Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 22 (8.6.1905)
- Date
- 1905-06-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu M. 22 des Frankfurter Israelitischen FamiliMattes. Inhalt der Beilager Artikel: Diewichttgste Aufgabe des VH. Kongresses. — Frühlingsrausch. — Neue Judenexzeffe in Rußland. — Gedanken zum Schewuoth-Feste. — Raschifeier. — Aus den „Pirke Owaus" (Sprüche der Väter) nach dem Buche ,,Jsu Lwonaun" des Rabbi Naphtali Herz Wesel lHarwig Weselly). — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den Vereinen. — Sprechsaal. — Einige Fragen an die Rabbiner-Kommission. — Die wichtigste Ausgabe des VII. Kongresses. Zur Frage der Organisation. Sieben abgezählte Wochen trennen das jüdische Volk noch von der Tagung seines Parlamentes, denn am 27. Juli wird der Kongreß in Basel seinen Anfang nehmen. Gleich dem Rasten nach sechs Tagen des Vorwärtsstrebens gebietet der 7. Kongreß der zionistischen Bewegung ein Halt, und prüfend die zurückgelegte Strecke, fordert er auf zur inneren Sammlung. Und der Ruf des Prüfens ergeht an jeden einzelnen Zionisten! Der geniale Mann, dessen erlösendes Wort in der jüdischen Volksseele den schlummernden Zionsgedanken wieder erweckt hatte und der auf seinen Schultern beinahe zehn Jahre die Sorgen von Millionen trug und mit kraftvoller Hand und zielbewußtem Auge die Geschicke dieser Millionen leitete, auf daß er sie bringe zu einem glücklichen, freien Leben im Lande ihrer Väter; dieser König von einem Menschen ist nicht mehr; nachdem er geopfert hatte jedes Atom seiner ideellen und materiellen Kraft auf dem Mtare seines Volkes, war er nicht mehr. Und nun liegt die Verantwortung für sein Erbe aus jedem einzelnen Manne seines führerlos zurückgelassenen Heeres. Bisher war der Aufbau der gesamten zionistischen Organisation auf die Person des nun verewigten Führers zugeschnitten. Diese Art der Organisation war notwendig, da der eine Mann, der der .Bewegung das Leben eingehaucht, mit seiner grandiosen Persönlichkeit manche Lücken der Organisation ausfüllen konnte und da es erst einmal galt, die Mannen z u s a m m e l n, nicht sie zu gliedern. Doch nunmehr ist der Zeitpunkt eingetreten, wo die verschiedenen Richtungen in dem Parlamente unseres Volkes weiteste Bewegungsfreiheit erhalten müssen, damit jede Richtung sich frei entfalten kann und ihrerseits dann die Kraft habe, alle Gleichgesinnten um sich zu schären und jedem Arbeitsgelegenheit geboten wird. Die im Anfänge der zionistischen Bewegung so selbstverständliche Teilung nach Landmannschaften ist inzwischen zu einem Hemmschuh geworden, und wer wünschtdaß das jüdische Parlament nicht nach dem unglücklichen Muster Oesterreichs, sondern nach dem für das Gesamtwohl bewährtesten aller modernen Parlamente sek, der verlange für die zionistische Organisation an Stelle der Landsmannschaften — freie Förderationenbildung.. Die Förderationenbildung ist eine Lebensfrage sür den Zionismus; sie ist, nachdem die Frage der Führerschaft durch das Triumviart Nordau, Marburg, Wolfsohn glücklich gelöst ist, der wichtigste Punkt des Kongresses. Frühliugsrausch. Ein Wort der Ermahnung. BonPeli. Drüben, im weiten Zarenreiche, regt es sich in alten Ecken und Enden mit elementarer Gewalt. Ter alles erstarrende Winter eines Plehwe'schen Regimes ist dahin, die gigantische Eisrinde barst im warmen Frühlingshauch, vom Strudel der brandenden- Wogen hingerissen, stürzen in schwellendem Strom die gewaltigen Krusten und sprengen und zermalmen alles, was ihnen im Wege steht, und schäumend ergießen sich die brausenden Fluten über's ganze Land. Ter Riese Volk erwacht vom langen Winterschlaf, reibt sich die Augen und reckt sich der Frühlingssonne entgegen. Eine heiße Gärung ergreift Land und Leute. Alles ist wie verwandelt. Das alte Rußland kracht in alle» Fugen und ein neues entsteht auf seinen Trümmern. — Wie es nicht anders zn erwarten stand, wurde auch das Spielzeug aller