Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-08-04 · Heft 30 (4.8.1905) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 30 (4.8.1905)
Date
1905-08-04
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692439--01797-2696347
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 10 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr- 30. Wissenschaft und Religion. Von Tr. M. Asche r, Ncuchütcl. Es waren einmal zwei Schwestern, Wissenschaft und Religion. Beide wuchsen heran und es kam schließlich der Tag, da sie von der Mutter, der Wahrheit, Abschied nehmen mußten, um hinauszuziehen ins geräuschvoll bewegte Leben. „Zieht hinaus", so sagte die Mutter, „zieht hinaus unter die Völker der Natur und macht, sic glücklich! Tir, Wissenschaft, gebe ich die Fähigkeit, Erkenntnis, Erleuchtung, Bildung um dich her zu verbreiten. Tir, Religion, schenke ich die Gabe, alle Tränen zu trockne», alle Wunden zu heilen, alle Kümmernisse, Sorgen und Schmerzen schwinden zu machen. Ihr beide seid berufen, das Menschengeschlecht zu veredeln, es empfänglich zu machen für alles Gute und Schöne. Toch nur wenn ihr einig seid, werdet ihr das Ziel erreichen können- Wvhl wird die Religion ohne philosophisch-wissenschaftlichen Hintergrund eine Zeit lang auskommen können, indem die Liebe allein ihr Halt gewährt und alles Unebene ebnet. Toch bald wird wie Wachs die Leidenschaft schmelzen und der Mensch sich erinnern, daß das Hirn zum Denken geschaffen. Wohl wird die Wissenschaft allein eine zcitlang von ihren herrlichen Errungenschaften leben können, doch bald wird der Mensch sein Herz entdecken und der Wissenschaft den Rücken kehren. Also Wissenschaft und Religion, zusammen müßt ihr wirken, wenn ihr das Menschengeschlecht beglücken wollt. Hütet euch sehr vor Zwist! Ihr würdet sonst veranlassen, daß die Menschen fanatische Parteien bilden, die gegenseitig über sich hersallen und sich zerfleischen; statt edlen werden sie täglich frivoler werden» und schließlich werden sie an der innerlichen Indifferenz ihrer Ueberzeugungen zu Grunde gehen. Kein Volk hat je als durch einheitliche Ueberzeugung geblüht, von eurem Zusammenhalten also ist nichts geringeres abhängig als Sein oder Nichtsein der Zivilisation." Tie Schwestern waren kaum eine Strecke Weges mlleinander gegangen, so lagen sic sich schon in den Haaren. Jede, stolz auf die Gaben, welche die Mutter ihr mit auf den Weg gegeben, verachtete die Schwester und hielt deren Gaben für minderwertig. „Ich", so begann die Religion, „bin das Leben in Gott, bin das lebendige, im Herzen wohnende, das ganze Gemüt durchdringende Etwas; ich bin das Heilige, Unendliche, und verlange von Dir, Wissenschaft, daß Du mir dienest." „Larifari," antwortete die Wissenschaft, „höre auf mit Deinen lächerlichen Anmaßungen! Du bist weiter nichts als das höchste Maß von Unwissenheit. Tu bist das übernatürliche Kind unserer Mutter, ich aber bin das natürliche. Ich habe keinen Feind als den Nichtwisser. Mein Wert wiegt alles andere auf. Ich bin die Herrin und Du mußt meine Sklavin sein." »Merade weil ich übernatürlich bin," rief die Religion aus, „bin ich mehr als Tu." So stritten hie beiden Schwestern. In Gegenwart des Menschenvolkes schämten sie sich anfangs ihres unedlen Streites, gedachten in Liebe der mütterlichen Ermahnung und hielten äußerlich Frieden. Innerlich aber entfrenideten sie sich umso mehr und wurden einander spinnefeind. Schließlich konnten sie ihren StreU auch vor den Volksmassen nicht mehr verbergen und fielen angesichts' des Menschengeschlechts