Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 23 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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tußfitrfcr Istukütisches fnrailinblalt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementsprcis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. Bl. Mk. 1.— ftei ins Haus. Bel der Post abonniert ini In- und Ausland Mk. 1.02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam Mk. 1.50, sonstige Länder Mk. 2.— JedaKlioil imd chefchaflssteM: SranKfurt 2. M.» Leiligkreuzgaffe 82> Ecke Rlaxperfeldstraße Telefon 10507. Aemrisgebs?: Kalzr Heks. , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 3. Jahrgang. Freitag, -en 13. Livan 5665 (16. Juni 1905). Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Lischkoh haschechauroh. — Wir und die Andern. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Der Cheitim- Rebbe und der Magid. von Dr. Rabbinowicz, Mähr. Weiskirchen. — Bücherschau. — Briefkasten. — Vakanzen. — Familiennachrichten. Wir bitten um rechtzeitige Erneuerung des Abonnements, damtt in der Zusendung keine Unterbrechung eintritt! Lisclikoh haschechauroh.*) Unter der Ueberschrift ..Helden der Gegenwart" bringt 'die in Petersburg erscheinende Zeitschrift „E wrejskoj Dzisn" („Das jüdische Leben") in ihrer Nr. 14 einen interessanten Artikel über A k i b a Rabinowitz, Redakteur der rabbinisch-talmudischen Monatsschrift Hapeles, die als Organ der „Lischkoh haschechauroh" angesehen werden darf. Wir geben nachstehend den Artikel im Auszuge und unter Weglassung der kräftigsten Stellen wieder: „lieber die Handlungslveise des Rabinowitz — so schreibt die Ewrejskoj Dzisn — könnte man Bände schreiben. Man tnuß sich über die Gefühle, die die Nennung dieses Namens Hervorrust, hinwegsetzen, um auf seine erlauchte Person mit ihrer wechselvollen Vergangenheit eingehen zu können. Es ist ein offenes Geheimnis, daß er sich bei Plehwe bemühte, er möge den Juden die Aufnahme in den Hochschulen und Gymnasien verweigern. Auch ist es bekannt, daß das Verbot des Verkaufes der Aktien der Jüdischen Kolonialbank (Rabinowitz nennt sie Panama-Cie.) nur ihm zuzuschreiben ist. Er bezeichnete öffentlich die jüdische Jugend „als das Unglück Rußlands und die jüdische Plage (Ewreskoj juswi)", und in einem Aufrufe, den er an die jüdischen Eltern erließ, forderte er dieselben auf, ihre Kinder, die sich der Untreue gegen die russische Regierung verdächtig niachen, anzuzeigen und der Polizei auszuliefern. Für diesen rühmlichen Vorschlag hat er denn auch das Lob der bekannten reaktionär-antisemitischen Zeitung „Moskowski Wedemost", des Organs des ermordeten Großfürsten Sergej, das seinen Aufruf fast wörtlich abdruckte, und des berüchtigten Kischinewer Redakteurs Kruschewan eingeheimst. Rabinowitz ist der Verfasser eines neuen Gebetes für den Sieg der russischen Waffen. Er hat auch in russischer Sprache ein Werk über, zeitliche Fragen verfaßt, dessen Reingewinn er dem russischen Roten Kreuz widmete. Kurz: er ist unerschöpflich in Ersindungen zum Besten der russischen Regierung. ... Leidenschaftlich sucht Rabinowitz nur Streit und Hader. Besonders tut er sich hervor durch seinen *) Die „Lischkoh haschechauroh" hat sich zur Aufgabe gestellt, die Bildung unter den Juden Rußlands zu bekämpfen. wilden Haß gegen den Zionismus, dessen zweitem Kongreß er als Delegierter beiwohnte. (Interessant ist folgende Episode aus dem 2. Kongresse: Ws man als Aktionskomiteemitglied Rabbiner Rabinowitz- Alexot wählte, da stand Rabinowitz-Poltawa auf, um dem Kongreß für seine Wahl zu danken. Nachdem er zu Ende gesprochen hatte, machte der verewigte Herzl ihn auf seinen Irrtum aufmerksam.) Es gibt nicht so viele Schimpfworte und Kraftausdrücke, als die, mit denen er den Zionismus belegen möchte. Nun meldeten unlängst die Poltawaer Zeitungen, daß Akiba Rabinowitz die selten erteilte Erlaubnis gewährt sei, eine jüdische Druckerei aufmachen zu dürfen (es gibt deren in ganz Rußland nur drei)." Wir müssen selbstverständlich die Verantwortung für das Gesagte der den Ruf einer zuverlässigen Zeitung genießenden Ewrejskoj Dzisn überlassen; es ist dieselbe jedoch nicht die erste Zeitung, die sich über Rabinowitz ausläßt, und dann sind seit dieser Veröffentlichung heute bereits 8 Wochen vergangen, ohne daß eine Berichtigung seitens des Angegriffenen erfolgt wäre. Freilich: wenn man den „Hapeles" liest, dann möchte man an die Wahrheit des .von der „Ewreskoj Dzisn" Gesagte» glauben, denn die Publikationen dieser