Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 29 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692409-2692438--01779-2696327- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Veite 4. ker Jüngling geworben, mit blitzenden Augen und sproßendem Schnurrbart. Die Kinder liefen mit einem Freudenschrei auf den Onlel zu und dieser, obgleich er jetzt Buchhalter und die rechte Hand von Herrn Müller war, nahm sie alle drei auf den Schoß, .und jetzt entstand ein Lärm, daß man kaum sein eigenes Wort verstehen konnte. „Er ist noch, das alte Kind," sagte Onkel Mordchen und sah ihn dabei mit befriedigtem Lächeln an. »/Jetzt lauft, Kinder," und er hob sie vom Schoß. »^Regina, gehe mit den Kleinen ans die Straße," befahl Frau Nanni dem Mädchen. Die Dante fügte hinzu: „Zum Kaffee werdet Ihr gerufeiy, es gibt viel Kuchen." „Es sind Verändermlgen bei Euch vorgckommen," begann Onkel Mordchen. ,Mir wollen mit Euch darüber reden, lieber Onkel." „Wer heute nicht. Es ist Fontes und da will ich nichts von Geschjäfteu hören." „Gut, dann kommen wir nach Roschhaschonoh. Wir wünschen Euren Rat." Die Tante warf einen bekümmerten Blick auf ihre Nichte. „Dann muß es schlimm mit Euch stehen," murmelte sie. Simon, der aufmerksam zugehört und seine Schwester scharf beobachtet hatte, sagte: „Der Beratung möchte ich beiwohnen." „Gewiß Simon," rief Mordchen eifrig. „Du bist Kaufmann, Du sollst dabei sein." Nanni aber meinte verdrießlich: ,Ma»nst Du denn gut abkommeu?" ^Jawohl, Schwester, abends haben wir alle Zeit." Es wurde die Konferenz auf einen der nächsten Wende verabredet, und nun trat der gediegene Feicrtagskaffee in seine Rechte, wobei die verschiedenen Kuchen, von unzähligen Tassen Kaffee begleitet, Auerkennung fanden. Die Lampe warf ihr warmes Licht auf den Tisch, beleuchtete das harte Sopha, ans dem Onkel Mordchen neben Tante Blümchen saß. Es war ein kühler Herbstabend. Die Tante hatte ein gemütliches Fcuerchen gemacht. Das Holz knisterte, der rote Schein züngelte lustig aus der Ofentür, er huschte aus dem Boden, bald „hier, bald da. Der Wasserkessel summte leise. Das ganze bot ein Bild anheimelnder Häuslichkeit und Friedens, zu dem die sorgenvollen Gesichter der alten Leutchen einen betrüblichen Kontrast bildeten. Der Klöppel an der Haustür ertönte, Weinberg und seine Frau traten ein. Die üblichen Redensarten über die kühle Witterung wurden gewechselt, die Tante versicherte, daß eine heiße Tasse Tee ihnen wohl tun würde. Da erschien Simon. Er hatte kaum Platz genommen, da begann er: „Nanni, Du wünschest den Rat von Onkel und Tante. Willst Du nicht erzählen?" Die junge Frau schluckte einigemal, dann begann sie mit verzweifeltem Mut: „Onkel, Mühmele Blümchen, wir sind ruiniert." Die alten Leute .nickten still mit dem Kopfe, Simon sagte: „Ich weiß es schon lange." Hermann wollte sprechen, Siamii aber unterbrach ihn: „Nein, Hermann, lasse mich reden, ich trage die größte Schuld." Und nun berichtete sie. Ihr früherer Teilhaber Nußbaum, der sie mit höllischer Schlauheit umgarnte, habe ihren Rückgang verursacht; den eigentlichen Grund aber, die Triebkraft, nahm sie ehrlich auf sich; sic wollle Hermann treiben, rasch reich zu werden, es sei aber nicht geglückt und jetzt seien Schulden und Sorgen da, die sie früher nie gekannt hätten. Und die