beiden Fällen über die Gcistcsverirrung jenes Geschlechtes das göttliche Strafgericht unerbittlich hereinbrechen, dem sich unser Lehrer Moscheh nicht allein nicht widersetzt, sondern das er bei der ersten der beiden Versündigungen auf Gottes Geheiß selbst vollziehen läßt, während er cs bei dcr zweiten als unvermeidliche Folge jener Verirrung anerkennt. Welch eine absolute Perkennung der ganzen Situation enthält somit die Berufung auf diese Vorgänge oder ans einen derselben für die Behauptung, daß unser Zusammenschluß nicht zn einer Treunnng von der jüdischen Gesamtheit führen dürfe! Und in welch schneidendem Gegensatz zeigt sich dabei das Auftreten unseres Lehrers Moscheh zn der 'Rolle die ihm nach jener Darstellung zugedacht ist, wonach er sich mit den von jener sündhaften Verirrung besallencn Söhnen seines Volkes als von jüdischen Müttern Gezeugten, verbunden gefühlt habe. Mit solcher Darstellung soll doch offenbar die Meinung hcrvorgernfen werden, als würden Ivir durch Moschehs tolerantes Verhalte» belehrt, daß es falsch sei, wenn die für die Thorahmahrheit Eintrctcnden mit denen, die in Leben und Lehre die wirkliche Gottesosfenbarnng als objektives Geschehnis und die hieraus sich ergebende ewigdaucrnde Verpflichtung zur Uebernahme und Hochhaltung aller ihrer Diktate öffentlich verleugnen und diese Verleugnung in immer weitere Kreise durch Wort und Schrift hineiuzutragen bestrebt sind, nicht in weiterer Verbindung zur Entfaltung gemeinsamer, jene wie Leben und Tod-sich fliehenden Gegensätze ignorierender Tätigkeit verbleiben wollen. Man tut gut daran, sich das Staunen abzngcwöhnen. Einen Moscheh, der in seinem ganzen Leben den denkbar schärfsten Gegensatz gegen jede» Versuch der geringsten Verkümmerung des Göttlichen 'Willens in sich verkörpert, der im Hinblick aus Dathan und Abiram der Gemeinde zuruft: Sur» no meal Oliole hoanoschim horschoim hocle, pen tisofu bechol chatausom und den jähen kkutcraang derer, die durch Bestreitung seiner göttlichen Mission Gott gehöhnt haben, autüudigt, einen Moscheh, dessen Wahlspruch war „das Gottesgcsetz durchbohrt Berge" (Sanh. Ob) znm Schutzpatron für die heutigen Verbände zu machen, in denen die lire hasche»! mit den Kaufrim betauias Maucheh in kricdlicher Kollegialität die Gesamtinteressen des Judentums. gemeinsam wahrnehmen! Wie kläglich solcher Versuch scheitert, sobald man nur einen Blick ans jene Vorgänge wirft, haben wir gesehen. Hierbei ist aber ferner noch zn bedenken, daß es sich bei den Gcistesvcrirrungeu jenes Geschlechtes immer nur um einen bestimmten Fall handelte, indem das Volk entweder gegen ein göttliches Gesetz frevelte, wie dies beim goldenen Kalbe geschah, oder Mangel an Vertrauen auf die ihnen zugesagte göttliche Hilfe an den Tag legte, lvie bei der Auflehnung durch den Bericht der Kundschafter. Trotzdem ivird das Volk, das sich zn dieser Herausforderung Gottes mißbrauchen läßt, „diese böse Gesellschaft", die Aufruhr gegen Gott anzettelt (V. 27 und 35), genannt und ihm das Todesurteil gesprochen, lind Moscheh, der von Gott mit dcr Ankündigung der über sie verhängten Todesstrafe beauftragt ist (B. 28), entgegnete nicht: „O Herr, gedenke doch, daß sie alle von einer jüdischen