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Neue jüdische Presse · 1905-08-11 · Heft 31 (11.8.1905) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 31 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 31. Frankfurter JfraelitischeS Faunlienblatt. Seile 5. Ter „Ruß" berichtet, daß in Jekaterinoslaw alle Zeichen eines nahe bevor st ehenden Progromes eingetreten sind. Ueberfälle auf jüdische Käufer und Läden häufen sich von Tag zu Tag. > Wilna. Wie der .Hasinan" berichtet, soll die Frage der Wahl jüdischer Vertreter in die -Stadtverordnetenversammlungen der Städte im günstigen Sinne gelöst werden. Kertsch (Gouvernement Taurien). Die Administration hat der Bevölkerung mit Ausnahme Der Juden das Recht erteilt, Waffen zu tragen. Lodz. Aus dem benachbarten Dorfe Breß sind jämtlichejüdischenEinwohner vertrieben worden. Amerika. New-Aork. In der Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbiner, di: Anfang Juli in Cleveland tagte, wurde auch über den Sabbat debattiert. Das für die Behandlung dieser Frage eingesetzte Komitee wünschte, daß die häusliche Sabattfeier zu neuen Ehren käme, wo man sie bisher vernachlässigte und daß sic dort gesördert werde, wo sie im Abnehmen begriffen. Die Versammlung ist für die festliche Ehrung des Sabbat ain Freitagabend in den Wohnhäusern. Es dürfe dabei weder der Kiddusch, noch die alte Sabbatfreudigkeit fehlen, und der Segen des Vaters muß auf den Kindern und auf der ganzen versammelten Familie ruhen. Die Geschäftsleute sollen ersucht werden, den Sabbat einzuhalten; .ebenso sollen die Gemeinden gebeten werden, bei ihren leitenden Mitgliedern und besonders bei ihren Bevollmächtigten auf strenge Beobachtung des Sabbat zu sehen. Tic Mitglieder der Sonntagsfchulen müssen den Sabbat einhalten, damit sie die Kinder nicht nur durch ihr Gebot, sondern auch durch ihr Beispiel erziehen. Jüdische Privatschulen dürfen am Sabbat sowie an den jüdischen Feiertagen keine Sitzungen abhalten. Auch muß dafür gesorgt werden, daß der Sabbat- -gottesdienst im -Sommer keine Unterbrechung erleide. Den Predigern in den Sommerplätzen oder deren Stellvertretern obliegt cs, die Sommergemeinden zu organisieren. Ter Sabbat sollte von allen jüdischen Familiem gefeiert werden. Dem „Oommitteo ou Loctariaoism" wurde ein Paragraph aus dem Berichte übergeben. Derselbe besagt, daß Schritte gemacht werden müssen, damit kein Gesetz durchdringe, welches den frommen Juden die Arbeit am Sonntag verbiete und ihnen jo das Einhalten des Sabbat unmöglich mache. Personalien. Berlin. Geh. Sanitätsrat Dr. Oskar Rothmann, einer der angesehendsten Aerzte Berlins, feierte am Donnerstag seinen 70. Geburtstag Dir. Rothmann ist in Posen geboren und besuchte vom 13. Lebensjahre an das Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin. Seine medizinischen Studien machte er ausschließlich in Berlin. Sein Wirken in Berlin wurde dreimal auf längere Zeit unterbrochen, und zwar durch die Kriege von 1864, 1866 und 1870/71. Aus allen drei Feldzügen kehrte Rothmann mit Auszeichnungen heim. Für die Teilnahme an dem Zuge nach Msen erhielt er den Roten Adlerorden vierter Klasse mit Schwertern; 1866 wurde ihm der Kronenvrden vierter Klasse verliehen, und 1870 erwarb er bei Bionville das Eiserne Kreuz zweiter Klasse. Der Jubilar gehört der Aerztekammer für Berlin-Brandenburg als Mitglied an. Er war es, der zuerst im Berliner Verein für innere Medizin, dessen