Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 35 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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i; |: v- ■h i; I '' f;' f t r. V v i 1 iy'? - l E ' f - Seite 10. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Scheiterhaufen enden, wie von ihrer Seite so schön gesagt wurde. Die Fraktion — sie hat sich aufgelöst und ist ins Aktionskomitee eingetreten — besteht aus lauter Musterjuden, die Verräter sitzen im Misrachi, natürlich .soweit sie sich unter die Leitung von Weizman, Feiwel und Rostig nicht begeben haben. Die Herren waren einst auch demokratisch und chatten demokratische Prinzipien, — seit dem VI. Kongreß sind ihnen diese Prinzipien in Verlust geraten: sie haben jetzt die entgegengesetzten Prinzipien, sodatz ihnen das Volk absolut nichts angeht. Immer aber sind die Herren dadurch ausgezeichnet, daß sie niemals Ansichten haben, Ansichten über die sich eventuell diskutieren ließe, sondern sie sind stets mit Prinzipien behaftet, Prinzipien natürlich, von denen sie kein Jota preisgeben können! Ob sie nun Antiorthodox und demokratisch gesinnt sind, sodaß es des schwersten Kampfes bedarf, um ihren Ungestüm und Radikalismus zu zügeln; oder aber, wenn es der Zeiten Rot erfordert, sie an (!) das andere Ende der Welt-Anschauung mit vollendeter Grazie sich (!) hinüberschwingen, um zu verhindern, daß — der Zionismus eine machtvolle und ernste Volksbewegung werde, in der dann allerdings für faselnde Hetzer kein Raum mehr wäre, weil mit dem Beginn wirklich zionistischer Realarbeit ihr Ständlein geschlagen hätte, immer tun sic es auf Grund von hohen und erhabenen Prinzipien, Prinzipien, über die sich nicht diskutieren läßt. Wir wollen es daher auch gar nichf versuchen, uns mit diesen Leuten auseinander zu setzen. Es wäre auch vergeblich mit ihnen zu hadern, und ihnen ins Gewissen reden zu wollen, denn die Herren haben neben andern schönen Grundsätzen auch den, daß der Zweck die Mittel heilige! Ihnen ist also alles, absolut alles erlaubt, nichts kann sie hindern zu tun, was sie nur tun können... Daß aber politische Zionisten von diesen.Herrschaften sich haben ins Schlepptau nehmen lassen, um mit ihrer Hllfe Siege üher uns zu feiern, ist wahrlich mehr als verwunderlich. Doch wir hoffen, daß diese Verirrung des Geistes unter den Zionisten bald einer besseren Einsicht weichen wird. Sie müssen bald aus dem Paroxismus des Kampfes genesen. In den Köpfen derer, denen der Zweck wenigstens nicht alle Mittel heiligt, beginnt es schon zu tagen. Ms Symptom mag die Stimme des hebräischen Schriftstellers Rcuben Brainin gelten. Er schrieb im „Hasman" gleich nach der Abstimmung über das Ostafrikaprojekt: „Ein Sieg"! Noch ein solcher Sieg — und wir sind verloren!" Doch, nichts soll verloren sein, wenn die politischen Zionisten ihre Pflicht tun und auf Grund ruhiger Ueberlegung und klarer Einsicht in dieser allerdings schwierigen Lage handeln! Vor allem aber, die gemachten Fehler nicht wiederholen! (Schluß folgt.) Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M.. Bei der Expedition deS „Frankfurter Israel. Familienblattes" gingen für den Nationalfonds ein: Zur Hochzeit Mendel Wertheim—Thella Bamberger von H. Lander, E. I. Michael, E. Wildberg L 1 M. M. 3.