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Neue jüdische Presse · 1905-09-29 · Heft 38 (29.9.1905) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 38 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38. Frankfurter JftaelitischeS Familienblatt. Seite 5. „Mutter, sprich wenigstens etwas," drängte Gregor. -Als Marfa aber noch immer stumm blieb, nahm er Rachel bei .der Hand und führte sie aus dem Zimmer. Marfa hätte freilich ein ganzes Jahr ihres Lebens gern hingegeben, hätte sie auch nur eine einzige Frage stellen dürfen — nach der Bedeutung jener fremden, unverständlichen Worte, die sie gestern erlauscht hatte; allein sie konnte es nicht über sich gewinnen, auch nur das geringste Interesse für diese Verbindung zu bekunden; zumal sie sich dadurch als Horcher an der Wand verraten hätte, was Gregors Unwillen noch mehr erregt haben würde. Sie hätte es leicht erfahren könne», wenn sie den jungen Leuten eine kurze Strecke gefolgt wäre. — Rachel und Gregor gingen nämlich jetzt zu dem Grabe in der Steppe und dort, bei den irdischen Ueberresten seiner Schwiegermutter steckte Gregor einen glatten Goldring an Rachels rechte». Zeigefinger, indem er die altgeheiligte jüdische Träuungsformcl laut und deutlich sprach: „Hierbei seiest mir geheiligt, durch diesen Ring, zum Eheweibe, nach den Gesetzen Moses und Israels!" 'III „ | Es war am Morgen nach der Hochzeit, als Gregor sich zu seiner Mutter begab, um ihr die Schlüssel des Hauswesens abzuverlangen. Atarfa wurde feuerrot, unheimlich funkelten ihre Augen. „Mutter, Tn kennst ja den Brauch in unserem Hause, daß der Schlüsselbund sich immer im Besitze der rechtmäßigen Hausfrau befindet." „Bist Du denn auch ganz sicher, daß die Landstreicherin sich nicht die silbernen Lössel aneignen wird, um auf- und davon zu gehen," war ihre bissige Frage. Er lächelte leise. „Wissen, beschwören kann ich es allerdings nicht, aber trotzdem werde ich es wagen. Jedenfalls aber, Mutter, bitte ich Dich ernstlich, daran, zu denken, daß sie jetzt meine kirchlich und gesetzlich angetraute Frau ist, was sie auch früher gewesen sein mag." „Du kannst höchstens meinen Lippen ein Schloß anlegen, doch meinen Gedanken und Empfindungen kannst Du nicht gebieten," sprach sie kampfgerüstet; doch im - nächsten Augenblick schon bereute sie, daß sie sich soweit hatte hinreißen lassen, um ihren abgrundtiefen Haß gegen Rachel zu offenbaren. „Denke immerhin, was Dir beliebt; doch jetzt gib mir endlich die Schlüssel." Schweigend, mit Wauden Händen, löste sie den Gürtel, an welchem drssfe. befestigt waren, und legte ihn auf den Tisch- „Es ist besser so,.Mutter. Es ist nun einmal eine vollendete Tatsache, mit der Du Dich abfinden mußt. Vergiß aber Nicht, daß ein sanftes Herz sich ein anderes erschließt. Wir verlangen von Dir nichts weiter, als daß Du nns gestattest. Dich als Kinder zu lieben." . „Und Du fängst damit an, indem Du mich vor ihr demütigst." „Das ist ein häßliches Wort, Mutter. Aber es ist notwendig, um Dich allezeit daran zu erinnern, daß meine Frau auch über meiner Mutter steht." Bastian trat jetzt wegen, einer Bestellung ein. „Nebenbei.bemerkt," wendete sich Gregor diesem-! zu, „ich habe es, vorhin gesehen, daß Du an meiner' Frau vorübergingest, ohne Dich zu verbeugen und ohne Deine Kappe abzunehmen. Merke es Dir, wenn es noch ein einziges Mal geschieht, so wird es Deine unausbleibliche Strafe sein, den ganzen Winter ohne Kopfbedeckung herumzulaufen. Sage dieses auch den ander! Leuten, und auch Du, Mutter, denke, was ich Dir vorhin gesagt." Er verließ das Zimmer, während die beiden Verbündeten in ohnmächtiger Wut zurückblieben. „An was sollen Sie.denn denken?" unterbrach endlich Bastian das unheimliche Schweigen. .