Mutter gezeugt, als Söhne unsres Volkes mit uns verbunden sind und wir ihnen gegenüber heilige Pflichten haben, deren wir uns nicht ledig sprechen können." Nun stelle man sich einmal vor, daß cs sich nicht bloß um eine Einzelverirrung gehandelt hätte, sondern, daß ein Teil jenes Geschlechtes — horribile ilictu! — die Verpflichtung zur Erfüllung der Gottcsgcbote prinzipiell verleugnet hätte! Ob da wohl Rio sch eh für den übrigen Teil de-s Volkes die Parole ausgegeben hätte, daß sic sich zwar als Fraktion der Frommen organisieren, aber ja nicht die Verbindung mit den verirrten Brüdern aufgcben sollten, da eine Trennung von der jüdischen Gesamtheit unter allen Umständen zn vermeiden sei. Wollte man nun aber einmal die höchste Blüte des Widersinns in den Bereich dcr Möglichkeit ziehen durch die Vorstellung, Moscheh hätte solchem aberwitzigen Gedanken Raum gegeben und gewagt, ihn vor Gott znm Ausdruck zu bringen, wer wollte zweifeln, das; in demselben Augenblicke ein solcher Moscheh aufgehört hätte, der Sendbote Gottes zu sein, des Gottes, der in allen jenen Ereignissen als den einzig leitenden Gesichtspunkt Seiner Waltung die Forterhaltung Seines Gesetzes kundgegeben und darum Sich so oft genötigt sah, diejenigen, die dieses höchste Interesse Gottes und Seiner Erdenkinder durch ihre Widersetzlichkeit gefährdeten, der Vernichtung anheinizngebc». Vgl. hierüber .Hirsch zu Rum. 14, 13. >5. 17. 20. 22. 29: 17, 9. n. v. a. St. Mit diesem göttlichen Vorgehen ist aber auch für unsre Zeit und für alle Folgezeiten der Gesichtspunkt angegeben, der unser Verhalten zu; den der Gotteswahrheir entfremdeten Elementen zn bestimmen hat: das Panier der Gotteswahrheit h o ch z u h a l t e n, daß es in der Z e i t e ir wechselnder Lau u e i u u n veränderter Reinh eit weiter er h alte nbleibeatsdasewig leuchtende Gottes licht! Diese hochheilige Lebensaufgabe weist uns mit zwingender Notwendigkeit darauf hin, den Gegensatz zwischen uns und denen, die in unsrer Zeit, gleich jenen alten Empörern Xauailiin >1 Haschern sind, unsrem, wie jedem kommenden Geschlecht klar zn erhalten, Verbindungen mit den Leugnern dieses einzigen Lebenszieles Israels, weit von uns abzuweisen. Daß wir aber deshalb ihre Vernichtung herbeiführen, daß wir hierzu Gott anrufen würden, wie es dcr Schreiber jenes Artikels den Mut hat, uns zu insinuieren, darüber verlohnt es sich nicht ein Wort zu erwidern. Denn für den Frevel, den jene Leugner an unsrem Heiligsten aus Gcistcsverirrung begehen, sind wir nicht ihre Richter. Wir sagen Jischpaut Haschern beuenu uwenehem. Gott wird in seiner unendlichen Weisheit auch die prinzipielle Verirrung unseres Zeitalters in seinem Weltenhaushalt zu Gunsten seiner unverrückbaren Weltenziele verwerten. Daß diese heutige Verirrung aufs Ganze geht, so daß bei der sich Reformjudentum nennenden Neubildung von dem wirklichen überlieferten, auf der Gottesossenbarung am Sinai beruhenden Judentum außer einer täuschenden Nomenklatur nichts übrig geblieben ist, diese Erscheinung ist meid entfernt, uns die Hoffnung auf den endlichen Sieg der göttlichen Wahrheit zu benehmen. Die Symptome des beginnenden Zerfalles dieser innerlich unwahren „Richtung" sind für Jeden, der Augen hat