Stürme und llngewitter, das traurige Schisslein des ewigen Juden vom mächtigen Strom ergriffen. Leider aber in einer Weise, daß es Gefahr läuft, den heißersehnten Hafen, wo der müde, gehetzte Weltsegler endlich Ruhe finden soll, ganz aus den Augen zu verlieren. Und wiederum ertönt der alte, verlockende Sirenengesang von Freiheit und Fortschritt, von Humanität und Völkerverbrüderung, und droht das unglückliche .Schifflein zwischen der Scylla der blinden Wut sich erhebender Volksmassen und der Charybdis eines spurlosen Aufgehens in der Umgebung zu zertrümmern. Und die betörte Mannschaft stimmt selbst in den verhängnisvollen Gesang ein. Tie Dummen und Leichtfertigen, will jagen Berussassimilanten, Golusuationalisten und Bundisten singen und klingen die Todesinelodie mit wilder Ekstase, und die Einsichtigen, die immer den sicheren Hafen fest im Auge behielten, die Z i o n i st e n, — auch sie halten sinneberückt inne, lauschen den gefährlichen Tönen und .... stimmen zuguterletzt selbst zum Teil in die große Lügensymphonie ein. . . . * * Und dies alles nach 25 Jahren von „Chibbas- Zion" und 8 Jahren Kongreßzionismus! .... Vor einem Vierteljahrhundert hat hie Chibbas- Zion-Bewegung das alte Wort Hillels: „Im en ani li, mi li" (Wenn ich nicht für mich, wer für mich?) zur nationalen Parole gemacht. Die „Autoemanzipation" wurde auf die Fahne gehoben, um die sich die Besten unseres Volkes scharten. Laut und eindringlich wurde die Lehre verkündet, daß es nur ein einziges Mittel gibt, die Judennot, die nationalkulturelle sowohl, wie die sozial-politische, aus der Welt zu schaffen: die Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina; daß der Judenhaß keine zufällige Erscheinung ist, die von dieser oder jener Staatsform abhängt, sondern seine tiefen, psychologischen Wurzeln hat und in der abnormen Existenzform des jüdischen Volkes, das kein Heim hat und überall gegen seine Umgebung, von der es als Fremdkörper empfunden wird, in der Minorität ist, ergiebige Nahrung findet; daß man die Juden erst dann als ebenbürtige Menschen behandeln wird, wenn man das jüdische Volk als ebenbürtiges wird betrachten können, d. h., wenn es, wie jedes andere Volk, in seiner Majorität in kompakten Massen auf seinem Territorium leben und nicht mehr als ewig umherirrendes körperloses Gespenst den anderen Völkern ein mystisches Grauen einflößen wird; daß wir im Golus, wo wir als Minoritätsgruppen den starken kulturellen Einflüssen der Wirtsvölker unterworfen sind, keine nennenswerten nationalen Werke schaffen können, daß vielmehr unsere nationalen Erbgüter, unsere nationale Eigenart unter dem Drucke der Verhältnisse verstümmelt werden und krüppelhafte Formen annehmen müssen, u. s. f. u. s. f. Diese Lehre, die in den 8 Jahren des politischen Zionismus Gemeingut aller besseren und einsichtigeren Elemente des Judentums geworden ist, wurde gegen die Gegner mit großem Eifer und Geschick verfochten. Ter jüdische Arbeiterbund mit seinen „nationalen Rechten in den Golusländern" als Endziel auf der einen, Achad-Haams Toctrin von dem geistigen Zentrum in Palästina, das unabhängig von seinem quantitativen Umfang durch eine intensive Beeinflussung der Juden der Diaspora die nationalkulturelle Seite der Judenftage lösen soll, auf der anderen Seite wurden mit wuchtigen Argumenten und mit geradezu fanatischer Vehemenz bekämpft und zerzaust. Und diese Ansichten über Wesen und Charakter der Judenfrage wurden von allen Zionisten einmütig geteilt; sie bildeten die gemeinsame Basis für alle Vertreter der nationalen Wiedergeburtsidee, mochten sie sonst sich noch so sehr durch Bildung, soziale Stellung und aUgemeine Weltanschauung von einander unterscheiden. Ter Evidenz und der großartigen Einfachheit dieser Ideen hat auch der Zionismus die zündende Kraft, die elementare Wucht zu verdanken, mft der er die Bolksmassen ergriff. Und nun scheint dies alles auf einmal vergessen worden zu sein. Alles