Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 43 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zv Nr. 43 des Frankfurter Israelitischen Familieublattes. Inhalt -er Beilage: Artikel- Die russische Konstitution und die Judenftage. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehr er Welt. — Sprechsaal. „JüdischeJugen d." Die russische Konstitution und die Judenftage. Impressionen eines russischen Juden. Endlich ist es geschehen, das längsterwartete historische Ereignis, das dereinst ein Ruhmesblatt in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts bilden wird. Ter langjährige erbitterte Kampf der geknebelten und niedergehaltenen Völker des weiten Zarenreiches gegen die dunklen Mächte der Knute und des Bajonetts wurde schließlich vom Erfolge gekrönt; die edle Schar der begeisterten und ausopfcrungsfreudigen Vorkämpfer für Menschenrecht und Menschenwürde trug den Sieg davon gegen eine verrottete, gewissenlose Clique von Volksfeinden. Mit Schimpf und Schmach brach das Regime der Polizeivampire unter dein tvnchtigen Ansturm des verjüngten Volksgeistes zusammen; der vom langen Winterschlafe erwachte Riese Volk befreite sich von dem grausigen Alpdruck einer Jahrhunderte alten Knechtschaft und schüttelte mit elementarer Gewalt das Tyrannenjoch ab. — Rußland bekam eine Verfassung. An dem allgemeinen Frühlingssest der Völker Rußlands nehinen auch wir Anteil. Zunächst schon ans rein menschlichen Motiven. Ein .Volk, das Jahrtausende lang von der böte noire im Menschen die unsäglichsten Qualen erfahren mußte, kann für die unglücklichen Opfer brutaler Gewa.t nur die aufrichtigste Sympathie empfinden, und die Nachkommen der „Propheten der Wahrheit und Gerechtigkeit" müssen in der russischen Freiheit den Sieg der Menschhcitsidce mit Jubel begrüßen. Aber auch vom Jnteressenstandpunkte des jüd. Volkes ans haben wir allen Grund, uns über beit Akt vom 30. Oktober zu freuen. Die Macht unseres schlimmsten, blutrünstigen Feindes, die Macht der russischen Autokratie, ist nun gebrochen; eine schamlose Regierung wird nicht mehr systematisch den Abschaum der russischen Gesellschaft zu grauenhaften Judenniassacres organisieren können. Jungrußland wird, 'in den Flitterwochen der Freiheit wenigstens, seinen wackersten und tatkräftigsten Kombattanten, den Juden, die Früchte des harten, blutigen Kampfes nicht vorenthalten. Schon aus purer Ideologie und Konsequenz des politischen Bekenntnisses nicht. Es ist also zu erwarten, daß unsere Massen von dem gewaltigen Druck der zahllosen unmenschlichen Ausnahmegesetze und von den eisernen Klammern einer tausendarm igen Not endlich befreit werden. Zweifellos ein Gewinn von ungeheurer Tragweite. — Allein .... lind mit diesem „allein" setzt die erschütternde Tragik unseres Goluslebens ein, aus dem wir, wie aus einem magischen Kreise, nicht heraus können. Es gibt für uns keine ungemischte Freude. Das harte Wort des Propheten: „Tn sollst nicht, Israel, jubeln über Freudiges, gleich den (anderen) Völkern" scheint ebensosehr Prophezeihung wie Mahnwort zu sein. — Schon bei der ersten Nachricht von dem Manifest des Zaren konnten wir uns eines gewissen Gefühls der Bangigkeit und Besorgnis über unser Geschick in allernächster Zukunft nicht erwehren. Es war für uns klar, daß die vollständige Ruhe nicht so bald, >vie mit einem Zauberschlage, eintreten wird, lind so befürchteten wir denn, daß das zum politischen Tode verurteilte Tschinowniks- und