Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-11-17 · Heft 44 (17.11.1905) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 44 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692453--02013-2696586
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Beilage zu Nr. 44 des Frankfurter Israelitischen FaMmdtattes. Inhalt der Beilage: Gedicht: Tcn armen russischen Brüdern! — Artikel: Die Wirkungen der russischen Vorgänge auf das Ausland. — Aus den Vereinen. — „Jüdische Jugend." Den armen russischen Widern! Nennt Wahnsinn ihn, Nlethode, Barbarei Den grausigen und blusigen Brüdermord, wit denr das Joch der russischen Tyrannei Zertrümmert fliegt im Osten über Bord, Forscht nicht, fühlt mit als^uden, habt Erbarmen I Gedenkt der Opfer, dieser trostlos Armen! Gedenket der Leidenspein, der Lchmerzensqual Der Sterbenden, da's kein Entrinne,: gab. Sie sielen todesmutig ohne Zahl, Aein Denkstein kündet einst ihr Lsieldengrab. wacht auf! Aönnt ihr noch ruhig trauinlos schlafen, Zndes Unschuld'ge Todesstreiche trafen?! Verhülle Ulenschheitsgenius dein l>iupt Vor diesem Sturz zurück in Finsterni s. Der Uiensch, er hatte an ein Recht geglaubt, Er wähnte seines Lebens sich gewiß. Fortschritt! Aultur! — heißt das ein Recht zu leben? Ein henkershieb! — Die Antwort ist gegeben! Zum Fenster streut Brosamen ihr hinaus, Dem Sperling Nahrung spendend hilfsbereit. O! habt ein Auge für der Zeiten Graus! Bedenket Brüder, daß ihr Juden seid! Die Fenster auf! Streut hin von eurer habe Den Gramverzehrten eine Herzenslabe! Akcnachem. Die Wirkungen der russischen Vorgänge auf das Ansland. 3 i-« ii k f ii r t a. M. Die hiesige zionistische Vereinig u ii g wird voraussichtlich im Laufe der beiden nächsten Wochen eine P r o t e st v e r s a in in - lnng gegen die russischen Greuel veranstalten. Besondere Einladungen an die Mitglieder werden nicht ergehen, da öffentlicher Anschlag an den Plakatsäulen erfolgen wird. Gleichzeitig hat der Vorstand beschlossen, angesichts der nationalen Trauer von der geplanten C h a n n-k a f e i e r A b st a n d zu n e h in e n. Anläßlich deS schrecklichen Unglücks in Rußland veranstaltet die hiesige jüdische Gemeinde nächsten Sonntag T r a n e r g o t t e s d i e 11 ft c und zwar: vormittags 10 Uhr in der Hauptsynagvge (Rede: Rabbiner Dr. Seligmaiin), nachmittags 4 Uhr in der Synagoge am Börneplatz (Rede: Rabbiner 2r. M. tzorovitz) und in der Synagoge in Bockenheim (Rede: Rabbiner Dr. I. Horovitz). Frankfurt a. M. Wie man uns mitteilt, veranstaltet die Odd Fellow L o g e (I. O. O. T.), Freitag, den 24. 'November, abends VaS Uhr im großen Saale des Saalbaues ein Konzert zu Gunsten der ru sfischen Juden. Es werden die c.rsten Kräfte der hiesigen Theater Mitwirken, n. a. die Herren Forchhammer, Brcitcnseld, die Damen Hensel^chweizer und Kernic. Die Oda Fellow Loge legt im Interesse der religiösen Inden besonders Wert darauf zu betonen, daß es nicht möglich war, einen anderen Abend als^Freitag für die Veranstaltung zu nehmen, da der «aal auf Wochen hinaus — außer an diesem Freitag — vergeben ist. Das