Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-03-31 · Heft 13 (31.3.1905) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692422--01534-2696059
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

. Seite 10. .. Die Reform, welche den nationalen Charakter des Judentums verleugnet, fördert lediglich die einer fremden Konfession entnommene tote Rcligionsiorm, die keinen Boden im Judentum hat; sie wolle ein. neues Christentum schassen. Der christliche Reformator Luther wollte keineswegs die historische Basis eines Kultus reformieren, denn diese kann nicht durch eine neue ersetzt werden. Unsere Reformatoren dagegen suchen die Basis zu reformiere», infolgedessen haben sie einzig und allein de» Unglauben an die nationale Grundlage des Judentums erzeugt, das den Jndifferentisnius und den Abfall zur Folge hatte. Sie flicken nur am Mtcn herum und konnten Neues nicht schaffen, weil dem Ncugeschaffcncn iinmcr etwas zu Grunde liegen must. Aus nichts wird nichts. Das Judentum ist nichts anderes, als ein nationaler Kultus. Alle Borschristen des Talmuds, alle Freudeunnd Trauerfeste, der ganze jüdische Kultus und fein grostcr Einfluß auf das häusliche Lebe« der Juden, habe ihre Begründung im Patriotismus des jüdischen Volkes. Die Reformatoren betrügen andere und sich selbst, indem sic daS Judentum nicht als eine Nationilität, sondern tosmopolitisch anffassen. Die Reformatoren, die keinen Grund für ihr Festhalten am Judentum haben, meinen nun, d,c Juden müssten ini Exil verbleiben, um den reinen Theismus zu verbreiten, de» intoleranten Christen Toleranz zu lehren und die Einheit von Lehre und Handlung geltend zu machen. Sic übersehen, daß die Juden dies alles auch dann besorgen könnten, wenn der jüdische Staat schon wieder hergcstellt ist. Denn ebenso, wie bei der Rückkehr aus der babylonischen Verbannung nicht sämtliche Juden nach Palästina gingen, wird es bei der nächsten Restauration dcS jüd. Volkes sein. Die Einheit von Lehre und Leben können sie erst recht nur dann zur Wahrheit niachen, wenn sie einen Staat haben, in dem sic sic in ihren Jnstntitone» verwirklichen. Es wird nun behauptet, die Emanzipation der Juden fei nicht vereinbar mit jüd. Nationalität. Der Jude niüsfc nicht nur bürgerlichen Pflichten übernehmen, sondern seine Rasse, seinen Stamm und seine geschichtlichen Erinnerungen verleugnen, um deutscher Bürger werden zu können. — Dagegen ist einzuwendc»: Selbst wenn die Jude» schon ein Land hätten, würden ihre Mitglieder, die sich in ander» Länder» ansässig machen, gegen Ueberiiahme der . bürgerlichen Pflichten das Bürgerrecht beanspruchen dürfen. ES genügt schon, daß man in einem Land geboren ist, um Bürger werden zu können. Die einzige Lösung der. Judcnfragc ist die Erlangung ihrer Selbständigkeit im heiligen Lande! Frankreich ist cs, lvclches unser Volk in das Geleise der Weltgeschichte hebt. Im Orient wird alles geebnet, der Weg der Kultur wird gebahnt durch Kanalarbeiten am Isthmus von Suez und durch Eisenbahnen, die Asien und Europa verbinden. Ist dies alles nicht eine Verwirklichung der Prophezeiung Jesajä's? Frankreich muß ein Interesse daran haben, daß die Straste nach Indien und China durch Völker besetzt wird, die die Kultur dort hinüber leiten können, und dazu ist das jüdische Volk das geeignetste. (Das hat sich bekanntlich nicht bestätigt.) Sollen die Juden gesunde Arbeiterverhältnissc haben," so müssen sic einen freien heimatlichen Boden haben. Der gesellige Mensch bedarf zu seinem 'Gedeihen eines wellen, freien Bodens, sonst ernährt er sich nur von fremder Produktion. Bei den Juden must weit mehr als bei andern 3Nationen die nationale Selbständigkeit dem politisch-sozialen Fortschritt vorangehen. Erfh wenn sic einen heimatlichen Boden