Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 39 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 39 des Frankfurter Jsraelitischell Famllienblaües. Inhalt der Beilage: Artikel: Bor Toresschluß. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der Geschäftswelt. — Briefkasten. — Literatur und K u n st. Vor Toresschluß. Erzählung von Samuel G o r d o n. Frei überseht von M. Pulverinan n. (Fortsetzung.) „Aufgaben!" rief Gerold, verächtlich seine Nase rümpfend. „In der modernen Sprache heißt cs „Verhängnis." Das heutige Judentum hat keine Zeit und auch keinen Sinn für andere Aufgaben, als weltliche Interessen zu verfolgen, als Geld und Reichtum zusammen zu scharren!" „Du hast die schmähliche Unterstellung unserer Gegner gut gelernt, Gerold," sagte Saul gelassen, „und für manche von uns — es soll keinen Tadel für Dich enthalten — mag dieses eiu geeigneter Vorwand sein, die Trennung zu bemänteln. Und dennoch kann nichts unfern angestrebten, herrlichen Endzweck besser bekunde», als gerade diese Tatsache. Jedem, auch dem niedrigsten Erdengeschöpf hat Gott irgend eine Waffe, irgend ein Abwehrmittel gegen seine Widersacher mitgegeben. Was nun, wenn wir ein Volk von Bettlern gewesen wären-hätten wir wohl bisher, alles, was uns iin Laufe der Zeiten widerfahren, überlebt und überdauert? Wenn Israel tatsächlich weiter nichts tut, als Gold aufhäufcn, so häuft es es nur zu Schutzwällen auf, hinter denen es seine Zeit abwartet, bis das Herz der Menschen mehr in Liebe für einander schlagen, bis das Raubtier des Hasses seine Krallen abgestumpft haben wird; dann werden wir auf Gottes Geheiß hervortretcn, dann werden wir unsere Lippen auftun, um laut und furchtlos den Schluß-Vers unserer seit Vater Mrahams Zeiten übernommenen Botschaft aller Welt zu verkünden." „Und in der Zwischenzeit?" fragte Gerold mit einem Achselzucken. „Du hegst die Hoffnung auf eine Belohnung in einer Zukunft, die zu sehen das kranke lind morsche Judentum nicht erleben wird." „In der Zwischenzeit habe ich meinen Glauben an die besondere Vorsehung, die von. jeher unser Schutzengel gewesen, und dieses bedeutet: Glaube an die eigene Kraft und Vertrauen auf sichern Erfolg. Das ist die beste Arznei, um die „Krankheit", die Du uns anhängst, zu überstehen." „Sie ist etwas außer der Mode geraten, diese Deine Arznei; und es ist auch kein Wunder, wenn man bedenkt, daß sic bereits vor Jahrtausenden gebraut wurde," sprach Gerold leichthin; „ihre Heilkraft liegt auch nur in der Einbildung und das einzig Reale was sie enthält, ist, wie bei jeder Medizin, das Gift, das Schädliche. Ich behaupte, es gibt gar keinen echten, uneingeschränkten Glauben, sondern Heuchelei, Phantasie und Scheinheiligkeit." »Ich spreche nur für mich selbst," antwortete Saul ruhig. „Nein," rief Gerold hitzig; „auch das kannst Du nicht. Auch für Dich selbst kannst Du nicht cinstehen, weil Du in einer Selbsttäuschung besangen bist. Gebrauche nur Deine eigenen Augen, Deine eigene Urteilskraft, Deine bessere Einsicht, und Tu wirst das Trügerische und Schattenhafte leicht erkennen. — Darum folge mir: lebe für das Wesentliche und nicht für einen Schatten — und willst Du es nicht zu Deinem Nutzen, dann tue es mir zu Liebe." Saul sah ihn verwundert an; er glaubte Gerold zu verstehen und fürchtete sich darum zu sprechen. Auch Gerold zögerte eiue volle Minute; dann aber entriß es sich förmlich von seinen Lippen: „Weil — weil, wenn Du mir nicht folgen willst — — — dann ist auch eine fernere Freundschaft zwischen uns undenkbar." „Du scherzest wohl, Gerold," sprach Saul traurig. „Leider, nein," erwiderte dieser, während seine Augen den Fußboden suchten; „ich kann Dir meine Empfindung nicht so klar darlegen; aber das weiß ich: ich kann mich nicht Mit einem Menschen vertraut fühlen, dessen Anschauungen nicht mit den meinigen voll und ganz übereinstiinmen. