Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 45 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr 45 des Frankfurter Israelitischen FaulilieMattes. Inhalt der Beilage: Arti kel: Der Zionismus, ein neuer Faktor in der jüdischen Wiffenschaft. — Die Wirkungen der russischen Vorgänge auf das Ausland —Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den Vereinen. - Aus der zionistischen Bewegung. Der Zionismus, ein neuer Faktor in der jüdischen Wissenschaft. Von Benno Fische r. Wissenschaft war stets die Hauptstärke des Judentums und seine sicherste Rettungsburg inmitten allen seinen Nöten. Niemals in den früheren Jahrhunderten ist nun soviel unter dem Titel jüdischer Wissenschaft geschrieben worden als in den letzten Jahrzehnten, und doch kann nicht behauptet iverdcn, daß das Judentum dadurch gestärkt worden sei. Im Gegenteil: wir sehen da einen Rückfall in Bezug auf jüdische Gesinnungstreue bei allen Schichten des jüdischen Volkes, sowohl bei der Intelligenz, als bei der ungebildeten Masse, der nicht ohne Zusanunenhang mit der üblichen Art der Pflege der sogenannten jüdischen Wissenschaft sein kann. Das Volk steht dieser Art der Pflege jüdischer Wissenschaft verständnislos gegenüber. Und die Schuld hierfür trägt nicht das Volk, sondern unsere Gelehrten. Erschreckend unfruchtbar ist der Boden, den unsere Gelehrten bearbeiten und drückend die Atmosphäre, in welcher ihre zu etwas Besserem berufenen Kräfte verzehrt werde». Tie übliche »euere jüdische Wissenschaft steht mit dem jüdischen Leben der Gegenwart in gar keiner Beziehung, ja sie meidet ängstlich jede Berührung mit ihm. Sie ist fast ausschließlich Altertumsforschung geworden und zersplittert sich in einzelne kleine und kleinliche Spezialwissenschaften, so daß ihr an Einheit und Geschlossenheit gebricht. Durch die Ausschaltung des jüdischen Lebens aus der jüdischen Wissenschaft ist diese zu einer Katalog- und Registcrwissenschaft geworden. Was Wunder, wenn so das Volk, der gebildete, wie der ungebildete Teil desselben, ihr kein Interesse abgewinnen kann? Die sog. jüdische Wissenschaft hat sich von den Interessen des Volkes ganz abgewendet, des Volkes, das eine Gegenwart lebt und eine Zukunft leben will. Das Volk versteht diese Wissenschaft nicht, denn diese gab sich nicht die Mühe, das Volk zu verstehen. So hat die sog. jüdische Wissenschaft ausgehört, V o l k s w i s s e n s ch a f t zu sein, was sie in: früheren Zeiten war. Ich will damit beileibe nicht die Wichtigkeit der jüdischen Geschichtsforschung mitsamt ihren einzelnen Hilfswissenschaften für die volle Kenntnis des Judentums (denn nur insofern haben sie Wert) zu gering einschätzen, aber ich glaube, daß der Kern der jüdischen Wissenschaft, wie jeder anderen, das warmpulsierende Leben zum Gegenstände haben muß. Wichtiger als die jüdische Geschichte muß uns sein die jüdische Ethik, die jüdische Sozialgesetzgebung, die jüdische Volkswirtschaftslehre, weil'sie unsere Gegenwart betreffen und für unsere Zukunft von entscheidender Bedeutung sind. II n d w i ch t i g e r als die Kenntnis unserer Vergangenheit, ist die Sicherung unsererZukunft. Das mag vielleicht zu realistisch gedacht sein, es hat aber doch seine volle Berechtigung. Denn auch zu einer aufgeschranbt idealen Art der Wissenschaftspflege ist ein Volk nötig, das dieselbe genießen soll; ohne jüdisches Volk hat eine jüdische Wissenschaft keinen Sinn. Unsere Gelehrten können nun z. B. ein Langes und Breites über die babilonische Sintslutsage schreiben oder z. B. mit Delitzsch einen wahren Windmühlenkampf ausfechten — wollte man aber eine erschöpfende Studie, sagen wir beispielsweise über den Geist der jüdischen Rechtsphilosophie, der jüdischen Staatsbildung usw. usw., suchen, man würde sie lvahrhaftig nicht finden. Es herrscht mit einem Wort eine Verknöcherung in der sog. jüdischen Wissenschaft, etwas Lebenabgewandtes, Volkfremdes. Und das aus dem Grunde, weil unsere Gelehrten zu wenig Mut haben, sich in ein Gebiet zu wagen, wo Meinungsverschiedenheiten herrschen. Sie fürchten den Tadel von einer Seite, deren Anschauungen möglicherweise von den ihrigen abweichen dürfte — sie aber möchten cs mit niemanden verderben. Dies Urteil ist vielleicht zu scharf — es ist aber treffend. Der eigentliche Sinn des Z i o n i s in n s ist ein Protest gegen jene Auffassung, die das Judentum