— Thella Wertheim, Fulda, von H. Birnbaum, Frankfurt, für einen Baum zum Andenken an Frau Zchenhäuser Wraham Weber, Andernach, anläßlich der Jahrzeit durch AR. .Abraham Hecht, Frankfurt Gebrüder Pfeffer, Frankfurt Julius Holländer, Altona Ma Grünebaum, Fulda Thekla Wertheim, Fulda Willy David, Mannheim Selbstbesteuerung Willy David, Manicheim Selbstbesteuerung von Lehrer Stern, S. N., E., Liebes, Jos. Oppenheimer, Leop. Oppenheimer, Saly Geis, Selmar Geis ä O.GOJL 6 — L— 0.95 0.75 0.50 0.50 0.60 0.10 0.90 4.80 Jk 19.10 Wien. Auf die durch Herrn Greenberg an die britische Regierung erfolgte Mitteilung von dem Beschlüsse des Kongresses in der Ostäfrika- Angelegeuheit ist Herrn Greenberg folgendes^ Schreiben zugegangen: L. I. Greenberg, Esq. Ministerium für Kolonien, Downing Street, 25. August 1905. Mein Herr! - . Ich bin von dem Herrn StaatssekretärLyttleton beauftragt, den Empfang Ihres Schreibens vom- 8. August zu bestätigen, welches im Aufträge des Aktionskomitees der Zionistischen Organisation mitteill, daß der vor kurzem in Basel tagende Zionistenkongreß beschlossen hat, sich nicht weiter mit dem Vorschläge zu befassen, der eine jüdische Siedelung auf einem zu diesem Zwecke von der Regierung Seiner Majestät in Ostafrika bewilligten Territorium in Aussicht nahm. Was den letzteren Teil Ihres Schreibens betrifft, so habe ich den Auftrag, Ihnen mitzutellcn, daß jedes Bestreben, welches zur Besserung der Lage und Hebung des Standes des jüdischen Volkes unternommen werden sollle, auf die Sympathie und das Wohlwollen der Britischen Regierung stets rechnen darf. Ich verbleibe, mein Herr» Ihr ergebenster Diener (gez.) C. P. Lucas. Herrn I. L. Greenberg. Warschau. Der König von England und der Zionismus. Wie die „Hazefirah" berichtet, ist in Marienbad Herr Saluten Liubars ki, Korrespondent des Pariser „Matin", vom König von England in längerer Audienz empfangen worden. Das Hauptgespräch bildete die Marokko- Frage. Zum Schlüsse des Interviews drückte Herr Liubarski .als Jude und Zionist seine Befriedigung darüber aus, Se. Majestät persönlich für das der zionistischen Bewegung durch das Uganda-Projekt erwiesene Wohlwollen herzlichst zu danken. Darauf erwiderte der König: „Meine Negierung hat den Zionisten ein Gebiet in Ostafrika zur Verfügung gestellt, allein, wie jetzt feststeht, ist dieses infolge seines überaus heißen Klimas zu Kolonisationszwecken nicht geeignet. Ich kenne die zionistische Bewegung und interessiere mich sehr für s i e." _ Bunte Chronik. Sind die Juden körperlich minderwertig? Es gibt gewisse Aussprüche, die zu Allgemeinsätzen und damit zur unumstößlichen Wahrheit geworden sind, ohne daß man sich die Mühe gibt, diese „unumstößliche Wahrheit" auf ihre Wahrheit hin zu untersuchen. Eine solch allgemein anerkannte Anschauung ist die von der körperlichen Minderwertigkeit der Juden. ,/öloch's Oesterr. Wochenschrift" weist, indem sie ein interessantes Material heranzieht, in einem Aufsätze nach, daß diese Behauptung nicht mehr wie eine Phrase ist; denn in Wirklichkeit stellen die Juden auf allen Gebieten der Betätigung der körperlichen Kraft, Geschicklichkeit und Ausdauer ihren Mann. Wer z. B. Gelegenheit gehabt hat, sich ein wenig in den Kreisen des Artistentums umzutun, der weiß, daß der Prozentsatz der Juden unter den Athleten und Akrobaten, Die _pn Vertrauen aus ihre Stärke und Geschicklichkeit allabendlich ihr Leben auf's Spiel .fetzen, außerordentlich groß ist. Das spricht nicht für körperliche Minderwertigkeit. Weiter: Der Gentleman - Champion von England in. der Arbeit mit dem Schwergewichte heißt Sir Edward Lawrence Levy. Der gewesene Inhaber der Meisterschaft von Europa im Radfahren, der Meisterfahrer des deutschen Sprachgebietes, Meisterfahrer von Böhmen, Ungarn usw. Maxime Lurion ist Jude. Die besten