junge Frau weinte bitterlich. Hermann, der ganz gerührt über die Demut seiner Frau war, versicherte, sie hätte keine Schuld, er aber habe von allem zu wenig verstanden. Simon sagte hart zu seiner Schwester: „Das ist alles nichts Neues, was Du erzählst. Das weiß ganz Laucha, und ich habe Euch schon jahrelang gewarnt. Und was können denn jetzt Onkel und Tante raten?" Sie stotterte: „Ich dachte, Onkel könnte uns einige Tausend Taler gegen gute Zinsen leihen, damü wir andere Zinsen decken und Vieh einkaufen können." Die alten Leute blickten erschreckt auf. Simon erhob sich und rief: „Ich gebe das unter keinen Umständen zu. Der Onkel soll nicht durch Dich sein Vermögen verlieren, er hat Dir schon genug Opfer gebracht." „Wir geben Onkel Hypotheken." „Eure Hypotheken sind nichts wert. Verlaust Euer Haus, bevor es Euch verkauft wird, macht, ein Ende mit Allem und beginnt wieder von Neuem. Ich will Euch gerne meine Ersparnisse, einige Hundert Taler, geben, auch, von meinem Gehalt Herrn Müller regelmäßig die Zinsen bezahlen, aber laßt die alten Leute unbehelligt." Hermann sagte mit Entschiedenheit: „Simon, ich muß Dir vollkommen beipflichten. Wir dürfen unsere Verbindlichkeiten nicht vergrößern, da ich den alten nicht gerecht zu werden weiß. Ich nehme Dein verwandtschaftlichesLlnerbietcn für meine Frau und Kinder gerne an, morgen ziehe ich. de» Frankfurter Israelitischer Familienblatt. blauen Kittel an und gehe zuin Vieheinkauf. Ich komme auch, wieder in die Höhe, aber Du darfst meiner Frau keine Vorwürfe machen, sie hat es gut gemeint." Nanni's Auge wurde feucht. „Du braver Mann! Mühmele Blümchen, womit kann ich wohl meinem Manne helfen?" Die alte Frau antwortete. bedächtig: „Verkauft Eure teuren Möbel, schränkt Eure Wohnung ein, besorge selbst Dein Vieh, überlege zehnmal, bevor Du einen Pfennig ausgibst, bann >vird Segen auf Deiner Hand ruhen und sich Eure Habe mehren." „Ja," rief Onkel Mordchen mit Energie, „und wenn Dir wirklich einmal hundert Taler für ein Stück Vieh fehle», so sind wir auch, noch da, cs hat mir Simon nichts drein zu reden." . 8. Kapitel. Es kamen schwere Tage für die Familie Weinberg. Sie verkauften ihr schönes, neues Hans, der Erlös überstieg die Hypothekenschulden nur um ein Geringes. Nun bezogen sie das alte Häuschen, das Hermann von seiner Mutter geerbt hatte. In dem kleinen Haus war er geboren, darin wohnte er mit seiner Mutter bis zu seiner Verheiratung und - war glücklich, daß er es wieder beziehen konnte. Er behauptete: „In dem Häuschen haben wir Glück." Aus den teuren Möbeln und Teppichen lösten sie noch einen schönen Betrag, so daß sie mit Leichtigkeit im Stande waren, die Zinsen für das erste Jahr zu decken. Der jungen Frau war keine Stunde zu früh und keine zu spät, sie arbeitete rastlos und war fleißig in Haus, Hof und Stall. Hermann aber konnte trotz aller Anstrengung so recht im Geschäft nicht weiter kommen. Er war den Bauern entsrcmdet und hatte einen böswilligen Konkurrenten, der ihm nach Kräften überall zu schaden suchte. Nußbaum hatte sich auch als Viehhändler niedergelassen und besuchte mit stets gefüllter Geldkatze die Lanblcutc. Mit halben Worten, Andeutungen über die Zahlungsunfähigkeit wußte er, das Mißtrauen der Leute gegen Hermann zu erregen, und wo dieser im Handel war, verdarb er ihm das