Polizeigesindel es nicht unterlassen wird, während der anarchischen llebergangszeit, bevor sich die Hochflut der revolutionären Wirren gelegt hat, an den verhaßten Juden ihre Wut auszulassen und für ihren Ruin furchtbare Rache zu nehmen. Was wir mit stillem Beben fürchteten, wurde nun zur Wirklichkeit, lind noch viel furchtbarer, entsetzlicher. Mit der Veröffentlichung des Manifestes begann in den jüd. Ghettis Rußlands der Hexensabbat menschlicher Bestialität. Tie entsetzlichen schwarzen Hundertschaften toben, von Polizei und Soldateska unterstützt, wie ein wütender Orkan,-überall Mord und Entsetzen verbreitend. Das gesamte Ansiedelungsrayonsteht in hellen Flammen. Die böte humaine fe je.ztü h r c w i l d esst e n Orgien. Esi ft-'e i n f o schauderhaftes Morden und W ü r g e n, d aß m a n a u f d i e Z e i t d e r K r e u z« züge zurückgreisen muß, um historische Parallelen zu sin den. Ja, die Odessa's und Kiew's des zwanzigsten stellen sogar in Schatten die Speier's und Mainz' des elften Jahrhunderts. Tas Blut erstarrt dem'modernen Juden in den . Adern und der Wahnsinn pocht ihm an die Schläfe, wenn er sich all die Schauerbilder vergegenwärtigt, und dabei seiner demütigenden Ohnmacht inne wird. - Mögen nun so manche unverbesserliche Optimisten auch jetzt mit ihrem „gam su l'tauwoh" zur Stelle ■ sein, mögen sie in den neuen Strömen jüd. Blutes den Kitt erblicken, der unsere Emanzipation für alle künftigen Zeiten befestigen soll, — uns will es scheinen, daß der Preis doch etwas zu hoch ist, daß die zu erwartenden Erfolge in keinem Verhältnisse stehen zu den immensen Opfern, die mir schon ohnehin für die russische Freiheit gebracht haben. Tenn — wir brauchen uns dessen nicht zu schämen, und mögen uns deswegen gewisse Helden des Obskurantismus noch so sehr ein staatzerstörendes Element schelten — ein gut Teil dessen, was im Kampfe gegen den Kulturmakel des Jahrhunderts, den russischen Absolutismus, geleistet wurde, fällt auf unsere Rechnnng, und die nordische Hydra würde wahrscheinlich noch lange die europäische Atmosphäre verpestet haben, wenn ihr nicht unsere Mannen, die im Treffen immer in den ersten Reihen standen, allmählich Kopf auf Kopf abgchauen hätten. Und doch fällt es uns schwer, zu glauben, daß wir die Früchte unserer harten, hingebungsvollen Arbeit dauernd genießen werden. Wir sind bereits durch Erfahrung gewitzigt und wissen, daß die Völker regelmäßig von Gedächtnisschwäche befallen werden, sobald es gilt, unsere ehrlich verdiente und von ihnen gewährleistete Gleichberechtigung in dauernde Wi.llichkeit umzusctzen. Es liegt ihnen eben im Blut, die Juden lediglich als Tienftobjekte anzusehen, aus welchen man möglichst viel herausschlagen soll, ohne ihnen deshalb etwas schuldig zu sein. Und so scheinen wir denn vom Schicksal dazu verdammt zu sei», immer fremde Weinberge zu hüten, immer für Fremde die Kastanie» aus dem Feuer zu holen. — Tic Beispiele ans der Geschichte dürsten jedem geläufig sein, so daß ich mir es füglich ersparen kann, sie hier anzuführen. Und so wird wohl auch in Rußland auf die Gewährung der Gleichberechtigung nach einigen Jahren die Reaktion eintreten und man wird schon Mittel und Wege finden, unsere Emanzipation illusorisch zu machen. ' Personalien. Berlin. Dem Kreisarzt, Geheimen Medizinalrat T r. B a e r ist anläßlich seines Ausscheidens ans der Stellung als Oberarzt des Strasgcfängnisses in Plötzensee der K r o n e n o r d e n III. Klasse verliehen worden. Hannover. Herr vr pdit. Schöndorfs ist zum 1. A s s i st e n t e n vom p h a r m a k o l o g is ch e n I n st i t u t der hiesigen tierärztlichen Hochschule ernannt worden. Tie Ernennung ist insofern bemerkenswert, als Herr Tr. Schöndorsf der erste Jude ist, der an der hiesigen Hochschule eine Anstellung findet. Beutheil iO.