Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage p M. 4 des Frankfurter Israelitischen Mmilieublattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Die Jahres-Konferenz der englischen Zionisten. — Preßstimmcn. — Ans aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der zionistischen Bewegung. — Briefkasten. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der Geschäftswelt. — „Jüdische Jugend." _ Die Jahres-Konferenz der englischen Zionisten. Vergangenen Sonntag fand die diesjährige Landeskonferenz der English Zionist Federation statt. Die Wahl des Ortes, der alljährlich Ivechselt, siel Heuer «ns Glasgow, eine von London recht weit entfernte Stadt. Dieser Umstand hatte zur Folge, daß die Konferenz ziemlich schwach besucht war und die Londoner Zionisten, die die Majorität der englischen Zionisten überhaupt bilden, sich nur sehr schwach an derselben beteiligen konnten. Die Londoner Zionc- Zione machten zwar anfangs große Vorbereitungen sLr diese Konserenz und gründeten einen speziellen Zvnds für dieselbe, um unbemittelten Delegierten die Möglichkeit zu geben, in Glasgow in großer Zahl zu erscheinen und die Territorialisten, mit Zangwill an ihrer Spitze, die sie dort zu treffen glaubten, gänzlich aus dem Lager zu vertreiben, als sie aber erfuhren, daß die Territorialisten keine Absicht bekundeten, dorthin zu gehen und Zangwill die Wahl des Vereins „Vnei-Zion" in London, der ihm die Gelegenheit bieten wollte, sich in Glasgow mit den Herren Greenberg und Cowen auseinanderznsetzen, dankend ablehnte, fühlten sie sich beruhigt und entsandten so wenig Delegierte, als es nur möglich war. Nichtsdestoweniger war der Hauptgegenstand der Konferenz — die Jto, d. h. das Verhalten zionistischer Vereine, wie Individuen überhaupt, der jungen territorialistischen Organisation gegenüber. Tie Zionc-Zionisten, das Gros der Delegierten, waren ja seit Wochen' für diesen Kampf ausgerüstet und mußten ihren jkampfesgesühlen Ausdruck verleihen, obwohl der vermeintliche Feind durch Abwesenheit glänzte. Tie Konferenz, an der 55 Delegierte teilnahmen, fand hinter geschlossenen Türen mit voller 'Ausschließung der Presse statt. Ter Grund hierfür ist mir ein Rätsel, da die Versammlung über nichts verhandelte, das nicht publik gemacht werden durfte. Um 10 Uhr wurde die Sitzung eröffnet unter dem Vorsitze von Joseph C o w c n und L- I. Greenberg. Nach einigen Formalitäten und einem Inzident bei der Prüfung der Mandate verlas der Sekretär der Federation den offiziellen Bericht über die Tätigkeit derselben im vergangenen Zähre. Ter Bericht war zicnilich weitschweifig, enthielt jedoch nichts, das einer besonderen Erwähnung wert wäre. Das Präsidium ivar sehr ungeduldig während des Verlesens des Berichts, da der Verfasser desselben, ein offener Territorialist, die Herren Cowen und Greenberg zu oft und ausführlich an ihre frühere politisch-zionistische Gesinnung erinnerte, was -ihnen sehr unangenehm war. B'mokaum sehebaalei Tschuwoh aumdim, ein Zadikim emurim jechaulim laamaud . . . Darauf kam ein Vorschlag des Vereines Bnei- Zions in London, der dahin geht, die Mitglieder des Aktionskomitees von den Schekelgeldcrn zu besolde». Diese Resolution wurde abgelchnt «ns dem Grunde, daß eine solche Resolution nur auf einem Kongresse zur Verhandlung kommen kann. Eine andere Resolution dieses Vereins, den Nationalfonds vetresfend, wurde ebenfalls abgelehnt. Zuletzt kam der interessanteste Punkt der Konferenz — die lang ersehnte Frage, ob Zionisten der Jto beitreten dürfen. Eine Sintflut von Diskussionen ergoß sich dann, die ich hier unmöglich wiedergeben kann. Tie Frage wurde vom Vertreter des Glasgower Vereins „Torschei Zion" angc- Nnitte», der, obgleich im zionistische» Lager ver- Aeibend, sich der territorialistischcn Organisation angeschlossen hat. Greenberg und Cowen drängten hart auf ein Entweder-oder, die wenigen anwesenden Territorialsten und Zto-Freunde flehten um Gnade, wahrend Dr. Charles Weizmann aus Manchester, der frühere Führer der demokratischen Fraktion s. A., das Präsidium rücksichtslos voruahm. Nach langem Hinii,tb Herdebattieren wurde das Gesuch der „Torschei Zion" mit überwältigender Majorität abgelehnt und der Beschluß, der ans der jüngsten Sitzung des Aktionskomitees in Köln gefaßt wurde, nnd der dahin