Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 21 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Seite 10. Frankfurter JsraÄitisches FüMlienblatt. Ken, Las gekommen-'o h n e Erlaubnis gekommen, ein paar Mfallähren zu sammeln, solch' wahren Trost ins Herz sprechen wird. Nur die Erfüllung des Gottesgesetzes einzig vermag solche Menschen, wie Boas, zu gestalten, nur die Erfüllung der Gesetze beiderlei Ordnung, Ben Odom la Mokaum üben Odom la Chawerau vermögen solche Erfolge anfzuweisen. Hier, vor mehr als 3000 Jahren, sehen wir Humanität und wahre Aufklärung ihren schönsten Sieg feiern, und da kommt nun unsere Zeit mit ihrem Klassen- und Rassenhaß, mit ihrer Selbstsuchtslehre und dein Gespenst des krassesten Materialismus und will Feiern veranstalten, Ccntcnarfeiern der Aufklärung und Humanität, und La kommt solch' ein Doktor und will nun lehren, wie wir es doch so unendlich weit gebracht, wie man vor IM Jahren in jüdischen Kreisen das Lebensgesetz unserer Väter als veraltet und entfremdet abgeschüttelt, um nun ohne Thora viel besser die Menschen und Juden zur Menschenliebe zu erziehen. Unser Doktor, er hat niemals unsere Erzählung mit Liebe gelesen, niemals geahnt, wie Megillath Ruth bereits das Ideal jenes Humanitäts¬ und Aufklärungsstrebens bildet, nur durch die Thora indes denkbar, nur ausführbar durch die Lehren unserer Weisen. Ein Bekenner der Religion, die einige Morallehren unseres geoffenbarten Sinaigesetzes als Hauptbestandteil ihres Bekenntnisses enthält, er war berechtigt, auf Grund dieses Bekenntnisses dem Juden den Weg weisen zu wollen. Unsere und der Menschheit Humanität und Aufklärung, sie ist nicht von vor IM Jahren, unsere Humanität und Aufklärung, sie wurde vor mehr als dreieinhalb Jahrtausenden am ^,Jaum Mattau Thauro" dem „naaseh wenischmoh" gelobenden Gottesvolk am Sinai gelehrt, und alljährlich, als an unserem Stiftungsfeste, lesen wir zum Gedächtnis unsere Humanitätsschrift, unsere Megillath Ruth*) (Schluß folgt.) *) Vorliegende „Gedanken zum Schewausfeste" sind einem zu Schewuaus des vergangenen Jahres gehaltenen Vortrages entnommen. Obige zeitgemäße Betrachtungen beziehen sich auf eine damals vielkommentierte offizielle Festrede. Aus den „Pirke Owaus" (Sprüche -er Bäter) «ach dem Buche „Jeu Lwouauu" des Rabbi Raphtali Herz Wesel (Hartwig Weselly). ui. Schimeon hazadik war von den Letzten der großen Bersammlung. Er pflegte zu sagen: »Auf 3 Dingen besteht die Well, auf Thora, auf dem Gottesdienst und der Entfaltung der Frömmigkeit." Schimeon der Gerechte lebte lange nach der Errichtung des II. Heiligtums, er ist der Letzte, dem aus der Hand der Prepheten die Hut des Gesetzeskleinodes anverttaut wurde. Während der Ausspruch des Gesamtkörpers der »großen Bersammlung" sich auf die Praxis des Lebens im GotteSgefetze bezieht, bezeichnet der feinige die theoretische Grundlage aller und besonders jüdischer Lebensbestimmung. Auf dieser Basis ist denn auch das ganze Lehrgebäude der späteren Gesetzeslehrer gegründet und es wird in Einzelheiten nachzuweisen sein, welchem von den drei Grundgedanken jeder von ihnen durch seine Sentenzen Klarhell und nachdrückliche Fürsorge angedeihen lassen wollte. Das Weltbestehen als göttliche Schöpfung skrupellos vorausgesetzt — Schimeon hazadik liegt jede phllosophische Spekulation hierüber fern — fragt der Mensch als denkendes Wesen nach den Faktoren, die sein Dasein in Bezug zu der Geschickeswaltung und der ihn umgebenden Well zu regeln besttmnit sein müssen. Da ist vor allem die Gesetzmäßigkeit (tauro) des Wellgeschehens die augenfälligste, sich in den einzelnsten Phasen und Teilen des Wellganzen unabänderlich vorfindende Erhaltungskraft. Zn diese, nach ewigen Gesetzen regiette Well hineingestellt, mll der Macht geistigen Erfassens, ist der Mensch als Dimender, Umschaffender, abhängig von dem Stoff, den er zu bilden hat. (awaudo). Die Vollreife menschliche» Wirkens in tteuer ■ Brüdergemeinschaft winkt in dem Höhenziele irdischer Vollendung, in der Heiligung des Geistes- und Gemütslebens, im Stteben nach Gottesähnlichkeit, in deren Ebenbilde der Mensch geschaffen ist. (gemillus chasodim). Für den jüdischen Menschen gilt