„An etwas Wundervolles, so daß ich eigentlich vor Vergnügen einen Freudentanz aufführen müßte," . rief, sie mit schneidender Ironie, „etwas, das meine Träume mit Entzücken erfüllen wird: das Judenfrauenzimmer die Erste im Hause und ich zum alten Eisen geworfen. Wer, Du brauchst mir meine Freude nicht zu mißgönnender hat ja auch Dir.etwas Herrliches zugedacht. —" , „Ja, wenn ich nicht vor ihr im Staghe krieche, werde ich das Vergnügen haben, dem Vogelgezwitscher im nächsten Frühling mit erfrorenen Ohren zuhören zu können. —" „lind Sascha kann auch ihre Jngendhoffnung begraben, und sich mit dem Gedanken vertrant machen, ihr Lebenlang der „Gnädigen Frau" die Schuhe zu putzen." Beide schwiegen sie jetzt; doch ihre Blicke begegneten sich, und jeder wußte ganz genau, was im Gehirn des andern vorging. „Sprich Du zuerst," sprach endlich Marfa, „Tu bist der Mann und der Vater Deiner gekränkten und getäuschten Tochter." „Nein, Sie zuerst," widersprach Bastian; „Sic siird ja am schwersten beleidigt worden." Und Marfa sprach und Bastian nickte beifällig. Drei Tage später mußte Gregor nach der etlva fünfzehn Meilen entfernten Stadt zum Jahrmarkt reisen, uin seinen Winterbedarf einzukaufen. Er nahm das beste Reitpferd und brach sehr zeitig auf, dennoch aber konnte er vor Mitternacht nicht zurück sein. Kaum war er fort, ging Marfa zu Bastian. „Mles ist bereit," sprach er zu ihr, während ein teuflisches Lächeln seinen breiten Mund verzerrte. „Zufällig vergaß ich gestern Kallasch sein Futter zu l geben, und heute bin ich. auch »och nicht dazu gekommen, ihn zu füttern; ich glaube, er würde jetzt seine eigene Mutter .auffressen. Zufällig habe ich auch bemerkt, daß ein Glied seiner Kette gesprungen ist, und auch nur noch lose zusammenhält, wahrscheinlich vom Rost zerfressen — und wenn er jetzt zufällig gereizt werden sollte, dann geschieht ein Unglück. —" Sie waren inzwischen wieder in Marfa's Stube angelangt. „Rufe sie," war ihr kurzer Befehl. Bald darauf stand Rachel erstaunt und verwundert vor ihrer Schwiegermutter. „Sie haben nach mir geschickt, Mutter?" fragte sie 'Zaghaft. Marfa antwortete nicht sogleich, sondern biß heftig in ihre Lippen, um ihre Erregung zu bemcistern. Sie streifte Rachel mit einem scheuen, eigentümlichen Blick, und als sie glaubte, Herr ihrer Stimme zu sein, sprach sie: „Es ist mir lieb, daß Du mich als Mutter anredest, denn das gibt mir die Gewißheit auf einen guten Erfolg meiner Wsichten. Mein heutiges Benehmen wird Dir befremdlich erscheinen, und zu meiner Schande muß ich gestehen, daß Du alle Ursache dazu hast. Wer, ohne daß ich es Dir erst sage, wirst Du meine Empfindungen verstehen und ihnen wohl Rechnung 'tragen; nicht etwa, weil Du einem — einem — andern Volke entstammest, oder weit Tich mein Sohn, so zu sagen, auf der Straße aufgelesen hat, war ich Dir gram, sondern Tu kannst es Dir wohl denken, was