Geschäft durch höhere Anerbietungen. Hermann kam bisweilen verzwcislungsvoll nach Hanse. „Es ist kein Geschäft zu machen, Nußbauin kauft niir alles fort. Die Bauern wollen nichts mehr von mir wissen." Onkel Mordchen und Mühmele Blümchen trösteten immer. „Das wird aushören. Tie Bauer» werden mit Dir gerade so gern Geschäfte machen, wie früher. Nußbaum aber wird die Strafe ereilen, vielleicht früher als wir denken." Herr Müller und Simon taten auch das Ihrige, um die Bauern, die in's Geschäft kamen, aufzu» klären. „Seid doch froh, wenn Weinberg zu Euch kommmt, Ihr kennt ihn doch, von früher her als reell." „Ja, aber der Nußbaum sagt doch, er hätte kein Geld zum Einkauf und könne auch kein Vieh verborgen." „Nußbauin lügt Euch das vor. Weinberg bleibt Euch kein Stück Vieh schuldig und kam: andererseits Euch lange Kredit gebe», das muß ich, Müller, doch am besten wissen." Samstag Abends gingen die Viehhändler vielfach in's Wirtshaus, um Klabbrijas und Fianzesuß zu spielen. Weinberg hatte dies aufgegeben, eines Mends jedoch veranlaßt« ihn sein Schwager, mit ihm hinzugehen. Als sie hinkamcn, war bereits ein lärnicnder Betrieb, Nußbanm saß am runden Tisch und führte das große Wort. (Fortsetzung folgt.) Telegramm. Basel, 27. Juli. (Eröf fnung des VII. Zionist e n - K o n g r e ß.) Der Saal und die Galerie sind überfüllt wie nie vorher; Hunderte umlagern draußen das Gebäude. Die Tribüne und Herzl's Bild sind schwarz umflort. Mit ehrfurchtsvoller Stille empfangen, erscheint um 10 Uhr das Mtionskomitee auf der Tribüne. Nordaus Trauerrede zeichnet Herzl's Persönlichkeit in seiner ungewöhnlichen Größe als Mensch, Jude und Sohn seines Volkes. Redner macht den Oppositionellen im zionistischen Lager Vorwürfe und betont Herzl's Glauben an die Kraft und den Idealismus des jüdischen Volkes. Viel Schuld an Herzl's Tod habe die Gleichgültigkeit und die Illoyalität vieler jüdischen Schichten. Nach dieser Rede wird zu Ehren des großen Toten die Sitzung aufgehoben. Um 12 Uhr fand Haskoroh und Hesped in der Synagoge statt. Rabbiner Nicmerower hält Hesped und Rabbiner Reines sagt unter allgemeinem Schluchzen Kadisch. Reisevrief aus dem Harz. 24. Juli. Fürchten Sic nicht, geehrter Herr Redakteur, daß ich Ihre Leser mit landschaftlichen Schilderungen Nr. 29. langweilen will. Die Schönheiten des Harzes sind schon so oft beschrieben und gerühmt worden, die Rcisebücher enthalten so viel Gutes und Treffendes, daß man,' wollte man landschaftliche Bilder entwerft», nur Oft-Geschriebenes und -Gesagtes wiederholen würde. — Ich möchte, wenn ich mit meinen Mitteilungen an ein auf traditionellem Boden stehendes jüdisches Blatt mich wende, spezifisch jüdische Gesichtspunkte, ivelchc den gesetzestreuen Juden besonders bei der Wahl feinet Sommerfrische interessiere», hervorhebe». Denn dieser hat, wenn er seine Sommerreise antritt, außer beit allgemeinen noch besondere Sorgen, um die richtige Wahl zu treffen. Der Nichtjude oder der Jude, der sich über rituelle Verpflegung keine oder wenig Sorge macht, findet in jeder lieblichen Gegend gute Pflege, er hat nicht lange zu suchen — der streng fromme Jude hat weniger Auswahl; umso erfreulicher ist es für ihn, wen» ihm in einem herrlichen Erholnngsplatze Verpflegung geboten wird, die er sich ohne Gewissensskrupcl gestatten darf. Wer