ausführliche Programm usw. wird noch durch die Tageszeitungen bekannt gemacht. Berlin, 13. November. Für die notleidenden russischen Juden hat die Alliance I s r a 6 l i t e Universelle am 7. d: Ai. 100000 Fr. an das Komitee in Petersburg, am 8. d. M. 60 000 Fr. an das Komitee in Odessa telegraphisch überwiesen. Ihre Sammlung für die Opfer der schmählichen Verfolgungen erbrachte in Paris allein 500000 Fr. ' Berlin. Hier eingctroffene russische Mitglieder des zionistischen Aktionskomitees berichten, daß in der Selb st w e h r 27 000 zi 0 » i st i f cf) e A rbeite r organisiert sind. (K.) Stuttg a r t, 14. Nov. Gestern I>ie!r die Israel. R e l i g i 0 n s g e s e l l s ch a f t einen Taanis für die russischen Juden ab. Des Morgens wurden bei dem Gottesdienste Selichaus rezitiert und Annenii in das Achtzehngebet eingeschaltet. In Mincha hob man die Thora ans und las den Festtags- Abschnitt Wajechal vor. Die Hanptgemeinde wird nächsten Sonntag einen großen Traiiergottcsdienft abhalten. Den ösfentlichen Aufruf zu Spenden kür die verfolgten russischen Inden haben hier unterzeichnet: Der Präsident der Kaiiimcr der Abgeordneten Payer, der Oberbürgermeister von Gauß, verschiedene evangelische Stadtpfarrer usw. Wien, 15. Nov. Der Vorstand der W i e 11 e r israelitische n K n l t n S g c in e i u d e beschloß einstimmig eine Resolution, in der es heißt: In unsagbarem Schmerze um die hingemordelen Märtnrer, in -angstvoller Sorge um unsere ungtücklicheu Brüder in Rußland rufen wir-die Mächte a», sich, wie sic wiederholt bei anderen Anlässen getan haben, im Warnen der Zivilisation, des .Rocht-' und der Gesittung zu einer allgemeinen Aktion zu vereinigen und die russische Regierung mit allem Flachdruck an ihre Pflicht zn mahncu» dem wahnwitzigen Treiben, das die schrecklichen Vorgänge der mittelalterlichen Barbarei -in Schatten stellt, Einhalt zu gebieten. - Heute Nachmittag fanden in allen jüdischen Bet Häusern Wiens T r a u e r g 0 t t e s d i e n fr e für die ermordeten russischen Jude» statt. Wien, 9. November. Ter Bor st and der O e st e r r. - I s r a e l i t. U u i 0 u erschien heute beim M i ii i st er d e s A e u ß e r n mit der Bitte, Oesterreich-ilngarn möge mit Rücksicht ans die G e s a h r , daß die A u s s ch r e i 11111 g e 11 g e g e n die Inden von R u ß l a n d ii a ch 0) a! izie 11 ii bergreifen, die zivilisierten Mächte zn genreinsamcr Vorstellung bei der russischen Regierung veranlassen. Okras Golnchowski verwies in seiner Antwort ans die Schwierigkeiten solchen Vorgehens, das übrigens wahrscheinlich den entgegengesetzten Erfolg haben würde. Für die in Rußland lebenden österreichischen Staatsangehörigeu biete» Botschaft und Kvnsiilate das äußerste auf. Jedem Versuche, eine ähnliche Bewegung auch in Galizien zn entfesseln, würde mit der größten Strenge cntgegengetreten werden. W i e u . Das A k t i 0 n s k 0 m i l e e erläßt anläßlich der I n d c n »1 e tz e l e i e n in R u ß l a n d in der letzten Nummer des Parteiorgans „Die Welt" einen Aufruf. In diesem Aufrufe heißt eS: „Wiewohl wir stets an unserem Gruiiüsatze festhiclten, daß die endgültige Lösung der Judenfrage weit über die Emanzipation der Juden der einzelnen Länder hinaus in der Befreiung der jüdischen Ration aus eigenem historischen Territorium liegt, haben wir von der großen Umwälzung Rußlands eine Slürkniig unserer Volkskraft erlvartet. 