Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 36 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 36 des Frankfurter Zsmelitischeu FaMMattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Das jüdische Konsistorium. — Die Rose. — Persona lien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus d er Lehrerwelt. — „Jüdische Jugend." Das jüdische Konsistorium. Ein merkwürdiges Zusammentreffen: zu gleicher Zeit wird von zwei Antipoden dasselbe Thema behandelt und beide komme» zu dem gleichen, ablehnenden Resultat. Vorigen Freitag brachte die neologe „Allgemeine Zeitung des Judentums", seit 70 Jahren die Borkänlpferin der Refornr, einen Leitartikel „Das jüdische Konsistorium"; gleichzeitig erschien eine Broschüre der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" mit dem Titel „Ter Organisatiousplan des Teutsch-Jsraelitischc» Gemeindebundes". Die Veranlassung zu beiden Arbeiten war der auf dem jüngsten deutsch-israelitischen Gemeindetage in Frankfurt a. M. gebilligte Entwurf des bekannten Juristen Professor Tr. Rosin-Freiburg über „Die Rechtsverhältnisse der jüdischen Gemeinden", der die Grundzüge einer Synodalverfassung enthält und den gesetzgebenden Körperschaften des Staates als Material zugehen wird. Die „Allg. Zcitg. des Judentums" schreibt über dieses vom Gcmeindebunde von jeher verfolgte Ziel: „DaS moderne jüdische Bewusstsein ist solchen obersten Religionsbehördcn in Deutschland auch heute ebensowenig geneigt wie in Amerika, wo die Zentralrabbiner-Konferenz in Louisville zu keinem Abschluß über die Errichtung einer ständigen Synode hat kommen können und daher soeben den Mehrheitsbericht für und den Minderheitsbcricht gegen die Synode veröffentlicht hat. Alle hervorragenden Laien sind, nachdem sie zu Acußcrungeu über diesen Bericht veranlaßt worden sind, „drüben" gegen eine solche Einrichtung. In der Tat ist es »rerkwürdig, daß in einer Zeit, in der eine übertriebene radikale Richtung nach dem Grundsatz von der „freien Religion in dem freien Staate" in Frankreich z. B. das jüdische Konsistorium, das in seinem Ursprung auf das iin Mai 1806 von Napoleon I. berufene Sanhcdrin zurückgcht, wieder abschasfen will, viele Glaubensgenossen in Deutschland sich nach einem staatlich approbierten jüdischen Konsistorium sehnen, das eine gesetzliche Wirksamkeit ja doch zunächst nur für Preußen entfalten könnte. Und auch hier bezweifeln wir, daß die Regierung, welche in, religiösen Reglementierungen schon manchesmal ein Haar gefunden hat, sich nur um unserer schönen Augen willen auf eine solche einschneidende Maßregel, einlasscn, beziehentlich dafür die Zustimmung des von den Konservativen und dem Zentrum beherrschten Landtags finden lvird. Und sollten die Reaktionäre des Abgeordnetenhauses dem Entwurf, der die Stellung der jüdischen Gemeinden in Preußen gesetzlich festlegt, mit ihren Amendements zustiniineu, so würde das Judentum wahrscheinlich Anlaß haben, mit dem römischen Dichter auszurufen: „Ich fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen." Was sind für eine Religion, die Jahrtausende hindurch alle» auflösenden Elementen widerstanden hat, juristisch noch so lvohlforinulierte Paragraphen? Wenn wir unsere Jugend mit religiösem Geiste erfüllen, wird es für eine Konsolidierung des Judentums im Innern auch für die Zukunft einer solchen staatlichen Religionsbehörde nicht bedürfen, gegen deren Reglementierung in Dingen des Glaubens sich nun einmal das jüdische Bewußtsein innerlich auflehnt. Ein einheitliches Gesangbeziehentlich Gebetbuch z. B., welches die preußisch-jüdische Gesamtsynöde in spo einführen würde, dürfte deshalb doch noch nicht allgemeine kanonische Geltung erlangen. Auch die Erfahrungen, welche die evangelische Kirche mit dem preußischen Synodalsystem bisher gemacht hat, sind für uns nicht verlockend. Um uns ein- oder zweimal im Jahre in Gegenwart