Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 35 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 35 des Franksurler Jsmelitischeu FamilimblMes. Inhalt der Beilage: ' Artikel: Der VII. Zionisten-Kongreß. — Aus der zionistischen Bewegung. — Bunte Chronik. — Literatur und Kunst.— Briefkasten. — „Jüdische Jugend". Der VII. Ziomsten-Kongretz. (Vom Standpunkte des politischen Zionismus aus betrachtet) von S. Berlowitz. (Fortsetzung.) Daß diese Gefahr vorhanden ist, dürfte all denjenigen k(ar sein, die wissen, daß unter den Parteien der Mehrheit, unter den Ueberzionisten, nur ungefähr ein Drittel — Zionisten sind. Es sind dies die politischen Zioniisten, welche in Wahrheit aus Liebe zu Zion gegen das Ugandaprojekt waren — weil sie meinen, die 'Arbeit für ein anderes Land könnte die Arbeit für Palästina beeinträchtigen und daß sie mit ihr im Widerspruche stünde. — Wenn diese Partei unter den Zione-Zion die führende und ausschlaggebende gewesen wäre, so dürften wir über das Schicksal und die Zukunft des Zionismus beruhigt sein. Ihnen, als ehrlichen Zionisten, denen der Ruhm und die Größe des Zionismus am Herzen liegt, wäre es auch (!) nicht eingefallen, einen Sieg mit solchen Mitteln zu erstreben. Leider aber ist dies in keiner Weise der Fall: Die Zionisten haben nicht die Führung bei den Zione- Zion, sondern sie werden angeführt. . . Angeführt von denen, die wir bislang geincinsam bekämpft haben. Tenn an der Spitze marschieren die sogenannten Kulturzionisten und die Chowewe-Zion unter Führung des Herrn Ussischkin, des Vorsitzenden des Odessaer Koniitres für Klein-Kolonisation in Palästina, und des Herrn Kahn-Bernstein, des Begründers der demokratischen Fraktion. ... Der Kampf, den wir bis zum VI. Kongresse mit dem Chowewe-Zion zu führen hatten, war weniger scharf; denn bis dahin hatten sie nicht gewagt, aggressiv, aufzutreten, weil ihr Bankrott noch zu frisch und in älter Erinnerung war. Seit dem VI. Kongreß aber ist es anders geworden, und auf dem VII. Kongreß sind sie mit ihrem alten Programm offen auf den Plan getreten. Damit haben sie bewiesen, daß sie nichts gelernt, aber alles vergessen haben, was bis jetzt jedem Zionisten geläufig war. Sie haben vor allem vergessen, daß es nicht weise sei, ein Haus zu bauen, ohne das Fundament zuerst gelegt zu haben; daß ohne rechtliche Sicherheit die Kolonisation unmöglich gelingen kann; daß sie es eigentlich waren, die durch ihre langjährige, aufopferungsvolle Arbeit in'Palästina zur Evidenz bewiesen haben, daß dem so ist. — Ms die Herren Chowewe-Zion unserem Volke und unserem Lande ihre Arbeitskraft weihten, war es sehr lobenswert und es fällt niemandem ein, ihre Verdienste zu verkleinern; sehr tadelswert aber wäre es, wollten wir jetzt trotz besserer Einsicht und Erfahrung zur selben Methode der Kleinpolitiker zurückkehren! — Zur Ungeheuerlichkeit vollends wird es, wenn auf Grund dieses Programms gefordert wird, daß andere, aussichtsreiche Arbeiten zur Rettung unseres nach Rettung schreienden Volkes unterlassen werden sollten. Denn wenn die Herren für diese Art von Kolonisation, die wir nicht nur für zwecklos, sondern zum Teil sogar als zweckwidrig halten müssen, unter allen Umständen eintreten, so geschieht es Loch logischer Weise nur darum, weil sie jede Hoffnung auf eine Verständigung mit der türkischen Regierung aufgegeben haben. In diesem Falle ist es aber' vorauszusehen, . daß die Türkei dafür wird zu sorgen wissen, daß ihr nicht gegen ihren Willen das genommen wird, was sie gutwillig nicht gewähren will oder kann: sie wird also darauf achten, daß die Kleinkolonisation — eben Kleinkolonisation bleibe. Damit aber ist unseren wandernden Massen, die so dem Untergange preisgegeben sind, nicht geholfen! „Ihr werdet ja auch in Ostasrika," wird uns mit belehrender Miene vorgehalten, „mit Klein-Kolonisation beginnen müssen, weil im Ansange keine andere möglich sei!" . Sicherlich, aber da haben wir die Gewähr, die Kleinkolonisation, wenn-nach Jahren die