als etwas Vergangenes betrachtet, die cs nur als Gegenstand der Altertumsforschung angesehen hat. Der Grundgedanke des Zionismus ist: das Judentui» lebt, es lebt als eiNjV o l k inü>‘ will seine Zukunft gestalten als ein solches. Ein lebendiges Volk hat aber geistige Bedürfnisse, die sich mit der Kenntnis seiner Vergangenheit-allein nicht befriedigen lassen. Es muß auch wissen, wie es zu leben hat, als Volk leben m n ß, nach seinem innersten Wesen, treu dem Geiste des Judentums, und wie es seine Zukunft sichern kann inmitten der übrigen Völker, bei Wahrung seines nationalen Charakters und seines ihm allein eigentümlichen Geistes. Dies alles auf Grund unserer alten Quellen wissenschaftlich zu begründen — das wäre wahrlich eine Aufgabe, des Schweißes der Besten wert. Schon ist ein Anfang gemacht worden, allerdings bescheiden genug gegenüber der Größe dessen, was noch zu leisten ist. Zunächst hat der Zionismus den Anstoß gegeben, Die Geographie Palästinas, die Art der Möglichkeit der Kultivierung des heiligen Landes Ivissenschaftlich zu behandeln, er hat die Anregung gegeben, die sozialpolitische Lage der Judenheit eingehend zu studieren und das Problem ihrer Verbesserung zu lösen zu versuchen — und dies alles mit Zugrundelegung des eigentümlichen Wesens des jüdischen Volkes und im Geiste seiner nationalen und religiösen Tradition. Ter Zionismus Hat aber vor allem die Veranlassung gegeben, die alten sozialen Einrichtungen des jüdischen Volkes wissenschaftlich anfzudecken, sie gebührend zn würdigen und für die Zukunft nutzbar zn machen. Welche Bereicherung die jüdische Wissenschaft durch den Zionismus erfahren, das zeigen schon die bloßen Namen der neuen Disziplinen, die durch Einwirkung des Zionismus in dieser wissenschaftlichen Welt geprägt worden sind, an die unsere Zunftgelchrtcn garnicht gedacht haben, lind was besonders zn beachten ist: der Zionismus hat den echten Geist der alten, berechtigten religiösen Tradition wiedererweckt, unter dessen befruchtendem Einfluß eine religiöse Literatur zu erblühen beginnt, die — kennzeichnet durch die Richtung des „Misrachi" und vertreten z. B. von Rabbiner Samuel Jakob Rabbinowitz und Wolf Jawetz — im Gegensatz zn den süßlichen und kindlichen Homiletik der resormistischen sowohl wie der neuorthodoxen Richtung, mit männlichem Ernst die großen religiösen Probleme des Judentums behandelt, und, niit Ileberspringung des, durch Mendelssohn eingeleiteten, Niedergangs, unmittelbar an die klassischen Schöpfungen der Glanzperiode unserer religiösen Literatur anknüpfend, sich dieser auch würdig an die Seite stellen darf. lind daß in diesen jungen Versuchen lebendiger Odem weht, das zeigt die erfreuliche Tatsache, daß die Erzeugnisse dieser Wissenschaft vom Volke mit Interesse und Verständnis gelesen werden, während die leblosen Notizen der alten Schule nur in die Bibliotheken vergraben werden. Die Wissenschaft soll volkstümlich gemacht werden — dieser berechtigten Forderung begegnen wir überall; ihr muß auch innerhalb der jüdischen Wissenschaft entsprochen werden. Der Zionismus ist ein Ausdruck des jüdischen Volksgeistes, darum schätzen wir ihn hoch als einen wichtigen undheilsanren Faktor inderjüdischen Wissenschaft. Die Wirkungen der russischen Vorgänge aus das Ansland. Frankfurt a. Mi, 23. Nov. Ungefähr 500 Personen hatten der Aufforderung der Zionistischen Vereinigung zu einer Prote stversammlung gegen die russischen Judenmassakres, die gestern Abeno im Saale des Kaufmännischen Vereines stattfand, Folge geleistet. Das Referat hielt Herr Dr. Sonderling-Berlin. In seiner fünfviertelstündigen, stilistisch und rhetorisch meisterhaften Rede, in der jeder Satz eine Wahrheit, in der sich in steter Folge ein klarer Gedanke an den anderen ängliederte, verbreitete sich der Referent über den inneren Wert und die welthistorische Bedeutung des jüdischen Volkes, und beantwortete, Frage nach Frage sorgfältig lösend, was das jüdische Volk, solange es im Golus ist, von den Völkern erwarten darf, ja nur erwarten kann. Denken und Leiden sei Eigenart und Schicksal des jüdischen Volkes, nachdem sei» Tempel gefallen. Tie Freiheit des Jiidividttiims und die Freiheit der Gesellschaft und Gerechtigkeit für alle, 'oas war die Devise des jüdischen Volkes von Anfang an, das war die Devise, sür die es gelitten und geduldet hat und noch heute