-S.> Ein ansehnliches Trauergefolge gab am Freitag dem hier am 1. d. M. verstorbenen Herrn Moritz Dresden das Geleite. Ter Verewigte, der ein Alter von 83 Jahren erreichte, war Mitbegründer und Vorstandsmitglied des hier seit 1864 bestehenden Talmud-Tora-Bereins. Biele Jahre gehörte er der Gemeinde-Repräsentanz an. Wreschen (Posen) Anläßlich seiner Uebersiedlung nach Breslau wurde Herrn Hugo E h r e n f r i e d, langjährigem Ratsherrn der hiesigen Stadt und Vorstandsmitgliede der jüd. Gemeinde, der K ronenordeii 4. Klverliehen. Herr Kreisarzt Tr. M i ch a e l s o h n ist zum M a g i st r a t s m i t g l i e d e gewählt worden. Rakel lPoscn). Kaufmann und Stadtverordneter David Jtzig wurde einstimmig zum S t adtrat gewählt. Sulz (Ober-Elsaß). Dem Metzger Sa ko man Levy, von hier, welcher von 1858 bis 1865 in Frankreich gedient, und den Feldzug von Italien und Mexiko als sergoot majnr, sowie den Feldzug von 1870, als alter Unteroffizier mitgemacht hat, wurde vor 4 Wochen von der Stadt Belsort die g o ldene Medaille verliehen, mit der Aufschrift: „Aux defenseurs de Beifort. La ville de Beifort en memoire du siege gloiienr 1870:71.“ Hamburg. Die Beerdigung des Herrn Oberlehrer Tr. S. P. N a t h a n fand am 2. Nov. vom Trauerhause, Holstenwall, aus statt und gestaltete sich zu einer großartigen Trauerkundgebung. Weit über 1000 Menschen folgten der Bahre; mehrere Schutzleute" waren nötig, um den Verkehr zu regeln. Herr Oberrabbiner Hirsch würdigte in seinem Nachruf die Person des Toten und zeigte in beredter Weise, was das Judentum in diesem Manne verloren hat. Wien. ' Dem Chefredakteur des .Fremdenblatt" Hofrat Dr. M. F r y d m a n n und dem Großindustriellen Bernhard W e tz l e r, Generalrar der anglo-österr. Bank ist das K o m t u r k r e u z des Franz Josefs-Ordens verliehen worden. Aus der zionistischen Bewegung. Nürnberg. Die hiesige zionistische Vereinigung hat im Restaurant Knrländer in Fürth ein Lesezimmer errichtet. Jeden Tienstag Abend ist im gleichen Lokale Zusammenfiinst der Mitglieder. Sonntag Abend hielt Herr T r. B l o e d e einen hervorragenden Vortrag „Von Heß bis Herz l", der großen Beifall erntete und eine Anzahl Neuanmeldungen zur Folge hatte. Unter der Leitung des Herrn P h. H ei m ann- Fürth und des Herrn Tr. I. Baniberger -Nürnberg sind hebräische Sprachkurse sür Erwachsene und sür Kinder errichtet worden. Nürnberg. Hier tagten am vergangenen Sonntag die Vertreter der zionistischen Vereine Bayerns zur Konstituierung eines bayer. Gruppenverbandes. Tie Konstitiiierung wurde beschlossen und Herr Dr. Jsak Bamberger-Nürnberg zum Vorsitzenden gewählt. Zürich. In der ani 2» Ok'ober stattgehabten Generalversammlung der hiesigen Ortsgruppe wurde .Herr W. 21 e i n b e r g als P r ä s e s und vie Herren I. Horn, I. Rom, E h. I. E i ß, M. F ä r b e r, E d m n ii d Beruhet m und sind. G i n s b e r g als Vorstandsmitglieder gewählt. — Auf Chanuka wird zu Gunsten einer zu errichtenden Bibliothek und Lesehalle, eine Makkabäerfeier geplant. