Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 19 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692409-2692428--01634-2696166- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Beilage zu Nr. 19 des Frankfurter Israelitischen FaMMattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Aus den „Pirke Owaus" (Sprüche der Väter) nach dem Buche „Ji-n Lwonaun" des Rabbi Naphtali Herz Wesel (Hartwig Wesellh). — Aus aller Welt. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrer Welt. — Aus der zionistischen Bewegung. — „JüdischeJugen d". Aus den „Pirke Owaus" (Sprüche der Väter) nach dem Bllche „Jvn Lwonaun" des Rabbi Naphtali Herz Wesel (Hartwig Weselly). ii. „Tiefe (die Anschö kneses hagdauloh) sagten 3 Dinge: Seid bedacht im Gerichte, stellet viele Schüler her und machet einen Zaun um die Goticslehre." Als mit dem Aufhören der Prophetie die „Männer der großen Versammlung" in ihrer Weisheit erkannten, daß nun der unmittelbare Z»- sammcnhang mit der Wallung Gottes, soweit er durch die Propheten vermittelt worden war, unwiederbringlich gelöst worden, lenkten sie den Blick der Volksführer auf 3 Grundprinzipien in der Verwirklichung des Gottesgesetzcs hin, von deren strikter Einhaltung der Fortbestand des jüdischen Volkstums bedingt ist: Gerichtsbarkeit, Schnlerausb i l d n n g und G c s e tz e s h n t. Die Gerichtsbarkeit erforde t ganz andere geistige Fähigkeiten, als die Erfüllung der Gesctzcsvorschriften sie bei jedermann verlangt. Wohl kann nur der Wissende ein treuer Diener Gottes sein, stellt doch eine jede auch noch so geringscheinende Gesehesvorschrift an sein Begriffsvermögen Ansprüche. Der Richter aber muß neben der genauen Kenntnis der Rechtsnormen auch noch eine ausgeprägte M e us ch c n k c nn t n i s besitzen und muß in strenger Selbstbeherrschung - seine Unparteilichkeit wahren. Während Israel nun in der Zeit bis zum Wiederaufbau des zweiten Heiligtumes in gottgesandten Männern eine Elite vortrefflich gearteter Richter besaß, schwanden in dem babylonischen Exil allgemach diese Vollnaturcn und die Anschö Kneses hagdauloh mußten mit Flachdruck ihren Zeitgenossen strengste Sachlichkeit im Gerichtsverfahren an's Herz legen, um die Gerechtigkeit auf der hohen Stufe zu erhalten, die ihr vom Gottcsgcsctzc cingeräumt ist. Nicht die Materie selbst — tiefes Eindringen in den Gesetzesstosf galt für selbstverständliche Gcpslvgeuheit des jüdischen Richters — sondern die Schärfung der Urteilskraft im Verkehre mit den Parteien vor der Schranke, schien des Hinweises zu bedürfen, und zwar um so notwendiger, je wechselvollcr die Zeitläufte sich gestalteten. Diese Unruhe der Zeiten veranlagte auch die Ausgabe des Losungswortes an die Gesetzeslehrcr, große Scharen von Schülern heranzuziehen. Unter dem Zustrome der Lernbegierigen mußten sich sicherlich auch solche finden, die nicht nur der Wissensdrang allein zu den Füßen der Lehrer trieb, sondern die auch von dem Geiste der Altvordern beseelt, ihre ganze Person willig in den Dienst der Forterhaltung des Gesetzes stellten, um dereinst selbst des Meisters Stelle einnehmen zu können. Dieses^System der Heranziehung von Schülern bildet bis auf den heutigen Tag den Grundpfeiler, auf dem die Erhaltung des Gottesgesetzes ruht und'Männer wie Schemaja und Abtaljaun, Hillel und Schammai sind die ersten lebenden