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Neue jüdische Presse · 1905-08-25 · Heft 33 (25.8.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 33 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 33 des Frankfurter Israelitischen Flunilienblattes Inhalt Ser Beilage: Artikel: Der VII. Zionisten-Kongreß. — Personalien.—Aus der zionistischen Bewegung. — Literatur und Kunst. — Jüdische Jugend. Der VH Zionisten-Kongretz. Vom Standpunkte des politischen Zionismus aus betrachtet von S. Berlowitz. „Nunmehr ist die Krisis. im Zionismus überwunden!" versicherte Herr David Wolfssohn in der Schlußrede zu dem stürmischsten und folgenschwersten unserer Kongresse. — Wso, .die schwere Krisis, die ein Herzl hatte heraufbeschwören müssen, war Herr Wolfssohn so glücklich, zu überwinden, oder zumindest, überwinden^ helfen zu dürfen! Nein, Ihr Herren von der Majorität, wie.sehr Ihr auch sonst in allem und jedem Recht haben möget — was, mit Euerer gütigen Erlaubnis/auch noch erst untersucht werden soll — darin habt Ihr entschieden Unrecht, wenn Ihr glaubt, die Krisis beschworen zu haben und Euch Eueres Sieges freuen zu dürfen! Wir würden, trotzdem Schreiber dieser Zeilen zu der Minorität gehört, Herrn Wolfssohn und der Majorität, der er sich verschrieb, und in deren Namen er sprach^ gern zu diesem großen Erfolg Glück wünschen, dürften wir nur dieser rosigen Anschauung uns anschließen! — Was die Mehrheit des VH. Zionistenkongresses — obgleich bekannt war, daß die englische Negierung zu einer Erweiterung ihres Angebotes bereit sei — getan, war keine logische Lösung der Frage, sondern der Versuch zu deren gewaltsamer Unterdrückung. Ein Versuch, der umsoweniger als gelungen zu betrachten ist, als es in keiner Weise in der Macht der Herren, die über diese schicksalsschwere Frage zu entscheiden hatten, lag, die Ursachen, die zur Krise führten, zu beseitigen; zu einer einigermaßen vernunftgemäßen Austragung der Sache aber — wie es die Annahme seitens des Kongresses und Ueberlassung der Ausführung an bestehende Institutionen oder an eine neu zu gründende jüdische Gesellschaft gewesen wäre — dazu reichte leider die Einsicht und die Billigkeit der Herren Zione-Zion nicht aus; weil in dieser Partei infolge des leidenschaftlichen Kampfes jetzt die Schreier und Hetzer Oberwasser haben. Tort aber, wo die Fanatiker das große Wort führen, wird man vergebens nach Ueberlegung und politischer Reise suchen; und wo rohe Gewaltmenschen ans Ruder kommen, darf man überzeugt sein, daß sie ihren Mangel an Intelligenz durch brutale Rücksichtslosigkeit werden zu ersetzen suchen. Damit aber konnte natürlich eine solche Krise nicht gelöst, sondern nur noch verschärft werden. Wohl ward das Angebot Englands, dem jüd. Volk eine autonome Siedelung zu überlassen, mit gewaltiger Majorität vom Kongresse abgelehnt, dennoch kann das Schicksal dieses Projektes damit noch nicht als entschieden angesehen werden. Denn diese Mehrheit war darum so gewalttätig, und gebrauchte ihre mehr als zufällige Macht bis zum Mißbrauch, weil sie wohl wußte, daß sie ihre Existenz auch nur — der Gewalt verdankt: sie entstand durch unkorrekte Wahlen in Rußland und durch ein gewalt- ' tätiges Vorgehen gegen die westeuropäischen Zionisten, die über die maßlose Hetze gegen die „Jasager" so sehr erschraken, daß — sie umfielen. Ein solcher Sieg, mit solchen Mitteln errungen, ist wahrlich nicht darnach angetan, daß man seiner froh werden und sicher sein darf! Die Angst war es also, die die Helden von Charkow und Freiburg zur uitiiao ratio des Hausknechtes hat greisen lassen, die zumeist darin besteht, daß er den unbequem werdenden Gegner zur Tür hinauszudrängen versucht. . . . Darum auch die offenbare Ungerechtigkeit, daß man von den politischen Zionisten Rußlands keinen' einzigen ins Mtionskomitee wiedergewählt hat. Allerdings wissen die Herren „Führer" der Zione- Zion am besten, wie sehr ein dem Gegner entgegengebrachtes Vertrauen dem Vertrauenden zum Unheil gereichen kann. Denn diese Herren wurden, obgleich sie damals zur Opposition und zur Minorität gehörten/insgesamt von der Majorität des VI. Kongresses