wie Furien übereinander her. .Ta ging in Erfüllung, was die Mutter ihnen dorausgesagt, und die Erde färbte sich rot von ihren Ideen. So kam viel Unheil über das Menschengeschlecht und die Wahrheit entrückte immer weiter. Wissenschaft und Religion sind nun von heftiger Sehnsucht ergriffen, ihre Mutter, die Wahrheit, wiederzusehen. Sie suchen sie nun schon so lange und haben sie noch immer nicht gefunden. Die Religion behauptet, den richtigen Weg zu wandeln; die Wissenschaft sucht erst diesen Weg und bedient sich dabei ausschließlich der natürlichen Mittel menschlicher Erkenntnis. Oh, möchten doch die Leiden Schwestern recht bald sich wieder wahrhaft lieben! Was dann dem Geiste an gereifter Erfahrung abginge, das würde das wissenschaftliche Streben ersetzen; und was dem Herzen an Kraft und Festigkeit gebräche, das würde die Religion ihm'geben. Aus ver zionistischen Bewegung« Basel» S.fsAugust, 12.30 N. Zangwill, der an die Spitze der territoriali stischen Neuorganisation getreten ist, hat an den englischen Premierminister Balsour wegen Landabtrctu n g telegraphiert. Tie Antwort soll günstig kanten. Innerhalb der Kongreß-Opposition hat sich ein Herzlklub gebildet. Tie Opposition will auch durch Schaffung einer nationalen Autonomie außerhalb Palästinas das Basler Programm durchführen und aus >cm nächsten Kongreß ihrem Programm mit alle» parlamentarischen Mitteln zum Durchbruch verhelfen. Aus der Lehrerwelt. Frankfurt a. M. Aus Preßburg geht uns der 'olgendc Aufruf zu: „Teure Glaubensgenossen! Unter den zahlreichen ung. Jeschiwaus hat immer die Preßburger öffentliche Rabbinatsschulc den ersten Rang eingenommen. Tic größten Talmudgclehrtcn verbreiteten hier seit Hunderten Jahren Tauroh und Jiroh unter der jüdischen Jugend. Tie größten jüdichen Genieinden entnahmen ihre geistigen Führer dieser Schule. Und auch heute steht diese Jeschiwoh, was Ihren inneren Wert betrisst, an der Spitze derartiger Institute. Nur in einer Beziehung ist sie z urück: Sie kann ihren Zöglingen nicht die notwendige .lnterstützung bieten. Und „Im ein kemachi ein tauroh" „wenn kein Mehl, so keine Lehre". Wenn inan mit einem überfüllten Magen nicht lernen kann, mit einem vor Hunger klappernden gewiß nicht. Und leider nur zu oft komnlt es vor, daß ein strebsanier Jüngling ich mit leerein Magen zu seinen Folianten setze» muß. Zur Abhilfe dieses bedauerlichen Uebelstandcs ist ein Unterstützungs-Verein unter dem Namen „Sc l b sthilfs-Verein der Zöglinge der Preßburger öffentlichen Rabbinats-Schulc" gegründet worden. Wir bitten Sic, teuere Glaubeiisgenossen, sich dem Vereine anzuschließen, dessen Notwendigkeit klar ist. Jeder, dem das Schicksal des einzig wahren Judentums (jüdischen Lebens) am Herzen liegt, komme unter uns und trage sein Scherflein bei.' Tie Mitglieds-Taxe für unterstützende Mitglieder beträgt JL 4 (toter Mark) jährlich; für gründende Mftglieder einmalige Einzahlung von 42 zweiundvierzig Mark). Wir erwarten von den Juden Deutschlands, welche immer ein besonderes Interesse an der Preßburger Nabbinats-Schule für sich beanspruchten, auch diesmal besondere Beteiligung air dem Restauricrungswerke, das ein Häuslein von arbeitslustigen, zielbewußten ungcn Leuten begonnen. Auf Verlangen sendet der Vorstand Statutenexemplare. Mit vorzüglicher Hochachtung zeichnen ergebenst ür den „Selbsthilfs-Verein" Salomon Friedenthal m. P. Hörer der Preßburger Rabbinats-Schule I. Präses. Preßburg, Schloßgrundstr. 