Beispiele dafür, wie glücklich die Anschö kncses hagdauloh durch ihre weise Voraussicht das jüdische Volk gemacht haben. Die Verbreitung des Gesetzesstubiums allein konnte aus die Dauer nicht die einzige Fürsorge der Zeitheroen bilden. Fremde Einflüsse machten sich durch die Berührung mit fremden Kulturen im Judentume geltend, und um den Augapfel des Judentums ungeschwächt zu erhalten, und ihn vor Schäden zu schützen, um das Gottesgesetz ungetrübt dem Gottesvolke zu überantworten, mußten Schutzmaßregeln ergriffen werden. Schon in den frühesten Zeiten nach Mosche sahen sich die Erhalter des Gottesgesetzes zeitweilig genötigt, Gesetzesvorschristen, die vom Volke leicht übertreten wurden, zu umzäunen, um dem Straucheln in das Gebiet des Verbotenen vorzüveugen. Die Anschö kneses hagdauloh jedoch, hatten nicht einzelne Fälle, sondern eine ganze trügerische Welt zu bekämpfen, sie mußten gegen den heidnischen Abfall zu Felde ziehen, der durch das Eindringen griechischen Geistes ins Judentum drohte, dort Boden zu gewinnen. Tie Propheten waren nicht mehr, die mit der bezwingenden Macht ihrer Persönlichkeit das Volk hätten auf den rechten Weg zurückführen können. Das Nebel mußte an der Wurzel angesaßt werden, sollte es ganz ausgcrottet werden, dazu aber fehlten bis zu den Tagen der Hasmonäer die wagemutigen Kämpfer. Nicht Abwehr, sondern Einkehr predigten darum die Anschö kneses hagdauloh und indem sie selbst durch ihre Anordnungen im Gottesdienste und auf sonstigen Gebiete» das Vorbild für künftige Reorganisation des Gottesgesetzes und seine ungeminderte Verbindlichkeit für alle Zeiten gaben, sind sie als die Wicdererwecker heiliger Ueberzeugungstreue, die Retter des jüdischen Volkes bis in die entfernteste Zukunft geworden. Aus aller Well. Oesterreich-Ungarn. K. Wie«, 15. Mai. Das Schächtverbot. In der gestrigen Sitzung des Vorstandes der Wiener israelitischen K u l t u s g e in e i n b e gab der Präsident Tr. Alfred Stern auf eine Anfrage des Vorstandsmitgliedes Tr. Berger »ach dem gegenwärtigen Stande der Angelegenheit und den Schritte», die zur Verhinderung der Turchführung von den kompetenten Kultusbehörden getan wurde», folgende Erklärung: Tie .Knltnsgsmeinde habe — so sührte er am Schlüsse einer eingehenden historischen und sachlichen Darlegnng aus —, gegen den Beschluß des Gemcinderates eine Beschwerde an den Bürgermeister Tr. Lueger und eine zweite Beschwerde an die niederösterreichische Statthalterei gerichtet. Vom Bürgermeister sei am ö. d. eine Zuschrift eingelangt, in der es heißt, daß er der Beschwerde nicht Folge geben könne, da er verpflichtet sei, die Beschlüsse des Gemeinderates zur Turchführung zu bringen, so daß von seiner Seite eine Sistierung des Beschlusses nicht erfolgen könne. Von der Statthalterei sei bisher keine Entscheidung herabgelangt, doch wurde bisher allerdings das Verbot praktisch nicht durchgeführt. Rußland. Petersburg. Die Regierung hat für auswandernde Inden, die eine Auswanderungsbescheinigung der Ica vorzeigen, den Fahrpreis aufdenStaatsbahnen um 50°'« ermäßigt. Shitomir. Ueber die Veranlassung zur Beendigung der Gräuclszenen schreibt ein Christ in einem Privatbriefe, den der „Hannoversche Anzeiger" veröffentlicht: „Tie ungestümen Forderungen der beraubten und zu Tode gehetzten Juden haben schließlich Montag eine Kommission