dieses Fundament als Pfeiler eines noch weit erhabeneren Tempels, eines in allen seinen Teilen reinste Formen, Ebenmaß und unerschütterliche Festigkeit kündenden, hochragenden Wahrzeichens der göttlichen Allmacht." Ihm zeichnen tauro, awaudo und gemillus chasodim die Grenzen feines Erdenwirkens verklärt durch den Blick in eine hoffnungsreiche zukünftige Welt. Tauro kann nicht einzig eine Aufforderung zur Gesetzesbcobachtung und zum Gesetzesstudium enthalten wollm, denn awaudo schließt für den Thorabekenner die Verbindlichkeit all der im Gottesgesetze enthallenen Ge- und Verbote in sich ein und kann füglich des sttillen Hinweises entbehren. Vielmehr liegt in dem Watte tauro die rückhaltlose, hingebende Liebe, das ungeschmälerte Berttauen zu der offenbatten Gesetzeswell Israels. Mit ganzem' Herzen, mit ganzem Vermögen Verwirklicher des Gottesgesetzes zu sein, selbst ohne erst ein langes inhaltsreiches Leben der Prüfung und Beobachtung des Gesetzesstoffes gewidmet zu haben, das ist der Jnbegttff des in „tauro" dem Jsraelssprößling gewiesenen Palladiums. Awaudo begreift in sich fteudige, wackere Dienstbeflissenheit in dem vom Gottesgesetze aufgerichteten Heiligtum, Geist und Gemüt, Muskelkraft und milde Zartheit, Haus und Hof, Wald und Flur belebt und gettagen, geadelt und durchdrungen von dem Lebensodem des Pflichtbewußtseins in Erfüllung göttlicher Verheißung. Gemillus chasodim lehrt nicht nur enggesaßt Wohltun und Menschenbeglückung, auch dies fügt sich in das große Gebiet der in awaudo verlangten Betätigung ein. Dem Wottsinne nach bezieht sich gemillus chasodim auf die Art und Weise mit der sowohl tauro als auch awaudo zum Ausdruck gelangt und gelangen soll. Veredelung, sowohl des Gedankens als der Tat in höchster Potenz, Heiligung des irdischen Daseins, körperlich und geisttg, losgelöst vom Staube der Erde, will gomillus chesed den jüdischen Menschen erziehend lehren. Schon vom Sinai her ersttahlt in Israel diese Gwrie höchstsittlicher Hinweise zum bewußtgottdienenden Jakobssproß. Für das ganze Volk gegeben, aber immer nur von Einzelnen gepflegt, glüht der Funke reinen gemillus cheseds unverlöf chlich weiter am jüdischen Herde, geschürt von Priestern und Propheten, oft an dem einen Orte verlöschend, um unter der schützenden Aschendecke fortglimmend an anderer Stelle zu reinigender- Flamme wieder hervorzubrechen. Unter den Zadikim aber, die gemillus chesed in tauro und awaudo zu hehrer Erhabenheit selbsttätig durch die Zeiten hindurchgelungen, bleibt unvergessen der Herold, dessen mächtiger Ruf von einem ganzen Geschlecht vernommen, von diesem weitergettagen heute noch für Israel Stab und Stütze bildet, als das Verniächtnis des Hohenpriesters Schimeon hazadik. Personalien. Frankfurt a. M. Am 2g. ds. Mts. verschrei im 55. Lebensjahre Herr Jacob Sichel, der stelloerttetende Vorsitzende des Vorstandes der ijraelit Gemeinde. Der Verstorbene zeichnete sich durch seine große Woültättgkeit ans. Hochseldc» i. Elsaß. Durch das am 17. d. Mts. erfolgte Hinscheiden unseres Gemeindevorstandes Herrn Eugene Bicart, eines biederen und tüchtigen Mannes, haben wir 'einen schmerzlichen Verlust erlitten. Sein Leichenbegängnis legte Zeugnis ab von der Verehrung, die ihm die gesamte Bevölkerung entgegenbrachte. Danzig. Der Kauftnann und Stadtverordnete Philipp Simson beging die Feier des 70. Geburtstages. Der Jubilar steht mitten im öffentlichen Leben und ist erster Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Paris, 26. Mai. Baron Alphonse de Rothschild ist im 79. Lebensjahre gestorben. Mayer Alphonse war am 1. Februar 1827 als zweiter Sohn des Barons James Rothschild in Paris geboren. Schon als ganz junger Mann unternahm er größere Reisen und kaufte im Aufttage seines Vaters Bilder und Anttken. Dieser Sammlerpassion blieb er allezeit treu. Sein Palais in der Rue Florentin nächst dem Eoncorde-Platze besitzt ein bombensicheres Gewölbe, in welches durch eine sinnreiche Maschinerie die Kunstschätze binnen wenigen Minuten hinab Iiefördert werden können. Das Kommandeurkreuz der Ehrenlegion erwarb er infolge seiner regen Teilnahme an der Befteiung des Territoriums (1871). Er war seit der Entrevue