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Neue jüdische Presse · 1905-05-19 · Heft 19 (19.5.1905) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 19 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ZimrtkfHtrter 3frnrlitifdirs familiniHitt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— MedaKtton imd Frankfurt a. M.. Leiligkreuzgaffe 32» Ecke Rlapperfeldstraße Hetefon 10507. -H&-J— - Herausgeber: Kalg Heis. JnsertionSpreise: Tie viergespaltene Petitzcile.25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 3. Jahrgang. Freitag, de« 14. lyar 5665 (19. Mai 1995). Ro. 19. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Der zweite Akt Kischinew's. — Wir und die Andern. — Aus aller Welt. — Personalien. — Korfiotische Juden. — Feuilleton: Kadimah (Ostwärts), Erzählung..von Samuel Gordon. — Vakanzen. — Familiennachrichten. Der zweite Akt Kischinew's. ' Aus vielen Orten Rußlands werden grauenhafte Exzesse gegen die Juden gemeldet. In Schitomir — so lauten die. letzten Schreckensnachrichten — wurden am 7. und 8. ds: Mts. 18 I uden ermordet Und in bestialischer Weise v e r st ü m m e l t, sodaß nur ein Student namens Weinstein 'hat identifiziert werden können, und 100 Inden »er» w n ndet — darunter -50 schwer —. In den ärmsten Stadtteilen Podol, Starowilskaja und Pawlikowla wurden' f a ft a l l e j ü d i s che »Häuser demolier t. Das entsetzliche Treiben der Zerstörer und Mörder geschah vor den Augen der Polizei und des M i l i t ä r s. Tie Juden verteidigten sich, soweit sie nicht von der Polizei daran gehindert wurden, h c l d e n h a f t: sonst wäre das Maß des Zerstörens und Mordens um das Fünfiache gestiegen. . In Trijanowia, einem Städtchen bei Schitomir, wurden 11 tapfere, hochherzige jüdische Jünglinge aus Tschutnuw, die nach Schitomir geeilt waren, um ihren gesährdeten Brüdern bei ihrer Selbstverteidigung beizustehen, erschlagen. In Dusjat, in Melitapol.... Aber wozu das Auszählen und Erzählen? es wird einem dunkel vor den Augen, und vom Schmerze überwältigt stockt die Feder. * Bedarf es noch des Beweises, daß die russische Regierung ihre sauberen Hände iitz Spiele hat und sich des „Jodenu, schofchu es hadom hanoki haseh“ rühmen kann? — Als die furchtbaren Gräuel in Kischinew verübt wurden, wollte fast niemand glauben, daß diese Tragödie ein Werk der Regierung gewesen sei; — denn, wie weit muß eine Regierung heruntergekominen sein, die zu solchen für sie selbst am meisten gefährlichen Mitteln greifen muß? Allein die klassischen Prozesse Kischinews und Hömels — trotz aller Vertuschungen und Verdrehungen seitens der »ach Wahrheit durstenden Richter und Behörden — haben zur Evidenz bewiesen, daß die Exzesse ein Machwerk Plehwe's waren, das weiß und wußte alle Welt innerhalb und außerhalb Rußlands. Man wußte es — und daher sagte man sich mit Bestimmtheit, die Regierung wird ein gleiches Schauspiel zum zweiten Mal-nicht wagen. Und doch hat es die Regierung zum zweiten Mal gewagt; und dazu noch an solchen Plätzen, an welchen nach übereinstimmender Aussage der russischen Presse ein friedliches .Verhältnis zwischen den Juden und ihren Mitbürgern herrschte. IInd wenn.es je ein grundloses Mordengegeben hat,.so ist es das Morden von Schitomir! In Kischinew war die Bevölkerung, die auf eznem etwas niedrigeren kulturellen Niveau steht und auch bunter geartet ist, monatelang von der antisemitischen, blutrünstigen Zeitung „Besarabez" gegen die Juden anfgehetzt worden, und — wie bekannt — ging der Mob Kischinews in erster Linie nach der Habe der Juden aus. Tie Bevölkerung Schitomirs dagegen wurde von der liberalen Zeitung „Wolin" zur Eintracht erzogen. (Es ist bemerkenswert, daß diesmal trotz ihrer Betrunkenheit die Exzendenten, die sich in den, trotz des gegenteiligen Ersuchens des Magistrats geöfjneten Schnapsläden der Regierung angetrunken hatten, vom Plündern fernhielten.), und niemand wollte glauben, daß in Schitomir planmäßig organisierte Exzefle stattsinden können. „Tie Juden", sagte auf der Polizeiwache der Anführer der Horde, „wollen den Boden von uns wegnehmen und unter sich verteilen r sie sind gegen den Kaiser und wollen alles an sich reißen, und das können wir unmöglich zugeben." Also von einem inneren' Haß gegen die Juden, der sich bis zum Totschlag versteigt, kann da keine Rede sein. * . All' dies tut die Regierung zu einer Zeit, wo sie durch den Krieg und die innere Wirren so sehr