Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 34 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu M. 34 des Fraoksurter Jsraelittschen Famllimblattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Eine Elul-Betrachtung. — Der VII. Zionisten-Kongreß. — Aus der zionistischen Bewegung. Eine Elul-Betrachtung. Jeder der jüdischen Monate trägt seine eigene klare Signatur. Jedem von ihnen hat die jüdische Geschichte einen bestimmten Charakter gegeben. Würde es ein Maler unternehmen, unsere Monate in allegorischen Personifikationen darzustellcn, er hätte es eigentlich nicht schwer. Er würde etwa dem Wor die lustige Gestalt eines herumtollenden Schelmes verleihen; er würde für den Frühlingsmonat Nisson das Symbol eines dem Frohn entrinnenden kraftvollen Sklaven wählen, und er würde den Monat Aw durch eine gebrochene, jammernde Witwe versinnbildlichen. Dem Elnl aber würde er folgendes Motiv zu Grunde legen: Ta liegt eine weite, weite Wiesenlandschaft. Es hcrbstelt. Ter Abend senkt sich nieder. Das Ahrzen der Vergänglichkeit liegt ans den sich entfärbenden Flure» und auf den sich entblätternden Bäumen. Vorn auf einem Hügel steht ein.Hirt, von einem nicht allzu großen Teil seiner Herde umgeben. Die anderen Tiere haben sich von ihm entfernt. Manche nicht sehr weit, damit sie den Weg zu ihrem Herrn dort droben nicht aus den Augen verliere». Andere tummeln sich draußen sorglos in der Ebene. Und wieder andere sind schon so weit hinweggelaufen, daß sie kaum noch wahrzunchmeii sind. Das Hirtenhorn blasend, blickt der Hirt am besorgtesten nach diesen Verlaufenen und Verirrten, die in Torheit oder Trotz vermeinen, der Leitung ihres Führers entraten zu können. Zwar so manches Tier, vom mahnenden Ruf seines Herrn erschreckt, vom sorgenvoll klagenden Ruf seines Herrn ergriffen, hält jählings ein im wilden Lause, stutzt, überlegt und wendet sich entschlossen um, zurück, zu ihm, dem Führer, dem Beschützer. Aber ach, viel, viel zahlzahlreicher sind die Unvernünftigen, die des Warnungssiguales nicht achten und weiterjagen, blindlings, dem Verderben entgegen. —-—- Es ist ein einzigartig, herrlich Ding, um diesen klagenden, erschütternden und doch wieder criocckenden, wegeweisendcn Elul-Hirtenruf. Wen nicht schon völlig die. girrenden, verführerischen Gcigentöne der Sitteulosigkeit betören, wen nicht, schon völlig die lärmenden, gebietenden Trompetenstöße zwingender Erwerbspflichten gefangen "nehmen, wen nicht schon völlig all' die vielen schwirrenden, ivirbeluden, flutenden Klänge des Lebensorchesters stumpfhörig gemacht haben, dem muß ja trotz aller Schlichtheit dieser liebevoll mahnende Ruf des göttlichen Hirten ins Ohr und ins Herz dringen. Und hat der aufhorchendc Mensch erst die einfache und doch so tiefe musikalische Sprache des Schaufors verstanden, dann wird und muß' er sie zum „Leitmotiv" seines Lebens erheben. Gewiß, die erste Absicht des Schaufor-Toncs ist der Schreck, das Zittern und die Furcht. „W e n n i n derStadtindiePo saun ege st oßen wird, e r s ch r ick t n i ch t d a s B o l,k?" Diese Erschütterung aber ist zunächst das Heilsamste für den verirrten, verblendeten Jehudi. Es ist gut, wenn ein Rütteln und Schütteln durch die „Gemächer" seines Inneren geht, es ist gut, wenn dabei die so lange verschlossene Tür seiner Seele aus den Angeln gehoben wird, es ist gut, wenn auch die verstaubte Werkstatt seines Geistes durchlüftet wird. Durch diesen inneren Sturm aus der hindämmcrnden Trägheit seiner Empfindungswelt gerissen, wird der Mensch nachdenklich. Langsam fangt der „Baum der Erkenntnis" an, in ihm zu wachsen. Tausend Gedanken brechen wie Blüten an ihm hervor, tausend Fragen fallen wie reife Früchte plötzlich herab. Hat dich der Wfall von deiner Religion wirklich veredelt? Denn das ist, wie du zugeben mußt, des Menschen hehrstes Ziel. Hat dich die Arbeit am Schabbos gar um neue Ideale bereichert? Hat das Genussesleben deinen Geist etwa geschärft, deine Seele reiner gestimmt? Hat dich überhaupt deine Gesetzlosigkeit wirklich — — edel und frei gemacht? Da geht's wie ein Aufschrei durch den betrogenen Menschen und