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Neue jüdische Presse · 1905-09-22 · Heft 37 (22.9.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 37 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 37 des Frankfurter Israelitischen FamilieMattes. Inhalt der Bettage: Artikel: Der VII. Zionisten-Kongreß. — Aus der zionistischen Bewegung. — Personalien. — Aus denBereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Kunst und Wissenschaft. — „Jüdische Jugend." Der VII. Zionisteu-Kongretz. (Vom Standpunkte des politischen Zionismus aus betrachtet) von S. Berlowitz. » (Schluß.) Tenn bei alldem ist die Minorität des VII. Kongresses mitschuldig an dem ttäglichen Verlauf und Ausgang desselben. Vor allem besteht ihr Hauptvergehen darin, sich zu sehr darauf verlassen zu haben, daß sie auf dem VI. Kongresse die Majorität besaß. Und während von den Charkowianeru eine wohlorganisierte, rücksichtslose Agitation ins Werk gesetzt wurde, blieben die politischen Zionisten untätig. Solange Herzl lebte, überließ man es ihm, den Sturm abzuwehren und mit dieser sehr gemischten Gesellschaft fertig zu werden; als der Edle aber unter dieser Last zusammenbrach, tat man erst recht nichts. Es war keine Organisation, keine leitende Hand da; sodaß jeder auf eigene Faust tun und lassen konnte, wie er es verstand oder es auch nicht tat. . . Tabei kam manches zu Tage, ward von Einzelnen manches gesagt und geschrieben, was geeignet 'war, den Hetzern frisches Wasser auf ihre Zungenmühlen zu leiten. Bekanntlich besteht das vernunftgemäße Denken im Abwägen der Ideen gegen einander und in der Zuweisung ihrer gegenseitigen Giltigkeitssphäre; eine Idee ohne eine solche Begrenzung denken, sie ufer- und schrankenlos machen, heißt nichts anders, als sie zur fixen Idee machen. Gerade im Letztern aber sind unsere fog. Kultürzionisten Meister. Als sie noch keine lleberjudcn waren, sondern einfache — Uebermenschen, da gab es keine Idee, deren sie habhaft werden konnten, die sie nicht auf diese 'Weise zur Karikatur verwandelt und mit großem Geschick — zur Unrechten Zeit, am unrechten Ort ins Judentum verpflanzen wollten. . . Und nach dieser ihnen allein eigentümlichen Methode Werfuhren sie auch bei der Lösung der Frage: „Zion und Ostafrika" oder „Zion oder Ostafrika"? wobei sie vermöge ihrer Logik nur die letztere Formel als die allein richtige gelten ließen. Ihre Argumentation lautete wie folgt: wir sind für die Zionsidcc, unser Prinzip ist Zion, alles andere geht uns nichts an, denn mit unfern Prinzipien handeln wir nicht. Tiejenigen, welche die erste Formel akzeptieren, sind Heuchler und unlogisch! .... Dagegen wenn jemand sagt: Er sei für Ostafrika, Ostafrika ist sein Prinzip und Zion gehe ihn nichts an (d. h. er machte aus der Ostafrikaidee ebenfalls eine fixe Idee, wie sie es mit der Zionsidee getan . . . .) der wäre ehrlich, der wäre logisch. . . .! Ties ist auch ungefähr der Gedankengang des Herrn Ussischkin in seinem „Unser Programm". Und wirklich fanden sich logische Leute, die diesen Gebankengang zu den ihrigen machten und erklärten: sie wollen von Zion nichts wissen! Es ist eben nicht jedermanns Sache, sich Tag für Tag sagen zu lassen, er sei unehrlich oder gar — unlogisch . . ., so strebte mancher danach, von den Zione-Zion und von Ussischkin ein Zeugnis über Ehrlichkeit und Logik zu erhalten. Diese Herren Politiker mögen auch nicht wenig stolz gewesen sein auf dieses ehrenvolle Zeugnis, das ihnen sogar der Feind geben mußte . . . Aber dieser Feind lag mit angehaltenem Atem auf der Lauer, ob ihm nicht einige Gimpel auf den Leim gingen; sobald aber dies glücklich geschehen war, ging das Hetzen und Verleumden mit irischen Kräften los. Aber beileibe nicht gegen diese Gimpel — es waren zunächst einige versprengte Glieder der Fraktion, die sich darin gegen ihre Genossen aus dem Lager der Zione-Zior; vorteilhaft unterscheiden, daß sie mit der Absage an Zion eine ihren sonstigen Lebensanschauungen entsprechende Stellung einnahmen, sonst aber ihren Gegnern an Logik nicht nachstehen — sondern die gesamte Majorität des VI. ^Kongresses wurde mit diesen Leuten in einen Topf geworfen, um sie gemeinsam aus der Bewegung drängen zu können. Ein zweiter taktischer Fehler der Minorität war der, daß sie unter einander keine Verbindung herzüstellen suchte; auch nicht einmal auf dem Kongresse. ' Allerdings war es schon zu spät, aber die mora-? lische Niederlage