von Regierungsvertretern mit gelegentlichen Deklamationen, Aufstellung von Resolutionen zu begnügen, dazu steht uns das Judentum zu hoch; umsonst tut der Fiskus überhaupt nichts — und in rein religiösen Dingen, wie z. B. der Sabbatfrage, könnten wir auch dem preußischen Juden-Konsistorium, selbst wenn das Rosinsche Veto für die Rabbiner beibehalten wird, einstweilen keine entscheidende Autorität zuerkeiincn. Sollte wirklich eine solche Zentralbehörde für die Inden Preußens mit Hilfe der Regierung doch eininal-zustande kommen, so wird es lange Zeit bedürfen, ehe diese Behörde in religiöse» Dingen entscheidende Autorität erlangt oder gar erzwingt, und der Amerikaner Jacob H. Schiff dürfte Recht behalten, wenn er kürzlich sagte: „Hat ein modernes Sanhedrin Autorität, so kann es schädlich wirken, hat es keine, so ist es unnötig." Die Gründe der Freie» Bereinigung, von deren Standpunkt aus nur eine ablehnende Haltung allen Synodalverfassungcn gegenüber denkbar sein kann, sind bekannt. Daß aber eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Neologie und einer der besten Kenner der jüdischen Verhältnisse Westeuropas zu einem solchen Resultate kommt, sollte die Freunde eines jüdischen Konsistoriums doch stutzig machen. — Wir selbst habe» das Thema bereits des öfteren behandelt und haben zu dem Frühergesagten nichts hinzuzufügen. Die Rose. Eine Sommererzählung. Von I. L. P e r e z. Ilebersctzt von L. C a r o. (Schluß). Doch zieht sie der herankommende Mann magnetisch an, obwohl sie ihn noch nicht sieht. Es ist ein junger Mann, seine Augen sind zu Boden gesenkt. . . . Ach! Er wird mich aber nicht bemerken — tröstet sie sich und schreckt vor diesem Gedanken zurück. . . Ter junge Manu nähert sich. Rein! Ein solch'trauriges Gesicht hat sie gesehen. Ein schmales, bitteres Lächeln irrt um seine Lippen. Tie junge Stirn ist voll Runzeln. Es scheint schon lange auf seine blassen Wangen kein Freudenstrahl gefallen zu sein. Seine Augen sieht sie nicht; doch fühlt sic, daß sie blau und tief wie der Himmel sind: aber auch traurig und düster, wie der Himmel ohne Sonne. — Und keine von meinen Schwestern hat sich für diesen Menschen geopfert? . . . Plötzlich hebt der junge Mann seine-Augen auf: sie hat es errate»! .... Tort kan» auch ei» Himmel sein, doch jetzt sieht sie darin nur ein Meer von Leid .... Er bemerkt sic, fährt init der Hand über die Stirn, als ob er sich einer Sache entsinnen wollte. Sein Gesicht wird bleich. Das dünne, bittere Lächeln wird breiter und breiter und steigt immer höher Und höher, bis zu den Augen empor. . . . Aber gleich darauf bedeckt es sich mit einem dichten Schatten voll Wehmut. . . . Er bricht die Hände zusammen: — Ach, eine Rose! — lispeln seine Lippen — eine Rose! Als „sic" mir Ja sagte, trug sie auch eine Rose an der Brust . . . Rur als sie mich betrog, trug sie ihre eigene Schmach: ihre eigene Rose! . . — Ach, das dumme Herz! — rief er im Aerger über sich selbst aus. — Ich kann »och immer nicht an „sie" und an die Rosen vergessen! . . . — Marsch! — kommandierte er sich selbst. Wider seinen Willen eilt er davon und verschwindet bald in der Allee. — Ach, Gott! Gott! — jammert die Rose. — Ach, was meine Schwestern nur tun konnten! . . . — Ich tue es nicht, niemals .... bis zum letzten Atemzug, bis zum letzten Hauch .... Sich einem Traume zu opfern — das ist das höchste Glück einer Rose! .... * * * Es kommen zwei ältere Damen. Während sie sich herannahen, betrachteil sie die Sträuche: sie sind noch leer . . . — Sie haben wohl erwachsene Söhne — denkt die Rose. — Weshalb aber kommen die Söhne selbst nicht her? — wundert sie sich. — Wir sind zu spät gekommen — spricht die eine Dame zu der anderen. Ich merke es schon; — erwidert die zweite — in diesem Jahre wird es wohl keine Rosen mehr geben. Die einsame Rose möchte doch bemerkt werden, obwohl ihr Herzchen noch voll Mitleid