es heißt, so plötzlich aus allen Lebensgewohnheiten heransgerissen zu werden. Mlein Tu kannst nichts dafür, und ich sehe jetzt mein Unrecht ein; es ist einmal der Lauf der Welt, und wir alten Leute müssen dabei den Kürzeren ziehen. Es ist mir zum klaren Bewußtsein gekommen, daß ich durch meinen Groll das Glück meines Hauses untergrabe, daß ich mir nieinen einzigen Sohn entfremdet und die Liebe ekiier Tochter verschmäht.!Jch fühle bereits die eisige Kälte in mein Herz cinziehen, und die Traurigkeit eines einsamen Mters raubt mir den Schlaf in der Nacht. Ilnd darum will ich alles wieder gut machen, ehe es zu spät wird. — Oder ist es bereits jetzt schon zu spät?" Rachel sah ihre Schwiegermutter an, deren Augen feucht schimmerten: der Anblick rührte sie tief — sie hatte noch nie vorher Krokodiltränen gesehen. — „Zn spät, Mutter? Nie konimt die Liebe zu spät, außer, wenn das Herz den letzten Schlag bereits getan; und unsere Herzen sollen noch oft und lange schlagen. Du wirst sehe», Mutter, ein anderes Leben wird für Tich beginnen: Dir wirst Dich nie vereinsamt und kalt fühlen: ich werde stets bei Dir sein, und mein junges Blut soll auch Tich erwärmen. Tri und ich, beide werden wir bestrebt sein, Gregor's Lebenspfad mit Rosen der Freude zu bestreuen, und nicht als Nebenbuhler, sondern in Kameradschaft, wollen wir ihm gemeinsam ein doppeltes Glück bereiten. Und dann wirst Du erst die ganze Wonne empfinden, Mutter geliebter rmd liebender Kinder zu sein." Rachel hatte mit Leidenschaft Marfa's Hände erfaßt, und es kostete der letzter» große Anstrengung» nicht vor Wut und Empörung laut aufzuschreien: cs ging beinahe über ihre Berstclluugskunst — doch sie beherrschte sich und behielt ihr Ziel fest im Auge. „Wie sehr habe ich mich doch in Dir getäuscht — mein — mein — liebes — Töchterchen," stieß sie mit Anstrenguug hervor. „Und doch hätte ich Gregor trauen sollen. — -seine Gefühle werden nie anf Abwege gerateir. Aber, nicht wahr, jetzt ist alles vergeben und vergessen, und auch unsere Herzen habe» sich endlich gefunden. Um aber unsere Versöhnung zu besiegeln, will ich Dich auch überzeugen, tvie ernst ich es meine. Ich hatte es unterlassen. Dir ein Hochzeitsgeschenk zu geben, und jetzt will ich das Versäumte nachholen." Sie ging zum Schrank und entnahm demselben ein dunkelrot gefärbtes, mit Silberlitzen besetztes Seidenkleid, wie solche die russischen Gutsbesihersraue» z» tragen Pflegen. „Es gehört von heute ab Dir," sprach sie mit verstellter Feierlichkeit, das Kleidungsstück ihr hinhaltend, „die Gabe wird Dir vielleicht befremdlich oder gar komisch erscheinen: es ist ein altes Erbstück unseres Hauses, von Miltter auf Tochter übergcgangen, und es ist in unserer Familie Brauch geworden, daß nur die eigentliche Hausfrau es tragen darf. Es ist auch Zeit, daß Du Deine fremdländischen Gewänder ablegst, um auch äußerlich als echte Landfrau zu erscheinen, und wenn Gregor nach Hause kommt und Tich darin sieht, dann wird er auch ohne Worte wissen, was zwischen uns vorgegangen ist." (Fortsetzung folgt.) Vakanzen. I e r u s a l e in. Lehrer für Zeichnen, Malen und angewandte Kunst. Jk 1000 Reisekosten-Vergütung, Jk 3000 jährliches Gehalt. Offerten an E. M. Lilien, Berlin 81V., Großbeerenstr. 69. 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