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Neue jüdische Presse · 1905-08-04 · Heft 30 (4.8.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 30 (4.8.1905)
Date
1905-08-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Beilage zu Nr. 30 des Frankfurter Israelitischen Famüiendlattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Der VII. Zionisten-Kongreß- — Die Schlußsitzung des VII. Zionistcn-Kongresies. — Wijsenschaft und Religion. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt — Letzte Nachrichten — Bunre Chronik. — „Schule und Haus". — „Jüdische Jugend". Der VH. Zionisten-Kongreß. (Fortsetzung aus dem Hauptblatt). Israel Zangwill: Ae sind alle mit festen Entschlüssen hierher gekommen, und ich werde deshalb nur das sagen, was der Ernst des Gegenstandes erfordert. In unserer Antwort aus das Angebot der britischen Regierung müssen wir „ja" oder;,nein" antworten. Das; wir unser „Ja" bedingungslos sagen, ist unmöglich. Wenn wir aber „nein" sagen, dann sind wir in Gefahr, der jüdischen Freiheit und dem Ashlrecht in England ins Gesicht zu schlagen. Diejenigen, die jetzt versuchen, die jüdische Einwanderung von England auszuschließen, werden sagen, die Juden hätten ein großes und fruchtbares Territorium angeboten erhalten. Wir sind mehr als ein Parlament von Zionisten, wir sind ein Parlament der Juden aus.23 Staaten der Welt; wir haben Pflichten nicht allein den Zionisten gegenüber, sondern gegenüber ganz Israel, und wir müssen die Juden auch gegen ihren eigenen Willen retten, ob sie de» Schekel bezahlt haben oder nicht. Es gibt Millionen und Millionen Juden, die niemals Schekel be$a!)lt (fabelt. Ich meine unsere Kindeskinder, diese Millionen von Kindeskindern, für die wir Palästina einmal erlangen mezöen. Wenn wjr nicht unsere wandernden Massen gefährden und nicht einfach den Antisemiten Waffen in die Hände geben wollen, so müssen wir der ganzen Welt klar machen, daß das angcbotene Territorium nicht das ist, das die englische "Regierung uns ursprünglich zugedacht hat, nicht das „große und reiche Territorium", von dem Air. Balsour kürzlich im Parlament gesprochen hat. Ter Kongreß möge deshalb beschließen, das hochherzige Anerbieten der Regierung seiner britischen Majestät, dem jüdischen Volke ein große- und fruchtbares Gebiet zur Ansiedelung mit Selbstverwaltungsrechten unter britischer Hoheit einzuräumen, mit der Erwartung dankbar anzunehmen, daß das zunächst ins Auge gefaßte Guas Ngishu Plateau durch - andere Gebietsteile erweitert oder ersetzt werden soll. Was Palästina betrifft, so ist die Arbeit in Palästina der Diplomatie entgegengesetzt und die Diplomatie ist der Arbeit in Palästina entgegengesetzt. Diesem Dilemma stand auch unser armer Herzl gegenüber; entweder mußte er die Arbeit in Palästina aufgeben oder die Tivlomatie. anfgeben und aus seinem politischen Instinkt heraus entschloß er sich, die Tätigkeit in Palästina aufzugeben, denn der Zionismus ist da, Bedingungen und nicht Dinge zu schassen. Ich stimme mit Herzl überein in der Ansicht, daß ein ostafrikanisches 'Territorium als ein Mittel, um nach Palästina zu kommen, annehmbar ist Das Basler Programm verlangt die Stärkung des jüdischen Volksbewußtseins. Kann man sich etwas denken, was besser diesenr Zwecke dient, als wenn eine jüdische Flagge über jüdischem Lande weht? Das wird Antizionisten und Nichtzionisten in Halbzionisten verwandeln, und Halbzionisten werden bald ganze Zionisten werden. — Auch bedeutet das ostasrikanische Territorium die Rettung von Zehntausenden, vielleicht Hunderttausende» von wandernden Juden, da sie so als eine organisierte jüdische Körperschaft auf eigenem Grund und Boden erhalten werden. Diese Auswanderung ist eine konkrete Tatsache, jährlich verlassen Hunderttausend das russische Reich. Warum sollen sie zerstreut und von fremden Zivilisationen