verfolgt wird. Indem der Redner in einigen kräftigen Strichen die unermeßbar grauenhaften Menschcnschlächtereien der russischen Massakres schilderte, zeigte er zur Evidenz, daß die ganze gesittete Welt Europas nur ein Achselzucken und Gleichgültigkeit bewiesen habe, und daß sogar die russischen Freiheitsorganisationen, mit denen die Juden gekämpft und denen sie so große Opfer an Gut und Blut gebracht haben, sie jetzt im Unglücke so schmählich im Stich ließen, und mithin hat also Israel ans die Hülfe der Völker in keiner Weise zu rechnen und ist ganz auf sich angewiesen. Bemerkenswert ist, sagte der Redner mit Recht, wie sich die Sozialdemokraten unserem Unglücke gegenüber benommen haben, während sie, wenn es sich um 5 Pfennig Lohnerhöhung handelt, nicht genug Zeter und Mordio schreien können, haben sie sür Massakrierung von zehntansenden Juden kein Wort des Protestes und Beileides, denn es f ind ja nur Juden. Redner geht dann auf die Solidarität der Judenheit ein, er stellt fest, daß gerade die letzten Wochen gezeigt haben, daß das jüdische Brudergefühl in den Herzen unseres Volkes noch lebt; wie von einem Blitzstrahl getroffen, durchlief ein Zittern die gesamte Jndenheit und wie ein Mann erhob sich ganz Israel. Jetzt muß alle Welt zugestehen, all' diejenigen, die den Zionismus eine Utopie nannten, daß das Volk Israel eine nationale Einheit ist. Auch die Hauptversammlung des „Verbandes der deutschen Juden" legte Zeugnis von der Solidarität der Juden ab; sie hat offen vor aller Welt betont, daß wir als Juden, als geschlossene Masse aufstehen müssen, unser Recht zn verlangen. Freilich hat der Zionismus nicht wenig zur Stärkung dieses Selbstbewußtseins beigetragen; selbst Justizrat Fuchs, der erste Referent des Berbandstages, sprach das unumwunden in seiner Rede aus. Auf das Wesen der russischen Juden übergehend, meint Redner, daß das wahre, ungeteilte jüdische Leben heute überhaupt n u r noch in Rußland zu sinden sei; während bei uns nur die Form geblieben, haben unsere russischen Brüder die Seele des Judentums erhalten. Sie allein machen noch das alte, echte, unverfälschte Judentum aus, ihnen ist der Messiasgcdanke kein Symbol, sonderen eine lebendige, feste IIeberzeugung. Die russische Jndenheit versteht es auch, in ihrer entsetzlichen Lage den Kopf nicht hängen zu lassen und sich heldenhaft zu verteidigen; sie sind nicht mehr die getretenen Juden, der alte Makkabäergeist ist lvieder in ihnen aufgelebt und manches unschuldig vergossenes. Blut haben sie gerächt. Znm Schlüsse erwähnte Redner die schöne Sage, daß der Messias angekettct sei, und jedes Mal, wenn zn ihm Israels Wehrufe cmpordringen, da reiße er mit aller Kraft, aber vergeblich, an seinen Ketten, und die stimme Gottes riese ihm zu: Israels Stunde hat noch nicht geschlagen, denn wie es seit Jahrtausenden sagt, „Gott ist einzig", so muß Gott von ihm sagen können „m ein Volk i st e i n i g". Unter tosendem Beifall schließt der Redner mit Frugs wundervollem Gedicht „Es scheint die Lewonoh, es glänzen die Stern'." Tie Versammlung schließt mit der einstimmigen Annahme der folgenden Resolution: „Tie Versammlung gibt ihrer Entrüstung Ausdruck über die aller menschlichen Kitltur Hohn sprechende» Greuelszenen in Rußland, welche unter den Augen russischer Behörden stattsinden konnten. Unter voller Anerkennung der für die notleidenden Hinterbliebenen der traurigen Opser eingeleiteten Hilfsaktionen, kann sich die Versammlung damit nicht begnügen, und erachtet es für notwendig, nach Mitteln zu suchen, geeignet, in Zukunst derartige Vorgänge zu verhindern. Solange die russische Regierung nicht die ossenc 'Absicht zeigt und sichere Gewähr bietet, ihren jüdischen Untertanen vollsten Schutz angedeihen zu lassen, ist die Förderung der jüdischen Selbstwehr die heiligste Pflicht aller Juden und mitfühlenden Menschen." Für die S c 1 b st w e h r wurde in der Bersamnilnng gesanimelt, der Ertrag betrug Jk 200. Straßburgi. E., 22. Nov. DerxG emeinder a t bewilligte sür die Opfer der russischen Judenverfolgung 5000 Jk aus städtischen Mittel n. Kopenhagen, 19. Nov. Aus Anlaß der in Rußland gegen die Inden verübten Greueltaten hat sich auch hier ein Hilfskomitee gebildet, das aus hervorragenden Persönlichkeiten besteht. Neben den Namen vieler bekannten Juden findet man diejenigen des Primas der dänischen Staatskirche