zusammentreten lassen, um Maßregeln gegen die herrschenden Gräueltaten zu ergreifen. Viele C h r i st e n, St ad tverordnete, Aerzte usw. sprachen ihre Entr ü st uns aus, und die ganze Versammlung begab sich zum Gouverneur, um Rechenschaft von ihm zu verlangen. Auf den Straßen flüchteten sich die Bauern vor der anrückenden stattlichen Menge. Ein christlicher Stadtrat namens Sagurski rief dem Gouverneur entrüstet zu: „Bei einer politischen Temonstration hätten Sie genug Leute gefunden, um die Menge zu zerstreuen, und nun, wo Leute in den Straßen gemordet werden, finden Sie keine Mittel zur Rettung!" Das Ergebnis dieses Ganges war, daß der Gouverneur eine Bekanntmachung erließ, wonach jeder Mensch arretiert werden sollte, der es versuchen würde, eine Menge um sich zu versammeln. Aber noch immer bekamen die Soldaten keinen Befehl, zu schießen. Erst nachdem Dienstag früh neue Verwundete nach dem Spital gebracht wurden und eine tausendköpfige Menge an das Gouverneurhaus heranrückte, nachdem mein Onkel gedroht hatte, ans die Soldaten zu feuern, um sie zum Schießen zu zwingen, ist der Befehl erteilt worden, und eine zweite Bekanntmachung brachte die Androhung von Waffengebrauch bei Zusammenrottung. Sofort wurden die Schandtaten eingestellt und die Bauern stoben auseinander. So wenig war dazu nötig und so lange ließ man uns morden, ohne dies einfache Mittel zu gebrauchen. Es hieß, man warte auf einen Befehl aus Petersburg!" Airs ven Vereinen. Frankfurt a. M. Letzten Samstag Abend fand eine Mitgliederversammlung des Vereins „JüdischeBibliothekundLe sehalle" statt. Nach dem Berichte des Vorstandes sind bereits 2000 Jk Beiträge gezeichnet worden, und ist die Zeichnung weiterer 1000 M. noch zu erwarten, ßiev Vorstand ist gegenwärtig bemüht, ein geeignetes Lokal zu mieten; er hofst, daß die Bibliothek und Lesehalle in Kürze der Oefsentlichkeit übergeben werden könne. — Die Mitgliederversammlung genehmigte dann die Statuten und wählte Herr» Referendar Tr. jur. Siegfried S ch >v a r z s ch i l d in den Vorstand. Wir benutzen die Gelegenheit dieses Berichtes um von dem Inhalte des Zirkulars, welches der Vorstand an das hiesige jüdische Publikum versandt hat, Kenntnis za geben. In dem Zirkulare heißt es: „Tie Indische Bibliothek und Lesehalle soll dazu bestimmt sein, die reichen Schätze der jüdischen Geschichte und Literatur den lveitesten Kreisen der jüdischen Bevölkerung unentgeltlich zugänglich zu machen. Tie neue Institution soll an ihrem Teil dazu beitragen, die Liebe zum Judentum durch Pflege der ruhmreichen Geschichte unseres Volkes und seiner Literatur zu erwecken und das jüdische Selbstbewußtein zu stärken: sie soll aber auch die Kenntnis an >em Schicksal unserer über den ganzen Erdball zertreuten Stammesbrüder geben und soll für alle das Judentum berührenden Fragen, Interesse und Verständnis zu erwecken suchen. Es ist daher beabsichtigt, einerseits eine Lesehalle einzurichten, in der die jüdischen Zeitschriften aller Sprachen und Länder aufgelegt werden sollen, andererseits eine Bibliothek anzulegen, die, zum Ausleihen bestimmt, eine Sammlung der besten Werke aus den Gebieten der Belletristik, Geschichte, Literatur, Philosophie und aller sonstigen Gebiete der jüdischen Wissenschaft darstellen soll. , Bei dieser Gründung hat uns vor allem das Vorbild der Jüdischen