Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 32 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692409-2692441--01823-2696378- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Beilage zu Nr. 32 des Frankfurter Israelitischen Familienblatles. Inhalt Ser Beilage: Artikel: Die kurze Geschichte einer Lesehalle. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Literatur und Kunst. Die kurze Geschichte einer Lesehalle. Seit sieben Wochen haben wir in München eine .jüdische Lesehalle. Dieser Zeitraum ist augenscheinlich, zu kurz, um Anspruch auf Urteile der Erfahrung machen zu dürfen; — und doch ist dem nicht so, denn die Lesehalle hat bereits eine interessante Vorgeschichte und wir lernen in diesem kleinen, unansehnlichen Stück jüdischen Lebens einen Teil jüdischer Ghettokultur erkennen. Schon die Gründung! Drei Jahre gründete man immerfort jüdische Lesehallen, auf dem Papier, im Kopfe, in Versammlungen. Im Mai vorigen Jahres war man schon so weit, daß man nächstens einziehen konnte. Nun sind wir froh, daß es endlich so weit gekommen ist. . Die Lesehalle konnte mit einem Budget von 1000 bis 1500 Jk. gegründet werden; — warum bedurfte es der langen Arbeit und der in den ersten Jahren vergeblichen Hingabe so vieler Kräfte? Die Lösung ist furchtbar einfach. Zuerst waren es national-jüdische Studenten, die den Plan einer Lesehalle mit dem eines Vereinshauses in Betracht zogen, und als sie die große Interesselosigkeit der jüdischen Bevölkerung diesen weitgehenden Plänen gegenüber sahen, versteiften sie sich auf die Lesehalle allein. Die jüdische Gemeinde hatte für eine Lesehalle keine Sympathieen; die Eingabe wurde kurzweg abgelehnt. Dagegen erschienen folgende Vereine auf dem Plan. Von den akademischen alle: der Verein jüdischer Studenten, der eifrigst dafür eintrat, der Verein jüdischer Akademiker, die einen kleinen Beitrag geleistet haben, sonst aber sich nicht allzu viel um diese positiv-jüdische Arbeit bekümmert haben, und die Studenten-Verbindung Licaria» die zwar Versprechungen abgab, aber mit der Einlösung bis auf den heutigen Tag warten ließ. Selbstverständlich haben sich die Herren um die Lesehalle auch sonst kaum kümmern können, außer zwei oder drei Mitgliedern haben wohl alle die Lesehalle noch nicht betreten. Die Aufzählung der Vereine mag vielleicht etwas ermüden; m. E. ist aber die Mitarbeit, wie das Vorgehen der einzelnen Vereine ein derart typisches nicht bloß für München, sondern auch für eine Reihe weiterer Städte, daß man es sich wieder näher bei passender Gelegenheit besehen kann. Drängend und eifrig traten die jung-jüdischen und meist aus Zionisten bestehenden Vereine auf: der jüdische Turnverein, die zionistische Ortsgruppe, der Bruderbund (ein Krankenkassen- und Spar-Verein), Linath Hazedek, die einzige Hon den hiesigen Synagogen-Verbänden, die sich daran beteiligt; außerdem der von Zionisten stark beeinflußte Verein für Statistik der Juden. Les extremes se touchent: Die Loge, ihre Ableger, der jüdische Jugendbund, kamen, wohl nicht dem eigenen Antriebe folgend, aber im Vollgefühle des Geldes. Die Haupttat der ersten war, daß sie als Hauptforderung aufstellte, man solle für je 50 Ji einen neuen Vertreter erhalten. Sie selbst wolle 300 JL geben und damit 6 Vertreter bekommen. Der jüdische Arbeiter-Verband, wie der jüdische Studenten-Verband, die aus ihren kleinen Jahrescinkünsten eine im Vergleich bedeutend höhere Summe als die Loge nominierten, verlangten, für ihren guten Willen nach altjüdisch-demokratischer Weise belohnt zu werden und stellten den Antrag auf Stimmengleichheit der einzelnen Vereine. Durch das zu geringe Entgegenkommen traten nun beide oben genannten Vereine aus, da auch die übrigen Vereine, die nur das demokratische System anerkennen wollten, auf die Vertreter der Loge nicht einwirken konnten. Der Loge allein ist also der Unfriede im jüdischen