Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 21 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 21 des Frankfurter Israelitischen Familieublattes. Inhalt der Beilage r Artikel: Gedanken zum Schewuoth-Feste. — Aus den „Pirke Owaus" (Sprüche der Väter) nach dem Buche „Jöu Lwonaun" des Rabbi Naphtali Herz Wesel (Hartwig Weselly). — Personalien. — Aus derzionistischen Bewegung. — Aus d.en Vereinen. — Ans der Lehrerwelt. Gedanken zum Schewnoth-Feste. Megillath Ruth. (Fortsetzung). Ein kurzes Wort zur Geschichte unseres Buches. Deutlicher, wie in maucheu anderen Büchern ist die Zeit, in der die Ruthgeschichtc sich zugctragcu, im Buche selbst überliefert: Kap. 1, 1: „Es war zur Richtcrzeit". Ter Talinud (Traktat Baba Bathra) gibt uns den Propheten Samuel als Verfasser an. Tiefe Talnrudstelle ist zur Aufstellung der Taten sür unsere heilige Literatur von hervorragender Bedeutung. Leider müssen wir uns versagen, auf diese Materie des Näheren einzugehen und uns begnügen, den geneigten Leser kurz auf die Talmudstelle hingewiesen zu haben. , Es war zur Richterzeit — also begann unser Buch —, da verläßt, wegen des 'Ausbruches einer Hllngcrsnot, Eliinelech, einer der Großen seiner Zeit, das Land, anstatt jetzt in den Zeiten der Not seine Mittel und seine Persönlichkeit seinen Brüdern freigiebig zur Vcrfiigung zu stellen, und verläßt damit den Boden, der berufen ist, daß auf ihm und durch ihn das soziale Thaurogesctz in all seiner Vielseitigkeit zur Verwirklichung gelangt. Eliinelech hat große Ahnen. Aus Jtldas Stamm kann er Nachschau» ben Aminodow, den heldenmütige» Stammesfürsten, der sein Gottvertrauen einst glänzend beim Schilfmeer verwirklicht hat, zu seinen direkten Vorfahren zählen. Trotz dieses Jichus, so sagen uiisere Weisen im Talmud, trifft Eliinelech und seine Familie die göttliche Strafe, weil er auswandert nach dem nichtjüdischen Ausland. Fragen wir uns nach deni Grunde, der das Auswandern aus dem heiligen Lande so strenge verpönt, so möchten wir hier kurz einen Gedanken andeuten, der vielleicht uns einigermaßen Aufklärung darüber bringen dürfte: „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heilig Volk" wird uns am Schewuothtage zugerufen. Hier steht unsere Bestimmung klipp und klar ausgesprochen. Wir sollen d i e P r i e st e r d e r M e n s ch h e i t, d e r M e n s chlichkeit werden. Wie aber alle Gebote, insbesondere die Chukim uns zu einer zum Zwecke der Menschheitserziehung notwendigen Isolierung und Absonderung bringen sollen, ebenso soll Erez Jsroöl das Land unseres Gottes, das Land unseres Volkes, ausgezeichnet werden durch, uns und für uns. Nur indem wir unser Land durch besondere an den Boden gebundene Bestimmungen heiligten und weihten, war dieses Land imstande, uns zu unserem und der Menschheit Heil zu dienen. Nur in einem von Gott und nur von Gott beherrschten Lande aber, kann das ganz das Ideal der Menschenliebe darstellende Thoragesetz verwirklicht werden, und gerade unser Buch bringt uns, wir werden natürlich noch des Näheren darauf einzugehen haben, ein treues Gemälde dieser Tatsache. Es mußte daher Eliinelech sich seiner jüdischen Aufgabe schon längst nicht mehr bewußt gewesen sein, daß er, und noch in solcher Zeit, aus dem Land Israel niit Weib und Kind, mit Hab' und Gut auswanderte, um iin Moabiterlande sich niederzulassen. In dramatischer Kürze genügen dem Verfasser unseres Buches nur die paar ersten Verse, um den Leser sofort in die eigentliche Handlung einzusühren. Elimelech stirbt nach kurzer Zeit. Seine Frau Noemi und die beiden Söhne bleiben verwaist zurück. Sie heiraten angesehene moabitische Fürstentöchter Orpo und Ruth. Da nach dem Thoragesetze Wohl Moabs männliche Nachkommen zum Eintritt in die Gemeinde Gottes unfähig sind, Moabs Frauen aber nicht unter das Verbot fallen, so wundern wir uns nicht, wenn die beiden Söhne im fremden Lande diesen Schritt ausführen. Der Talmud lehrt uns jedoch anschließend an eine Unterredung der Noemi mit Ruth^ daß von einem Uebertritt zum Judentum bei den beiden Frauen vorerst, überhaupt zu Lebzeiten ihrer Männer keine Rede war. Tiefe Ehe wird daher selbstverständlich als unjüdisch verurteilt. Nach 10 Jahren ereilt die beiden Söhne das Schicksal ihres Vaters. Noemi bleibt mit ihren beiden moabitische» Schwiegertöchtern nicht nur gatten- und kinderlos, sondern auch vollkomnren mittellos zurück. Doch jetzt soll sich Noömi, eine Frau, die zu den bedeutendsten Franengestalten in der jüdischen Geschichte gehört, bewähren. Sie will ihr Schicksal allein tragen, sic kann den jungen Frauen nicht znmuten, ihr eignes Los ohne Hoffnung zu teile». Entschieden und wiederholt drängt sie ihre Schwiegertöchter, heimzukehren zu de» Häusern ihrer Väter; sie will ihren Lebensweg nicht cinengen. Orpo gehorcht; trüiiendcn Auges verläßt sie Roöini und