haben, wird sich die jüdische Volksmasse an der geschichtlichen modernen Bewegung der Menschheit betelligen können. Unter allgemeinem Beifall schloß der Redner seinen Bortrag, der ein sehr insttukttves Bild des Heß'schen Buches gab. Mannheim. Jüdisches Kinderfest. Die zionistische Ortsgruppe veranstaltete am 24. d. M. zur Feier des Purimfestes ein großes jüdisches Kinderfest in den Sälen des Apollo. Bereits lange vor Beginn des Festes waren die Galerien des großen Saales mit den Eltern der Kinder überfüllt, die gekommen war«:, ihre Kleinen feiern zu sehen. Ein wundervoller Anblick war's, ■ als unter den Klängen der Musik 500 bis 600 Kinder in geschlossenen Reihen, in Altersgruppen eingeteilt, in bunter Maskerade und mit wehenden Fähnchen in den jüdischen Nationalfarben, in den großen Saal einzogen. Wir. müssen gestehen, daß eine wunderbare Ordnung herrschte und daß die Veranstalter auf d.as Gewissenhafteste ihre Aufgabe vorbereitet hatten, allen Kindern bis zu den kleinsten Däumlingen herunter' gerecht znwerden. Die Darbietungen durchweg jüdischen Inhalts und alle auf das Fest bezüglich, erfolgten ausschließlich durch Wnder. Die aber brauchten keinen Souffleur! 'lind spielten famos! Dazwischen erfolgte eine Bewirtung aller Kinder mll Chokolade und Kuchen durch ein eigenes Damcn- Äomitec, die geschmackvoll als Zimmermädchen gekleidet waren. Eine lang ausgedehnte Polonaise mit Cotillon, von all den vielen Kindern gegangen, beschloß das Fest, das bei allen Anwesenden einen vortrefflichen Eindruck zurückließ. Berlin. Das Centralbüreau der Zionistischst Bereinigung für'Meutschlandibestndet sich'vom 1. April Frankfurrer Israelitisches Familienvlarr. d. I. ab Berlin W. 66, Mauerstr. 2, III. Telefon- Amt I. 5l81 (durch Pielmann n. Schußler). . Ptzllippopel 'Bulgarien), den 2«. März. Der zionistische Frauen verein „Benot Zion" veranstaltete Vorigei, Mittwoch eine Purimfeicr im ziomstischen Klub. Ter große Saal war gefüllt, so daß viele der Gäste in den Nebenzimmern Platz nehmen mußte». Die.Feier begann »nt einem wohlausgcarbeiteten Vortrag von.Fräulein Rebekka Calew. «le iprach über die Bedeutung der Frau iin Judentunl mit Bczugnahiiie auf historische .Frauengrößen. Besonders betonte Rednerin den Einslnß der Mutter aus die Erziehung der Kinder, welcher bedeutend größer ist, als der des durch materielle Sorgen in Anspruch genommene Vaters. Ergänzt wurde der Vortrag pmrch ein. auf ihn folgendes Zwiegespräch zwischen Mutter und Kind, wobei cs der verständigen Mutter vorzüglich gelang, das Kind für das Judentum und" den Zionismus zu begeistern. Es folgte daun eine Anzahl Deklamationen meist belustigende» Inhalts. Das Mandolincnorchcster spielte hauptsächlich bekannte hebräische Lieder. Zum Schlüsse wurde wie hier bei jeder Gelegenheit für den Nationälfonds gesammelt. Das Erfreuliche bei dieser Feier ist, daß viele fernstehenden Daincn dem Vereine als Mitglieder beitraten. Personalien. Frankfurt a. M. Am 28. März beging die Schuhwarenfirma I. S p e i c r ihr 25 j ä h r i'g e s' Gcschäftsjubiläu m. Die Firma beschenkte aus diesem Anlaß jeden Angestellten mit einem vollen Monatsgehalt und überwies einer großen Anzahl von Vereinen und Wohltätigkeitsaustalte» namhafte Summe» zur Verteilung an Arme. Die Hauptseier fand am Vormittag in den Geschäftsräumen statt, die Nachfeier nachmittags in der Privatwohnung "des Sjcrrii I. Spcier. Berlin, Der am 18. ds. Mts. im 55. Lebensjahre verschiedene Kommerzienrat Ferdinand M a n n h c i »i e r (i. Fa. V. Mannheimer) war Mitglied der Handelskammer, Beisitzer des Landesversichcrüngs- und des Reichsversicherungsamts und Mitglied des Kuratoriums der städtischen Wcbeschule. Berlin. Das Stipendium der ersten M i ch a e l B c c r s ch c n S