Bismarck-Jules Favre in seinem Schlosse Ferridres der finanzielle Berater Thiers. Eine politische Rolle hat Mphonsc Rothschild seit dem Sturze Thieps nicht mehr gespielt; doch stand er den jeweiligen Finanzministern bei großen Anlässen gern mit seiner reichen Erfahrung bei. Rouvier machte niemals ein Hehl daraus, daß nach dem großen Bontoux-Krach ohne Rothschilds kräftige Jnitiattve die Sanierung des Marktes nicht hätte vollzogen werden können. Vor scchD Jahren verlor Rothschild auf der Jagd ein Auge. Man hat niemals beit Warnen des unglücklichen Schützen erfahren, welcher dieses Ungemach verschuldet hat. Paris. Der Komponist Emile Jonas ist in seinen! 79. Lebensjahre g e st o r b e n. Er trat mit 14 Jahren in das Pariser Konservatorium ein und wandte sich, nachdem er daselbst, mehrere Auszeichnungen erhalten, zunächst der Komposition und Bearbeitung synagogaler Chor- und Sologesänge zu, wurde auch Musikdirektor der portugiesischen Synagoge seiner Vaterstadt Paris und gab in dieser Eigenschaft 1854 einen sehr wertvollen „Recueil de chants höbraiques" heraus. Seine eigentliche Stärke zeigte Jonas aber auf dem Gebiete der Opcrettenkomposition. Von der großen Anzahl der Jonas'schen Operetten sind seine „Javotte", „Goldchignon" und die „Ente mit den drei Schnäbeln" über die Grenzen Frankreichs hinaus und auch bei uns bekannt geworden. Jonas' Musik zeigt gefällige, melodische Weisen, ohne durch besondere Tiefe der Gedanken oder des Ausdrucks zu glänzen. Viele Jahre ist Jonas Professor der Harmonielehre am Pariser Konservatorium gewesen. Frankfurt a. M. Der Firma Gebrüder K o h n, Fabrik feiner Tafelgetränke, Hanauer Landstraße 16, wurde auf der Pariser Ausstellung für Nahrungs-, Genußmittel und Hygiene für ihre Spezialität „Orangeperle" die goldene Medaille znerkannt. Aus der zionistischen Bewegung. Wien. Im Alter von 77 Jahren verschied in Szenicz (Ungarn) Frau Jeanette Steiner, Mutter des bekannten jüdisch-nationalen Schriftstellers H. Jork-Steiner und des Professor Steiner. Budapest, 24. Mai. Sonntag fand hier der 3. Landeskongreß der ungarländischen Zionisten statt. Von 14 Vereinen waren 37 Delegierte erschienen. Mitüberwiegender Majorität wurde der Antrag des Präsidenten Samuel Bettelheim - Preßburg angenommen, daß die ungarländischen Zionisten im Uganda-Projekt keinen Durchbruch des' Baseler Programms erblicken, jedoch der Meinung sind, daß weder Nationalfondsnoch Schekelgelder für irgend ein Territottum verwendet werden dürfen. Der Vortrag des Delegierten D'r. Abrahamsohn-Nagy-Tapolcsany zur Unterstützung der misrachi st ischen Tendenz fand allgemeine Zusttmmung. Delegierter M. Grauß-Nagy- Tapolcsany, der mit Leib und Seele für die Vertiefung des Zionismus im traditionellen Sinne wirkt, ein Wortführer des Misrachi in Ungarn, wurde in das Landeskoniitee gewählt. Kolonie« (Galizien). Herr Rabb. S. Schmelkes, Mitglied des Zenttalkomitees des Misrachi, wurde zum Rabbiner von Przemysl gewählt. Wir beglückwünschen die Gemeinde von Przemysl zu dieser glücklichen Wahl. New-Nork. Als eine für die zionistischen Kreise interessante Nachricht ist von hier zu melden, daß der bekannte Philantrop Jacob Schiff der Harvard-Universität 200 000 Jk stiftete, damit fünf Jahre lang jedes Jahr eine Fvrschnngs-Expedit i o n nach Palästina ausgeschickt werde. Ans den Bereine«. Worms. Der israelitische Unterstützungsverein verausgabte im Jahre 1904 an 1620 Bittsteller Jk 3712. Am 2. Februar d. I. ist dem Verein ein Legat von 5000 Jk au§ dem. Nachlaß der seligen Frau Jeanette Kulb Ww. geb. Levy zugeflossen. Vakanzen. Hannover. Verheirateter, seminar. geprüft. Lehrer als Hausvater für Waisenhaus per 1. Oktober. Meldung an Landrabbiner Dr. Gronemann. Spandau. Kantor und Schächter per 1. Juli. Anfangsgehalt Jk 2000. Wagstadt (Oesterr. Schlesien.) Rabbiner per 1. August. Gehalt Kr. 1700 und Mietentschädigung Kr. 300.' ° Graz (Steiermark). Rcligionslehrer. Ansangsgehalt Kr. 1600. Briefkasten. E. 500. Wir wären Ihrem Wunsche gern nachgekommen, wenn Sie uns Näheres mitgeteilt hätten. Z. in W. Rich. Beer-Hofmann, der Verfasser des mit dem Volksschillerpreis ausgezeichneten Drama „Der Graf von Charolais", ist Jude.