ist wie durch einen Zauberschlag verwandelt; alles taumelt kopflos im Frühliugsrausch umher. Tie alte Mißwirtschaft in der Behandlung der Judenfrage kehrt teils offen, teils auf Schleichwegen und durch Hintertüren zurück. Tie jüdischen Zeitungen Rußlands, die früher nicht müde wurden, vor den Irrlehren der falsche» Propheten in Israel zu warnen und zur nationalen Selbsthilfe zu ermahnen, stimmen jetzt im Chorus begeisterte Lobeshymnen an auf die intelligente Gesellschaft, auf die fortschrittlichen Parteien, von welchen das Heil Israels abhänge. Ter „Fraind", der bis vor kurzem die Zionsfahue hoch hielt, hat das Kunststück fertig gebracht, sich in wenigen Monaten aus einen» ultrapalästinensischen Organ nach der Reihe in eilt ugandistisches, territorialistisches und endlich in ein „golus-nationalistisches" zu verwandeln. (Die Zwischenstufen waren wohl nötig, damit der Sprung nicht allzu halsbrecherisch wurde.) Sein diesjähriger redaktioneller Pesachartikel trug bereits den typischen Charakter jüdisch-deutscher Kannegießerei neologer Observanz, für die er früher nur tiefe Verachtung und grimmigen Spott hatte: dieselben hohlen Phrasen vom Weltfrühling, der alles verjünge und belebe, dieselbe pathetische Erklärung, daß es unser Endziel ist, in den Golusländern zu bleibe» und uns mit den Wirtsvölkern zu verbrüdern u. s. f. u. s. f. Und die anderen jüdischen Zeitungen nehmen, ohne Renegaten an der zionistischen Sache zu werden, praktisch das Programm des „Fraind" auf, indem sie eine politische Betätigung in gleicher Richtung unter dem Schlagworte „Gegenwartsarbeit" proklamieren und die jüdische Bevölkerung auffordern» „Hand in Hand mit den christlichen Fortschrittlichen zu gehen". ... ' Tie zionistische Intelligenz hat den Kopf voll von politischen Resolutionen, Teklarationen, Proklamationen und wie all die schönen Tinge heißen, die jetzt in Rußland gang und gäbe sind und hat natürlich für die zionistische Arbeft nicht viel Zeit übrig. T«s Resultat ist, daß — wie aus dem letzten, wahrhaft ergreifenden Zirkular eines zionistischen Führers hervorgeht — der Zionismus in Rußland in diesem Jahre keine Fortschritte gemacht hat (während im sechsten Kongreßjahre die Zahl der organisierten Zionisten in Rußland um 130 Prozent gestiegen ist!). Charakteristisch ist auch die Tatsache, daß von der letzten Sitzung der großen A. C„ die die brennendsten Monistischen Fragen zu behandeln hatte, die meisten russischen Mitglieder einfach fortgeblieben sind, während sie zu Plehwes Zeiten, wo manchen von ihnen oft ohne weiteres der Reisepaß verweigert wurde, zu allen Konferenzen fast vollzählig erschienen. . . . So wird nun unsere nationale Zukunstsarbeit im Namen einer jedenfalls sehr problematischen Gegenwartsarbeit unverantwortlich vernachlässigt! Was man von diesem Geschäft zu erwarten hat, welche praktischen Erfolge man sich aus einer politischen Betätigung in Rußland versprechen kann — darüber in einem zweiten Kapitel. Neue Judenexzeffe in Rnßlmrd. —n. Brest-Litewsk. Man erwartet hier Judenmassakres. Es werden Proklamationen mitdem Aufruf: „Schlaget die Juden!" verbreitet, auch an die Kosaken werden sie verteilt. Die Polizeiverwaltung fördert energisch diese Hetzereien. Es hat sich bereits hier eine Selbstverteidigungsgruppe organisiert, die fast täglich Beratungen abhält. Tie Versammlungen wirken sehr ermuttgend. Der Erwerb von Mitgliedern für die Selbstverteidigung geht ziemlich rasch vor sich. Leider ist der Zufluß an materiellen Mitteln sehr spärlich. —n. Grodno. Es werden Jndenexzesse vorbereitet. Um diesen entgegenzutreten, wurde eine Selbstverteidigungsgruppe gegründet, die sich bereits eine große Anzahl von Waffen anschafste und fliegende Korps organisierte. —n. Tolotschin, Gouv. Mohilew. In den Kirchen wurden Proklamationen des Mohilew er Geistlichen-Konsistoriums, die alle Bauern zu Judenmassakres anffordert, verbreftet; auch Waffen wurden verteilt.