endlich, endlich, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, ist er wahr gegen sich. Nein, nein! Vom ersten ablveichenden Schritt an bin ich ja gesunken. Nicht das Judentum allein, das Menschtum überhaupt habe ich allmählich eingebüßt. Die Gesetzlosigkeit hat mich nicht veredelt, sie hat mich vertiert. Ja, wie ein Tier habe ich im Arbeitsjoche gelegen, tagaus, tagein, ununterbrochen, ohne zu feiern; wie ein Tier habe ich der Begierde gelebt; wie ein Tier bin ich unfrei geworden, den Launeir meiner Triebe-Treiber willenlos preisgegeben. Die so spricht, ist die Erkenntnis im Menschen. Sie kommt aber nicht allein. Eine Schwester, eine harte, traurige, unfreundliche Schwester kommt mit ihr. Ja, bitter und schmerzreich sind die Stunden, in denen dieses Schwesternpaar, Erkenntnis nnd Reue, im Inneren des Menschen geboren wird. Tie Verzweiflung packt ihn an über die Verfehlungen seines Lebens, über all' das Unrecht, das er Gott, der Mitwelt und sich selbst zugefügt hat. Wohin soll er sich flüchten vor dem widerlichen Riesenungctüm, Schuld genannt, das ihn mit grünschillernden Augen anstiert, dessen heißer, giftiger Hauch ihn. betäubt, dessen Fangarine ihn immerfort zu greifen und zu erpressen drohen. Ta treiben ihn die Gewissensbisse bis zur völligen Mutlosigkeit. Ist es denn überhaupt möglich, daß ein Entgleister zurückfindet? Heißt cs nicht, daß sich alle Schuld aus Erden rächt? Ist es da nicht schon besser, dieser furchtbaren Seelenbedrängnis ein sreiwilligeS Ende zu machen und sich selbst aus dem Lebcnsparadiese zu weisen, bevor die Schuld sich rächt? Oder ist cs nicht besser, die alten Wege weiter skrupellos zu wandern? Nein, tausend M a l nein!! So darfst du, Jude, nicht weiter denken, willst du nicht Sünde aus Sünde häusen. Es ist nicht w a h r, daß sich alle Schuld auf Erden rächt, e S ist n i ch t wahr, daß der Entgleiste nicht zurückfinden kann, es i st n i ch t w a h r, daß, wie behauptet wird, Elaukenu, unser Gott, ein Gott des Zornes und der Rache ist! Was du bisher gehört hast, war' ja nur der drohende, schmetternde und deshalb niederschmetternde Ton des Schaufors. Wenn du aufmerkst, so veruimmst du ans seinem hörnernen Mund jetzt auch den Apell zur Sammlung, den Ruf zu gottgeweihtem neuen Leben und den milden Klang der Versöhnung. Tu brauchst nicht zu verzweifeln. Und du darfst es auch nicht. Deine Lebensaufgabe ist gewachsen. Dein göttlicher Hirt aber nimmt dich freundlich, gütig wieder auf, und warft du noch so lange verirrt, noch so weit verlaufen. Wenn du nur bereust, dein Unrecht denen, denen du es züfiigtest, eingeftehest und auswetzest, künftig mit verdoppelter Sorgfalt das gesetzlich Böse meidest und unterläßt, künftig mit verdoppeltem Eifer das gesetzlich Gute anstrebst und ausführst, kurz, wenn du nach den Pflichten der Teschuwoh lebst, dann, aber auch, nur dann, wird dir wieder inneres Glück, Ansehen und vor allen Dingen die göttliche Gnade werden. Und dann wird das Einzige, Wunderbare eintreten, das die Instrumentation des menschlichen Geistes nicht zu fassen fähig ist. Gott wird-dir dann nicht allein verzeihen, — das könnten Menschen auch, — Er wird ferner dein Unrecht vergessen, — das könnten Menschen schon weniger — und Er wird dich, den wahren Baal Teschuwoh im Hochmaß seiner Liebe sogar, erheben und auszeichnen. Das i st E l a u k e n u s, unseres Gottes, des angeblichen Rache-Gottes, Liebe. — —-— — Vom Rausch-Chaudesch-Elul an ist der wunderherrliche Schauforklang in unseren Gotteshäusern zu hören. Im Eiul drum besonders beginne inaiy mit der Ein- und Rückkehr. Tie Elul-Teschuwoh ist des alten Jahres würdigster Abschluß und des neuen Jahres verheißungsvollster Vorbote. Es ist immerhin nötig, sofort mit der Teschuwoh zu beginnen. Sie ist wie eine lange, steile Landstraße. Anfangs ist sie steinig. Das Geröll der alten Sünden liegt noch im Wege. Hindernisse hemmen den Schritt. Irrlichter locken auf Wwege. Doch allmählich wird die Straße ebener und freier. Tie Landschaft wird reizvoller, je höher der Bußfertige steigt. Ter mühsame Marsch fängt an zu lohnen. Und immer leichter wird der Schritt. Schließlich, am Ende seiner Tage, kommt der geläuterte, geweihte Baal Teschuwoh frohen Herzens am Hochziel seines Lebens an, wo mit überirdischen, unvergänglichen, strahlenden Lettern daS Seligkeits-Jubelwort prangt: K a p p o r o h. Der TU. Zionisten - Kongreß.