Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 40 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 40 des Frauksurter Israelitische» FaMeablMes. Inhalt der Beilage: Artikel: Festesfreude. — Eine hispano-jüdische 8rage. — Die Judenfrage an der Petersbmger niverfität. —. Ein Brief NordäuS an' Zangwill. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. ' — jüdische Jugend." AeMsfreude. Vorbei ist der <Ämmer mit seiner Freude und Lust. Kahl abgemäht, ihres Blumengewandes entkleidet, liegen die vormals grünenden Fluren da. Rauh und kalt bläst der Nord. Verstummt ist der Lerchen Gesang, und der Vögel Gezwitscher. Laut und immer ” kaMer-erhebt"stch der unfreundliche Herbst-Wind, bis zum grollenden Sturme sich steigernd. Welke Blätter nur sind es, die er zu Boden wirbelt; aber ihrer einstigen. Pracht eingedenk, seufzt und stöhnt er, ächzt und jammert. ... Die alles belebende und erwärmende Sonne ver- . birgt uns ihr leuchtendes Angesicht. Immer seltener durchbrechen ihre Lichtstrahlen die düstere Wolkenburg. Immer stetiger rauscht die Regenslut herüieder; kälter und kälter werden ihre Tropfen, bis sie, in lichtloscr Höhe erstarrt, als eisige Flocken herniedersteigen, um die Erde mit einem weißen Leichentuche zu umhüllen. ... Was Wunder, wenn bei diesem schwankende» liebergange zur Zeit des aus und ab wogenden Kampfes zwischen Leben und Tod in der Natur, zwischen Licht ’ und Finsternis, wobei der Sieg der letzteren, wenn auch nur für eine abgemessene Zeit, sicher ist, auch um unser zagendes Herz ein Eispanzer sich legen möchte, alle 'Lebensfreude und alle Leben-Hoffnung ertötend, um all unser Streben und Wirken hohl und nichtig, sinn- und zwecklos erscheinen zu lassen. Ta aber tönt zu uns die Stimme aus dem lichtumslossenen Sinai herüber, eine Stimme, die zum Lebensmut und zur Lebensfreude ermahnt: „Und du sollst dich au deinem Feste freuen" . . .! Wen» der Sturm an dein Fenster riitte.t, so suche dich nicht dadurch zu schützen, daß du einen Riegel vorschiebst, sondern trete ihm mutig entgegen und biete ihm die Stirne: „Sieben Tage sollt ihr in Hütten wohnen" .... Wahrlich, für die Juden der Jetztzeit nur allzu schwer zu befolgende Gebote! Wie soll Israel einer von ihm leicht gebauten Hütte sich anvertrauen, wenn ihm auch steinerne Wände und eiserne Türen keinen Schutz mehr gewähren? Wie darf der Jude in lose übercinandcrgeschlagene Bretter mit Weib und Kind steigen, um das freie und bestirnte Himmelszelt schauen zu können, wenn Keller und Dachboden nicht hinrcichen, sie vorder Wut des nach ihrem Blute lechzenden Feindes zu retten? Wie aber erst sollen wir uns freuen, tvenn unser armes Herz vor Jammer vergeht? Wo sollen wir Töne des Jubels und Worte der Freude hernehmen, während wir in laute Klagen und verzweiflungsvolles Weinen ausbrechen möchten über all das Unglück und die Schande, die über uns gekommen? Freue dich, Israel! Das Blut deiner Söhne und Töchter fließt in Strömen, aus deinen Tränen könnte eine neue Sündflut entstehen, freue dich, Israel! * * * Doch, und doch gibt es einen Trost! Und es gibt auch eine Hoffnung! Wohl ward noch kein Volk der Erde so verfolgt und mißhandelt, wie das unserige, so geniartert und gepeinigt, aber nicht für unsere Schuld,' denn diese kann unmöglich so groß sein. . . ., - Wir litten und leiden durch und von dem Blutdurst, der Bosheit und — Dummheit anderer. Wenn aber dem sittlich empfindenden Menschen die Wahl frei stünde, ob er zu den Verfolgern oder zu den unschuldig Verfolgten, zu den Gemarterten oder Henkersknechten gehöre, ohne Bedenken, ja mit Stolz und Freude, würde er das letztere wählen! . . . Unser Blut ward stromweise vergossen, aber unsere Hände sirrd von Blutschuld unbefleckt. ... Unseres Tränen fließen, aber/unser Ährissen ist! rein .... Und um keinen Preis möchten wir mit unseren Feinden