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, daß, während unsere Hände sich brüderlich fassen, unsere Herzen abgrundtief von einander gerissen sein sollten. Darum ist es besser, unsere Wege trennen sich bei Zeiten und wir ersparen uns. größeres Herzleid für später." Saul erhob sich und trat dicht vor Gerold heran. „Ich habe etwas Aehnliches schon längst vermutet," sprach er mit bebender Stimme, „und deshalb habe ich diesen Gegenstand bisher mit keiner Silbe erwähnt; ich hätte es auch heute unterlassen, wenn —" „Es wäre doch dazu gekommen, früher oder später," unterbrach ihn Gerold; „und besser jetzt als später, wenn unsere Herzen sich noch mehr zusammengekittet hätten und der Trennungsschmerz noch ein größerer gewesen wäre. Ich glaube es ganz bestimmt, es ist besser so, wie es gekommen ist." - „Gerold," sprach Saul weich, indeiu er des Freundes Hand erfaßte; „siehe. Du sprachst vorhin, daß Glaube nur Unduldsamkeit und Engherzigkeit bedeute — Deine eigene Handlungsweise straft aber jetzt Deine Worte Lügen. Ich, dem Du Engherzigkeit vorwirfst, liebe Dich als einen Freund, wie Du bist; Du aber, der Du Dich rühmst, von aller Sentimentalität, von jeder Parteilichkeit frei zu sein. Du, mit Deiner angeblichen Weitherzigkeit, findest keinen Raum, um meine „Selbsttäuschung", wie Du sie nennst, zu beherbergen! Was soll ich von Dir und Deinen Prinzipien denken —?" „Denke, was Du willst — daß ich ein launenhafter Narr bin, der ein Spielbäll seiner eigenen ungereimten Einfälle ist. Denke von mir, was Du willst — ich will diese Demütigung gern ertragen; Sanl, behandele mich wie ein ungebärdiges Kind — aber gib mir in den: einen nach. Zeige Dich jetzt als Held; zeige mir, wie groß Du bist, indem Du mir jetzt willig folgst!" „Einen Freund gewinnen und dafür Gott verlieren?" erwiderte Saul halblaut. „Nein, Gerold," sprach er fest; „Du verlangst zu viel. Sei es darum, wie Du vorhin gewollt; unsere Wege sollen sich fortan trennen; vielleicht aber gestattet es mein gutes Geschick, daß wir uns doch noch einmal besser verstehen — bis dahin aber — — lebewohl." Leise schritt er zur Türe, einen Augenblick blieb er dort stehen, als erwarte er zurückgerufen zu werden, doch Gerold rührte sich nicht; er saß da, den Kopf auf die Brust gesenkt, als habe er plötzlich jede Bewegungsfähigkeit verloren. Lange noch nach Sauls Fortgang saß er da und lauschte, und glaubte noch immer die Fußtritte zu hören, als er die Treppe Hinabstieg, langsam, bedächtig und feierlich, als komme er von einem frischen Grabe. Einen Augenblick ersaßte ihn ein unbezähnibares Verlangen denr Freunde nachzustürzen und dessen Verzeihung zu erbitten —. Doch, ein Gedanke hielt ihn davon zurück; ein Gedanke, der schon während der ganzen Unterhaltung ihm vorgeschwebt und allmählich feste Gestalt angenommen, de» er aber keineswegs Saul offenbaren konnte. Oder sollte er ihni sagen, wie eine namenlose Eifersucht bereits begonnen, den süßen Freundschaftsbechcr mit einem Tropfen Wermut zu verbittern? Eigentlich war die Freundschaft erst wenige Monate alt; dennoch war sie bereits so voll ausgewachsen, so voll ausgereift, als hätte sie bereits Jahrzehnte überdauert. Durch eineu Zufall war Gerold den: jungen Physiologen begegnet, der, ungeachtet seiner Jugend, große Aufmerksamkeit in den Gelehrtenkreisen erregt, dessen Werke geradezu epochemachend gewirkt. Gerold hatte in dem junge» Gelehrten einen Charakter erkannt, dem