Bibliothek und Lesehalle in Berlin geleitet, die, vor 10 Jahren gegründet und aus kleinen Anfängen hervorgegangen, außerordentlich segensreich und ersprießlich gewirkt hat. Wie sehr diese Bibliothek und Lesehalle einem Bedürfnisse entsprang, ergibt sich daraus, daß sie für die zunehmende Benutzerzahl wiederholt zu klein wurde, und ihre Lokalitäten mehrmals vergrößern mußte. Auch hier iir Frankfurt ist es bei dem regen Interesse, das allen jüdischen Angelegenheiten, namentlich der jüdischen Wissenschaft, cntgegengebracht wird, nicht zu bezweifeln, daß die Gründung eines derartigen Institutes einem lebhaften Bedürfnisse entspricht. Wir freuen uns, konstatieren zu können, daß unsere Idee in den weitesten Kreisen bereits lebhaften Anklang gefunden hat und bereits zahlreiche Herren durch Beitritt ihre Sympathie bezeugt haben. Zur Erfüllung unserer idealen Aufgabe bedarf es erheblicher Geldmittel, und wir richten daher auch an Sie die ergebene Bitte, die gute Sache durch ihren Beitritt unterstützen zu wollen. Auch werden Bücherschenkungen schon jetzt dankend von Herrn Tr. F. Kauffmann (Börnestraße 41) entgegengenommen." Frankfurt a. M. Montefiore-Berein. Ter Vorstand des „Montefiore"-Vereins ist bereits eifrig mit der Zusammenstellung des Winter-Programms beschäftigt. Zur eingehendsten Beratung desselben har sich unter dem Vorsitz des Herrn Tr. I. Heine mann ein „Komitee für geistige Interessen" gebildet, welchem die Herren Berger, Frenkel, Mainz, Meyer, Singer oom Vereins-Borstand, sowie die Herren Tr. Jak. Horovitz, Tr. Jul. Hülsen, Dr. Karl Lehmann, Tr. Jak. Meyer, Tr. Rich. Merzoach, Raphael Weil! aus den Reihen der Mitglieder angehören. Wir können bereits Mitteilen, oaß ver Vorstand zum Herbst mit einer Reihe von Neueinrichtungen an die Oefsentlichkeit treten wird. Wie verlautet, wird demnächst zur Eröffnung der c'anen-Saiso» eine Abendunterhaltung stattsinden, zu velcher den Mitgliedern eine Einladung rechtzeitig zngehen wird. Wie». Der Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten hatte Ende 1904 in seiner Obhut 690 Zöglinge. Ter Vorstand hat mit der Baron Hirsch-Stiftung und mit dem Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien «in Uebereinkommen dahingehend getroffen, daß er eine größere Anzahl Zöglinge aus Galizien unter seine Aufsicht nimmt und zwar einen Teil gegen Vergütung der Kosten, einen Teil auf Rechnung des Vereines, um diesen galizischen Knaben die Erlernung eines Handwerkes zu ermöglichen. Dem Vereine sind im Berichtsjahre namhafte Kapitalien zugeflossen, doch zeigt dieses er - sreuliche Bild auch seine Schattenseite, denn die Subventionen haben sich vermindert und auch die Mitgliederzahl erscheint geringer. Es ist dies jedoch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, daß der Verein es trotz 46jähriger segensreicher Tätigkeit und eifriger Propaganda — in dem 150000 jüdische Seelen zählenden Wien — nur auf 500 Mitglieder gebracht hckt; — wahrlich, ein Armutszeugnis für die Juden der schönen Tonaustadt! Philadelphia (Nord-Amerika), den 30. April. Goldenes Jubiläum. Tas jüdische Pflegeheim und Waisenhaus in Germantown feierte heute sein goldenes Jubiläum. Zn der heutigen Jubiläumsfeier hatten sich die Freunde und Gönner der Anstalt in großer Zahl eingesunden. Bei der Bormittagsfeier unterhielten die Kinder dir