zu sehen, schon deutlich wahrnehmbar. Zwei derselben seien hier kurz erwähnt: Das seit fast einem Menschenaltcr von den hervorragendsten Reformverfechtern ciizgestandene Bedürfnis, sich dcr „Orthodoxie" anzuschtießen, um dem hinsiechenden Organismus der Reformvereinignngen gesundes Blut einzuflößen, das freilich in die verkalkten Adern der Kefirot nicht eindringcn kann (s. Die Verbände cs. 93 ff.) und ferner die Sucht, die Grundbegriffe des überlieferten Judentums durch Ursupierung der sie bezeichnenden Termini für sich in Anspruch zu nehmen (s. dorts. S. XIII, 56 ff. und 185 ff.). Solche Symptome sind geeignet, uns mit dem Gefühl froher Zuversicht auf den früher oder später sicher zu erwartenden Sluflösnngsprozeß des den Todeskcim von Ursprung in sich tragenden Reformjudentums zu erfüllen, das nur durch die unnatürliche, rein äußerliche Zusammenspannung mit den Elementen des ewig lebenskräftigen überlieferten Judentums auf einige Zeit ein^ dämmerndes Scheinleben zu fristen vermag. Wann und auf welchen Wegen diese ungesunde Abzweigung von dem Ltamme des Judentums abfallen und die Wiedergenesung des jüdischen Lebens und Denkens eintreten wird, ist unsre Sache nicht, das überlassen wir getrost der .Hand dessen, von dem cs (Prov. 16, 4) heißt: „Dcr Allmächtige bringt alles zur Geburt; dazu bedient er sich manches Toren und auch vieler Gesetzesübertreter." In dieser Beziehung stimmen wir dem Satze jenes Artikels zu, daß wir nicht Gottes Politik zu machen brauchen. Wir brauchen seiner Waltung nicht vorzugreisen, indem wir der Entwicklung der Verhältnisse, die unsrer jüdischen Weltaufgabe hemmend in den Weg treten, eine Richtung zu unserem Ziele zu geben trachten. Dagegen wo immer es sich um die Erfüllung unsrer ureignen, ewigen Ausgabe Handelt, um die Forterhaltung und Reinerhaltung des Lebenselements, das von Gott uns ist in Händen gegeben, damit wir es von Geschlecht zu Geschlecht behüten, gegen Verunglimpfung und Entstellung beschützen und, wie wir es von unsren Eltern übernommen, in unversehrter Verfassung auf unsre Kinder weiter übertragen, da, wo wir uns mit aller Kraft dagegen wehren, daß nicht die Gotteswahrlieit getrübt, daß nicht Luft und Dunkel verwechselt, daß nicht Gebilde aus Wahrheit und Dichtung gewoben und als Ergebnisse unsres jüdischen Elementes angepriesen werden, daß nicht das Interesse für die Gesamtjudenheit auf Kosten des Emes Tauvosenu hakilauschoh gepflegt werde, welchen Sinn könnte es da haben, uns mit der Bemerkung cntgegenzutreten, wir sollten uns nicht vermessen, Gottes Politik zu machen! Mir solcher billigen Redensart könnte man jegliche Wirksamkeit zur Behütung und Besestigung unsrer Emunoh als überflüssig erklären. „Gott wird schon seine Politik selber machen, seid ihr nur hübsch ruhig und regt euch über die Gottlosigkeit der Welt und die gleißnerische Beschönigung des Abfalls nicht auf, es wird; schon alles gut werden!" Anders dachten allerdings unsre Weisen, da sie sagten: Habbo letaher mesajin auaau. „Wer darauf ausgeht, die Reinheit zu fördern, dem wird der Beistand nicht fehlen." Also: Haddo, man muß darauf anSgehen, muß sich hineinbegeben in das Gebiet,

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