Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 39 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Leite L... ... ... Machtentfaltung schöpfen und einer Stagnation des' religiösen Leben Vorbeugen. Wir sind keine Optimisten, wir wollen uns keinen trügerischen Hoffnungen hingeben, aber daß: die gesetzestreue Judenheit Deutschlands in die Lage kommen wirb, an der Lösung der nationalen Frage mitzuarheiten, ist mehr'als gewiß 7es ist eine soziologische.Notwendigkeit. Nur ein vielseitiges Mi» sches Leben kann die Existenz.des Judentums innerhalb der westlichen Kultur sichern. . in. ’;. , Wenn ich von einem vielseitigen jüdischen Leben spreche,, so verstehe ich darunter neben der scharfen; Betonung des. religiösen Moments auch eine deutliche 7- Hervorhebung des nationalen und des sozialen. Da die größere Zahl der gesetzestreuen Judenheit ' Deutschlands noch bis auf den heutigen Tag der zionistischen Bewegung fern, ja feindlich gegenüber« jteht, so sahen sich die wenigen gesetzestreuen Juden, die sich dem Zionismus angeschlossen hatten, gezwungen, die Interessen der orthodoxen Judenheit /innerhalb des Zionismus zu vertreten und traten daher dem von Rabbiner Reines gegründeten Misrachi bei. Das Wollen dieses lleinen Bruchteils war gewiß von den besten Wünschen begleitet, aber die Verhältnisse innerhalb und außerhalb des Misrachi brachten es mit sich,, daß der deutsche Misrachi am Schlüsse des Jahres keine großen Erfolge aufzuweisen hatte. Und in der Tat hatte keine Fraktion des Zionismus solche Anfeindungen und Verhetzungen zu erdulden, wie der.-Misrachi. Von den Kulturzionisten als -reaktionär und klerikal verschrien, don den gesetzestreuen Brüdern in Deutschland in Acht und Bmm getan, mußte der Misrachi einen -großen Teil seiner. Kraft für Abwehr und Verteidigung, vergeuden. Dazu kamen noch die Wirren im Zionismus, die durch den letzten Kongreß eine totale Substitution der Verhältnisse mit sich brachten und auch in das Geschick dermcht auf dem Boden des Misrachi ^stehenden Zionisten stark Eingriffen. Dem Misrachi als solchen lag es nun ob, neben den all- - gemeinen zionistischen Bestrebungen die -religiösen .Interessen des Judentums in der Partei zu vertreten -und neben dem nationalen auch düs religiöse Moment scharf zu betonen, lieber die Stellungnahme zu einzelnen politischen Fragen allgemein-zionistischer Natm: hat sich Wer Misrachist lediglich als Angehöriger der zionistischen Partei zu entscheiden. Als der. erbitterte Kampf gegen Uganda seitens eines Testes der russischen Zionisten eingeleitet wurde, da entstanden auch innerhalb des Misrachi Meinungsverschiedenheiten, die noch heute nicht beigelegt sind. Doch ist hervorzuheben, daß die Mehrheit des Mis- .rachi auf dem Boden des politischen Zionismus, wie ihn der VI. Kongreß interpretiert, steht. Aber schon eine Meinungsverschiedenheit konnte nicht zu seiner Festigung beitragen. — — — — — — —. — ~i — Und was in den Reihen des deutschen Misrachi in diesem Jahre im kleinen vorging, das spielte sich in der deutschen zionistischen Organisation im großen ab. Prinzipiell steht die große Mehrheit des deutschen Zionismus aus dem Boden des politischen Zionismus und lehnt heute wie zuvor den , Ueberzionismus Ussischkins und Konsorten ab. Die deutschen Zionisten, die Westler überhaupt sind gesunde Menschen und M reale Naturen, als daß sie. ihre Kraft in den Dienst sernliegender Pläne stellen 'sollten. Ihre Führer haben auf dem VII. Kongreß klar die Meinung der Deutschen Zionisten wiedergegeben: Zunächst muß dem Volk und dann dem Tand geholfen werden: - ' And so hat trotz einer sehr: rührigen .Berliners Zione-Ziön-Cligue bald nach Schluß des Kongresses sich . in Deutschland unter'dem Vorsitze Dr.. Jeremias ^Posen eine. Vereinigung politischer Zio-.' nisten Deutschlands gebildet, deren Programm es ist,.: Lpm politischen Zionismus züm -Stege zu verhelfen. Der deutschx Zionftt,' der'. Bürger seines, modernen Staahes, .weiß, daß die Politik keine gerade Linie/- keine-abgerundete Zahl ist, ölsdaß-man sie auf dem! 