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M.. den 8. November. .M onteil o r e" - Verein. Gestern eröffnctc Herr Tr. Julius H ü l s e n, Architekt und Privatdozent an der Technischen Hochschule zu Tarmstadt einen dreiteiligen Bortrags-Zyllus mit einer Piauderei über „K o nst a n t i n o p e l, seine Kunst- und B a u d e n km ä l e r". An der Hand von zahlreichen, vorzüglich geluiigeiien Lichtbildern zauberte Herr Dr. Hülsen den Zuhörern mit begeisterten Worten die Wunder des Orients vor die Augen und vor die Seele. Ter „Montesiorc"-Vcrein hätte aber auch keinen besseren Interpreten finden können, hat sich doch Herr Tr. Hülsen durch öfteren und längeren Aufenthalt im Orient so eingehend mit dem Studium der dortigen Kunstwerke befaßt, daß es selbst sür Laien auf diesem Gebiet ei» auserlesener Genuß ist, den Aiissühruiige» des Herrn Reserenten zu folgen. Auf den Wunsch des Vorstands hin hat sich Herr Tr. Hülsen bereit erklärt, am nächsten Mittwoch, den 15. er., das 3;^cma: „De r fit an t* furtcr Iudenfriedhos und die alte Juki e n g a s s e" zu behandeln. Es dürste allgemein bekannt sein, daß sich Herr Tr. Hülsen um die Erforschung des alten Friedhofes am Börneplatz neben .Herrn Rabbiner Tr. Horovitz unschätzbare Verdienste erworben hat, und wird daher die Wahl dieses Themas sicher allseitig mit Freuden begrüßt werden. Zahlreiche Lichtbilder werden zur Erläuterung vorgejührt. Mit Rücksicht aus den schon am letzten Mittwoch herrschenden Andrang von Zuhörern wird empfohlen, pünktlich zu erscheinen. Wir wollen nicht unterlassen, an dieser Stelle daraus hinzuweisen, daß der Talmud Thora- Verein den Mitgliedern des „Montesiore"-Bercins bereitwilligst gestattet hat, den an jedem Freitag nn Hörsaal der Synagoge Börneplatz nach Schluß des Abend-GottesdiensteS stattsindenden Vorträgen beizuwohnen. F. M. Aus der Lehrerwelt. Eaffel. Mit der provisorischen Verwaltung des durch den Tod des Herrn Tr. Prager erledigten Landrabbinats ist Herr Provinzialrabbiner Dr. M u n k - M a r b u r g betraut worden. Posen. Tie Kantoren der Provinz Posen hielten hier zwecks Gründung eines Vereines eine Versammlung ab. Rach Festsetzung der Statuten wurden provisorisch in den Vorstand gewählt Ziegelroth (Vorsitzender), Schatz, Gordon und Stein. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Geehrter Herr Redakteur! Entgegen der in Ihrem Leitartikel der vorwöchentlichen Nummer geäußerten Stellungnahme der Orthodoxie zn dem „Verband der deutschen Inden" erachtete ich es für meine Pflicht, die Leser Ihres Blattes auf die diesbezügliche von S. R. Hirsch aufgestellten Verhaltungsmaßregeln aufmerksam zu machen. Diese sinden sich in Hirsch, Ges. Schrisien 3. 374 und lauten: „Wir sprechen unsere tiefste Ueberzeuguug aus. Eine auf echtjüdischer, wahrhaft liberaler Basis des Selbstbestimmuiigsrechis der Gemeindemitglieder und Gemeinden beruhende, somit aus den Gemeinden und ihren Gliedern selbst hervorgehende Zentralisation kann auch aus jüdisch-religiösem Boden von hohem Heile sein und hat sich vielerwärts — z. B. in der fast musterhaft zu nennenden, Jahrhunderte lang bestandenen, seit etwa 100 Jahren erloschenen Organisation der mährischen Gemeinden zu Bezirksgemcinden und diese wieder zu einer Landesgemeinde höchst heilsam bewiesen. _ Allein das künstliche Schassen größerer Synagogen-Berbände ist nur möglich, wo bereits die natürliche Einheit im Geiste und in der Wahrheit vorhanden ist, wo das religiöse Grundgesetz über allen afS der allmächtige Bereinigungspunkt in unange-