geht, daß, wenn auch einzelne Zionisten Mitglieder der Jto sein dürfen, es keinem zionistischen Verein jedoch erlaubt sei, zu gleicher Zeit der tcrritorialistischen Organisation anzugehören, wurde ein für alle Mal bestätigt. Alle Vereine, die in gleicher Weise wie der Verein „Torschei Zion" gehandelt haben, werden demnach^ vor die Alternative gestellt, entweder aus dem zionistischen Lager auszuscheiden, oder dem Territorialismus den Rücken zu wenden — oder erst eine» glückliche» Ausweg ans diesem Dilemma zu finden. Wie diese Vereine Vorgehen werden, wird uns die. nächste Zukunft belehren. Ta die große Jtodebatte die meiste Zeit beanspruchte, wurden die übrigen Punkte der Tagesordnung entweder ganz unberührt gelassen oder nur oberslächlich behandelt. Ter Entwurf der neuen Statuten für die Federation, die Mr. Jos. Coiveu ausarbcitcte und die mit den drakonischen Gesetzen große Aehnlichkeit haben, konnte nicht mehr behandelt werden und mußte dem Exekutivkomitee zugewiescn werden. Zuletzt wurde zu den Wahlen geschritten für das Subkomitee de» Nationalfonds und die Brüsseler Konferenz. Für die letztere wurden Dr. G a st e r und M r. S h i r e getvählt. In das Exekutivkomitee wurden gewählt die Herren Sir Francis Montes i o r c als Präsident, M r. Joseph Cowen nnd Stadtrat Moser aus Bradford als Vizepräsidenten, Air. L. I. Greenberg als Sekretär, D r. M. G a st e r, V c r c y Baker, Herbert B e n tw i ch, H. Gü n z bürg, I. Go ldb lo om, Walt e r R a t h a n, M. S h i r e, sämtliche in L o n d o n. Dr. Drcifus und D r. CH. Weizmann in M a n ch e st e r, I. P i n t o und I. B e r n st ein in Glasgow, S. Ettinger, Liverpool, S. G o l d b e r g, Leeds, M. Jacobs, B i r m i n gham, Ai. Lev y, Edinburgh und Jack Lewis, C a r d i f f. Nach dein üblichen „Bote of thanks" zum Präsidium und den verschiedenen damit verbundenen Zeremonien schloß diese Konferenz um 6 Uhr abends. Einen ganz audcren Eindruck hinterließ das M a s s e n m e e t i n g, welches zwei Stunden nach Schluß der Konferenz unter dem Vorsitz von Mr. I. Moser im Saale Waterloo Roomos stattfand. Die Versammlung war sehr gut besucht. Der größte Teil der jüdischen Bevölkerung Glasgows war anwesend. Auch manche Christen erschienen, darunter Geistliche und Uuiversitätsprofessoren. Als Hauptredner figurierte Mr. L. I. G r e e n b e r g, dessen Rede gut gelungen war und einen sehr guten Eindruck machte. Sie enthielt auch einige wichtige Mitteilungen, die, sollten sie als ein Bericht und nicht als eine Agitationsrede betrachtet werden, jeden Zionisten zn neuem Mut und neuer Arbeit anspornen sollten. Ich tvill hier in aller Kürze den Inhalt seiner Rede wiedergeben. Zn Anfang kritisiert er in scharfen Ausdrücken die Behauptung Lncien Wolf's, der Zionismus fei mit dem Tode Dr. Herzl's zu Grabe gegangen und kommt dann auf die Person David Wolfsohn's zu sprechen, den er als den würdigsten Nachfolger unseres großen Führers bezeichnet. Er schildert seine unermüdliche Energie, seinen praktischen Sinn und politische Erziehung. „Wolfsohn stand in wichtigen Unterhandlungen mit mehreren europäischen Negierungen, die, so weit man sagen darf, sehr ermutigend sind, nnd unserer Sache ungewöhnliche Tienste leisten werden. Wolssohn hat auch seit dem Kongresse die Fäden der Unterhandlung mit Sr. Majestät dem Sultan, die Herzl fallen ließ, wieder in Hand genommen und wir dürfen getrost einer besseren Zukunft entgegensehen." Redner spricht dann über die von der jüdischen Kolonialbank auf Veranlassung Wolfsohn's veranstaltete Sammlung zu Gunsten der leidenden Brüder in Rußland und die am Ende dieses Monats in Brüssel stattfindende Konferenz zur Beratung der Lage der Juden in Rußland. Ein längerer Angriff auf die Jto folgt dann, in dem er zu beweisen suchte, daß diese Bewegung die Indenfrage zu lösen nicht imstande sei. Er weist zuletzt auf die Nachbarländer -Palästinas als ein Arbeitsfeld für alle Parteien de» Judentums und fordert zu Einigkeit auf. Es sprachen noch andere Redner, von denen Tr. Ch. Weitzmann besondere Hervorhebung verdient. Jack MyerS Halevv. Pretzstimmen. Der Spezialbcrichterstatter der „K ö l n. Z t g." in Algcciras behandelr in einem seiner Artikel auch die Stellung der Al l i a n c e I s r a ö l i t e i ir, M a - r o k k o nnd ihr Verhältnis z n