'Nach namenlosen Leide» sielen die ersten Hojsunngsstrahlen in das entsetzliche Dunkel des jüdischen Lebens. Kaum aber ertönt der erste Freiheitsruf, als schon wieder und grauenhafter denn je, die Mächte des Fanatismus und des Judenhasses, den man eben für gebändigt hielt, entfesselt wurden und unsagbares Leid über Millionen unserer Brüder gebracht haben." Der Aufruf schließt: „Millionen sehen mit Bangen den furchtbar drohenden Gefahren entgegen. Denn niemand kann sagen, was die nächsten Stunden bringe» werden. Jetzt, da unsere Volksgeiiosseir nur auf sich gestellt sind, ergehe unser Ruf an alle Gesiiiiiiiiigsgeiwssen und Freunde: Gebet unseren Brüdern und Schwestern die Mittel au die Hand, sich gegen bestialische Mordbanden zn wehre». Stutzet die orgailisierte jüdische Selbstverteidigung! « t ä r k e t die jüdische S e l b st w e h r!" Lemberg, 11. Nov. Zahlreiche Mitglieder des Polenklubs werden beim Landtag eine Interpellation einbringen wegen der Jndenmetzeleieii. Paris, 8. November. Es hat sich hier ein Komitee zum Protest gegen dieNiederm e tz e l u ng der intellektuellen L i b e ralen und Juden in Rußland gebildet. Dieses Komitee, an dessen Spive A n a r v l e F r a n c e steht, wird einen Ilppell an alle demokratischen Vereinigungen Frankreichs richten und eine Versamnilung veranstalten. London, 14. Nov. In einer gestern in der Memorial Hall abgehaltenen Versammlung von Juden, in welcher gegen die Ausschreitungen gegen die Juden Rußlands Protest erhoben wurde, wurde folgendes T e l e g r a m m B a l f 0 n r s verlesen: „Tie Regierung Sr. Majestät hat mit Bedauern und Entsetzen von den Judenmassacres gehört und bereits alle Maßregeln ergriffen, welche geeignet erscheinen, das Ilngemach zn mildern." Aehnliche Telegramme sind von Lord R 0 sehe r >>, E h a in b e r l a i n , A s g u i t h , Lord :){ 0 t hs ch i l d , den Erzbischöfen von Eanlerbnrh uni» Westmiiister und andere» angesehenen Persönlichkeiten eingegangen. London, >4. Nov. Lord :)i 0 t h s ch i l d führte heute den Vor sch in einer Konferenz, in der die Art der V erteil u n g der g e s a »1 m eiten Gelder beraten wurde. Ans Paris, Berlin und Petersburg waren Delegierte an wesend. Es wurde beschlossen, mit de» Ueberw. isnngen an Baron Guns» bürg, der für die Verteilung sorgen soll, fortzufahren: ferner die Abreise einer ans drei Mitgliedern bestehenden Kommission ins Werk zu iepen, welche die durch die llurnhen heinlgesiichte» Ttädte besuchen soll. Ferner wurde bestimmt, ein Zentral Jniormalivnsbnreau in Berlin zn errichten, ivelches die Meldnngen über die Bedürfnisse jeder Ortschaft im einzelneil sammeln soll, um eine verhältnismäßige Verteilnng zn sichern. Jedes Koniilee auf dem Kontinent soll die Kontrolle über die Gelder, die es aufgebracht