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Neue jüdische Presse · 1905-03-31 · Heft 13 (31.3.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage M Nr. 13 des Frankfurter JsmelUchea FamiliMattes. Inhalt der BeUage: Artikel: Ueber Chassidismus. — Aus der zio nistischen Bewegung.— Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus derLehrerwelt. — Kunst und Wissenschaft. — „Jüdische Jugend." / Uever Chassidismus. Salomo« Schechter: DieChassidirn. Eine Studie über jüdische Mystik. Aus dem Englischen übersetzt von Olga Tausig-Leipzig. (S. 93. Jüd. Verlag, Berlin 1904.) Sehr richtig bemerkt der Verfasser, daß in der gesamten theologischen Literatur kaum noch eine religiöse Bewegung so verkannt oder ignoriert wurde, wie die des Chassidismus; während er doch — int Vergleich zu den anderen sektierischen Bewegungen aus verhältnismäßig neuerer Zeit — eine geradezu überraschende Vollständigkeit der Entwicklungen aufweist und einen an anregendem Material überreichen Lehrgehalt darbietct. Aus diesem Grunde — der insbesondere für die w e st e u r o p ä i s ch e n Juden maßgebend und zutreffend ist — erachten wir es für angemessen, hier die markantesten Stellen des vorliegenden Buches folgen zu lassen, in denen das Wesen und die Entstehung des Chassidismus kurzzügig dargelegt werden. Der Chassidismus bedeutete — jedenfalls in seinen Anfängen — „eine Auflehnung unter den . Juden des ö st lichenE uropas gegen die ü b e r - triebene Kasuistik der zeitgenössischen Rabbincn" und >,war nichts Geringeres als eine neue Kundgebung des inbrünstigen Verlangens des Menschen- . Herzens nach der Gottcsidee und seines unaufhörlichen Sehnens nach unmittelbarer Gottesgemeinschaft, der P r o t e st c i it e r i m p u l s i v e n, aber unerzogenen Masse gegen eine einseitige, ihr in kalten, übermäßig subtilen Forschungen dargebotene Darstellung des Judentums, die sie nicht ' allein nicht verstand, sondern die auch alle Entfaltung ihrer religiösen Gefühle und Erregungen ausschloß, sodaß ihr die Religion fast unmöglich gemacht worden toar". (S. 6—7.) Der Verfasser weist nun auf die unter dem Namen der P i l p u l i st e n allgemein bekannte kasuistische Schule hin, die im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert in Blüte stand. Den Autoren dieser Zeit bedeutete, mit einigen wenigen ruhmreichen Ausnahmen, die' überkommene jüdische Literatur nicht einen „Brunnen lebendigen Wassers", der die Menschen mit Wahrheit und religiöser Begeisterung versorgte, sonderri eher eine Art Rüstkammer, die sie mit juristischen in der fernen Zukunft liegenden Fragen versah, über die man Wortgefechte führen konnte! Es war-nur natürlich, daß sie infolgedessen wenig oder gar nichts von dem Teile der jüdischen Literatur hielten, der weniger vom Verstände als vom Gefühl sprach. Kurz: die Religion bestand nur noch aus komplizierten Fällen, in denen der Witz dieser Männer sein Entzücken fand. Der vom Gemüt sprechende Teil aber, dessen Wurzeln Glaube und Menschenliebe sind, fiel fast vollständiger Vernachlässigung anheim. (S. 30.)*) „Es war daher auch nicht zu verwundern, daß eine Auflehnung gegen dieses Uebcrmaß des Jntellek- . tualismus ausbrach und sich besonders in den Gebieten entwickelte, in denen die Bevölkerung ihrer ■ Veranlagung nach unfähig war, die Wonne des Argu- *) Verfasser legt ausschließlich den Schwerpunkt aus das Aufbäumen der Massen gegen das Kasuistische und auf das Bedürfnis der Massen, ihr Gefühlsleben zum Ausdruck zu bringen. Er ist in dieser seiner Auffassung zu einseitig und treibt sie außerdem noch auf die Spitze. Wäre dieses Moment der einzige Faktor, der für die Entstehung des Chassidismus maßgebend war, dann hätte dieser in den ' Gegenden entstehen und sich ausbreiten müssen, wo die Pilpulistit in Blüte stand) nicht aber in den Gegenden, wo gerade das „Amhorazus" herrschte. 'Unseres Erachtens ist für das Entstehen des Chassidismus, der. ja das Hauptgewicht auf Awaudoh '(Gottesdienst) legt, die Auflehnung der reichen „Amei hooroz", die trotz ihres Geldes bis dahin nicht zur Geltung kommen konnten, gegen die Macht und das Ansehen der „Gelehrten-Aristokratie" ein, nicht zu 'verachtender Faktor gewesen.' Die Redaktion. mentierens zu schätzen." (S. 33.) Diese Bevölkerung bildeten nun die Juden in den Gegenden, die an das Karpathen-Gebirge grenzen und die Fürstentümer der Moldau und der Wallachai, der Bukowina und der Ukraine umfassen. „In diesen Gebieten geistiger — und vielleicht können wir sogar sagen geistlicher — Finsternis war es, wo der Chassidismus seinen Aufschwung nahm und seine ersten Erfolge errang." So „verdankt der Chassidismus sein rapides Wachstum der — im Vergleich mit der intellektuellen Fruchtbarkeit anderer Gegenden, in denen Juden eng beisammen wohnten — überaus großen Geistesarmut dieser Distrikte. Tie rumänischen Juden standen bis zu einem gewissen Grade unter der Geistesherrschaft