Lager zu verdanken. Um so interessanter ist die Tatsache, daß der von ihr gegründete Verein „Jüdischer Jugendbund" seine gegebenen Versprechungen vorigen Jahres ebenfalls noch nicht eingelöst hat. Nachdem also die Loge in der jüdischen Arbeiter-Bevölkerung der Stadt eine — von ihrem Standpunkte aus — vielleicht unberechtigte Voreingenommenheit erzeugt hat, wundert sie sich, daß nach Gründung der Lesehalle diese Bevölkerungsschicht mangelt. Man hört chon allerorten, daß man in der Loge gegen eine weitere Unterstützung der Lesehalle plaidiere, da die Besucher, auf die man rechnete, bis jetzt ausblieben. Nun nach eingehend besprochenen Tatsachen darf man wohl sich erklären, daß die verstimmten demokratischen Arbeiter und Studenten von der Gründung der Bourgeoisie nichts hören wollen. Warum schickt aber die Loge nicht ihre eigenen Leute in die Lesehalle? Soviel aus den Einzeichnungen der Leser-Liste zu ersehen ist, haben sich nicht einmal der größere Teil der Vertreter der Loge auch nur einmal in der Lesehalle zum Lesen eingestellt, geschweige denn die Mitglieder derselben. Man scheint in der Loge wohl der Meinung zu 'ein, alles das, was in den 40 aufliegenden jüdischen Zeitungen und in den Bibliothek-Büchern steht, zu wissen und daß derlei nur für das niedere Volk geschrieben werde. Wir sind anderer Meinung. Die Lesehalle ist nicht für jüdische Arbeiter allein, vielleicht sür den üdischen Mittelstand noch mehr nötig, weil der sein Judentum und alles Jüdische heute mehr zu vergessen scheint. Ein Bedürfnis ist allerdings heute die jüdische Lesehalle noch nicht und so darf man die angeführte Notwendigkeit nicht verstehen. Nein, nötig ist sie, damit doch allmählich ein Bedürfnis aachihr daraus entspringt. Und in diesem^ Sinne begrüßen wir den Teil der Vorstandschaft mit Freuden, der energisch für Erhaltung und Popularisierung der Lesehalle eintritt, den die Besucherzahl von ca. 200 Leuten der ersten 6 Wochen nicht entmutigt, sondern anspornt zur weiteren Ausgestaltung. Und wenn wir auf diese lleine Schar der unverdrossenen Anhänger der Lesehalle zurücksehen, so muß uns auch der Umstand mit Genugtuung und guter Hoffnung für die Lesehalle erfüllen, daß es Zionisten und gute Nationaljuden (und Rabbiner Dr. C. Werner an ihrer.Seite!) sind, die diese jüdische Institution nicht wollen fahren lassen. Mögen ihnen diese Zeilen eine Ermunterung und Hilfe sein. N. 8. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M, 17. August. Gestern Abend fand in der Zion. Ortsgruppe eine Schekelzahlerversammlnng zwecks Entgegennahme der Berichte der Kongreßdelegierten statt. Die Herren Delegierten I. L. Goitein und Fr. Sondheimer erstatteten Bericht; an der Diskussion betelligten sich die Herren Feingold, Stern, Cahn, Melamed, Dr. Israel Auerbach aus Berlin, Dr. Schwarzschild, Hirsch, Jansen und Berlowitz. Schließlich nahm die Versammlung gegen 6 Stimmen eine Resolution an, in der sie betont, daß sie auf dem Boden des politischen Zionismus im Herzlschen Sinne stehe; den Delegierten wurde einstimmig der Dank ausgesprochen. Aus den Vereinen. Aschaffenburg. Unter dem Namen Freie Chorvereinignng, wurde hier ein jüdischer Männergesangverein gegründet, der in der Hauptsache die Funktionen eines Synagogenchores erfüllt. Die Vereinigung erfreut sich eines allgemeinen Zuspruches. In den Vorstand wurden die Herrn Wilh. Hamburger, Samuel Mayer, 1. Kantor S. Wetzler gewählt. Literatur und Knust. 1. Das Wese« des Judentums. Von Dr. Simon Mandl, Rabbiner in Neutitschein. Verlag von I. Kaufmann, Frankfurt a. M., 1904. 2. DaS Wefe« des Judentums. Von Tr. I. Fromer (Elias Jaeobi). Hüpden und Merz hu- Verlag, Berlin 1905. Beide Schriften behandeln dasselbe Thema, und beide Herren sind bestrebt, ihren jüdischen Habitus in die Zwangsjacke der Definition zu Pannen. Tolle TesinitionSsucht! Eine böse Krankheit, denn ist das Organgesühl schon rin schlechtes Omen, ein Krankheitssymptom, welcher seelischen Qual muß ein Individuum ausgesetzt kein, wenn ihm sein ganzes Ich ins Bewußtsein steigt?