Zeitschrift übertrefsen in Verdächtigungen, Unwahrheiten und rohen und schmutzigen Ausdrücken selbst des Kischinewer Kruschewans gewesenen Besarabetz. So finden wir in einigen Nunrmern ihres laufenden Jahrganges in der Rezension über ein Werk eines der angesehensten, frömmsten und gelehrtesten westeuropäischen Rabbiner folgende unglaubliche Stilblüten und Kraftausdrücke: „In seinem Schädel geht es nicht richtig zu." „In seinein Schädel ist kein Mark." „Seine Augen sind dunkel geworden in ihren Löchern." „All seine Worte sind eitel Geschwätz." „Er weiß nicht, was er spricht." „Er hat keinen Verstand". „Fälschung". „Lüge." „Mist". „Verächter der Thora" usw. usw. Und der Herausgeber dieser Zeitschrift ist es, von dem einige Führer unserer deutschen Orthodoxie ihre Wissenschaft über die jüdischen Verhältnisse in Rußolnd und besonders ihre antizionistischen Alarmnachrichten beziehen! Wir wenden uns deshalb eindringlichst und inständigst bittend an unsere deutschen Rabbiner: sie mögen im Interesse des Judentums nicht unseren Mitteilungen von vornherein Glauben schenken, sondern selbst nachforschen, was Wahres daran ist. Es ist das umsomehr ihre heiligste Pflicht, damit sie erkennen, welche Leute das Schwinden des jüdischen Sinnes auch unter unseren russischen Brüdern, dem bisherigen jüdischen Zentrum, mitverschulden. Es ist ein Verbrechen, wenn wir teilnahmslos zusehen, wie sich die Zustände in Rußland von Jahr zu Fahr allmählich den unsrigen assimilieren; heute ist einzig und allein nur noch in Rußland, selbst im Publikum bedeutendes jüdisches Wissen und frisch pulsierendes jüdisches Leben vorhanden, und es besteht die Gefahr, daß dieses jüdische Leben denselben äußeren und inneren Einwirkungen zum Opfer fällt, denen wir unsere traurigen Zustände verdanken. R». 23. Die Orthodoxie muß die an ihrem Mark nagenden Schädlinge, unbarmherzig ausrotten. Das ist die Vorbedingung, damit die guten Elemente voll und ganz gehört werden und eS so besser werde. Unbeirrt um das Mißfallen anderer hatten wir bereits vor 9 Monaten Jakob Lip» schitz-Kowno, Rabinowitz's Freund und Kollegen in der Lischkoh hoschechauroh, beleuchtet. Heute haben wir uns bemüht, ein Bild von dem zweiten Führer dieser weite orthodoxe Kreise terrorisierenden Gesellschaft zu geben. Möge man unjere Stimme hören; nur der tiefste sittliche Ernst hat uns die Feder ergreifen lassen!*) Wir und die Ander». Bon Amrime Le Maitre. IV. Seitdem der Mensch aus dem Wirrsal und Chaos der Anarchie und der Barbarei, des Faustrechts und der unumschränkten Willkür in ein mehr oder weniger geordnetes soziales Leben trat, seitdem er sich als Glied der Gesellschaft gefunden, nach der Möglichkeit einer Besserung seines und das seiner Mitmenschen Los zu trachten gelernt, sehen wir ihn in allen Zeiten und unter allen Himmelsgegenden in einem rastlosen, mörderischen Streben nach einer besseren Gestaltung der gesellschaftlichen Ordnung des Staats, des öffentlichen Lebens. Die soziale Frage blickt schon auf ein Pyramidenalter zurück und gar manches Volk mußte an der Unmöglichkeit einer Lösung dieser Frage verbluten. Rom konnte nicht einmal sein Recht vor diesem Untergange wahren. Und nach einem fast viertausendjährigen Mensche» lichen Zusammenleben, des Nachdenkens über die Lösung der sozialen Frage müde, taucht am Vorabend der französischen Revolution jener merkwürdige Rd» formapostel, Rousseau, hervor, der mit gewaltiger Stimme seinen Mitmenschen und feinem Zeitalter zuruft: „Zurück in die Natur". Er verkündete mit gewaltigen Pathos den Bankerott der menschlichen Gesellschaft, der menschlichen Kultur in dieser Gesellschaft. Und, was die Gesellschaft am Ausgange des achtzehnten Jahrhunderts in Rousseau befaß, besitzt sie heute in Tolstoi und gar mancher jüdischer Jüngling begeistert sich noch jetzt für den großen Jean Jaque oder für seinen idealen Abkömmling Le» Tolstoi. Es hat auch nicht an allerlei Vermittlern gefehlt, die eine geistige Verwandtschaft Rousseaus oder Tolstois mit dem Judentum gefunden zu haben glaubten. Indessen eine Hypothese ohne jede Wahrscheinlichkeit, eine Seifenblase vom besten Schaume. Die ehernen Fundamente unseres Kultursystems, seine prinzipielle Abrundung können nicht das Menschengeschlecht in einen atavistischen Rückfall des natürlichen, d. h. des wilden Lebens zurückschkeudern. *) Soeben lesen wir in der Wilnaer hebräischen Tageszeitung „Hasman", daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Poltawa beschlossen hat, Rabinowitz sein Gehalt zu entziehen.