*) (Vom Standpunkte des politischen Zionismus aus betrachtet) von S. B e r l o w i tz. ,Fortsetzung). Sollte es aber gelingen, die jüdische Volksseele zu erlösen, indem auch nur ein Teil unseres Volkes in eine autonome Siedelung verpflanzt wird, so werden diese Nachtseiten in unserem Leben wie Schatten vor dem Lichte der ausgehenden Freiheit verschwinden. Die jüdische Volksseele, von ihren Fessel» befreit, wird, wie ein guter Boden, der lange brach gelegen, zu neuem Leben und ungeahnter Fruchtbarkeit erwachen. Wenn diese Siedelung zunächst nur außerhalb Palästinas möglich sei» sollte, so wird sie sicherlich nicht Zion werden; aber sie soll und wird ein Sprungbrett sein, von dem aus mir, die wir jetzt zwischen Himmel und Erde schweben, uns zu unserem End- und Höchstziel sollen emporschmingen können! Es soll ein Krastreservoir werden, in dem wir die jetzt ziel- und planlos wandernden Bolksmassen, die in alle vier Windrichtungen zerstieben, sammeln. Ferner sollte damit ein für alle Mal alle» zagenden und böswilligen Zweiflern endgültig dargetan werden, daß man auch ohne Kanonen und Kosakensotnien (die letztern hätten wir eigentlich!) reale Politik machen kann: daß der Zionismus keine Utopie ist. Welchen Wert ein solcher Nachweis hätte, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Zuletzt, aber nicht in letzter Linie soll es sür das jüdische Volk eine Staatsschule werden, in der es lernen soll, sich staatlich zu betätigen; eine Schule, in der die Pioniere aller Arte», deren wir benötigen, erzogen werden sollen. Wir sind daher überzeugt — und es müßte wahrlich mit wunderlichen Dingen zugehen, wenn es anders käme — daß die Inden, die in solch staatlicher Unabhängigkeit lebten, in der der jüdische Geist ungehemmt sich sollte weiter entwickeln können, die beste» Zionisten wären, mit dem Unterschiede nur, daß ihnen mehr Mittel zur Erreichung des Zieles zu Gebote stünden, als wir uns jetzt träumen lassen. Diese Erkenntnis scheint auch den Herren Großjuden, den Machthabern der „Jca" und der Alliance aufgegangen zu sein, denn auch sie haben dieses Projekt, soweit es mit politische» Ambitionen verbunden ist, verworfen. Sie taten es sicherlich, weil sie darin eine große Gefahr für — den Zionismus erblickt haben. Nicht wahr, ihr Herren Ober - Ueberzionisten! Wir erwarten, daß die Herren Zione-Zivn stolz sein worden auf die Zustimmung von dieser geschätzten Seite. Ihren Tank an die Machthaber der genannten Körperschaften sollten sie damit zum richtigen Ausdruck bringen, daß sie dieselben — zu Ehrenmitgliedern der Zione-Zion-Partci ernennen. Herr Tschlenom, wohl der sympathischste unter den Charkowianern, hat seine Rede in der Ostasrika- Tebatte mit de» Worten geschlossen: „Wir besinden uns in einem geschichtlichen Moment; nicht nur die ganze Welt ist darauf gespannt, was wir antworten werden, sondern auch unsere Mutter Zion wartet apf unsere Antwort." Nun, die Ansicht der „ganzen Welt" dürfte mittlerweile auch Herrn Tschlenow zu Ohren gekommen sein: die gesamte Presse, soweit sie zionsfrcundlich ist, hat von den Beschlüssen des VH. Zionistenkongresses und von der Art und Weise, wie sie zustande kamen, mit Bedauern Kenntnis genommen; nur der feindlich gesinnte Teil derselben war zufrieden, so zufrieden, daß sie vor Schadenfreude sich nicht zu lassen wußte. ... Auch ist es uns bis jetzt noch nicht recht klar geworden, warum, wenn die Mutter Zion wartet, wir *) In den vorigen Teil dieses Aussatzes haben sich einige sinnstörende Fehler eingeschlichen: Tie dritte Periode: „Wir würden, trotzdem usw." bis „uns anschließen", muß als zweite stehen. Tie vierte Periode: „Was die Mehrheit usw." muß lauten: Was die Mehrheit des VH. Zionisten- Kongresses getan, indem sie das Anerbieten Englands — obgleich usw. bereit sei — rundweg und grundsätzlich ablehnte, war usw. Spalte 3, Zeile 10 statt „nach der" ist „noch vor" zu lesen.