geschwächt dasteht. Und wen» sie für die Juden nur Katastrophen hat, während sie sämtlichen andern Nationen Reformen gewährt, geschieht es deswegen, weil sie die physische Schwäche, die Uneinigkeit und daher H ü l f l o s i gk e i t der I u d e n ke u n t. Sie weiß, daß es kein jüdisches Zentrum gibt, a u s d e in e i n k r ä f - t i g e s W o r t f n r d i e I u d e n e i n g e l e g t >v e r - den kau», sie w e i ß a u ch, daß eine ein - h e i t l i ch c, z i e l b c w ii f; te Politik der I ud e n aller Länder nicht v o rh a n den i st, sondern, daß vielmehr jeder Jude seine besondere Politik macht: auch darüber ist sie sich nicht inr Zweifel, d a f; a ii ch , we n n K i schilt e w s u n d S ch i t o .m i r s s i ch u o ch s o o s t w jede r h o l e n iv e r d e n, trotzdem d i e j ü d i s ch c n Finanziers ihr ihre Millionen nicht v o r e n t h a l t e n werden zum Bedarf der Ausrechterhaltung des Heine:ischen Regierungssysteins und zur Bereicherung der an der Staatskrippe sich nährenden Behörden. Wenn nun also der russischen Regierung all' dies bekannt ist — und es' ist ihr bekannt — was soll es da wiinderuehmcn, wenn eine kluge Regierung, die von der Tuinmheit der Muschiks lebt, dieseir zur Ablenkung von ihrer verzweifelten Lage nicht wenigstens ab nüd zu ein paar hundert Juden, die bei allen Völker» und gegenüber allen Parteien die ewige Rolle des Prügelknaben spielen, hinopfern? (Zur Not genügen ihr wohl auch, da wo keine Juden auszutreiben sind, h ü lfl o se Armenier.) Macht sich doch der Muschik dabei ein wenig Luft und dankt es Väterchen für lange Zeit, daß er einmal nach freiestem Wollen seine Bestie befriedigen Und den großen, über Leben und Tod entscheidenden Herrn über noch schlechter gestellte Menschen als er spielen darf. Tas Alles ist begreiflich, — was aber unbegreiflich bleibt, ist die Tatsache, daß das Am cliochojn wenowaum, d a ß das sanft i in Dien ste der anderen Völker so weise und v e r n ü n f t i g e V o l k I s r a e l a n s s e i n e r a ch t z e h n h u n d e r t j ä h r i g e n Erfahrung n i ch t s l e r n e n w i 1 l u n d — n o ch i m m e r a n s die Gnade der Völker rechnend — s i ch s e t b st das Verderben bringt! Schalmaun. jRachdruck verboten.) Wir und die Andern. Von Aaxims Le Maitre. n. Die Erkenntnis res Verhältnisses zwischen Armut und Reichtum im Lichte des Judentums entbehrt so wenig einer Voraussetzung, wie die Erkenntnis aller anderen Dinge. Tie Erklär, ng für alle das Judeiitiim betreffende Fragen ist Gott. Nirgends hat die Idee des absoluten Gottes aus eine Kultur so stark eingcwirtt, wie auf das schicksalsreiche, wechselvolle Werden des jüdischen Volkes, wiewohl es „freisinnige Israeliten" vom Schlage Lublinsky durch allerlei ideologische Kniffe in Abrede zu stellen bestrebt waren.') Wollen wir das Verhältnis zwischen Armut und Reichtum im Judentum untersuchen, so müssen wir zuerst das Verhältnis des jüdischen Individuums zu seinem Gotte erkennen. Diese Erkenntnis ist uns gewissermaßen ein Schlüisel zur Erklärung und Lösung der hier angeschnittenen Frage. Das frühe Christentum hat die Gleichheit aller Individuen vor Gott gelehrt, daraus ist das Ehristentum stol-, die französische Revolution hat die Gleichheit aller Individuen, „Staatssubjekie", vor dem Gesetze gepredigt, das bildet ihre Glorie, kl n d das Judentum lehrt beides: Die Gleichheit aller jüd. Individuen vor Gott, d i e G l e i ch h e i t aller Juden vor dem j ü d i - s ch e u G e s e tz. Daß das Judentum diese religiöse und rechtliche Gleichheit nicht bald ans die gesamte Menschheit ausgedehnt, darf beim streng nationalen Charakter des Judentums nicht Wunder nehmen. Tas Judentum steht nur in einem direkten Verhältnis zu seinen Trägern.- Eine zweite Voraussetzung für eine Möglichkeit der Erkenntnis' obiger Frage ist eine göttliche Eigenschaft (Attribut), die Friedensliebe. „Tie Wahrheit und den Frieden sollt ihr lieben", so heißt es an einer Stelle und diese Liebe zum Frieden im Judentum konnte nicht ohne günstige Folgen auf das soziale und wirtschastliche.Leben der Juden bleiben. Diese Friedensliebe und Freude am Frieden im Judentuni mußte trotz der alten Erkenntnis vom Kampf um's Recht, dazu beitragen, der Verschärfung und Zuspitzung sozialer und wirtschastlicher Gegensätze vorzubeugen. ') Tie Entstehung des Judentums. Von S. Lnblinsty. Berlin 1903.

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