verschlungen werden, welche ihr ganzes geistiges Wesen aus dem Geleise bringen? — Auch wird man von einem jüdischen Staate aus besser im Stande sein, für den Zionismus zu arbeiten — und schließlich — und das ist der einfachste und kürzeste Grund. — wurde uns Uganda angeboten und wird uns Palästina verweigert. Ich bitte Sie, daran zu denken, ehe sie diese günstige Gelegenheit ablehnen, daß es die beste Gelegenheit ist, die das jüdische Volk seit 1800 Jahren gehabt hat.. Bedenken Sie auch, daß viele unserer besten Zionisten haben zu Hause bleiben müssen, um ihre Familien gegen Angriffe zu schützen, weil sie Pogrome fürchten. Wir müssen vor den jüdischen Massen der Verantwortlichkeit enthoben sein, damit wir nicht auf unser Haupt die Blutschuld laden. Lehnen Sie aber dieses Angebot doch ab, so bitte ich Sie, das Basler- Programm und ebenso die Statuten dev jüdischen Kolonialbank ungeändert zu lassen, damit wir mit Ihnen zusammen arbeiten können, damit wir uns loyal der Majorität fügen können. In einer geeigneteren Zeit werden hoffentlich unsere Ideen durchdringcn und den Kongreß beherrsche». Sir Francis Montefiorc äußert seine Opposition gegen die Ausführungen Zangwill's. Es müsse nicht nur die Vernunft, sondern auch das Gefühl mitreden und es müsse deshalb auch Liebe für das zu kolonisierende Land da sein. Die Liebe des jüdischen Volkes war stets dem Lande der Väter zugewendet. Ta sich 120 Redner zu Worte gemeldet haben, so wird, nach sehr lebhafter, überaus stürmischer Diskussion der Antrag des Präsidenten auf Generalredner angenommen. (Schluß folgt.) Die Schlußsitzung des VII. Zionisten- Kongresses. Ta Dr. 'Mar Nordau bereits Dienstag Abend abreisen mußte, so eröffnet Tr. A. M a r m o r e k die Sitzung um 1 Uhr nachmittags. Man schreitet zu den Wahlen in das Aktionskomitee. Vorgeschlagen wurden vom PermanenzauSschuß für das engere Aktionskomitee die Herren Wolfssohn, Kann (Haag), Kohan-Bernstein (Charkow),Tr. Alexa.nder latmotel, Ing. Ussischkin, Greenberg, Prof. W a r b u r g. Vizepräsident Dr. M a r m o r e k schlägt hierauf vor, die Mitglieder des bisherigen engeren AktionS-- komitees Oskar M a r m o r e k, D r. L. Kahn, D r. K o k e s ch und K r e in e n e z k y in das Große Aktionskomitee zu wählen und diesen treuen Mitarbeitern Tr. Herzls den tiefgefühlten Dank der Versammlung auszusprechen. (Lebhaftes Händeklatschen.) Es wurden hierauf in das Große Aktionskomitee nach Landsmannschaften gewählt aus: O e st e r r e i ch: Tr. Schnirer, Prof. Dr. Weliminski, Dr. Goldwasser, Tr. Stand, Dr. KorkiS. Ungarn: S. Bettelheim. Deutschland: Rechtsanwalt Tr. Bodenheim er, Dr. Friedemann, Rechtsanwalt Dr. Arthur Hantle, Berthold F e i - wel. Italien: Dr. Felice Ravenna. Schweiz: Dr. Wormser (Basel). Belgien: Heinrich G r ü nau. Serbien: Dr. Alcalay. Bulgarien: Dr. Rimalowsky. Rumänien: S. Pineles, Tr. Moskowicz, Heinrich Rosen bäum. Vereinigte Staaten: Dr. Harry Friedenwald, Lewin-Epstein, Zolotkof, Chrus Sulzb e r g e r, Dr. I. L. M a g n e s. C a n a d a: Clarence de Sola. Argentinien: Krenowicz. Süd- Afrika: Goldreich, Ingenieur Keßler. Australien: Becht. Rußland: Dr. Tschlenow, Ingenieur Temkin, Scheinkin, Schmarje Le- Win, Tr.' SaPir, Rechtsanwalt Rosenbaum (Minsk), Dr. V. Jakobsohn, Slatopolski, Rabinowicz (Rostow), Leo Ko Han, Bezalel Jaffe, Jdelsohn (Petersburg), Ingenieur Bruck, Rabbiner Rabinowicz, Jsaac Goldberg, N. Sokolow. England: Josef Cowen, Sir Francis Montefiore, Dreyfus, Moser (Bradford), Dr. Ch. Weizmann. Der Wahl der englischen Mitglieder gehen lärmende Szenen voran. Englische Delegierte protestieren dagegen, daß der PermanenzauSschuß die Vorschläge der englischen Landsmannschaft nicht in verdienter Weise berücksichtigt habe, indem statt 5 nur 4 Mitglieder gewählt wurden. Zangwill besteigt die Tribüne, um seinen Standpunkt klarzulegen: in den Reihen der