t i f t u » g im Betrage von JL 2250 zu einer einjährigen Studienreise nach Italien wurde dem Bildhauer Leopold Flcischhackcr- Charlottenburg, aus Felsbcrg (Kassel) gebürtig, Sohn des Herrn M. Flcischhacker in Frankfurt a. M., znerkannt. Berlin. Der dirigierende Arzt der inneren Abteilung des Israelitisch e n . K r a nke n - h c i m s der Adas; Jisrocl (Chewra Kudischa) Herr Privatdozent D r. Ferdinand B l u m c n t h a t, Sohn der Herrn Geh. Sanitätsrats Dr. I. Bluiuriithal, ist zum Professor ernannt worden. Krotoschi» (Posen). Bei der Borstgudswayl für die Synogogengeiiieinde wurden gewählt: Kommerzienrat Hepner, Destillateur Wagner und Ziegcleibesitzcr A u e r b a ch. Zürich. Aus N e w - N o r k kommt die Kunde vom Tode des ursprünglich aus Lcngnan gebürtigen Herrn M c y e r G u g g e n h e i m. Derselbe war im Jahre 1848 als blutarmer, junger Mensch nach'Amerika ausgewandert, war bis 1888 in Philadelphia domiziliert, von da an in Newyork. Ein glücklicher Stern waltete über seinem Schicksal in der neuen Welt. Meyer Guggenheim ist in Amerika zu hohem Ansehen und zn enormem Reichtum gelangt. Aber seine Heimat hat er nicht vergessen! Von ihm und seinen Söhnen stammt die Gabe von Fr. 30 000, welche den Grundstock bildete, zum Baue des schweizerisch-israelitischen Altersasyls zn Lengnau. Er hat erst noch vor kurzer Zeit — wiederum gemeinsam mit seinen Söhnen — dem Asyl den jährlichen Beitrag von 800 Dollars zugewendet. Sein Andenken .wird unter der schweizer Judenheit ein dauerndes fein! ••_ Aus den Vereinen. Stratzburg i. 8ls. Vorige Woche hielt der Ausschuß der vor kurzem gegründeten Gesellschaft für die Geschichte der Israeliten in Elsaß-Lothringen seine erste Sitzung ab. Es wurde beschlossen, in den einzelnen Gemeinden Vertrauensmänner zn ernennen, welche das vorhandene Material auszusuchen und ausführlich zu beschreiben hätten. Sobald ein vollständiges Verzeichnis vorliegt, soll behufs Unterbringung der Schriftstücke mit der Kaiserlichen Landesbibliothek in Sttaßburg wegen Ueberlassung eines geeigneten Saales in Verhandlung getreten werden. Dort sollen auch wertvolle gedruckte Werke über die Geschichte und Literatur der Juden in Elsaß-Lothringen zur Aufbewahrung . gelangen,. hauptsächlich Sammlungen jüdischelsässischer und französischer Zeitschriften, von denen die Landesbibliothek nur eine geringe Anzahl besitzt. Vonv. Am 19. ds. Mts. tagte hier die Generalversammlung des Verein Jsr. Krankenhoim Bad Neuenahr. Dem Berichte des Vorstandes ist zn entnehmen, daß im Jahre 1903, an insgesamt 529 Verpflegungstagen 25 Personen und im Zähre 1904 an 610.Werpflegungstagen 30 Personen statutengemäß vollständig freie.Verpflegung und unentgeltliche ärztliche Behandlung gewährt wurde. Leiber sind 'Jh. 13. die Mitgliedsbeiträge und die Geschenke im letzten Jahre wesentlich zurückgeblieben; der Eingang an Mitgliedsbciträgen (JL 1212) und Geschenke (.L 2938) betrug nämlich im Jahre 1902/03 in Summa Mark 4150, dagegen 1903/04 nur JL 2386 (JL 1107 und JL 1274). Trotz dieses ungünstigen Slbschlusses will der Vorstand (Vorsitzender: Raphael Ettlinger, Frankfurt a. M.) diesen Sommer wieder der gleichen Anzahl Kranken wie im verflossenen Jahre die Wohltaten des Vereines zu Teil werden lassen. WirlegendenVereinderWohltätigkeit des Publikums dringend ans Herz. Aus der Lehrerwett. Müschen. Am Schluffe des Schuljahres 1901/02 waren in Bayern vorhanden: 121 jüdische Lehrkräfte in Gymnasien und Realschulen (»eben 2669 christlichen), 57 jüdische Lehrkräfte in höheren Töchterschulen (neben 1940 christlichen) und 175 jüdische Lehrkräfte in Volksschulen (neben 27 364 christlichen). 