tauschen! Aber ein Volk hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht zum Leben! .... Wenn wir unsere Bedränger auch bedauern, so sind wir deswegen noch lange nicht zu beneiden. Und nur eines kann helfen: Wenn nicht Einzelne aus Israel, sondern die Gesamtheit daran geht, Hütten in der Freiheit, trotz Sturm und Wetter, zu bauen. Wenn es keine Feiglinge mehr gibt unter uns, die im StiUen, in der Tiefe ihres Eigennutzes sich verkriechen, oder solche, die im Dachboden, in der Höhe hohler Phrasen sich verbergen. Dann wird die Hütte Davids, die dem Einsturz nahe, wenn sie anfänglich auch noch so schwach scheint, zu einer festen Burg werden, in deren Schutz wir sicher wohnen. Und wenn Israel befreit wird, so erfährt die Gesamtmenschheit dadurch nicht minder eine Erlösung. Dann aber erst, auf jüdischem Boden, wird unsere Festesfreude ganz und eine durch Tränen und Qual ungetrübte sein. S. B. Eine hispano-jüdische Frage. Von lö M a i t r e. Während die Beantwortung der brennendsten jüd. Fragen der Gegenwart durch die Macht der Verhältnisse sich immer schwieriger gestaltet, tauchen immer neue Fragen auf, als wollte uns das bittere Schicksal nicht nur durch.die Macht der rohen WirNichkeit, sondern auch durch seine blutige Ironie kränken. Die Emigrationsfrage, das jüdisch-soziale Problem, die territoriale Frage harren noch mit nervöser Ungeduld auf ihre Lösungen, und schon.gesellt sich zu diesem Fragenbündel wieder eine neue Frage — — das hispano-jüdische Problem. Seit einer Reihe von Jahren ist im Lande der hispanischen Grandezza eine latente philosemitische Strömung zu bemerken, die nunmehr dank der „liberalen" Regierung Montreo Rios eine greifbare Form angenommen hat. Jetzt, in der Zeit politischen Niederganges und ökonomischen Verfalls haben sich die stolzen spanischen Granden ihrer einstigen jüdischen Mitbürger, die im Jahre 1492 unter Ferdinand und Jsabella unter gezwungener Zurücklassung ihrer Habe gleich Verbrechern aus dem Lande, in dem sie ein Jahrtausend gelebt, verjagt wurden, erinnert und sind nun bestrebt, den Mißgriff ihrer Vorfahren gut zu machen. — Tie Juden sollen wieder nach Spanien kommen, sollen ihre Bürgerrechte wieder erhalten und an der Hebung der dortigen Lage Mitarbeiten. Daß es die Spanier mit der Sache der Rehabilitierung der Juden ernst meine», beweisen die Vorkehrungen, die sie unter der Leitung des liberalen Senators Tr. Pulido getroffen, aufs deutlichste. Zum Zwecke der Lösung der „hispano-jüdischcn" Frage sind bereits Gesellschaften und Institutionen ins Leben gerufen worden und Verhandlungen zwischen diesen Gesellschaften und .den spanischen Juden sind bereits im Gange. Tie spanischen Interessenten haben zwei Wege eingeschlagen, die sie zum erstrebten Ziele, zu eiuer Verständigung führen sollen. Zunächst glauben sie mittels gemeinsamen Kulturgutes, der spanischen Sprache, die noch die Jude» trotz dem vierhundertjährigen Verbanntsein in ihrer Reinheit bewahrt, sich verständigen zu könne», alsdann durch Anknüpfen von Handelsbeziehungen. Spanische Minister und Notabel», Hofmitglieder und Bolkspolitiker befassen sich jetzt in Spanien mit der Frage, und die rege Tätigkeit, die die Spanier behufs Lösung des „hispano-jüdischen" Problems entfalten, bekundet, daß ihnen die Sache am Herzen liegt. Tie gegenwärtige La ge der osteuropäischen Juden, ihr Kummer und ihr Elend, lassen uns heute die hispanojüdische Frage, die wir nicht aufgeworfen, als diskutabel e rscheinen. Und nur mit Rücksicht auf die heutige Lage der Juden treten wir in eine Diskussion über diese Frage ein. Wie gesagt — wir müssen mit Rücksicht aus die 'ge^nwärtige^ Läge unserer Brüder in die Behandlung der Frage treten, wiewohl es für uns ein sehr unerquickliches Kapitel ist. Zwei Gesichtspunkte — der Politisch-ökonomische und der national-jüdische — sind hier