Palästinenser erhebt sich ein großer Tumult. Ein neuer Lärm entsteht, als Tr. Gaster die Tribüne betritt, um den Kongreß vor allzu einseitigem Vorgehen zu warnen. Rach längerer, sehr bewegter Diskussion beantragt Dr. A. Hantle Schluß der Debatte, um die unerquickliche Szcue zu vermeiden. Es werden schließlich zu Aktions-Komiteemitglieder» für England geivählt die Herren Josef Cowen, Sir Fr. Montefiorc, Dreyfus, Moser, Dr. Weizinan». Hierauf werden noch der Legitimationsausschutz, das Kongreßgericht, der Kongreßanwalt (Tr. Bodenheimer), die Revisoren usw. gewählt. Als Palast i n a k o m m i f f i o n werden gewählt die Herren Prof. Tr. Marburg, Tr. S. S o s k i n , Tr. F. Oppenheimer in Berlin. Tie übrigen Ausschüsse werden ebenfalls nach den Vorschlägen desf Permanenz- Ausschusses gewählt. Tic wichtigeren Vorschläge des Organisationsausschusses sind mit der Wahl der betr. Mitglieder bereits angenommen. Einige weitere bereits mitgeteilte Vorschläge betr. der Jahreskonferenz und Zulassung zu den Sitzungen des Aktions-Komitees werden dem Aktions-Komitee zur weiteren Beschlußfassung übergeben Schließlich überreicht Herr F r o m e n s o u hie Flagge, die unter den verschiedenen, aus der Weltausstellung in St. Louis angebrachten Nationalsahnen die zionistische Bewegung repräsentierte. (Stürmischer Beifall). Nachdem noch Herr T r. Adler dem Präsidium gedankt hatte für die Geschäftsführung, beschloß Präsident W o l f f s o h n den Kongreß mit. der folgenden Schlußrede: „Wenn wir zu dem hinausschauen, der diese Tribüne unseres Volkes geschaffen hat, so kann keiner von nn-s wagen, sich mit solcher Größe zu messen. Wir bringen nur den guten, festen Willen unserer Sache, unserem Volke entgegen. Ich habe nunmehr allen zu danken, die uns geholfen haben, vor allem auch der Stadt Bafel für ihre Gastfreundschaft, der Synagogcngemeinde, dem Vorstand, den Beamten, den Komitees und auch allen, die zu der würdigen Trauerfeier unseres hochverehrten Führers Herzl beigctragen haben. Tie alle haben bewiesen, daß wir ein warmes Herz für unsere heilige. Sache haben. "Aber auch Jenen, die nicht unseres Volkes sind, und die hierher kamen, uns ihre Sympathie und ihr Interesse zu bezeigen, auch ihnen danke ich in unser aller Namen. Ein schwieriger und folgenschwerer Kongreß liegt hinter uns. Mit manchem unserer Beschlüsse haben wir schwere Verantwortlichkeit vor unserem Volke auf uns geladen. Ich glaube aber, mich keinem übertriebenen Optimismus hinzugeben, wenn ich hier ansjvreche, daß die Krise im Zionismus nunmehr überwunden ist. Wir haben das Basler Programm von Neuem begründet, wir haben es als nicht zu überschreitenden Rahmen der vraktijchen Palästina-Arbeit ausgestellt und haben dadurch unsere Organisation gekräftigt. Ich habe die Hossnung, daß wir nunmehr mit srischen Kräften und neuer Zuversicht an der einzig möglichen Lösung der Judenfrage weiter arbeiten werden. Der Kongreß hat Austrittegesehen, von denen ich gerne meine Augen wenden möchte. Wir wollen Hoffendaß diese Szenen sich nie mehr wieder ereignen werden. Wir wollen Frieden halten mit den serne und nahe Stehenden; sind wir doch Kinder eines Volkes uni» tragen wir doch gemeinsames Leid. Nur wenn wir einig sind, werden wir siegen. Jeder, der sich uns in ehrlicher Absicht nähert und das Basler Programm anerkennt, gehört zu uns. Auf dem letzten Kongreß hat Herzl geschworen: „Wenn ich Tein vergesse, Jerusalem, verdorre meine Rechte!" Wir wiederholen hier diesen Schwur (die Versammlung erhebt die Hand): Wir wollen nie Zions und auch nie Herzls vergessen! Mit dem Mahnruf, die Arbeit von Neuem zn beginnen, schließe ich den Kongreß." Der gesamte Kongreß, der die Rede stehend angehört hatte, stimmt hierauf in die jüdische Nationalhymne ein, und nur allmählich leert sich der Saal.

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