innere Möglichkeit geschaffen sein wird, von außen unbehindert zur Großkolonisation gestalten zu können. Man sollte meinen, daß gerade die Herren, die die Erreichung Palästinas auf politischem Wege als aussichtslos betrachte», für Ostafrika sein müßten, damit doch unserem Volke endlich eine Zufluchtsstätte, wenn auch nur ein „Nachtasyl" werde. Aber die Herren wollen keine „Rachmonus-Zionisten" sein: sie ziehen es vor — „Achsorius-Zionisten" zu sein. Und diese Politik, von der man nicht sagen kann, ob sie mehr köpf- oder herzlos ist, soll die Fortsetzung der Herzl'schen Politik u. in seinem Sinne sein! „Wir sind," behaupten die Herren, „die eigentlichen politischen Zionisten!" Darauf erwidern wir: Wer zum System der Systemlosigkcit zurückkehren will und von dem Leide unseres Volkes ungerührt bleibt und Phrasen drischt, für den hat Herzl umsonst gelebt und ist vergebens gestorben: er hat beides nicht begriffen... So wie Münzen, haben auch Worte ihre Prägung und ihren gedanklichen Wert, wer sie ans ganz anderem Stosfe fertigt und versucht, sie von Hand zu Hand gehen zu lassen, macht sich, hier wie dort, der Falschmünzerei schuldig. . . . Trotz alldem, wäre über uns nicht die Charkower Moral und das Charkower Recht, d. h. die rohe Gewalt, hereingebrochen, so wäre eine Verständigung auch mit dieser Partei möglich gewesen. Die Herren hätten sich nur dazu entschließen müssen, das Baseler Programm, dqs von „zweckdienlicher Kolonisation" spricht, mehr zu berücksichtigen. Anderseits wären sie auch am Ende zu der Einsicht gelangt, daß wir unserem zionist. Programme nach unmöglich verpflichtet sein können, unser jüdisches Herz und unsere Menschlichkeit zu verleugnen! Wären wir das, so müßte dies Programm verschwinden, auch wenn es vom Sinai herab verkündet worden wäre. Tenn wo es sich um Sein oder Nichtsein handelt, verlieren auch die Sinaigesetze ihre bindende Kraft. Immerhin, wie schwerwiegend auch die Bedenken sind, die wir gegen diese Richtung haben, wie furchtbar auch die Anklagen, die wir gegen diese Partei erheben müssen, eines dürfen wir nicht vergessen, daß sie aus Liebe fehlen: Aus Liebe zu Zion uni» aus Liebe zu unserem Volke haben sie dies alles getan, was wir so tief bedauern und beklagen müssen. Wenn die Herren auch keine politischen Zionisten sind, so sind sie doch, der großen Mehrheit nach, Zionisten. Sie stehen mit uns auf demselben Boden, denn sie erstreben dasselbe Ziel: die Erlösung unseres Volkes und Neubelebung unseres Landes, wenn sie es auch auf unpraktische Weise erreichen wollen! Es sind aber wirkliche, lebendige Juden, die sie auf dem realen Boden unseres Landes ansäßig machen wollen. Ein ganz anderes Verhältnis besteht aber in der. Stellung der sogenannten Kulturzionisten, der Herrn aus der Fraktion unseligen Angedenkens. Diese Herren standen niemals auf zionistischem Boden, denn zu ihrem Zionismus hatten sie überhaupt kein Territorium, auch den palästinensischen nicht, nötig: was sie nötig hatten, war bloß — reines, weißes Papier, auf das sie ihre oft sinnlose Phrasen drechseln konnten. . Sie gehören zu der Schule, die seit ihrem Auftreten den Ausspruch Biliams: "„Erenu welo atto, aschurenu welo Korauw1**) (Ich sehe es, aber nicht für jetzt; ich erblicke es, aber nicht nahe!) zu ihrem .Programm gemacht haben, und seitdem alles, was menschenmöglich war, getan, um dieses schöne Ziel zu erreichen! . . Jede praktische Tätigkeit im Zionismus haben sie von jeher bekämpft; jeden Erfolg desselben, ob moralischer oder realer Natur, haben sie mit wahrem Jndianergeheul begleitet; alles was durch zionistische Arbeit im Werden begriffen war, alle schwachen Reiser, die von wahrer Liebe gehegt und gepflegt werden, damit sie wachsen und gedeihen, groß und stark werden, haben sie stets mit rohen Füßen niederzutreten gestrebt und sogar deren Wurzeln mit ihrem Geifer zu vergiften gesucht. Der Zionismus hat von keiner Seite mehr Haß und Heimtücke erfahren, als eben voN dieser! *) Achad-Haam in seinem ersten