- lind ist diese Tefiiiitionsfucht Mode, um so schlimmer für uns, denn sie bekundet am klarsten die Verschwommenheit des Zeitgeistes. Aus jeden Fall aber verdienen diese literarische,: Produktionen unsere vollste Ausmerksamkeit, denn sie sind mehr Produkte der gegenwärtigen Stimmung, denn Erzeugnisse ihrer geistigen Väter. . . . Zwei Bücher über das Wesen des Judentums neben Bäck und Seligmann. — Schon die äußere Ausstattung der beiden Bücher deutet aus ihre charakteristische Verschiedenheit trotz der Behandlung deselben Stoffes hin. Fromer, der „Freigeist", „der Stürmer und Dränger", der unverbesserliche „Kulturkämpfer", der schwindsüchtige Kosak im Kampfe gegen den „Werglauben", . Fromer, der Polizeisoldat im Befreiungskriege der Menschheit, Fromer, der jüdische Rebell, läßt durch die rote Deckelfarbe seines Buches — seine Gesinnung — — — erraten, er ist Kämpfer, und rot ist die Farbe der Rebellen. . . . Anders Herr Tr. Simon Mandl. Tie Homiletik, in der er sich philosophisch, resp. religionsphilosophisch reproduziert, paßt wohl zur grauen Deckelsarbe seines Buches, denn grau mehr denn jede Theorie ist die moderne rabbinische Homiletik. — — — Die Herren Fromer und Mandl brüten gähnend, gleich jener rätselhaften Sphinx, über das gewaltige Problem, und ihr öfteres krampfhaftes Zu'mnmcnzucken verrät deutlich, daß sie jene bis jetzt von keinem Lebewesen noch erreichte Pyramide zu erklimmen suchen und dabei alle Augenblicke Rückfälle erleiden. Beide gelangen endlich — unabhängig von einander — auf verschiedenen Wegen an dasselbe Ziel, dem jedoch jeder von ihnen eine andere Bedeutung bekmißt; für den einen ist es Leben, für den anderen Tod und Verderben. Das Gegebene in dieser Gleichung ist für beide Autoren das Golus, die Judenfrage. Herr Rabbiner Dr. Mandl, der gottessürchtige Mann, der Freund der Armen, schwelgt im Judentum und lebt sich am genußvollsten in der „Ethik" aus. Er ist ein ehrlicher Seelsorger, ein Stück lebendiger Ethik selbst. Und auf die Frage nach dem Wesen des Judentums gibt er in homiletisch gutmütigem Ton die Antwort: Ethik. Welche Ethik, Universalethik, jüdische Ethik, darüber schweigt sich seine Homileticität gütig-naiv-aus. Jedes Wort aus dem Buche llingt wie der Grundton des Predigers von der kleinstädtischen Synagogenkanzel und schwindet rasch dahin.-Was ist endlich das Wesen des Judentums?- Ich bin kein Gegner oder gar Feind des „Teitschchumesch", des „Zeena-llrena", im Gegenteil erkenne ich seine Nützlichkeit voll und ganz an, aber ein Zeena Urena für Frauen und nur für Frauen. Wenn aber ein Rabbiner, dazu noch ein akademisch geblldeter Rabbiner, uns auf eine so schwerwiegende und blutigernste Frage, wie es die Frage nach dem Wesen des Judentums ist, mit deutschem „Teitschchumesch" traktiert — statt die Frage auf Grund des Tatsachenmaterials — — — genau zu formulieren (was nebenbei bemerkt, nach meinem Dafürhalten unmöglich ist) — ins Homiletisch-Graue flüchtet, dann müssen die Kälber lachen und die Ameisen den Satyros spielen. Eine Antwort auf die Frage nach vem Wesen des Judentums.kann nur dann gegeben werden, wenn eine scharfe Differenzierung zwischen Judentum und Richt-Judentum vorgenommen, das Wesen dieser Differenz durch ein methodisches Studieren und Vergleichen beider Kultursysteme gellärt wird. Wie verfährt nun Herr Dr. Mandl? Er greift verschiedene, völlig zusammenhanglose Sätze, die ihn: wichtig dünken, aus der Thora und dem jüdischen Schrifttum heraus, homiletisiert sie nach seinem Predigergeschmack und behauptet alsdann, das sei das wahre Wesen des Judentums. — Das, was Herr Tr. Mandl für das Wesen des Judentums hält, ist ein kleinerer oder größerer Bestandteil des jüd. Kultursystems, aber nicht das Judentum.