Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 37 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37. Frankfurter Israelitisches Familimblatt. Seite 11. Budapest. Der Apotheker Zädor KLlnai, Schwestersohn des gewesenen ungarischen Landes-Verteidigungs - Ministers, Generalmajors Alexander Nykri, ist zum I u d'e n t u m übergetreten und hat die Tochter des Fleischhauers Jakob Deutsch in, SärvLo geheiratet. Interessant ist, daß dieser „Ger" so sehr den Traditionen des glaubcnstreuen Judentums huldigt, daß er selbst einen Schluck Wasser nicht ohne Kopsbedeckung trinkt. Paris. Herr Narcisse Leven, Präsident der Alliance Jsraelite und Vizepräsident des israel. Konsistoriums von Paris, ist zum Mitglieo des isr. Z entra l ko n si sto riII ins gewählt worden. M. Henri de Rothschild ist wegen seiner V e r d i e n st e um die L a n d w i r t s ch a f t zum Offizier der betreffenden Sektion des Ordens für Verdienste in der Wissenschaft usw. ernannt worden. Amsterdam. Die Brüder Dr. Z. S und S. van B e r g h - Rotterdam (Inhaber der bekannten Margarinesabrik) sind zu Abgeordneten der zweite n K a m m e r gewählt worden. — Dr. N. Joscphus I i t t a wurde zum 2. B ü r g e r m e i st e r von A m st e r d a m gewählt. Petersburg. Mr. Grigori Wilenkin, finanzieller Vertreter Rußlands in den Vereinigten Staaten, der, wie jetzt bekannt wird, die Unterredung der jüdischen Notablen mit dem als russischen F-ricdensbevollmächtigten in Portsmouth weilenden Minister Witte eingcleitet hat, ist der Sohn des Rabbi M o r d e ch a i Eli jahu Wilenkin, Großkaufmann und Armeeliefcrant in Zarskojc-Selo bei Petersburg. Ter junge Wilenkin, der noch jetzt ein religiös gesinnter Jude ist, hatte auf der Universität die Bekanntschaft des Grafen Wolkonski gemacht, der einige Jahre nach Beendigung seines Studiums Minister des Innern wurde. In dieser hohen Stellung erinnerte er sich seines alten jüdischen Universitätskollegen Grigori und gab ihm sans fa?on eine gute Anstellung im Ministerium des Innern. Ter so zum russischen Tschinownikerhobene Jude erwies sich so geschickt und anstellig, daß auch die Nachfolger des Grasen Wolkonski ihn nicht nur im Amte behielten, sondern 'ihn Stufe zu «tufe steigen ließen. Als Rußland es für ratsam fand, sich in Amerika nach einer Anleihe umzusehen, wurde der geschickte jüdische Beamte ins Finanzministerium versetzt und als russischer Finanzagent in. den Vereinigten Staaten angestellt. Melbourne (Australien) Mr. Matthen L. Moß ist in das neue Ministerium von Western-Australia als M i n i st e r ohne Portefeuille b e r u f en worden und wird gleichzeitig die Verwaltung des Rechtsdepartements dieses Staates erhalten. Moß, der ein hervorragender Rechtsanwalt ist, war schon zweinral Minister ohne Portefeuille. Bombay (Indien). Die hiesigen Juden haben eine» sehr schweren Verlust erlitten, denn ihr angesehenstes Mitglied Mr. Joseph E z e k i e l ist im Alter von 71 Jahren gestorben. Mr. Ezekiel war in Bombay geboren, er gehörte den „B'ne Israel" an und lebte streng nach den Gesetzen des Judentums. Sein jüdisches Wissen war ein bedeutendes. Im bürgerlichen Leben war er Ehren-Ratsherr und Mitglied der Universität in Bombay. / Aus den Vereinen. ■ Frankfurt a. M. Die Frankfurter Stadtbibliothek beheäergt die größte Hebraica-und Judaica-Bibliothek Deutschlands in ihren Mauern. Da jedoch diese Bibliothek naturgenräß nur von wissenschaftlich gebildeten Leuten benutzt wird, so machte sich unter den Frankfurter Juden schon seit Jahren, das Bedürfnis für eine auf das große Publikum zugeschnittene jüd. Bibliothek und Lesehalle bemerkbar. Vor etwa Jahresfrist griff der Vorstand der Frankfurter Zionistischen Vereinigung den