Aufsätze: „Lau su dackerseb." Sie taten es im Namen eines Ideals, eines Ideals, das unter Idealen — ein Ideal genannt zu werden verdient. Da nun das Merkmal auch der allergewöhnlichsten Ideale darin besteht, daß ihnen nur nachgestrebt werden kann, und sie niemals in Wirklichkeit umgesetzt werden können, so hatten diese Herren immer Recht, denn ihr idealistisches Ideal konnte irieinals in die Gefahr geraten, verwirklicht zn werden .... Das jüdische Volk entsprach nicht ihrem Ideal: es sei noch nicht reif,**) behaupteten sie, um einen Staat bilden zn können; sie wollt:» es erst durch die Segnungen ihrer Kultur so weit bringen. . . Das jüdische Land entsprach nicht ihrem Ideal: „Was," sagten sie, „nach zweitausendjährigem Leiden, werden wir uns begnügen damit, daß. wir in Palästina einen Staat begründen, der so groß ist wie Serbien oder Bulgarien!" Auch die Art und Weise, mit der man diesen kleinen Staat;u errichten suchte, entsprach nicht dem hohen Ideal dieser Herren: „Was," schreib ein 2r. Klausner, anläßlich der Audienz Dr. Herzls beim deutschen Kaiser und beim Sultan, „wir, die Nachkommen der Propheten der Wahrheit und Gerechtigkeit . . . sollten als Bittsteller bei Kaiser und Könige erscheinen!" .... Mit einem Worte, alles, was die Herren „Auber- Zionisten" dieser Sorte und Gattung jetzt gegen das Ostafrikaprojekt zu sagen wissen, haben sie auch gegen Palästina vorgebracht. . . Mit dem kleinen Unterschiede, daß sie hier nicht behaupten können, der Charter wäre unerreichbar. Sogar das Argument, eine solche Siedelung würde — zur Assimilation führen, fehlt nicht: „Ich bin fest überzeugt," sagt 'Achad-haam in seinem Artikel „Zoraß haichudim", „sollte trotz meines unerschütterlichen Glaubens (daß ein solcher Staat in Palästina nicht geschaffen werden . kann) ein jüdischer Staat in Palästina entstehen und» bestehen, so wird er klein und gering sein an Ouantität und Qualität; ein Spielball in den Händen der mächtigen Nachbaren. Und die Glieder (!) dieses Staates, die im Exil, unter dem Faustrecht in seiner rohesten Form lebend, dem Geiste vor dem Körper den Vorzug gegeben haben, Iverden hier, im Lande der Propheten, dem Faustrechte „den Vorzug geben, und sie werden, nach einem vornehmlichen staatlichen Faktor" streben. Und wenn es ihnen schlecht gehen wird, werden sie nicht nach internationaler Taktik (?) streben, sondern sie werden, wie seinerzeit der König Achas sprechen: „Die Götter der Teutonen Helfen ihnen; so werden die Sitten der Deutschen (?) ihnen zum Zentralpunkt ihrer Nachahmung werden: sie werden sich mit Pier vollsaufen und den Bart nach deutschem Muster frisieren (.....) usw. bis sie zuletzt Deutsche jüdischer Abstammung sein werden!". Diese Herren nun, die sich weder um unser Volk, noch um unser Land kümmern, weil ihnen beide nicht genügen; deren Streben einzig; und allein dahingeht, aus dem Zionismus eine Kulturfabrik zu machen, die deren hohe Kultur zn vertreiben hätte; ihn zu einer Filiale d«O Waad - marbe haskala (Komftee zur Verbreitung von Mrfklärung) zu machen, sind, die zionistische Zionisten, und versuchen es, die politischen Zionisten aus der Bewegung hinauszuekeln! — Sie waren und sind die Rufer im Streite, die ärgsten Hetzer, die reinen Zionisten! Es sind dieselben Herren Kulturzionisten, die bis zum VI. Kongresse gegen alles religiös Jüdische u. Traditionelle Front machten und das jüd. Volk damit erziehen wollten, daß es daran gewöhnt werden sollte tetlnahmß-i los zuzusehen, wie seine Traditionen verletzt werden; — die Herren, denen ein Nordau zu sehr — orthodoxer Jude war, sind über Nacht, nicht nur Ueberzionisten, sondern auch Ueberjuden geworden! Wenn sie das Land der jüdischen Tradition nicht bekommen, so mag — das jüdische Volk auf dem **) „Noch nichts ist gut gesagt! Ehrlicher wäre es, wenn sie sagten: „schon nicht"! Dies dürste ihre Meinung richtig ausgedrückk sein, denn im Golus, wo wir geistig' und körperlich degenerieren, kann «L schlimmer aber nicht besser werden.