wiedergewählt; sodaß sie sogar die Mehrheit im Aktionskomitee hatten. Weil der Kongreß vermeinte, ihnen das Vertrauen schenken zu dürfen, daß ie das ihnen erteilte und von ihnen angenommene Mandat nicht dazu benützen werden, um gegen den Willen der Mandatäre vorzugehen. Was aber die Herren taten, um dieses Vertrauen zu rechtfertigen, war, daß sie unter Führung des Herrn Ussischkin in Charkow sich versammelten und den berüchtigten Beschluß faßten, an Tr. Herzl ein Ultimatum zu richten: wenn er nicht bereit sein sollte, das O st a sr i k aprojekt nach der Einberufung des Kongresses zu.Falle zu bringen, drohten sie ihm mit dem Krieg.Nun scheinen die Herren ihre Gegner nach sich zu bewerten und ihnen nicht mehr Vertrauenswürdigkeit beizumessen, als sie selbst gezeigt haben; trotzdem sollte man meinen, daß es den Herren nicht geschadet hätte, wenn sie einen oder zwei politische Zionisten gewählt hätten, um den Schein zu wahren und das nackte Faustrecht wenigstens zu verhüllen! Aber die Herren wissen am besten, was ihnen frommt; sie wissen, daß ihre Majorität am VII. Kongreß nichts weiter war, als ein potemkinsches Dorf, das seinem Aufbau und seiner Ausführung nach würdig neben Charkow stehen darf. Wenn also diese Herren, die den traurigen Mut hatten, die ungeheure Verantwortung der Abschneidung eines Rettungsweges für unser armes, leidendes Volk auf 'ihre eigenen Schultern laden zu wollen, ohne dieses Volk erst zu befragen, nicht mehr wagen, auch nur einen einzigen politischen Zionisten an der Leitung der Bewegung in Rußland teilnehmen zu lassen, so geschieht es — wie es mit Charkow der Fall war — weil sie wissen, daß ihre Herrlichkeit aus schwachen Füßen steht, daß ihre Macht nur eine Mache ist. Wenn man in de» großen Atädten, wo eine politisch reifere Bevölkerung lebt, das Statut beachtet und von je 260 Schekelzahlern einen Delegierten wählen läßt, dagegen in den kleineren Orten, deren Einwohner durch eine zweijährige maßlose Hetze, durch Lügen und Verleumdungen — die llgandisten wurden zu Territorialisten gemacht und die letzteren zu wahren Ungeheuern, zu Volksverrätern gestempelt — irregführt sind, läßt man von je 101 Schekelzahler einen Delegierten wählen, so hat man, abgesehen von allen andern Kunstgriffen, die Wahlgeometrie, mit der man Charkower Majoritäten bildet. Die Sache war um so leichter, als die Herren unsere Schekelgelder zu ihrer Verfügung hatten, von denen sie den allerweitgehendsten Gebrauch gemacht haben. Wie sehr nun solche Erscheinungen im Zionismus für jeden Zionisten betrübend sein mögen, so bilden sie doch keinen ausreichenden Grund dafür, daß die politischen Zionisten allen Mut sinkeil lassen. Wir brauchen keineswegs über den momentanen Sieg des UsfischkiniSmus über den Zionismus so entsetzt zu sein, wie es mancherorts der Fall zu sein scheint. Und wie sehr wir auch die Stimmung verstehen, aus der heraus man geneigt ist, dem Ganzen den Rücken z>l kehren und die Herrschaften unter sich zu lassen, so hoffen wir doch, daß diese Anwandlung eine vorübergehende, in dem Unmut der ersten Empörung entstandene ist, welche bald einer zuversichtlicheren Auffassung 'weichen wird. Umgekehrt, da für uns der Kampf mit dieser Richtung unvermeidlich, ja, zur heiligen Pflicht geworden ist, so ist es vielleicht gar nicht so arg, wenn die Herren es so arg treiben. Bedingung des Erfolges aber ist: eine stramme Organisation aller politische» Zionisten, mit einer Zentrale an der Spitze, von der aus die ausklärende Agitation planmäßig geleitet werden muß. Unser Programm ist gegeben: es ist das gute, alte Baseler Programm! Nach wie vor muß unser Streben dahingehen, das Land unserer Väter zu dem Lande unserer Kinder zu machen. Es ist das Land unserer Geschichte und unserer Sehnsucht, auf das das jüdische Volk nie verzichten kann, nie verzichten wird, so lange sein nationales Empfinden lebendig erhalten wird, und solange es noch etwas auf seine nationale Ehre gibt'! Darum konnten und können wir, der übergroßen Not unseres Volkes gehorchend, mit ruhigem Gewissen für die Annahme des englischen Angebotes sein. Weil wir überzeugt sein