18. Moses Müller m. p. Hörer der Preßburger Rabbinats-Schule II. Präses. Preßburg, Schloßstraße 4!r. 80. Darmstavt. Das Regierungsblatt veröffentlicht am 31. Juli folgende bedeutsame Tienstesnachricht: „Dem israelitischen Religivnslehrer Kallmann Oppenheimer in Bensheim wurden die Rechte eines definitiv angestellten Volksschullehrers erteilt." Mit aufrichtiger Freude wird die israel. Lehrerschaft im Großherzogtum Hessen diese Mitteilung begrüßen. Bedeutet dieselbe doch den ersten Schritt der regierungsseitig schon lange in Aussicht gestellten Regelung der Religionslehrerverhältnisse. Die erste Bresche in die „chinesische Mauer" einer ckieftraurigen- Lage rückständigster Art ist mit Gottes Hilfe gebrochen! Vivat sequoas! Wir werden demnächst auf manche Begleiterscheinungen der geplanten Regelung näher zurückkommen. Letzte Nachrichten. Brüssel, de» 2. August. Prof. LeoErrera, der bedeutendste Botaniker Belgiens, ist heute im Alter von 47 Jahren einem Schlagansall erlegen. Mit ihm verliert die botanische Wissenschaft einen ihrer Hauptgelehrten. Für unsere unterdrückten Brüder in Rußland ist er öfters in Wort und Schrift energisch eingetretcn. Die hiesige Presse widmet ihm einen warmen Nachruf. _ Bunte Chronik. Die Inden in Bombay. Ueber die Juden, in Bombay teilt ein Korrespondent der Londoner „Setotflj Chronicle" nachstehende, noch sehr wenig bekannte Einzelheiten mit. Demnach gibt es in Bombay 3 Arten von Juden, welche durch Ursprung, Aussehen, Sitten und Gewohnheiten sich streng von einander unterscheiden. Am interessantesten siitd die schwarzen Beni Israel, die zur Zeit in einer Anzahl von einigen Hunderten Familien in Cochin wohnen und von denen 25 gegenwärtig als Köche in Boinbay beschäftigt sind. Die zweite Kategorie von Juden bilden die weißen Beni Israel, die fast sämtlich in Bombay wohnen, wo sie eigene Synagogen besitzen. Ihre Vorfahren waren schiffbrüchige Juden, welche nach ihrer Landung sich einheimische Frauen nahmen. Ursprünglich widmeten sie sich in so großer Anzahl dem Militärdienst, daß sie ehemals bei der Ostindischen Kompagnie eigene Regimenter bildeten und in den früheren Kriegen Mit den Eingeborenen eine hervorragende Rolle spielten. Nach erfolgter Verstaatlichung der Gesellschaft und der hiermit verbundenen Reorganisation der Militär- und Zioilverwaltungen in Indien wurden diese Regiotenter aufgelöst und die einzelnen jüdischen Soldaten über die ganze Armee verteilt. Dieses hat im Verein mtt der Tatsache, daß die Offiziersstellen in Indien fast ausschließlich an Engländer vergeben werden und die Juden sehr geringe Chancen zur Beförderung haben, bewirkt, daß die Beni Israel nach und nach die Militär-Karriöre gänzlich aitfgegeben haben und zum Handwerk und Handel übergegangen sind. Obwohl sie sich im Lause der Jahrhunderte. den Sitten und Gewohnheiten der Eingeborenen völlig angepaßt haben, halten sie sich von diesen streng abgesondert. Der Grund für diese Erscheinung ist nebst ihrer Religion auch die Tatsache, daß sie stark die Schulen frequentieren und der überwiegenden einheimischen Bevölkerung geistig sehr überlegen sind. Außer diesen alt eingesessenen Inden, welche mehr oder weniger heidnisches Blut in ihren Adern haben, leben noch in Bombay 500 Fantilien rein jüdischen Ursprunges. Dieselben treiben meist Handel, und zählen viele reiche Leute in ihrer Mitte. Sie' sind fast olle sephardischen Ursprungs und meist über Bagdad in Indien eingewandert. Der Korresp. weiß auch Einiges über die Afghanen mitzutcilen, die von vielen für jüdische Wkömmlinge angesehen werden. Sie selber wollen Nachkommen der 10 Stänrme sein, und nennen sich