'tzrünen Dsch für Jahrzehnte stzstlegen könnte. Sie ist.: variabst, "mönnigfalttg und wechselvoll. Man. kann »in politisches. Mygrmnm, haben, dje Umstände und *' «der Hunte Wechsel! des Lebens aber bestimmen ihken-; ^Mäng: Neben dieserscheoretischenGinsicht ist es gerade Dkt^Äge der 'rrHischest Juden, dis elti¥ Beschhennlgung; Frankfurter Zsraektischer Familienbkalt. Nr. '39. ihrer Erlösung aus dem Elend erheischt.. Und, wenn' es der Vereinigung politischer Zionisten Deutschlands' gelingt, den politischen Zionismus wieder zu rehabilitieren und ihn aus einem durch die überzionistischcn Kannengießer hu entgegengehendem Verfall zu festigen,! so. werden es einst vielleicht gerade die Nachkommen Ussischkins sein, die ihren Vorkämpfern Dank! wissen. . So gestaltete sich bas Leben der Juden und das: Schicksal des Judentums in Deutschland im Jahre 5665. Damit ist noch aber mein Bericht lange nicht erschöpft. Der mir zur Verfügung gestellte Raum gestattete es mir nicht, einen detaillierten Bericht den Lesern zu geben. Ich konnte nur in knappen Züge»: die größeren Strömungen und Erscheinungen in ein richtiges Licht rücken. Auf andere Ereignisse, mehr äußerer Natur, sowie das außerpolitische Leben der deutschen Juden, auf einzelne literarische und künstlerische Erscheinungen komme ich noch vielleicht bei Gelegenheit zurück. ' —- Frankfurt a. M., Erebh Rosch-Haschonoh 5665. Unsere Jahresbilanz. Rückblick auf das Jahr 5665. Bon'Peli. m Nationalpolitisches Leben. Ein wesentlich anderes Bild als die allgemeine soziale und ökonomische Lage zeigen uns die inneren Bewegungen im Judentum im abgelaufenen Jahre. Mitten in einer Welt unsagbaren Jammers und mnmenschlicher Leiden betätigt sich der souveräne- Volks-e geist auf allen Gebieten des kulturellen und NäkionÄpolitischen Lebens. Es ist ein0 Kämpfen, ein Ringen: und ein Schöffen mit einem Zug ins Große, mit dramatischem Schwung. Bisweilen^-Ünü -es-' uns--schon': scheinen, -' daß all' die UmbUdungen und Umgestalt-> ungen im modernen Judentum in viel zu raschem Tempo vor sich gehen und wir können uns angesichts dieser nervösen Unrast eines gewissen Gefühls der Bangigkeit kaum erwehren. ... Wer gewohnt war, den Juden der Jetztzeit schlechterdings als elenden Kriecher und. Leisetreter anzusehen, wurde in letzter Zeit durch die mächtige Selbstschutzbewegung, die unter der jüdischen Jugend Rußlands mit geradezu gigantischer Wucht' einsetzte und namentlich im abgelaufene» Jahre einen ungeahnten Aufschwung nahm, eines Besseren belehrt. Erstaunt sah die Welt das jüdische Volk nach Jahrhunderten passiven Duldens sich gegen seine Feinde zur Wehr setzen, verblüfft bemerkte man ein herzhaftes junges Geschlecht das Leben der Greise und Kinder, die Ehre der Frauen und Mädchen mit der Waffe in der Hand verteidigen. Dem elenden Mvrdgesindel, das nur an Wehr- und Schutzlosen seine Heldentaten zu verüben gewohnt war, war somit ein mächtiger. Damm entgegengesetzt, und nur die zynisch-offenkundige Unterstützung gewissenloser Polizei- und Militärbehörden vermochte es, das heilige Werk des Mordens und Plünderns vor völligem Untergang zu retten. Hoffentlich findet diese edle Bewegung, die noch so sehr der materiellen und geistigen Unterstützung weiterer Kreise bedarf, die ihr gebührende Würdigung seitens aller derjenigen, die noch Sinn und Verständnis für. eine nationale Ehrenpflicht haben. — Ueber sdie innere Organisation der Selbstwehrvereine des Näheren einzugehen, muß ich mir aus leicht verständlichen Gründen versagen. Die jüdische.Arbeiterbewegung zeigte im abgelaufenen Jahre die ausgesprochene Tendenz zur Nationalisierung. In Galizien hatte der Kampf der jüdischen Arbeiterschaft um die Anerkennung ihrer Nationalität innerhalb per sozialdemokratischen Gcsamtpartei die völlige Separation und Gründung einer selbständigen jüdischen.Arbeiterpartei zur Folge. In R u ß l a n d zeigte es sichbeptlich, daß der „Bu n d, jüdischer Arbeitersder sich.vom jüdischen Sozialismus assimilatorischer. Observanz nur dem Namen nach, unterscheidet, mit: seinem theoretischen Halbnationalismus und seiner praktischen Völlassimilation den jüdischen Proletarier, der ein gesundes Volksinstinkt besitzt, und das Bedürfnis hat, sich als Jude zil'LetätigeN) nicht mehr zü -befriedigen vdtmag- So erllärt sich'die Tatsache, daß im letztest Jahre Kr //Bund^ erheblichen Abbrüch -erlitten, während