dürsen, daß nur im Golus die Liebe zu Zion —. wie alles jüdische Empfinden — der Gefahr des Verschwindens ausgesetzt ist. Weil da überall von uns stillschweigend erwartet wird, daß wir uns selbst — als steckbrieflich Verfolgte behandeln: daß wir alles, woran wir erkennbar sind, alles, was unser Wesen ausinacht, vernichten und verwischen. Dies Verlangen ist, wie gesagt, überall vorhanden, aber am deutlichsten tritt eS dort auf, wo uns papierene Gleichberechtigung gewährt wird. Der Schwache aber wird immer gezwungen sein, sich dem Starken anzupassen zu suchen. Dabei geschieht es aber, daß anstatt schlechte Sitten abzulege» und die Tugenden der Wirtsvölker anzunchmen, man leider oft das Umgekehrte tut. . . . Kimssukonim schebohem lo assissem, elo .tkimkulkolim schebohem.} .... Nur so ist es erklärbar, daß die Kongreß- Wahlen in Rußland — echt russisch vor sich haben gehen können. . . . Nur so, daß unsere bereits für assimiliert sich haltenden Brüder, die sonst vor Kultur und Humanität fast sich auflösen, die für alle Unterdrückten schwärmen, für alle um ihre Ehre und Existenz ringenden Völker und Völkerchen das beste Verständnis zeigen, für sie die wärmsten Wünsche hegen und, wenn möglich, mit ihrer Unterstützung nicht kargen, ihre Humanität, ja oft auch ihre Vernunft eine Grenze findet, sobald es sich uni die unterdrückteste Nation — um ihr eigenes Volk handelt! Nur dies vermag es zu erklären, wen» eine gewisse Sorte von Gesetzestreucn herausgefunden hat, daß das Judentum uns gebietet, gute Ungarn, Deutsche, Franzosen usw. zu sein, und nur eines, vom Indentum» wegen uns verboten sein soll, Juden zu sein: zum jüdischen Volke sich zu bekennen und seine materiellen und ideellen Interessen auf rationelle Art wahrzunehmen. Sie vermeinen, ihre Liebe und Treue zum Vater lande erst dadurch überzeugend bewiesen zu haben, wenn sie an ihrem M u t t e r volle de facto Verrat üben. Darum jainmern sie, wenn die jüdisch-nationale Bewegung einen Erfolg zu oerzeichnen hat, und sie jubeln, wenn sie einen Schlag erleidet. All dies sind eben notwendige Begleiterscheinungen des Exils, Zeichen innerer Gebrochenheit: traurige Golusblüten! (Schluß folgt.) Personalien. Berlin. Für die Lösung einer medizinischen Preisaufgabe der llniversitüt Berlin ist unser Glaubensgenosse, Herr stud. med. A. Zwonitz k i aus Kiew, mit dem aus einer goldenen Medaille bestehenden königlichen Preise attsgezeichnet worden. In der Begründung wird hervorgehoben, daß seine Arbeit „eine auf gründlichem Studium der umfangreiche» in- und ausländischen Literatur beruhende, von gesundem Urteil und echtem historischem Sinn zeugende Darstellung enthält". Paris. Der Erfinder des „Esperanto" — ein Jude. Bor einige» Tagen hat in Boulvgnesur-Mer ein Kongreß der Anhänger der neuen Welt- und .Universalsprache getagt, die von ihren» Erfinder, Dr. Zan^enhof aus Warschau, „Esperanto" genannt worden ist. Auf dem Kongresse waren 15 europäische und außereuropäische Nationen vertreten. Dr. Zamenhof, der dem Kongresse präsidierte, war Gegenstand begeisterter Huldigungen. Tie neue Weltsprache hat in keinem geringeren als dem berühmten Naturwissenschaftler und Philosophen Ostwald einen begeisterten Verehrer und Agitator gesunden und ebenso spricht sich der kürzlich veröffentlichte Bericht Professor Schuchardts in Graz, der im Aufträge der Wiener Akadeniie der Wissenschaften die Möglichkeit und Nützlichkeit einer Universalsprache studierte, über das Esperanto sehr günstig aus. Dr. Zamenhof ist Jude. _ Aus der zionistischen Bewegung. Berlin. Die assimilatorische .Allgem. Zeitung d. Indent." schreibt in einein Atissatze über „Palästina" : „Man ntag Zionist oder Antizionist, Ugandift oder Antiugandist sein, man müßte jedoch blind sein oder absichtlich nicht sehen wollen, wollte man die Wiedergeburt Palästinas nicht erkennen." Ragy-Tapolesany. Anläßlich eines zionistischen Vortragsabends in dem Kurorte Trenesen Teplicz, in dem die Herren Schuldirektor Reichenthal, Grünhut-Debreczen und Oberrabbiner Roth-Papa sprachen, wurden von Frau Lberrabbiner Roth Kr. 20 sür

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