Verdienst es ist, das öffentliche Interesse für die Errichtung von Lungenheilstätten erweckt zu haben, einen Antrag auf Errichtung von Volksheilstätten für Lungenkranke stellte. Danzig. Dem Kaufmann Gieldziensky, besten bekannte Kunsthandlung der Kaiser besuchte, ist her K r o n e n o r d e n 2. Klasse verliehen worden. Halle a. Saale. Mit einer Schrift über „Die Stahlindustrie der Vereinigten Staaten von Amerika' habilitierte sich in der hiesigen philosophischen Fakultät Sr. ö k. pu b l. Hermann L e v y - Berlin für das Fach der Nationalökonomie. Levy steht erst im 25. Lebensjahre. Wien., In Fölz bei Aflenz. wo er zur Sommerkur weilte, ist D c. m e d. E d u a r d L e w y gestorben, der zu den bekannteren Aerzten Wiens gehörte. Jetzt wo man sich bemüht, der Lehre von den Gewerbekrankheiten Eingang in den Hochschulunterricht zu verschaffen, ist es billig, des Verdienstes Lewy um die Unterweisung in der Gewerbehygiene zu erinnern. Lewy war einer der zeitlich ersten Hoch schullehrer dieses Wissenzweiges. Er ließ sich 1867 als Dozent für Gcwerbekrankheiten am Wiener Polytechnikum nieder. Erst später wurde bei der Berliner Gewerbeakademie eine Lehrstelle für Gewerbehygiene errichtet. Ihr Inhaber war Peter Reinke, zuvor sozialdemokratischer Abgeordneter, später Sanitäts rat und Hospitalarzt in Berlin. Lewy erhielt die Anregung zur Beschäftigung mit der Gcwerbehygiene durch seine Tätigkeit als Arzt der allgemeinen Arbeiterkrankenkasse. Er hat sich auch vielfach auf dem Gebiet der gemeinverständlichen medizinischen Literatur betätigt. Wien. Kohn — Krüger. Das Amtsblatt meldet: „Dem Herrn kais. Rat Dr. S. Kohn in Wien wurde von her k. k.' niederösterreichischen Statthalterci die Aenderung seines Namens in Krüger bewilligt." Ter Herr kais. Rat, der — wenn wir nicht irren, so gerne in jüdischer Armenpflege macht scheint den gutjüdischcn Namen nunmehr, da er kaiserlicher Rat ist, nicht mehr ertragen zu können, obgleich er als Kohn kaiserlicher Rat wurde. Brün«. Seit einigen Tagen weilt Herr Dr. GotthardDeutsch, Professor der Religionsgeschichte am Hebrew Union College in Cincin - a t i, zum Besuche seiner hiesigen Verwandten in Brünn. Dr. Deutsch steht hier noch von seinem Wirken als israelitischer Religionslehrer an den deutschen Staatsmittelschulen Brünns in bester Erinnerung. Er ist ein gebürtiger Kanitzer (zu Kanitz bei Eibenchitz am 31. Januar 1859 geboren), absolvierte ein theologisches und philosophisches Triennium in Breslau, vollendete hieraus seine Studien in Wien, wo er 1881 das philosophische Doktorat erwarb. Jin elben Jahre wurde Dr. Deutsch von der israelitischen Gemeinde in Brünn zum Religionslehrer bestellt, trat im darauffolgenden Jahr in gleicher Eigenschaft in den Staatsdienst, wo er bis 1887 verblieb, um in der Folge als Rabbiner in Brüx zu wirken, von wo er im Jahre 1891 als Professor her Religionsgeschichte an das vorerwähnte Institut in Cincinnati (Amerika) berufen wurde. Herr Dr. Deutsch hat sich durch seine literarische Tätigkeit einen Namen gemacht. Paris. Die in der vorigen Woche verstorbene Herz'oginMargaretevonGrammont war eine TochterdesBaron Mayer KarlRothch i l d in Frankfurt u. der Baronin Louise von der Londoner Linie. Ihre Schwestern waren Baronin Salomon Rothschild, Lady Rothschild, Baronin James Rothschild und die verstorbene Fürstin von Wagram. Wie diese letztere war die Herzogin von Grammont eine eifrige