Olympia-Sieger bei den Wettkämpfen in Athen im Schwimmen Paul Neumann u. Otto Hirschmann sind Juden. Die Meisterschwimmer von Oesterreich Otto Wahle u. Ruberl sind Juden. Der ausgezeichnete Schwimmer Simon Orlik ist nach seiner Abstellung zum Militär als Schwimmmeister an die Wiener Militär-Schwimmschule kommandiert worden. Er ist Jude, und Juden sind die. Rekordträger im Tauchen und im Plumping in Wien. Beim internationalen Wettschwimmen des Wiener Athletiksport-Klub am 6. dieses Monats eroberte Leo Mayer im 804 Meter- Lauf den ersten Preis; auch , die Meilen-Meistcrschaft fiel nach hartem Kampfe Leo Mayer zu usw. usw. Diese kleine Blütenlese dürfte genügen. Möge sie die Veranlassung dazu sein, daß man auch in dieser Frage mit der blinden Voreingenommenheit breche. Aus dem Lebe« eines Judenfressers. . Das vor einigen Jahren verstorbene Stadtoberhaupt von Odessa, General Seljone, konnte keinen Juden riechen. Zwar verkehrte er in den Häusern der jüdischen Millionäre von Odessa sehr gerne, da diese sich nicht lumpen ließen und an ihn im Kartenspiel freudig einige tausend Rubel jährlich verloren. Umsomehr Hatzte er aber solche Juden, denen man im Kartenspiel nichts abnehmen konnte. Der kleine öffentliche Park in der Nähe seines Palais, der aus den Beträgen der christlichen wie der jüdischen Steuerzahler unterhallen wurde, durfte von keinem Juden betreten werden. Der betreffende Befehl lautete ebenso kurz wie drastisch. „Saujuden ist der Zutritt verboten". Eines Tages erblickte General Seljone auf einer Bank des verbotenen Paradieses einen .älteren bärtigen Mann sitzen, der, in die Lektüre eines Buches vertieft, das gesttenge -Oberhaupt von Odessa nicht bemerkte und auch bei -seiner Annäherung den Hut nicht lüstete. „Wie heißt Du!" schrie Seljone den Mann an, „und-wie heißen Sie," lautete die ruhige Gegenfrage. „Du Schwein, Du Saujude," brüllte -der-Judenfresser, außer sich -vor Wut. „Polizei her! . . . Wer hat es gewagt, Nr. 35. diesen Juden hineinzulassen? . . . Nehmt ihn fest! . . . Diese Frechheit! . . . Mich, das Stadtoberhaupt von Odessa, nicht kennen zu wollen! . . ." „Ich bin weder ein Schwein noch ein Saujude," lautete die gemessene Antwort. „Ich bin General wie Sie und heiße K." — Tableau! —„Eine verfluchte Stadt," knirschte Seljone, „in der man einen General für einen Juden halten kann." Einen zweiten Reinfall erlebte Seljone mit einem Mitglied der russischen Hocharistokratie, einem, Fürsten G. Tiefer hatte einem Offizier 1000 Rubel auf einen Wechsel geborgt, den er an einen jüdischen Kaufmann.Leiter zedierte. Letzterer, der von dem Offizier das Geld nicht in Güte erhalten konnte, klagte den Wechsel ein und erhielt vom Gerichte eine Pfändungsvollmacht. Ter Offizier aber eilte zu Seljone und teilte ihm mit, daß ein ihm unbekannter Jude einen Wechsel von ihm zu besitzen vorgibt, den er niemals ausgestellt hat. Sofort ließ Seljone den Kaufmann zu sich bestellen. „Schuft, Du Sohn einer Hündin," schrie er ihn an. „Sofort gibst du die Pfändungsvollmacht her oder Du fliegst binnen 24 Stunden aus Odessa." Der eingeschüchterte Jude gab, ohne sich erst danach zu erkundigen, ob Seljone das'Recht habe, ihn ohneweiteres auszuweisen, das verlangte Dokument heraus. Kurz darauf schrieb Seljone einen Brief an den Fürsten G., in welchem er diesem sein Erstaunen darüber ausdrückte, daß er als Christ und russischer Fürst sich mit einem Saujuden in Geschäftsverbindung einlasse. Die Antwort, die Seljone erhielt, hatte er nicht hinter den Spiegel gesteckt. Der Fürst dankte ihm für den