Ruth; sie kehrt heim zu ihrem Volke und — zu ihrem Gotte. Doch nicht so Ruth, die .Heldin unserer Geschichte. Wiederholt stellt ihr Noömi ihr Geschick und ihre Lage vor, bittet sie wiederholt, doch ihrer Schwägerin zu folgen. T.och für Ruth waren die zehn Jahre im Hause der Noömi keine verlorenen. Eine unendliche Liebe empfindet sie für ihre Schwiegermutter. Sie will Jüdin werden, für sie gibt es kein höheres Ziel, als die herrlichen Worte: „Denn wohin du gehst, werde ich gehen, wo du schläfst, werde ich schlafen, dein Volk ist mein Volk, dein Gott ist mein Gott, wo du stirbst, will ich sterben und dort begraben werden." Es ist das herrlichste Gottesbekenntnis, das wohl je von nichtjüdischem Munde ausgesprochen wurde. Das Gelöbnis,—• während zu Hanse das moabitische Königshaus wartet —, sich um Gottes Willen einer armen verlassenen Witwe bis zum Tode und über denselben hinaus anheim zu geben. Unsere Rutherzählung, sie ist eine vorzügliche Widerlegung für den so oft uns entgegengeschleuderten Vorwurf unserer Feinde vom jüdischen Nationalgott. Eine Frauengestalt, aus einem Stamme,, dessen Geburt schon die sittenloseste Entartung darstellt und der sich im Laufe seiner Geschichte durch Unmenschlichkeit und Verderbtheit auszeichnet, emporgegangen, wird würdig befunden, Stammmutter König Tavids zu werde». . . Ruth ist Jüdin geworden. Beide Frauen kehren nach dem heiligen Lande zurück; sie kommen nach Böth Lechem; es ist Weizenernte. Hier lebt ein naher Verwandter Elimelech's in angesehenster Stellung, als Großgrundbesitzer, namens Boas. Es ist felbstver- Es liegt ein schöner ethischer Zug darin, daß Pessach, das Fest der Freiheit, zugleich ein Fest der Liebestaten ist. In der Liturgie des Seder ist gleich unter den ersten Sätzen die liebevolle Aufforderung an die Armen: Lol dicbüa jssss vsjsebol, lcol dizrich jesse -wejifsoch! Am rührendsten ist der Anblick eines Seder von lauter Hungernden und Heimatlosen .,lcol dichfin“, wie ihn alljährlich die von der hiesigen stündlich unmöglich, alle bemerkenswerten Stellen iruseres Buches auch nur flüchtig anzudeuten, wir müssen uns mit den augenfälligsten Szenen begnügen. Eine solche großartige stellt uns das Leben und Treiben auf den Feldern des Boas dar: Sein Kommen schon wird eingcleitet mit den Worten „.Haschem Jmochem" und die Arbeiter rufen ihm im Chor entgegen: JeworechvhHaschem". Hier war die sozialeFrage zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer g e l v st. Hier waren keine Streiks und keine 'Aussperrungen nötig und möglich, hier herrschte Zufriedenheit und Eintracht. Wo sind die Arbeitgeber, die als Morgengruß ihren Arbeitern ein heiteres, bewußtes, bedeutsames „Gott mit Euch" znriifen und ihnen ein einstimmiges „Gott segne Dich" zurückgcjnbelt wird? Hat doch mit diesem Gruß und mit dessen Antwort sich Herr und Knecht Gott und seinem Gesetze gegenüber als gleichberechtigt und als gleich verpflichtet bekannt, als gleichverpflichtet dem großen Arbeitgeber droben im Himmel. In diesem Gruße mit dem Gottesnamen, der ja auch bei uns meist leider gedankenlos dahin gerufen wird, bildet, nach den Ausführungen unserer Weisen, Boas das Vorbild für uns. Er ist der erste, der diesen Gruß anwendet. — Ta sieht Boas wie ein fremdes Mädchen, das wohl heute zum ersten Male hier aus dem Acker beschäftigt ist, bsmüht ist, da Nachlese zu halten, d. h. -den gottgebotenen Anteil der Armen, der Mittellosen, der Ackerlosen, sich zu sammeln. Und mit pünktlicher Gewissenhaftigkeit, ganz dem Thoragesetz entsprechend, hebt sie zwei Halme, die beim Ernten abgefallen, auf, während sie, wo drei Halme oder mehr übrig geblieben, vorübergeht. Boas hat solche Gewissenhaftigkeit wohl noch selten beobachtet. „Wem gehört das Mädchen", fragt er die Knaben. Und die Knaben erzählen, es wäre die Moabiterin Ruth, die vom Gefilde Moab heimgekehrt ist mit Noömi. Die nun folgende Ansprache des Boas an Ruth, vielleicht die herrlichste Stelle unseres ganzen Buches, sie würde abgeschwächt, wollten wir sie in einer Uebersetzung zitieren. Diese Worte jüdischster Gesinnung, sie müssen im Original nachempfunden werden. Wir werde» wohl vergebens im ganzen Gebiet jüd. und nichtjüd. Schriftkims eine solche Sprache eines Herrn, eines Großgrundbesitzers, eines Arbeitgebers wieder finden, wo dürste eine Parallelstelle dafür sein, daß ein großer, mächtiger Fürst, Richter seines Volles (nach der Ueberlieferung) einem armen, fremden Mäd- Jsraelitischen Suppenanstalt für die Aermsten der Armen veranstalteten Sederabende bieten. Bon der Leitung der Suppenanstalt werden diese Veranstaltungen mit besonderer Liebe und Aufmerksamkeit gepflegt. Unser Bild stellt den zum Seder hergestellten Ti>ch dar und zwar, da es selbstredend erst nach dem Feste ausgenommen wurde, ohne die Gäste. Der Seder ln der Israelitischen Suppenanstalt. {