Katholikin. Sie hinterläßt drei Kinder, den Herzog von Guiche, der sich kürzlich mit der Gräfin Grefsulhet vermählt hat, dann einen noch unverheirateten Sohn sind eine Tochter, die an den Grafen Helle von Noailles verheiratet ist. Es ist gut, sich die. Namen zu merken, falls einer dieser Nachkommen Rothschilds als Antiscmitenprotektor einmal austreten sollte. Mailand. Aufrichiig betrauert dom ganzen italienischen Volke und seinem Fürstenhause starb hier der Patriot Reichsrat, Senator Tnllo M a s s a r i n i. 1826 als Sohn frommer Eltern in Mantua geboren, studierte er zuerst jus, wandte sich aber bald den Künsten zu. Er betrieb Musik, Malerei, Schriftstellerei, und in jedem dieser Fächer bewies er Tüchtigkeit. In seine Zeit fällt die Erhebung des italienischen Volkes aus dem Joche der österreichischen Tyrannei. Er wurde einer der glühendsten Führer der Revolution, und zusammen mit Carlo Cattaneo und Carlo Tenco verfocht er eifrig die «ache seines Vaterlandes. Athen. Der König von Griechenland verlieh dem Vorstande der hiesigen israelitischen Gemeinde Konstantinis das Offizierskreuzdes Erlöserordens. Wie an so manchem Freitag-Abend in den letzten Monaten, sagte auch jetzt Hermann zu seiner Frau: „Nanni, am Sabbat sollen die Sorgen draußen bleiben." Heute aber konnte sie sich zu keinem Lächeln zwingen. Jetzt ging ihr Bruder fort, aus dessen Hülse sie heimlich immer gehofft hatte, und nun war der letzte Anker gebrochen. Ihr Schifflein schwamm hilflos auf dem wilden Meer, den Winden und Wellen als Spielzeug überlassen, kein Steuermann, der es lenken, kein Hafen, der es ausnehmen konnte. Ter einsame ^tcrn/ der ihm noch leuchtete, war jetzt von Wolken bedeckt — Vernichtung überall. — Samstag Morgen war sie nicht im Stande, zur Synagoge zu gehen. Tie Kinder spielten mit der „Schabbesfran" in der Küche, sie saß mit gefalteten Händen im Wohnzimmer. Ter Kopf schmerzte ihr. Seit Wochen wiederholte sich der Gedanke bei ihr in unaufhörlichem, monotonen Rhythmus: „Ich . habe meinen Mann an den Bettelstab gebracht." Sie zermarterte ihr armes Gehirn mit der Frage „wie helfe ich ihm," denn daß sie ihm Helsen mußte, war bei ihr ohne jeden Zweifel. „Mühmele Blümcheii wird helfen." Sie kleidete sich an und begab sich zu ihrer Tante. Tie Haustür war verschlossen, das Ehepaar Selig war in der Synagoge. Sie ging durch das Nachbarhaus über den Hof durch die Hintertür und setzte sich in'S warme Wohnzimmer. „Ich warte. Mühmele Blümchen muß helfen. — Wenn sie aber nicht will? Sie sagt ja, sie wäre nicht dazu im Stande wegen Onkel Mordchen. — Sie kann auch nicht. — Ich aber muß Hülfe haben, — und so helfe ich mir selbst." Sie sprang auf. Ihre Wangen wurden purpurrot, ihre Augen brannten in wildem Feuer. Sie sprang an'S Pult, ein Druck und der leichte Deckel sprang auf, sie wühlte herum, ergriff ein Sparkassenbuch und stürmte fort. 2lls sie zu Hause anlangte, war ihr Mann eben aus der Synagoge zurückgekehrt. „Hermann, hier, Hülse von Onkel Mordchen," 'tammelte sie, reichte ihm das Sparkassenbuch und kürzte ohnmächtig zusammen. G Feuilleton. G Krise«. Erzählung von Jacob' Levy. (Fortsetzung). Tie Wochen vergingen. Hermann ging seinem Geschäfte nach, das von Tag zu Tag aufblühte. Es war, als ob das Schicksal ihm doppelt verlockend zeigen wollte, was es ihm doch in kurzer Zeit nehmen würde. Er bemühte sich rastlos um das Geld für die Hypotheken, konnte es aber nirgendwo