ist mit jenem jungen Manne. Sie bewegt sich, und es gelingt ihr, bemerkt zu werden. — Sieh', eine Rose! — ruft die eine Dame aus. — Ja, ich sehe schon — erwidert die zweite — aber eine Rose ist für mich so gut wie gar nichts. Für meine Gäste habe ich wenigstens einen Topf Eingemachtes nötig .... Jede Nacht: Wein und Karten ... Es soll auch daran nicht fehlen .... Ich, ich — wenigstens: ein Eimer Saft . . . Die arme Rose dankt Gott, daß die Dame» schon vorüber sind. Tie weiß sogar nicht, lvie mau aus Rosen Saft ausgepreßt und au welchem Feuer diese Konfitüren gekocht werden . . . Nur die Damen selbst haben ihr nicht gefallen: solche dicke, fetto Gesichter . . . Eine Rose ist von Natur aus zu edel, daß ihr solche Gesichter Hütten gefallen können! .... * * * Mit einem grauen Schiri» in der Hand, große Gummischuhe au den Füße», mit einem dicken, ganz zugeknöpften Uebcrzieher; die Wangen wegen Zahnschmerzen mit einem Tuch umbunden; in der linken Hand ein hoher Zylinderhut und ein dicker Weinstock in der rechten, über den der ganze Körper sich im Gauge herabbeugt; ein kahler Kopf und doppelte Brillen auf der magere», bucklige» und spitzigen Rase. — So kommt ei» alter „Deutscher" heran, die Füße langsam nachschleppend. Die Rose hat seine stillen Schritte nicht vernommen und daher keine Zeit gehabt, sich vor ihm zu verbergen. Er bleibt vor ihr stehen, schleppt den einen Fuß zum zweite» hin, legt die doppelten Brillen ans seiner Nase zurecht und betrachtet das junge Geschöpf . . . Er runzelt die Nase; sie gesiel ihm nicht. — Pfui! — stößt er aus den blauen Lippen hervor und cs entsteht nun ein Geruch und ein Geräusch, als ob ein faules Blatt in der Luft schwebe. — Pfui! — Diese ist nichts für mich .... Zn sehr entwickelt, zu alt ... . Ich brauche eine jüngere, eine frischere, eine grünere; so was- Er legt zwei Finger an die Lippen und will ein gassenbübisches Pfst Hervorbringen — aber es ertönt wie das.Zischen einer Schlange. Und er geht weiter. — Mögest Tn Hals und Nacken brechen — entriß sich der Rose ein Fluch .... * * -v, * Da kommt ein Mann in mittlerem Lebensalter. Er ist elegant gekleidet, trägt moderne Beinkleider und auf der einen Schulter hängt ein Uebcrzieher mit hellem Untcrfutter herab. Unter seinem nicht zugeknöpften Rock guckt eine goldene Kette hervor, die nachlässig herabhängt und mit einem Pfcrdekopf endet, der in einem Pserdehufe eingerahmt ist. Ans seiner Brust tanzt ein goldenes Pincenez, an einer dünnen, silbernen Kette angehängt, herum. Auf dem Kopf ein Jägerhut, und sein Gesicht — ja, es muß gut und scharf betrachtet werden, um zu erkenueu, daß das Leben von ihm den frischen Hauch wegblies . . . Nur die Augen sind rötlich-müde, von blauen Streifen umrandet. Er bemerkte gleich die Rose, blieb aber keinen Augenblick vor ihr stehen. Für eine Andere — denkt er sich — genügt wohl auch eine Rose .... Ich möchte auch gern eine Rose schicken — eine Rose, von frischem Tau durchtränkt, auf duftendes Papier mit vor Liebe flammenden Reimen unter ein durchstochenes Herz gesetzt . . . Sie aber will nur Brillanten .... * -i° * Ta kommt ein bleicher Jüngling. Sein langes, nachlässig herabrollendes Haar ist phantastisch zerzaust. Seine Augen sind in den Himmel versenkt, als ob beide Blaumeere zusainmensließen möchten .... Aus seinem halboffenen Munde mit den schönen, rhythmischen Lippen tönt ein süßes Sommerlied ohne Worte hervor. Sein blasses, von den goldenen Sonnenstrahlen leicht gerötetes Gesicht, ist von einem rosigen, poetischen Traum verklärt. Die Rose empfindet einen Stich ins Herz, als hätte sie ein Pfeil getroffen. Sie fühlt einen heftigen Schmerz, aber er ist ihr so lieb, so wonnig, so süß. . . Ihr kleines Rosenherzchen zittert; es zappelt wie ein Böglein im Käfig: es möchte ausreißen . . — Er ist es! Er! — so schreit es in ihr. — Er, von dem ich so oft geträumt, den mir Gott