1662 jüdische Kinder besuchten Gymnasien und Realschulen, 1370 höhere Töchterschulen und 4916 Volksschulen. Die Zahl der christlichen Kinder in diesen Schulen war 33 100, bezw. 14 341, bezw. 633 959. Schönsee i. Westpr. Der hiesigen jüdischen Gemeinde ist vom K u l t u s m i n i st e r i n ni der Bescheid zugegangen, das; ihrem Gesuche um Einrichtung des jüdischen Religionsunterrichts für die^. israelitischen Schüler der hiesigen Volksschule von Staats wegen nicht entsprochen werden kann. Nach dem Gesetze über die Verhältnisse der' Juden bleibt es vielmehr der Religiostsgemeinde überlassen, dafür zn sorgen, daß die jüdischen Kinder des Religionsunterrichtes nicht entbehren. Matze« (Rheinprovinz). Am I. April wird Herr E. N a t h a n sein 2 5 j ä h r i g e s Jubiläum als Lehrer und Kantor der hiesigen Gemeinde feiern. Stettin. Am 19. März feierte Herr Rabbiner Dr. Vögelst ein sein 25jähriges Amtsjnbiläum. Hohenems (Tirol). Rabbiner Dr. Tänzer hat seinen Amtssitz von Hohenems nach Meran verlegt. Bollesö (Ungarn». Unter überaus großer Beteiligung der Gemeinden Bollesö, Nemsora und Prußka fand aus dem hiesigen guten Ort die Bestattung des in Hamburg so plötzlich verschiedenen Rabbiner Bernhard Blumgrund statt.. Der altehrwürdige Dr. Diamant, Oberrabbiner zn Trencsön, der Jugendfreund und Studiengenosse des Entschlafenen Rabbiner Dr. Funk-Poßony und der Verwandte Advokat Dr. Böla Blumgrund-Budapest sprachen die Worte' des Mschiedcs. Aus Kuust und Wissenschaft. Eise Heilsbotschaft. Professor Josef Levi in Mailand zeigte dieser Tage seinem Souverain, dem König von Italien an, daß er glaube ein jodhaltiges Heilmittel" gegen die Tuberkulose gefunden zu haben. Wenn es uns auch freuen würde, im Falle der endgilttgen Bestätigung und nach standgehaltener Prüs- und die Verdienste der Juden um die Heilkunde uni eines vermehrt zu sehen, geben wir doch mit aller Reserve folgenden Bericht unseres römischen -e- Berichterstatters wieder. Er schreibt: Rom, 27. März. Professor Josef Levi in Mailand, von dessen Heilmittel gegen die Tuberkulose berichtet wurde, glaubt eine völlige Heilung der Tuberkulose erreicht zu haben. Er machte unter Aufsicht der technischen Kommission Tierexperimente in Mailand, und es glückte ihm, wie er sagt, nachzuweisen, wie die Heilung der Tuberkulose erkrankter Teile vor sich geht. Bei Menschen habe er völlige Heilung in schweren Fällen, und zwar in kurzer Zeit, erreichen können. Vor seiner Wreise ins Ausland teilte er dem König in einem Briefe mit, daß er durch Anwendung einer Jodkur die vollständige Heilung der Tuberkulose bei Tieren und Menschen erreichen konnte. „Es ist in der Tat bekannt," sagt Levi in dem Brief, „daß das Jod die Eigenschaft besitzt, unverzüglich den aktivsten und tätlichsten Virus in Impfstoff zu verwandeln. Hieraus folgt, daß ein tuberkulöser Mensch fähig werden kann, aus sich heraus und in sich selbst eigenes Heilserum zu erzeugen, wenn dieses Jod im Blut zirkulieren kann. Und gerade das habe ich mit meiner neuen Methode erreicht." Levi ist Direktor der Klinik an der Tierarzneischule in Mailand/ Das Heilmittel gegen Tuberkulose des Professors Levi besteht aus einer allottopischen Jodlösnng, welche, mittelst-Einspritznngen unter die Haut ins Blut eingeführt, mit der ganzen Kraft des Jod antiseptisch wirkt, zum Unterschiede von einfachem Jod, welches bei Berührung mit Blut seine antiseptische Kraft fast vollständig verliert. Levi machte zunächst unter der Aufsicht der städtischen Aerzte des Mailänder Schlachthauses Heilversuche an tuberkulösen Rindern mit vollständigem Erfolg und darauf an Menschen mit gleich guter Wirkung. Nach 30 bis 50 Einspritzungen, ist die Heilung vollständig. Die durch die Tuberkulose hervorgerufenen Läsionen vernarben und es wird nenes gefundes Gewebe.angesetzt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.