aufbringcn. Simon war auch nicht im Stande, Hülfe zu leisten Herr Müller zuckte die Achseln und bedauerte mit ehrlicher Teilnahme, jetzt gar nichts tun zu können, da er znit sämtlichen verfügbaren Atitteln Simon znm Wolleneinkauf nach dem Osten schicken mußte. Zwei Monate waren mit erschreckender Schnelligkeit entschwunden — und noch keine Aussicht auf Erlangung des Kapitals! — Simon saß bei seinem Schwager und erzählte, daß er verreisen müsse und vierzehn Tage fort bliebe. Nanni, die blaß, mit geröteten Augen und eingefallenen Wangen, da saß, meinte: „Tann kannst Tu bei Deiner Rückkehr uns ausziehen helfen." „Nanni," rief Simon mit vollem Schmerz, „ich kann Euch ja nicht helfen! Ich kann aber nicht glauben, daß das Unglück eintritt, Gott wird es nicht zugeben.' „Gott gibt vieles zu," seufzte Hermann ver zweifelt. „Ich weiß nicht, ob ich vor meiner Abreise noch einmal zu Euch kommen kann, lebt wohl." Simon küßte seine Schwester und Schwager, ging an die Bettchen der schlafenden Kinder und eilte weg. Simon speiste am Sabbat und Feiertag immer bei Onkel und Tante Selig, und er begleitete sie auch heute, als sie aus der Synagoge heimgingen. Ter alte Scheuer stand an seiner Tür. „Gut Schabbes. Drinnen wartet auch Ihre Nichte auf Sie. Eine prächtige junge Frau." Im Wohnzimmer war nun Frau Weinberg nicht, aber das Pult war erbrochen und die Papiere im Zimmer herumgestreut. Tödlich erschrocken eilte Blümchen zum Pult. „Simon, das Sparkassenbuch ist fort." Leichenblaß sank sic auf einen Stuhl. „Mühmele Blümchen, beruhige Dich, ich hole es wieder," und er stürzte hinweg. Er rannte zu seinem Schwager, atemlos trat er ins Zimmer. Tort waren die Kinder allein und machten Lärm. „Mäxchen, wo ist Deine Mama?" „Mama ist krank." Da trat sein Schwager mit verstörtem Gesicht ein. „Simon, ich weiß nicht, was geschehen ist. Vorhin bringt meine Frau mir ein Sparkassenbuch und fällt im selben Augenblick ohnmächtig hin. Wir haben sie auf ihr Bett getragen und warten auf den Doktor. — Kommt er noch immer nicht?" rief er ungeduldig und lies an's Fenster. Da kam der Ersehnte. Nach kurzer Untersuchung sagte der Arzt zu de» angstvoll llmherstehenden: „Ich fürchte, es ist ein Nervenfieber im Anzug." Ueberwältigt von all' dem Unglück, schrie Hermann laut auf. „Nun, Herr Weinberg, verlieren Sie den Kopf nicht. Bei einer so blühenden jungen Frau ist ja keine Gesahr da, wenn wir auch schweren Stunden entgegensehen. Sie können die Pflege Ihrer Frau aber nicht allein übernehmen, sondern müssen eine Wärterin haben." Simon fragte unter Herzklopfen: „Herr Doktor, hat meine Schwester die Krankheit erst jetzt im Augenblick bekommen?" „2lch nein, sie ist erst jetzt zum Ausbruch gekommen, das Fieber ist schon längst da: Ihre Schwester ist schon stundenlang nicht mehr Herrin ihrer Sinne." Der Arzt verordnete noch das Nötige und dann entfernte er sich. Hermann sah ihn: mit leerem Blicke nach. Dann aber wurde die Verzweiflung in ihm übermächtig und er schrie: „Gott, womit habe ich das verdient. Meine armen Kinder!" Und der starke Mann weinte. Simon, tief ergriffen, legte ihm die Hand auf seine Schulter. „Hermann sei ein Mann, Du mußt jetzt für alles sorgen." „Ja," seufzte er, „was kann ich ohne meine Frau." „Hermann, sieh, ich muß das Sparkassenbuch wieder mitnehmen, das hat Nanni in ihrem Fieberwahn geholt. Ich bringe Dir heute Wend alles.

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