Gedanken auf und machte die Vorarbeiten zur Gründungeines Vereines „I ü d. Bibliothek und L e s e h a l l e". Anfang März d. I. konstituierte sich der Verein, dem sich Mitglieder aller religiösen Richtungen der Frankfurter Judenheit anschlossen. V; > - Nunmehr steht der Verein vor der Eröffnung seiner Bibliothek und Lesehalle, für die er drei schöne Zimmer im Parterre des Hauses Bleichstraße 22 gemietet hat. — Tie jüdische Presse der ganzen Welt -(andere als jüdische Zeitungen liegen nicht auf!) sowie eine reiche Bibliothek von Werken der jüdischen Literatur sind hier zur Verfügung des Publikunis. Tie Räume werden zum ersten Male nächsten Sonntag von 10—12 Uhr mittags geöffnet sein. Tie weiteren Stunden, in denen die Bibliothek und Lesehalle geöffnet ist, sind: Montag—Tonnerstag von 7—9 Uhr abends, Freitag Abend nach beendetem Gottesdienste .bis 9 Uhr abends; am Samstag und an jüdischen Feiertagen von 11—1 Uhr vormittags und von 3—7 Uhr nachmittags; die Entleihung von Büchern findet Montag und Donnerstag Abend von 6—7 Uhr statt. Tie Jahresbeiträge, die für die Jüdische Bibliothek und Lesehalle gezeichnet sind, beziffern sich bereits aus über JL 2000, da jedoch mindestens JL 3000 jährlich als Einnahmen nötig sind, so sei Nichtmitgliedern der Beitritt ans Herz gelegt; auch für Bücher-Geschenke aus der jüdischen Literatur hat der Bibliothekar (Herr T>r. Schapiro) stets ein freundliches Verständnis.. .... . ..... Ans der Lehrerwett. Karlsruhe. Den Religionslehrern Max Hanauer Mosbach,'Heinrich Schweizer-Flehingen u. Daniel Ackermann-Wiesloch wurde die kleine goldene Verdien st Medaille verliehen. Posen. Unser verehrter Oberrabbiner Dr. W. Feilchenfeld begeht am 24. dss. Mts. sein^50jähriges Amtsjubilänm. Am gleichen Tage feiert seine Gattin ihren 70. Geburtstag. Lemberg. Ein Gebiet, auf welchem gouvernementaler und lokaler Antisemitismus einander die Hände reichen, bildet der k. k. galizische Landesschulrat; außerdem meldet sich noch die ängstliche Kirchlichkeit zum Worte, so ein jüdischer Kandidat nach Wsolvierung der Präparandie sich um einen Lehrposten in irgend einem Dorfneste bewirbt, um dort eine Praktikantenstelle anzunehmen. Es ist Vorschrift, daß jeder Kandidat eine zweijährige Praxis an einer Gemeinde- oder Stadtschule absolvieren muß, um dann zum wirklichen Lehrer ernannt zu werden. Gesetz ist Gesetz, so lange dasselbe ohne Hinterhälterei verzerrt und zu Gunsten des einen und zum Schaden eines Nichtkonnationalen.gehandhabt wird. Hat ein jüdischer Kandidat das Pädagogium absolviert, dann beginnt erst bei ihnr das Martyrium und der bittere Kampf um ein Stückchen Brod, das derselbe empfangen soll aus den Händen unfehlbarer Paschas in Konfedratka und Kontusz. Ter junge Mann, eventuell die jüdische Lehrerin, rennt in die Statthalterei in Lemberg und wird dort regelmäßig mit „kein Platz!" abgefertigt, während die christlichen Kollegen ohne Anstrengung Anstellungen erhalten. Ist der betreffende Chef besser gestimmt, so drückt er sein Bedauern über die Unmöglichkeit einer Anstellung aus, da der Kandidat den Befähigungsnachweis, nämlich den Taufschein, nicht beigelegt hat. Die armen jungen Leute schaffen sich wohl Rat und werden Religionslchrer; aber auch das hilft nicht, da derselbe keine Qualifikation als Lehrer erlangen kann. Endlich ist in diesen unerhörten Zuständen eine Aenderung eingetreten. — Ter hiesige jüdische Lehrerverband richtete nämlich ein Memorandum an das Kultusministerium, in welchem das Ersuchen gestellt wurde, die jüdischen Kandidaten einschließlich der Religionslehrer zur Praxis zuzulassen. Das Ministerium gab diesem Ansuchen Folge. Es muß also jetzt auch den jüdischen Kandidaten eine Schule zur Verfügung gestellt werden, und es genügt ein vierstündiger Unterricht in einem profanen Gegenstand, um ihnen die Qualifikation als Schullehrer zu erteilen. Wien. Am ersten Tage Roschhaschonoh (1. Okt.) begeht der 1. Kantor der Wiener Kultusgemeinde, Herr Jsak Schiller, sein 25jähriges Amtsjubiläum in der hiesigen Gemeinde und gleichzeitig sein 40jähriges Kantorjubiläum. Literatur und Kunst. Amicls Tagebücher. Deutsch von Dr. Rosa Schapire. 