die „Pöale-Zion"-Partei eine vielfache Vermehrung erfahren hat. Auf dem letzten Kongressehatten die zionistischen Proletarier nicht weniger als 75 Vertreter. Für jeden, der die Zeichen der Zeit zu deuten, weiß, ist es flar, daß, vor unseren Augen" sich ein"Dhr wichtiger. Prozeß vollzieht: der, Schwerpunkt der jüd. Arbeiterbewegung verschiebt!pch'von bunpi pi s ch e.r nchch zionistisch er Seite; die Assimilakionsseuche wird somit'von ihrem'letzten,' modernsten Schlupfwinkel verjagt. ' Wie die proletarischen Gruppen im Zionismus, entfaltete auch d i e gesamte ziön'isti'sche Partei im letzten Jahre eine sehr lebhafte Tätigkeit. Der Zionismus nahm, an Ausdehnung und Intensität bedeutend zu, die zionistische Gesinnung gewann an Tiefe und zog. immer weitere Kreise in ihren Bann, trotz der düsteren Voraussagen mancher unberufener Propheten, die nach dem Tode des großen Führers auch der Bewegung schon die Grabrede halten zu dürfen glaubten. .. Das wichtigste Ereignis dieses Jahres im. zionistischen, wie im jüdischen Leben überhaupt, war zweifellos der vom 27. Juli bis 2. August in'Basel abgehaltene Vn. Zionisten kongreß. Im Gegensatz zu der in diesen Blättern vielfach vertretenen Ansicht glaube ich, daß wir allen Grund haben, mit den Ergebnissen dieses stürmischsten aller Kongresse zufrieden zu sein. Der weitaus größte Teil der aus 22 Staaten versammelten Delegierten bekundete, daß die zionistische Partei trotz der augenblicklichen Ungunst der Verhältnisse an ihrem Ziele sowohl, wie.an den zu wählenden Mitteln und Wegen, wie 'sw"imÄasler Programm niedergelegt sind, nicht irre würden. Der Kongreß' ging von jenem Gesichtspunkte aus,'wonachdas „Palasttna"-Moment-nicht willlürlich durch dip 'Käprize einiger -romantisch angehauchter Naturen in unsere Bewegung hineingetragen wurde. ' Der Kongreß betonte deshalb, daß die zionistische Organisation am Grundprinzip des Basler Programms festhält und jede' Kolonisationstätigkcit außerhalb Palästinas und seiner nächsten' Nachbarländer sowohl als Mittel, wie als Zweck — Nblehnt. Auch „als Mittel", denn die Argumente, die die „Zione-Zion" gegen den künsequenten Territorialismus, den Territorialismus als Zweck, erheben,'werden auch gegen den Territorialismus als Mittel, bezw. als „Gegenwartsarbeit" gerichtet. Die palästinensischen Zionisten begründeten nämlich ihre Gegnerschaft zu jeneM Bestreben der politischen Zionisten und Territorialisten, das in sein Programm die Schaffung einer autonomen Heimstätte, wenn auch außerhalb Palästinas einschließt — folgendermaßen: Es ist eine Unmöglichkeit (?) in einem jungfräulichen (denn für eine' Autonomie außerhalb Palästinas kommen ja nur Territorien ohne Kultur, Handel Md" Industrie in Betracht) Lande' Afrikas' oder - Südamerikas, dem die unschätzbaren „Imponderabilien" einer Jahrtausende alten Sehnsucht abgehen, Hunderttausende von größtenteils elenden, physisch heruntergekommenen Stadtmenschen als Ackerbauer anzusiedeln — und die agrikulturelle Kolonisation ist ja die Unentbehrliche Basis aller Staatenbildung. — Wenn, wie die Geschichte einer jeden Kolonisation zeigt, die Urbarmachung eines jungfräulichen Bodens ungeheure Opfer an Gut und Blut fordert, und nur bei völligem ZUgrundegehen der ersten Generattonen zustande kommen kann, so gehört eine fieberkranke Phantasie (0! 0!) dazu, bei unserem Menschenmaterial die Massenkoloni» satton in irgend einem fremden Lönde, zu dem wir absolut keine innere Beziehung haben, als Hilfsaktion zu empfehlen. " Es war daher ein Zeichen politischer -Reife (?) und 'gesunden Verständnisses (sie!) für'die Sachlage, wenn sich' die Majoritätdes Kongresses von den großen Phrasen'über -Politik, Autonomie Und Judennot nicht verwirren ließ und nicht darauf einging, unsere im Verhältnis zu den großen Aufgaben dhnehiu fehp geringen Kräfte in Versuchen zu'verzetteln) die im.besten Falle.dahin führen würden, daß nach mehreren Jahrzehnten ein /geringer Teil.der gegenwärtigen jährlichen jüdischen Auswanderung aus Rußland ist irgend einem! Lande,!^das' pichtZioN ist „ - Ebenso erfreulich,wie die Ablehnung ^tekritortalistischer Utopien (?) ist der im' engsten Anschluß >an Herzls letzte Tätigkeit gefaßte Bes chlu'ßdes Köm-