hätte vermieden werben können. ■ Die Westzionisten waren nur zum geringen Teile über die Vorgänge in Rußland unterrichtet; sie wußten nicht von all den Gewalttaten unserer zionistischen Plehwes und idealistischen Pobjedenoszews, als sie daher den Ausbruch der Empörung und Verzweiflung ihrer engeren Parteigenossen aus Rußland sahen, da fehlte ihnen dafür das Verständnis; und nicht nur, daß sie daran keinen Anteil nahmen, sondern sie hielten sich im gewissen Sinne zurück. So konnte es den Anschein gewinnen, als ob die Minorität eine ganz kleine wäre, während fie in Wirklichkeit eine ansehnliche war, die wohl, vereint vorgchcnd manches hätte durchsetzen können. So wie vor dem Kongreß, so war auch auf dem Kongreß keine Leitung, keine Einheit, auch nicht vor dem Feinde; jeder tat, was er wollte, nach seinem eigenen Verstand oder Unverstand. Es war überhaupt merkwürdig, daß die Redner der Territorialisten, Herr Chasan und Herr Dr. Sirkin, so oft sie in den Konferenzen der politischen Zionisten und Territorialisten sprachen, den Eindruck machten, als jeictt sie Zionisten im vollsten Sinne des Wortes; sobald sie aber vor dem Feinde standen und im Kongreß sprachen, da boten sie oft dem bösen Willen Angriffspunkte dar, anstatt ihn wirksam anzugreisen. Dies wird wohl auf Rechnung der Erbitterung zu setzen sein, die dem Gegner auch da nicht Recht geben will, wo er es hat, aber, daß dies klug war, wird wohl niemand behaupten. Ebenso wenig zeugte es von politischem Takt, wenn die Herren zionistische Sozialisten gleich während der Eröffnungsrede Nordaus eine lärmende Demonstration gegen — die Kronsrabbiner Scheinkin und Tjomkin veranstalteten. Den Gipfel der Taktlosigkeit aber erstieg ihr Führer, Herr Dr. Sirkin, als er in der allerverletzendsten Form die Schuld für die Haltung der Majorität dem — Judentums aufbürdete. Wiewohl er doch wissen mußte, daß die Mehrzahl derer unter den Zionisten, die sich ein jüdisches Herz bewahrt haben, in dieser Frage mit ihm gemeinsam die bekämpften, welche in religiösen Fragen mit ihm eines Sinnes sind; daß die Wortführer der Gegner keine größere Liebe für das Judentum hegen, als er selbst, nur habe» , sie bei dieser Gelegenheit gezeigt, daß ihre Liebe zur Judenheit auch keine größere ist. . . Wozu also die unnötige Verscherzuug der Sympathien auch derjenigen Teile der Mehrheit, die zu keinen Gewalttaten geneigt waren, und die Verletzung der heiligsten Gefühle der eigenen Parteifreunde gut war, dies mögen die Herren sozialistische Zionisten oder zionistische Sozialisten in ihrer unersorschlichen Weisheit vielleicht selbst wissen! Man sieht, während auf der andern Seite die heterogensten Eleniente sich zusammenfinden konnten, und diejenigen, die um jeden Preis zuni „Handeln" drängen, mit denen, die sich damit begnügen, über die Erlösung unseres Volkes „Abhandlungen" zu schreiben, Hand in Hand gingen, um ein negatives Resultat zu erzielen: war auf Seiten der politischen Zionisten eine Organisation, ein Plan und ein einheitliches Vorgehen nicht einmal versucht worden. Was Wunder also, daß man einer solchen Partei gegenüber sich alles erlauben zu dürfen glauben konnte! Und tatsächlich liegt in der absoluten Rücksichtslosigkeit im Vorgehen der Zione-Zion ein gut Teil Verachtung der Gegner, die man weder zu achten noch fürchten zu müssen glaubt. Und leider, es muß gesagt werden, lag in dieser Einschätzung keine Unterschätzung; womöglich ward die Tatkraft unserer Partei noch überschätzt: denn die Zione-Zion werden wohl alles andere erwartet haben, als die ihnen gewordene Ueberlassung des Schlachtfeldes mit der gesamten Beute . . . Ihre Freude mag umso größer sein, als sie unerwartet kam. Jedenfalls taten sie nach dem VI. Kongresse nicht dergleichen. . . Man hat also nicht nur all die Fehler begangen, wodurch der Sieg der Kleinkolonisatorcn und der Großsprecher erst möglich ward, sondern man hat auch den letzten weisen Schritt getan, diesen Sieg zu verewigen, indem man sich entschloß — das Hasenpanier zu ergreifen, d. h. eine neue Organisation zu schaffen . . . In diesem Entschluß liegt ein so offenes Eingeständnis der eigenen Ohnmacht und Kleinmütigkeit, daß man sich fragen muß, was unter diesen Umständen von der neuen Organisation eigentlich erwartet werden kann! Oder glauben die Herren, eine neue, der zionistischen ebenbürtige Organisation im Handumdrehen schaffen zu können, daß sie es nicht einmal der Mühe