362 S. (JL 3.) München und Leipzig, R. Piper u. Co. Ter Entwicklung einer Seele nachzugehen, sie zu begleiten in ihrem Ringen nach der Erkenntnis, ist für ernste Naturen von großem Genuß und von bedeutendem erzieherischen Werte. Jedoch nur selten offenbaren sich die Geschehnisse der einen Menschenseele der anderen, und vielen anderen werden sic nur dann offenbar, wenn die Hand sie sestgebannt hat auf dem Papiere. Bor uns liegen „Amiels Tagebücher" (Henri Frödöric Amiel, 1821 in Genf geboren und von 18-12 bis zu seinem 1881 erfolgten Tode Professor der Aesthetik in Genf), ein Buch, das das innere Lcbensschicksal eines philosophisch begabten Mannes, seine Beziehungen zu Gott, Welt und Menschheit in kurzen Tagebuch-Aufzeichnungen dem Leser vor die Seele führt. Ilnablässige Selbstprüfung und ein feines Wahrnehmungsvermögen, beide geleitet von einem tief' religiösen Empfinden, bilden die Grundlagen von Amiels Wesen. Gebildete Menschen, die diese Eigenichaften zu schätzen wissen, werden in den Tagebuch- Blättern eine Fülle von gleich klingenden Saiten und eine Fülle von Anregungen finden. Ter bewußte Jude spürt bei der Lektüre den Gegensatz zwischen christlicher und jüdischer Weltanschauung, trotzdem bildet aber auch für ihn das Buch eine Fundgrube erhabener Ideen und lebenserfahrener Aussprüche. Oskar Frankl, Der Jude in den deutschen Dichtungen des 15., 16. und 17. Jahrhunderts. M.-Ostrau, R. Papauschek, 1905. Oktav. 144 Seiten. Den zahlreichen unserer Brüder, die ihr Judentum nur an der Schärfe antisemitischer Angriffe zw messen wissen, müßte es zur Pflicht gemacht werben, das vorliegende Buch zu lesen, damit ihnen der Wahn genommen werde, als ob sich die Summe des Unrechtes aller Zeiten nur auf ihr Haupt häufe. VerspottungundSchmähungderJuden, der Jude als Wucherer, der Jude als Hostienschänder und Kind er Mörder, Jude »Vertreibung — wahrlich, die Kapitelüberschriften versprechen schon die Darstellung eines gehäuften Maßes wahnwitziger Anschuldigungen, und die Darstellung hält noch mehr, als die Titel versprechen. . Was der Haß und die Gesinnnngsroheit nur predigen können, ist zum Schaden der jüdischen Bevölkerung in den Geistlichen-, Fastnachtsspielen und Prosadichtungen dieser 3 Jahrhunderte in Deutschland aufgewcndet worden, und oft findet der Verfasser den Gefühlsausdruck, um den ganzen Tiefstand, die sittliche Verkommenheit der Judenverspotter und -Ankläger treffend zu charakterisieren. Bor dem Forum der starren Wissenschaft wird er wohl damit kaum bestehe». Wir wissen es ihm aber dank, daß er sein Buch nicht in die Zwangsjacke leidenschaftsloser Daten- und Quellenaufzählung gezwängt, sondern es vielmehr mit dem Hauche reinsittlicher und echtjüdischer Verständnisinnigkeit geadelt hat. Durch den lebcnswarmen Ton der Darstellung ist daher dieses empfehlenswerte Werk zu einem gediegenen Volksbuche geworden, dem die weiteste Verbreitung zu wünschen ist. M. G r u n w a l d, Hamburgs I u d e n b i s z u r Auslösung der Dreigemeinden 1811. Hamburg, 1904, Alfred Jansen. Oktav. 