mit Stolz Jehudim. Bekanntlich behauptet die afghanische Aristokratie, von einem Enkel des Königs Saul, namens Afghan, abznstammen. Vielleicht haben sich diese Aristokraten nur des jüdischen Ursprungs angemaßt, uin sich über die Massen erhcbeir zu können. Wohl zeigen die Afghaner den spezifisch jüdischen Typus. Da aber auch die Perser starke semitische Beimengungen haben, so werden sie wohl eher persischen als jüdischen Ursprungs sein. Es muß jedoch hervorgehvben werden, daß englische Offiziere, darunter auch Männer wie Sir G. H. Rose und Sir ' Alexander Burnes, welche Jahre lang in Afghanistan gelebt haben, an dem jüdischen Ursprung der Afghaner festhalten. Die palä st inen fischen Kolonien des Vereins „E s r a". „B'ne Jehuda", inr Viläjet Tamaskus, Kreis Kunßtra, östlich des Tiberias-Sees, in der Nähe von Samra, einer Station der im Bau begriffenen Eisenbahn Haifa-Damascus belegen, hat überaus fruchtbaren Boden. Ueppige Wiesen, deren Blumen und Kräuter dem Reiter bis an den Gürtel reichen, bekunden, daß auch die Viehzucht in jener Gegend mit großem Erfolg betrieben werden könnte. Leider sind die Kolonisten noch lange nicht in der Lage, diese günstigen Verhältnisse im vollen Maße auszunützen. Zunächst deshalb, weil sie mit den Arabern, welche noch vier Neuntel des 455 Hektar umfassenden Dorfes besitzen, in Dorsgemeinschaft leben, was zur Folge hat, daß die Felder der Kolonie alle zwei Jahre 'ihren Besitzer wechseln. Unter solchen Uinständen ist an eine Melioration des Bodens, geschweige denn an Banmpflanzungen nicht zu denken. Tie Araber würden, wenn sie durch das Los zu Besitzern dieser Bäuine werden, dieselben einfach fällen und als Brennmaterial verkaufen. Vor allem müßten die Inden alleinige Eigentümer ihres Landes werden. Dazu ist erforderlich, daß derselbe unter die einzelnen Besitzer verteilt wird, was in der Türkei mit vielen Kosten und großen Schwierigkeiten verknüpft ist, oder aber, daß anderweitig Land angekauft und den Arabern zum Tausch gegen ihren bisherigen Besitz angeboten wird. Ter Vertreter des „Esra" in Palästina ist gegenwärtig bemüht, diese letzte Möglichkeit zu verwirklichen. Eine 'fernere Schwierigkeit bei der endgültigen Installierung der Kolonie bildete die seit zwei Jahren in jener Gegend herrschende Rinderpest, sie war der Grund, weshalb die Kolonisten bisher noch nicht mit dem erforderlichen Viehmaterial versehen wurden. Endlich bereiten die Besitzverhältnisse der Kolonisten selbst ernste Schwierigkeiten. Von den 18 Familien, welche den Boden i. I. 1888 erworben Haben, wohnen gegenwärtig noch 9 und ein Schochet in B'ne Jehuda, die andern zur Zeit noch in Safed. Von diesen letzteren sind aber nur 3 Familien landwirtschaftlicher Betätigung geeignet, während die übrigen Miteigentümer der Kokonke durch bare Entschädigung zum Verzicht auf ihr Besitzrecht bewogen werden müssen. Die Ansiedler von B'ne Jehuda sind fleißige, bescheidene Leute. Als geborene Palästinenser sprechen sie vortrefflich Arabisch, und stehen mit den nicht jüdischen Nachbarn, sowie mit den Behörden auf sehr gutem Fuße. Ihre große Anspruchslosigkeit wird es wahrscheinlich ermöglichen, mit verhältnismäßig geringen Mitteln eine ca. 455 Hektar umfassende jüdische Kolonie zu etablieren. Tiefe Ausgabe hat sich der Verein „Esra" gestellt, und wir hoffen zuversichtlich, daß es ihm gelingen wird, dieselbe zu lösen. Das Dorf Jehud! el Jehud, bereits i. I. 1882 von den ersten Ansiedlern der Kolonie Pethach Tikwah begründet und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.