gut gemeinten Rat und teilte ihm gleichzeitig mit, daß er einen Odessaer Rechtsanwalt beauftragt habe, ihn, den General Seljone, wegen Mißbrauch der Amtsgewalt und Erpressung zu verklagen. Darauf beeilte sich der General, dem Kaufmann K. die Pfändungs- Vollmacht zurückzusenden. Solche unerhörte- Gewalttätigkeiten, welche selbst das Privateigentum nicht respektierten, durste sich ein russischer Würdenträger selbst sogar in den friedlichsten Zeiten den Juden 'gegenüber erlauben. Was erst die Juden in den heutigen unruhigen Tagen vom Tschinowniktum zu erdulden haben, ist ja aus der famosen Bekanntmachung des Homeler Polizeimeister Chlebnikow bekannt. Die Bevölkerung Rußlands. Angesichts der gegenwärtigen Lage Rußlands und des speziellen Interesses, das wir Juden durch die in diesem Lande schmachtende Hälfte unseres Volkes an Rußland haben müssen, ist eine Zusammenstellung der französischen Zeitschrift. „Mouvement Geographique" interessant, der wir das Folgende entnehmen: In völkerkundlicher Hinsicht gebührt dem russischen Reiche die Eigenschaft, das bunteste und in seiner verschiedenartigen Herkunft interessanteste Völkergemisch zu enthalten. Rußland hatte bei der letzten Zählung 125 640021 Einwohner. Obenan stehen an Zahl die eigentlichen Russen mit 83933567, die bekanntlich aber auch noch in Groß- und Kleinrußland, in Weiß- und Rotrußland unterschieden werden. An zweiter Stelle kommen die Polen mit 7 931307 Seelen, an dritter die Jaden mit 5 063 156. Erhebliche Teile der Bevölkerung stellen außerdem noch .dar die/Kirgisen und Kosaken mit 4 084139, die Tataren mit 3 737 627, Deutsche mit 1790489, die Baschkiren, Tegtjahren mit 1438136, die Letten mit 1435937, Georgier, Jmmeretier und Mingrelier mit 1336 448, Littauer mit 1210510, Armenier mit 1173 086, Moldavier und Rumänien mit 1121669, Morduanten mit 1023 841 und Esten mit 1002 738. Mit geringeren Ziffern, unter einer Million, treten hinzu die Satten mit 968 655, die Chuwaschen mit 843 755, die Tschetschensen mit 819 576, die Karakirgisen mit 802 807, die Usbeken mit 727 534, die Kalmücken und Buriäten mit 469 311, die Schmüden mit 448022, die Töteten und Tadschicks mit 445 153, die Wotjaken mit 420 970, die Tscheremissen mit 375 439, die Finnen und Kvrelen mit 351169, die Turkmenen mit 281357, die Kurden und Oseten mit 271665, die. Sirjanen und Permjäken.mit 258 305,' die Jakuten mit 227 384, Türken mit 208 822. Griechen mit 186925, Bulgaren mit 172 726, die Kabardiner und Abchasier mit 170 572, die Kamiks und Nogais mit 147 488, endlich 66 270 Turgusen, und 50 385 Böhmen. Das.ergibt 48 einzelne Volksstämme, wozu noch 632 667 Bettreter verschiedener, ganz kleiner Völkerschaften treten, . deren besondere Aufzählung" nicht lohnt. * . Man ersieht aus dieser Uebersicht, welch schwierige Aufgaben die Entwirrung der. russischen Völkerkunde der Wissenschaft noch vorbehält, denn selbstverständlich ist die Abstammung der einzelnen Stämme und ihre etwaige Verwandtschaft untereinander noch weitaus nicht genügend erforscht. Uebttgens, entfallen von jener Gesamtzahl von 1251/5 Millionen fast 4/s, genauer 97 Millionen auf die ländliche Bevölkerung, 14 Millionen sind städtische „Bürger", 1220169 gehören zum erblichen Adel, 640 000 sind Beamte,. 589 0Ü0 Ackerbürger, 640 000 Geistliche, 282000 Handelsleute, 605500 Fremde. Nur ein Drittel der eigentlichen russischen „Bürger" können ihren Namen schreiben (!), kaum ein Zehntel .der eigentlichen russischen Frauen können lesen, aber, ffügt der Bericht hinzu-: alle können trinken..:?