hätte noch nicht von dem herrlichen Harze gehört mit seine», wildromantischen Bodetal, der Roßtrappe und dem Hexentanzplatz! Wer ein idyllisches Leben, ein ruhevolles Leben sucht, hier findet er es, und auch dem streng frommen Judemist dieser herrliche Fleck Erde nicht mehr verschlossen. Eine Restauration, die de» strengreligiöse» Ansprüchen genügt, ist hier /von Herrn Rosenthal etabliert und bietet reichliches l'-titb schmackhaftes Essen ihren Gästen. Dem glanzvolleren Harzburg entspricht das großartige Hotel „Parkhaus", das von einem unisichtigen Wirte geleitet und unter gewissenhafter Aussicht geführt wird. Hier wird den Ansprüchen an äußere Eleganz und innere Gediegenheit genügt. Neben der reichlichen Berpflegnng, die in der Hochsaison, wie jetzt, täglich an 250 Gäste (oft noch mehr) zu befriedigen hat, entwickelt sich hier ein schönes, behagliches, jüdisches Leben. Eine vom Wirte eigens errichtete Synagoge gibt Gelegenheit zu einem Gottesdienste, der, wenigstens jetzt, täglich abgehalten wird. Eine besondere Freude gewährt es dem jüdischen Gemüte, wenn man am Freitag Abend den glänzend erleuchteten Speisesaal betritt, wo an drei langen, vollbesetzten Taseln die Sabbat-Gesellschaft das Mahl einnimmt und zum Schluß das Schir-hamalaus-Lied, von ungefähr 150 Personen gesungen, erschalltdem sich alsdann das allgemeine Tischgebet anreiht. Solche Reiseerfahrungeil erfreuen eine», obwohl sich bei diesen Beobachtungen auch der trübe Gedanke einschleicht: wie aiiders könnte es noch sein, wenn alle Juden, die an einem solchen Platze weilen, sich ihres Judentums beivußt wären und nicht das nichtjüdische Restaurant, wo sic doch nur geduldet sind, aufsuchtcn, zumal ihnen dort nichts Besseres als hier geboten wird. Allein wir wollen nicht auf die Schattenseite, wir wollen aus das Erfreuliche blicken, daß doch. Gottlob, noch eine stattliche Anzahl unserer Brüder und Schwestern die Stätte anssuchen, wohin sie ihre Religion weist. Es gibt doch noch viele, und bas ist tröstlich, die zu dein Koscher greifen, wenn es ihnen geboten wird. Dies aber ist auch ein Wink für die jüdischen Wirte: mögen sie mit den nichtjüdischen wetteifern in, Darbieten des Guten und der Ausrede, bei dem jüdischen Wirte könne inan es nicht so gut haben wie bei dem nichtjüdischen, de» Weg verschließen, es würde sicherlich eine große Anzahl von denen, die jetzt dem jüdischen Restaurant fernbleiben, sich ihm zuwcnden. Ei» Sommerfrischler. Bücherschau. Der Zionismusim Gei st e des.Judentums. Von Elias Friedman». Wg-Ujhely (Ungarn) 1905. Selbstverlag des Verfassers. Preis 1 «TO Eine Erörterung über den Zionismus im Geiste des Judentums, d. i. des traditionellen, von reformistischen sowohl wie von separatistischen Extravaganzen ungetrübten Judentums, hätte nicht zu passenderer Zeit kommen können, als gerade jetzt, da der Bruderzwist im gesetzestreuen Lager ausgebrochen ist, ein Zwist, dessen Entstehung wohl sehr zu bedauern ist, dessen Ausgang jedoch nur heilvoll werden kann, wenn er bewirkt, daß die Spreu sich vom Weizen sondert und endlich offenkundig wird, wo die Gesetzes¬ und -Traditionstreue der Phrase und wo die der Tat ist. Wir halten Friedmanns Schrift für eine» bemerkenswerten und schönen Beitrag zur Marstellung des. Verhältnisses zwischen Zionismus und Gesetzes-