357 S. Der Gegenwart die Vergangenheit näherzubringen, ist immer ein großes Verdienst. Unsere jüdische.schnellebige Mitwelt aber auf die Wesensart, die Lebensgewohnheiten, die Kämpfe und Siege unserer Vorfahren in deutschen Landen mit Nachdruck hinzuweisen, ist ein Unternehmen, dem, wenn es in so treffsicherer Weise geschieht, wie es dem Verfasser obiger Abhandlung gelungen ist, nicht genug Anerkennung und Dank gezollt werden kann. Im Mittelpunkte der heute noch bestehende» 3 jüdischen Gemeinden an der Elbemündung, Hamburg, Altona und Wandsbeck, steht heute Hamburg als eine „feste Burg" für das nioderne gesetzestreue Judentum da. In dieser altjüdischen Gemeinde dominiert das überlieferte Judentum, gewahrt von den mit weitgehenden Vollmachten ansgestatteten Oberrabbinate und Gemcindevorstand. Welche Wandlungen das Gemeindeleben erfahren mußte, wie ans der Bevormundung der privilegierten portugiesisch-jüdischen Vorherrschaft im jüdischen Gemeinwesen Hamburgs im Laufe 3 Jahrhunderte die Deutsch-Israelitische Gemeinde hervorwuchs, zeigt der Verfasser unter Zugrundelegung zahlreicher Aktenstücke, Münzenverzeichnisse, Grabschriftenregister und Familienurkunden. Wenn auch dem trefflichen Buche, behufs Eingangs in alle jüdischen Häuser ein gut Teil mehr Popularität in der Darstellung und besonders eine breitere Behandlung der bedeutsamsten Phase» der Gemeindegeschichte zu wünschen wäre, so ist doch nicht zu verkennen, daß in dieser wohl mehr als Quellenschrift gedachten Abhandlung, eine reiche Summe von Material niedergelegt ist, das freilich eher und mehr ei» eingehendes Studium des Lesers verlangt, als auf dessen müheloses Erfassen der Zeitgeschichte Wert zu legen. Es steht zu hoffen, daß der Verfasser auch Muße finde, deni Erkenntnisbedürfnis der größeren Menge Rechnung zu tragen und diesem für die Gelehrtenwelt ' geschaffenen Buche ein für die Laienwelt dienliches folgen lasse, in welchem die hervorragenden Geister, Epochen und Schicksale der Dreigemeinden eine eingehende, volkstümliche Würdigung finden. Statistisches Jahrbuch deutscher Juden, herausgegeben im Aufträge des Tentsch-Jsraelit. Gemeindebundes vom Bureau für Statistik der Juden. 228 V. (JL 2.) Berlin 1905. Ter 17. Jahrgang des statistischen Jahrbuches hat mit der neuen Redaktion desselben eine vollständige Umarbeitung und damit eine bedeutende Berbcssernng in der Anordnung erfahren. Das Wesen der Statistik ist die Ucbersichtlichkeit und diese ist in dem neuen Buche in tadelloser Weise durchgeführt. Auch ist das Material bedeutend vermehrt worden. Man merkt, daß die Redaktion bestrebt war, eine Encyklopädie der Statistik der deutschen Juden zu geben, und es muß anerkannt werden, daß ihr diese Ausgabe gelungen ist. Preisausschreiben. Ter Vorstaiid der Israelit. Religionsgemeinde in Worms hat aus Anlaß Ides 800jährigen Todestages Raschi's einen Preis von JL 300 gestiftet für eine Schrift über: „Was vedeutet Raschi für seine Zeit, wie jwirkte er in der Folge und von welchem Werte sind seine Schriften noch für die Jetztzeit?" Tie Schrift soll 48 Oktavdruckseiten nicht überschreiten und in allgemein verständlicher volkstümlicher Form verfaßt werden. Sie muß ein Kennwort enthalten, das sich auch auf dem beizugebenden, den Namen des Verfassers enthaltenden Briefumschläge befindet. Tie preisgekrönte Schrift wird Eigentum der Wormser isr. Gemeinde, die sie nach der Drucklegung weiten Kreisen zugängig machen wird. Einsendungstermin bis 1. Januar 1906. Preisrichter: die Herren Rabbiner Tr. Salfeld-Mainz, Dr. Steckelmacher-Mannheim, Tr. Stein-Worms. Briefkasten. X. P. Professor Tr. Ludwig Stein-Bern, der vorige Woche den Regierungen in Wien und Budapest persönlich Vorschläge zur Entwirrung der österr.- ungar. Krise unterbreitete, ist ei» geborener Ungar; sein Vater war Rabbiner in Mezö-Csath und siedelte später nach Berlin über, wo er eine Weinhandlung betrieb. >