auseinander zu halten. Was die erste Seite der Frage, die ökonom-politische, angeht, ist hervorzuheben, daß die Frage von diesem Gesichtswinkel aus betrachtet eine ziemlich komplizierte ist. Kann das „offiziell liberale" Spanien die Verantwortung für die Entscheidung einer solchen Frage in ihrem Sinne auf sich nehmen? Ist das spanische Volk vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts so grundverschieden von Spanien des 15. Jahrhunderts? Tie Zahl der inr heutigen Spanien lebenden Mönche veranlassen uns» die Frage im negativen Sinne zu beantworten. Auch» die heutige spanische Kircheupolitik läßt uns nicht die Frage bejahend beantworten. Tie Inquisition ist in Spanien seit neun Dezennien abgeschafft, aber das spanische Volk ist noch heute von ihrem Geiste durchtränkt. Noch heute predigt per Bischof von Toled» in seinen Katechismen für die Jugend Haß und Tod> den Juden und Freimaurern. Also theoretisch genau wie vor 400 Jahren. Ich erinnere nur an die Ausschreitungen des spanischen Mobs gegen die Engländer in Barcelona, die der Einweihung der anglikanischem Kapelle beigewohnt und hei ihrem Verlassen des neuen Gebäudes von der Menge gesteinigt wurden. Ter Brief Alphonsos an den Bischof von Toledo aus diesem Anlaß ist noch in voller Erinnerung. Dabei ist nicht zu vergessen, daß die Spanier es mit Engländern zu tun hatten. Tie Geschichte des spanischen Volkes der letzten Jahrhunderte beweist die Unfähigkeit der Spanier, andere Völker zu assimilieren oder gar zu erziehen. Ter Boden, auf den der Spanier einmal seinen Fuß gesetzt, ward zum Schauplatz der Zerstörung. Ich erinnere an die südamerikanischen Staaten. — Ter Spanier, der Katholik — der Jnquisitionsfrennd, hat die Araber verjagt, die Mauren gevierteilt, die Juden gefoltert und verbannt. Biel hat sich der Charakter des spanische» Volkes nicht geändert. Unter diesen Umständen kann nicht einmal die spanische Regierung als solche die Frage lösen, denn sie kann uns nicht garantieren, daß Exzesse gegen die Juden unterbleiben. Und bei dem häufigen Wechsel der Systeme und der Politik der spanischen Regierungen können wir sogar bei Versicherungen und Beteuerungen der offiziellen Regierung selbst nichts im Sinne der spanischerseits angestrebteik Verständigung unternehmen. Tenn wenn inorgen die Klerikalen den Liberalen das Heft aus der Hand reißen —? Aber abgesehen von alt' diesen Bedenken muß doch der Entscheidung dieser Frage im spanischen Sinne als eine Jinmigration nach Spanien auf dem Fnß folgen: Wer soll da die Immigration veranlassen, unterstützen und organisieren? Tie Zionisten und die Territorialisten köiiuen sich aus programmatischen Bedenken einer solchen Ausgabe nicht unterziehen und die verschiedene» philantropische» Gesellschaften, wie die Jca und Alliance, können es noch weniger. Sollten sich die vier genannte» jüdische» Institute gemeinsam an einer Emigration der Juden beteiligen, so werden sie die Emigranten überall gern, nur nicht in Spanien, ansiedeln. Aus diesen Erwägungen heraus scheint uns die Frage als bereits beantwortet zur Welt gekommen zu sein. — -tun angenommen aber, alle unsere geäußerten Bedenken kämen nicht in Betracht, die Juden könnten in Spanien leben und glücklich sei», darf der Jude rücksichtlich der-Wahrung der nationalen Würde nach Spanien zurückkehren? Ans diese Frage haben wir Nationaljuden eine Antwort. Nach Spanien kehren wir nicht mehr zurück, sofern wir uns nicht in den Augen der Völker erniedrigen wollen. Neben einem religiösen Verbot — dem Cherem, den die Rabbiner nach der Ausweisung der Juden aus Spanien auf dieses Land gelegt haben — ist es auch die nationale Pflicht, die zu wahren wir den Opfern der Inquisition schuldig sind, nicht den Boden, auf dem Torquamada einst stand, wieder zu betreten. Wir Juden werde» nie-wieder nach Spanien Hurückkehren!