hat, behalten, aber anordnen, daß der gegenwärtige Ueberschnß aller Gelder durch N. M. Rothschild Sons überwiesen oder zur Verfügniig dieser Firma gehalten iverde. London, l l. Noo. Der E r z b i s ch 0 f v 0 n C a >1 t e r b u r v hat an de» M c t r 0 p 0 l j t a u von P e t e r s b n r g ei» Schreiben gerichtet, in dem er die „surchtbaren Ausschreitungen gegen die Juden" bedauert und der russische» Kirche die Shinpathie der Kirche von England an-sspricht. A m st e r d a m , l l. Nov. Aus Initiative des z i 0 11 i st j s ch e u A k t i 0 11 s k 0 »1 i t e e s hat sich über ganz Holland ein K 0 m i tc e gebildet, das zur Unterstützung der »»glücklichen Inden in Rußland Gelder sainmelt und einen Ausruf zn diesem Zwecke verbreitet. N e w y 0 r k, 14. Nov. Tie hiesigen 2 t a d t verordnet e n nahinen eine :)i es 0 lnti 0 n an, in der R 0 0 sevelt ersucht wird, z u G> „ „ st e „ d e r r u s - s i s ch e 11 I u d e 11 z u i 11 t e r v e „ i e r e 11. N e w i> 0 r k, 0. Nov. Oskar stta u ß , der frühere amerikanische Gesandte in der Türkei, besprach mit Rooscvelt die russischen Jiideiiversolgungeu. Roosevelt kann wegen der allgemeinen Revolution in Rußland nichts unternehmen. Aufruf ju Gunsten der Jamilien der ermordeten und beraubte» rnssische» Jude». Tie grauenvolle» Berichte aus Rußland sprechen leider eine so beredte Sprache, daß es kaum vieler Worte bedarf, um an die Opferwilligkeit der gesamten gebildeten Menschheit zu appellieren. ll 11 g e h e ute S 111» nt e 11 iti ü s s e u a u f g e - b r a ch t w e r d e n , um die he r r s ch e u d e N 0 t n u r e i n i g e r m aßen zu linder u. Gebet darum rasch und reichlich! Jeder der Unterzeichneten ist bereit. Gaben gegen Qllittnug in Enipsang zu nehmen. Frankfurt a. M., 'November 1905, T a S H i l f S k 0 »1 i t e e. E h a r l e s L. H a l l g a r t e 11, Miguclstr. 21, Vorsitzender. Oberbürgermeister Dr. A dickes, Guiolettstr. 55. Direktor Dr. S. Adler, Rechiieigrabeiistr. 1611. Kommerzienrat I e a n A 11 d r e a e , Gniolettstr. 64. Fritz A 11 c r b a ch, Gr. Gallusstr. 18. Stadtrat Jos. Baer, Fcldbergstr. 5l. Justus Bärrn, Oberinaiiistr. 4511. Direktor Tr. Bärwald, Schützenstr. 2. Pfarrer F. Battenberg, Jahnstr. 20. Rechtsanwalt Dr. Blau, Hochstr. 2t. Kommerzienrat Otto B r a u u s e l s, Gr. Gallusstraße 18. Rabbiner Dr. B r e u e r, Schützenstr. 14 II. E d 11 a r 0 E 0 h e 11, Feuerbachstr. 14. Direktor Theodor Enrti, Gr. Eschen heimerstraße Pfarrer I>. Decheut, Niedenau 58. I. T r e h f u s , Alte Rothhofstr. 8. Obcrkonsistorialrat Psarrer l>. Elsilers, Bleichstraße 40. Louis Fei st, Zeit 56. Justizrat Tr. A d 0 l f Fester, Hochstr. 29. Direktor August Fester, Gallusanlage 8. Professor Tr. M a x F l e s ch, Hochstr. 28. Stadtrat Heinrich F l i 11 s ch, Myliusstr. 25. Justizrat Tr. Fritz F r i e d l e b e n, Bockenheimer Anlage 50. Rechtsanwalt Ad. Fuld, Hochstr. 17. Landtagsabgeord. Carl juntf, Holzgraben 15. Justizrat Dr. Bert h o l d Geiger, «chillerstraße 22. Zahnarzt Emil A. Ä l 0 g a u, Zeil 56.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.