Falschheit und Verstellung ganz und gar fremd waren; er bewarb sich um seine Freundschaft und schwelgte förmlich in ihr, die ihm die reinste Hinimelsluft däuchte nach der stickigen Atmosphäre der feilen und käuflichen Bekanntschaften, der kriechenden und speichelleckenden Schmarotzer, mit denen er sein bisheriges Leben verbracht. Bei den vielen, vielen Meilen von Wald, bei den zahllosen Morgen von Land, bei dem schweren und mächtigen Geldkasteu, den sein Vater ihm hinterlassen, empfand er keine solche Freude, wie in dem Besitze dieses Freundes, den er jetzt gewonnen. Seit seinem zehnten Lebensjahre war er in den Händen von Fremdlingen, die ihm jede Freiheit gestattet, jeder Laune nachgegeben, die seine Gelüste nicht gezügelt, die ihn genießen ließen bis — zum Ueberdruß, bis ihn alles angeekelt, bis die Einsamkeit, wie mit eisernen Fesseln, ihn umklammert und sein Herz mit einer Eismauer umgeben, die keiner mehr bisher überschreite» konnte. Als er aber zum erste» Male in Sauls Angesicht geblickt, da hatte er gefühlt, wie sein Herz wieder nach langer Zeit warm geworden, sodaß der Eisring zu schmelzen begann und eine Oeffnung frei legte, durch die Saul frei und aufrecht hineintreten konnte. Doch das Schicksal, das ihn früher und so lange zu einem einsamen, verschlossenen Dasein verurteilt, es schien ihn auch jetzt wieder zu verfolgen. Er hatte Saul bewundert, in seinen Triumphen mitgkschwelgt; nicht ein Schatten von Neid regte sich in seinem Innern bei all den Erfolgen, die sein Freund errungen, die ihn noch für weit, höhere Aufgaben auserwählt zu haben schienen; Aufgaben, die er, Gerold, zu erreichen nie hoffen durfte — nein, nicht eine Spur von Mißgunst hatte er die ganze Zeit empfunden, bis — zu dieser unseligen Stunde. War denn Saul nicht schon ohnedies init einer Fülle von Gaben und Eigenschaften ausgestattet, die für alles Gold in der Welt nicht zu haben waren? War denn sein Leben nicht jetzt schon, durch selbstbewußtes Streben, durch Sicherheit des Erfolges, voll und vollständig ausgefüllt? Hatte sich nicht alles nach außenhin für ihn so gestaltet, daß er auf weitere Gunstbezeugungen gar nicht mehr zu hoffen brauchte? Und zu all' diesem kam auch noch Sauls Innenleben, das sich heute dem Freunde ofsenbarte! Jene seelenerhaltende, herzerfreuende Gemütstätigkeit, die er, selbstzufrieden, in seinem Innern für sich selbst aufbewahrte, ohne hierfür der Welt draußen den geringsten Tribut zu zollen — Um diese stillbcglückende Empfindung zu erringen, braucht man eigentlich gar kein Genie wie Saul zu sein —; trotzdem war es Gerold zweifellos klar, daß es dennoch außerhalb seines Bereiches lag; daß er auch hier, weit — weit hinter dem Freuirde zurückstehen, und wie überall, auch hier ihm den Vorrang überlassen mutz. Das war der erste Keim des Mißbehagens, der sich in Gerolds Herz festsetzte, das bald in ein eifersüchtiges Wüten ausartete und irgendwie, irgendwo zum Ausbruch kommen mußte; am liebsten gegen die unsichtbare Macht, die Saul so seelisch beglückt, ihn selbst dagegen mit erbarmungsloser Ungerecht tigkeit behandelte; und nun hatte er init selbstmörderischer Eigensinnigkeit, mit selbstquälerischer Wollust seine Rachgier befriedigt, indem er den Stachel enttäuschter Freundschaft in das blutende Herz Sauls, deil Schützling dieser unsichtbaren Macht, mit fester Hand gedrückt —. Jetzt glaubte er den Grund zn kennen, warum die ganze Welt tot und leer für ihn geworden: ihm war der Berührungssinn, das Gemeinschastsgesühl versagt geblieben, das eigentlich dem Leben erst den Lebenssaft einjlößt; er verstand es nicht, sein Ohr dem großen Pulsschlag zu ösfnen, der das ganze All