wert halten, den Versuch zur Wiedereroberung derselben zu machen? Sollten sie dieser Meinung sein, so werden sie (ich alsbald überzeuge», wie sehr sie sich im Jrr-;umc befinden. Tie Herren, die auf ihre Herzltreue ich so viel zu G»te tun, haben sehr übel daran getan, sei» Lebeuswerk, die zionistische Organisation und ihre Institutionen, seinen Widersachern o leichten Kaufes zu überlasse», ja, auch nur de» Gedanken daran auskommen zu lassen! Es bleibt sich hierbei gleich, ob wir es sind, die aus den Reihen des jüdischen Volkes davonschleichen, oder zugeben, daß unsere Gegner es tun: jedenfalls ist damit die zionistische Organisation gesprengt und das Einheitsprinzip in Bezug aus das jüdische Volk vernichtet. War und ist diese Untergrabung der Vorausetzung einer jeden jüdisch-nationale» Bewegung notwendig? Diese Frage, die eine schwere Gewissensfrage ist, müssen sich alle stellen, die — Zionisten sind! Als am VI. Kongreß die Minorität den Saal verlieb, gab sich die Majorität alte Mühe, ihr den Rückweg finden zu lassen, denn damals stand ein Herzt an der Spitze: am Vll. Kongresse aber hatte ein Ussischkin die Diktatur an sich gerissen, da tat man alles, um diesen Weg möglichst gut zu verrammeln . . . Für alle Zeiten aber wird es ein untrügliches Zeichen sein, daß das Weib, welches sagt: „schneidet, nicht ich und nicht du sollst was haben," eine falsche, kinderräuberische Kreatur, aber nicht die wahre Mutter ist! ... * Damit aber, daß die Mehrheit den echt zionezionistischen Wunsch hegte, daß wir gehe», ist noch lange nicht gesagt, daß wir cs tun mußten, eher umgekehrt! Der Kongreß hat beschlossen, daß er mit einer Kolonisation außerhalb Palästinas und Nachbarländer sich grundsätzlich nicht befassen kann. Wir müssen unS diesem Beschlüsse fügen und solange er zu Kraft besteht, dürfen wir vom Aktionskomitee nicht fordern, daß es sich mit derartige» Projekten befaßt. Wer, da wir überzeugt sind, daß dieser Beschluß ein Unglück für das jüdische Volk und für den Zionismus bedeutet, so ist es unsere Aufgabe, uns zu organisieren, um die Wahlen zum nächsten Kongresse zu sichern und so der Majorität des VI. Kongresses, die sicherlich noch besteht, zu ihrem Rechte zu verhelfen. Dies Recht auf Gedankenfreiheit ist uns nicht genommen und konnte uns nicht genommen werden. Somit lag für uns die Notwendigkeit zum Austritt und zur Gründung einer gesonderten Organisation nicht vor. Auch die Arbeit für ein Territorium hätte dabei nicht zu leiden brauchen, denn alles was wir jetzt als Neugründer tun können, hätten wir auch als politische Förderation innerhalb des Zionismus tun können; ja, auch nur die Aussicht die Niajorität zu bekommen, wäre uns schon förderlich. Und tatsächlich war Zangwill persönlich gegen die Schaffung einer Extra-Organisation; leider bestand er nicht fest genug aus diese Ansicht. Er war auch. gegen die Benennung: „Territorialistische Organisation", aber auch hierin ließ er sich umstimmen. Es mußte eine Extra-Organisation sein, und sie mußte den schönen, jüdischen Name» „Territorialistische" bekommen, weil auch bei uns die extremen Elemente, die „Logiker" nach dem Herzen der Zione- Zion die Führung hatten. . . Die Stimmung nach dem Verlassen des Kongresses war ihnen günstig, und sie haben sie ausgenutzt. Aber wenn inan auf Momentstimmungen seine Politik ausbaut, pflegt es oft dann nicht zu stimmen. . . Denn erreicht haben die Herren durch ihren Radikalismus nur, daß die politischen Zionisten das Gefühl hatten, sie seien nicht nur im „Kasino", sondern auch im „Safransaale" besiegt worden. . . Und mit Fortschreiten der Ueberlegung wird die Zahl derselben immer größer werden, und die Ansicht immer mehr an Raum gewinnen, daß unter diesen Umständen uns die Mitarbeit erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht wurde. Es ist wahrlich nicht nötig, daß wir atte Fehler machen, die unsere Gegner sich nur wünschen könnten. In idealer Weise aber erfüllen wir ihre Wünsche, wenn wir uns der Führung derer unterstellen, die mit ihnen eigentlich nur über das Objekt verschiedener Meinung sind; darin aber mit ihnen vollkommen übereinstimmen, daß man entweder Zion zum Prinzip macht und sagt, die Lage des jüdischen Volkes, das in einem Meere von Blut und Tränen unterzugehen droht, gehe uns nichts an, oder man sagt, nur die gegenwärtige Lage sei für uns maßgebend, die Gefühle und dm

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