Deutschland. Er heißt in diesem Artikel: In Fes sowie in den meisten .Küstenslädten wo die Alliance Schule» besitzt, habe ich mit Interesse die Klassen besucht und ich habe für den Eifer und die Aufopferung der Lehrer sowie für die unter oft schwierigen Verhältnissen erreichten Ergebnisse nur das höchste Lob. In den meisten Städten, selbst in Fe», da» seiner mohammedanischen Hochschulen wegen im Biittelalter berühmt war und es noch ist, bildet die Schule der Alliance den einzige» «geistigen Lichtpunkt in der sonstigen Oede, die einzige Stelle, wo eine Berührung mit unserer Kultur besteht. , Was die Alliance in Marokko für die elende, in übervölkerten Mellohs znsammengepferchte Jndenschaft tut. kann nicht hoch genug anerkannt werden. Man muß durch die trostlosen Judenviertel mit ihrem Schmutz und Elend gewandert sein —- nachdem man vorher im Arabcrviertel in den Knabenschulen dem öden Hcrplappern von Koranversen mit Bedauern um so viel verkümmernde Intelligenz gelauscht hat — man muß in die Talmnd-Thora, die Rabbinerschulen geschaut haben, die meist eine Stätte ebenso krassen Fanatismus sind wie die Moscheen der Mohammedaner und ihre Schüler weder zur moralischen (?) noch physischen Hygiene anhalten, worauf die Schulen der Alliance solchen Wert legen: dann wird man beim Eintritt in die Schule der Alliance angesichts der reinlich gekleideten eifrigen Schüler, angesichts der erstaunlichen Kenntnisse einiger dieser Knirpse, angesichts des gespannten Interesse», mit dem die Augen dieser Mellahkinder am Munde des Lehrers hängen, angesichts der gut eingerichteten Schulrüume und der im allgemeinen guten Zucht erst die ganze Bedeutung dieser Arbeit verstehen. Leider hat sich dieser Arbeit in aufdringlicher, von den Inden selbst garnicht gewünschten Weise die tendenziöse Macht europäischer Politiker bemächtigt. Ich will noch einige französische Stimmen anführcn. Augustin Bernard schreibt in einem Bericht über das Schulwesen Marokkos an den Generalgouverneur von Algerien: „Die Haltung der Alliance schien mir vom französischen Standpunkt aus rm allgemeinen ausgezeichnet . . mit ihrer üblichen Findigkeit haben die Jude» sich übrigens.sofort die Folgen des englisch-französischen Älbkommens klar gemacht; durch die Macht der Umstände werden sie sich künftig mehr nnd mehr uns zuwenden." In dem Buche E Fallois La Solution Kiuntjais de la question da Maroc wird unter der Ueberschrift: „Die französischen Interessen" neben den französischen Dampserlinien und Handelsinteressen als gleichwertig die Arbeit der Alliance angeführt: „Die 14 Schulen der Alliance" heißt es, „leisten, wenn sie auch nicht' ausschließlich französisches Werk sind, nichtsdestoweniger der Sache unseres Landes die größten Dienste." In einem Bericht des „Moniteur Jndustriel" in Paris vom 9. September 1005 über die deutschen Interessen in Marokko wird ebenfalls die Arbeit der Alliance den Franzosen gutgeschrieben, und daraus die Folgerung gezogen, daß „auf zivilisatorischem Gebiet auf deutscher Seite nichts geleistet sei gegenüber den bedeutenden Ergebnissen auf sranzösischer Seite". Gelegentlich eines ähnlichen Versuchs in der „Grande Revue" (Paris) vom 15. August 1905, die deutschen Interessen in Marokko als nichtig hinzustellen, schreibt Marcel Mirtil in dem Anssatze La question marocaine: „Die Schulen der Wliance Jsraelite lehren 500 Knaben und 240 Mädchen unsere Sprache und unsere Geschichte". Im Journal des Döbats vom 3. Juni 1903 hieß es bei einer Beschreibung der verschiedenen Mellahs: „Ein Franzose kann die Schulen der Alliance Jsraelite in Marokko nicht besuchen, ohne Vergnügen und Dankbarkeit zu empfinden. Die allgemeine Unterrichtssprache ist das Französische nnd das genügt, um diese Schulen zu wirllichen französischen Schulen zu machen: die Wandkarten stammen aus Frankreich, die Lehrbücher sind französisch, in Konstantinopel zum Gebrauch für die Schulen der Levante herausgegeben; in allen Klassen sind in großen Buchstaben die zehn Gebote in sranzösischer Sprache angeschlagen; die Bibliotheken enthalten fast nur französische Bücher. Die jungen Israeliten Marokkos eigne» sich also in den Schulen Marokkos unsere Sprache und unsere Ideen an. Jnsolgedessen verbreitet sich das Französische schon in bemerkenswerten Weise in allen Hafenstädten und