durchzittert und Harmonie und Ordnung in das verworrene Nichts hineinträgt: nein, er Ivußte es jetzt, daß er kein Halbgott war, der durch die Berührung mit der Mutter Erde neue Kraft schöpft — er hatte sich von der angestammten, nächsten Umgebung entsernt, und darum ist ihm auch die große Menschheit fremd geblieben. (Schluß folgt.) Personalien. Frankfurt a. M., 3. Okt. Das Mitglied der hiesigen zionistischen Bereinigung, Herr Bildhauer Hugo L o e b l, sprang heute Vormittag etwa 50 Meter von der Haltestelle, in der Nähe seines Ateliers, von einem Wagen der Straßenbahn. Als er die Geleise übersch reiten wollte, wurde er von einem vom Friedhof kommenden Wagen erfaßt und mit dem Kopf an den Rand des Fußsteigs geschleudert. Der Unglückliche erlitt einen Schädelbruch. Die Rettungswache des Samaritervereins legte einen Nqtverband au und brachte den Schwerverletzten nach dem israelitischen Gemeindehospital in der Königswarterstraße. Loebl starb nach kurzer Zeit. Hugo Loebl war am 24. Dezember 1877 in Brüx (Böhmen) geboren. Auf den Akademien zu Teplitz und Prag widmete er sich der Bildhauerei und wurde dann Gehilfe bei Professor von Sendelmeyer an der Prager Universität. Später war er als Modelleur in Bonn tätig. Dann machte er Studienreisen nach Italien und Skandinavien und trat hierauf bei einer Kölner Firma als Bildhauer für Grabdenkmalarchitektur ein. Vor etwa zwei Jahren machte er sich in Franksurt selbständig. Nach langer Tag- und Nacharbeit hatte Loebl heute Morgen Modelle fertiggestellt, um sie nach Wiesbaden abzuschicken, wo der Verein bildender Künste eine Ausstellung zur Förderung der modernen Richtung bei der Grabdenkmalarchitektur veranstaltet. Loebl war Vorstandsmitglied des österreichisch-ungarischen Vereins Austria. Bad Rauheim. Gestern wurde,hier seit langer Zeit ivieder zum erstenmale ein^jübischer-Mitbürger, Herr Emil Rosenthal, in den Stadtrat gewählt. Berlin. ProfessorDr. Emanuel Baruch, einer der bekanntesten Aerzte New-Iorks, de: als Delegierter dem am 1. Oktober in Paris beginnenden internationalen Tuberkulose-Kongreß beiwohnen wird, weilte dieser Tage hier, um die hiesigen Hospitaleinrichtungen in Augenschein zu nehmen und seine zahlreichen Berliner Freunde zu besuchen, die er jenseits des Ozeans kennen gelernt hat. Professor Dr. Baruch steht nämlich auch zu vielen Vertretern der deutschen Kunst- und Gelehrtenwelt in engen Beziehungen. Felix Weingartner, den er vor einigen Tagen in München ausgesucht hat, Dr. Richard Strauß, Felix Mottl usw. gehören zn seinem Freundeskreise, wie denn Professor Baruch in New-Iork überhaupt als die ärztliche Persönlichkeit zn betrachten ist, zu der die Künstler, die dem Verband des Metropolitan Opera House angehören, im Bedarfsfälle ihre Schritte zu lenken pflegen. Professor Baruchs soziale Stellung in New-Iork kennzeichnet schon oer Umstand, daß er der Präsident des dortigen geselligen wissenschaftlichen Vereins, sowie Ausschußmitglied der Bereinigung ehemaliger deutscher Studenten ist. Professor Baruch war auch einer der Organisatoren der großen Schillerfeier in New-Iork; auf dem Bankett, welches in Verbindung mit der Schillerfeier zu Ehren des deutschen Botschafters, Baron von Sternburg, gegeben wurde, war er der Hauptredner. Bor allem aber gebührt Professor Baruch das Verdienst,, der erste amerikanische Arzt gewesen zu sein, der von Anfang an bestrebt war, deutscher Wissenschaft und deutscher Kunst in Amerika den Weg zu ebnen. Berlin. Das Offizierskreuz des üsterr. Franz-Josef-Ordens wurde dem Vorsteher der technischen Abteilung der Zentrale für Spiritusverwertung in Berlin, Professor Dr. Wittelshüfer, verliehen.