der Rabbiner von Polen. Nun waren die Polen selbst in Deutschland wegen der sorgfältigen Ausfeilung ihrer Kasuistik berühmt. Jene zu Subtilitäten allzu sehr hinneigenden Rabbinen, die voller Entzücken >an ihren sophistischen Wortspielen waren und die Religion zu einer bloßen Sammlung endloser juristischer Spitzfindigkeiten und aller Art von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten herabwürdigten, waren nur zu geneigt, die Ansprüche des Gefühls über ihrem eifrigen Wunsche, alles in Zweifel zu ziehen und zu rubrizieren, ganz zu vergessen. Männern ihrer Eigenart mögen sie allerdings in geistlichen Angelegenheiten recht gute Führer gewesen sein; ihren rumänischen Brüdern aber waren sie nicht von Nutzen, denn diesen blieb die Religion im Gewände der Kasuistik unerkennbar fremd." (S. 32 bis 33.) Und so mußte hier eine Reaktion eintretcn, die einen Fortschritt bedeutete: es erscholl bald der Protest gegen das Unterdrücken und Verstümmeln 'des Gefühls zu Gunsten der klügelnden Bermtnst. .„Das Feld war bereit, und als die Zeit sich erfüllte, jkarn der Säer in der Person des Baal-Schern."^) Es muß hier bemerkt werden, daß in dieser Ansicht von der Wirksamkeit der polnischen Rabbinen eine Unterschätzung ihrer Lei st ungen auf dem Gebiete der talmudischen Jurisprudenz liegt. In dieser Disziplin haben sie viel Ersprießliches und Wertvolles hervorgebracht. Das gibt auch Schechter zu und sagt: „Zweifellos findet sich in obiger Beurteilung der polnischen Rabbinen ein wenig Uebertreibung. Aber" — meint er ferner: „Sie kennzeichnet recht gut die Ansicht der Chassidim über ihre Gegner." (S. 33.) „Auch die Chassidim übertreiben, und es ist daher besser, von ihrem Anklagen wenig Notiz zu nehmen." (S. 9.) Sehr fein illustriert nun der Verfasser die wesentlichen Unterschiede in den Idealen der zwei Parteien — durch die biographische Literatur ihrer Helden. Wir können uns nicht versagen, diese hübsche und lehrreiche Illustration hier zu reproduzieren: „Der Held der polnisch-rabbinischen Biographie kann im Mter von fünf Jahren schon die allerschwierigsten Traktate des Talmud auswendig hersagen, mit acht Jahren ist er Schüler des berühmtesten Lehrers seiner Zeit und verblüfft ihn durch die tiefeindringende Feinheit seiner Fragen, und im Mter von dreizehn Jahren erscheint er der Welt als völlig flügge gewordener Lehrer des Gesetzes. . Ter Held der Chassidim genießt eine vollständig anders geartete Erziehung, wie auch der ihn auszeichnende Ruhm von anderer Art ist. Die legendarischen Erzählungen über Baalschem's Jugend berichten wenig von seinen Fortschritten im talmudischen Studium; anstatt im Beth-Hamidrasch zu sitzen, die Folianten eines kasuistischen Traktates vor sich ausgebreitet, verbringt Baalschem seine Zeit auf der Straße mit dem Singen von Hymnen oder mit den Kindern unter den grünen Bäumen des Waldes." „Gerade durch die ihm durch die freie Natur vermittelten Eindrücke, die Wälder seiner Kindheit, die Hügel und wilden Schluchten der Karpathen, in denen er viele seiner reiferen Jahre zubrachte, erlangte Baalschem, wie seine Schüler es .darstellen, seine geistige Eigenart und Kraft. Ter chassidischc Held i) Sein eigentlicher Name ist Israel, ein Sohn des Rabbi Elieser aus Moldau; er ist ungefähr um das Jahr 1700 geboren. hatte keinen berühmten Rabbi zum Meister. E r w a r sein eigener Lehrer. Und wo er nicht aus sich selbst schöpfte, war es Engelsmund, oder gar die göttliche Stimme selbst, durch die er sein höheres Wesen erwarb." „Seine Methode der Selbsterziehung, seine Art zu leben, seine Wahl der Genossen, — alles bedeutete eine Umwälzung des Bisherigen." (Fortsetzung folgt.) Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a.M. Ueber die gegenwärtige Lageunddie nach st e n Aufgaben desZio - nismns sprach am 23. d. M. Herr Gerichtsassessor D r. F r i e d e m a n - Wiesbaden in der hiesigen zionistischen Bereinigung vor einer zahlreichen Zuhörerschaft. Die Führersrage, so führte Redner aus, ist bei der heutigen Lage der Dinge die brennendste Frage der Organisation und bedarf einer sofortigen Lösung, denn die Bewegung muß nach dem ganzen Charakter unseres Volkes in einem Führer verkörpert sein. Früher war Herzl die Personification der Bewegung, wer soll es aber jetzt sein, nachdem der große Führer zir unserem Herzeleid so früh abberufen wurde? Ter Treizehner-Ausschuß, welcher sofort nach dem Ableben Herzls die vorläufige Leitung der Partei übernahm, hat sich nicht bewährt, unter den Glaubensgenossen des Ostens scheint keine geeignete Persönlichkeit zu sein, der man die Leitung anvertrauen kann, und unter den westeuropäischen Zionisten sind zwar Männer zu finden, welchen es an politischer Einsicht, Takt und schöpferischen Ideen nicht gebricht, aber allerlei Gründe veranlassen uns dazu, auch von der Heranziehung dieser Persönlichkeiten zu der Führerschaft Abstand zu nehmen. Ter eine besitzt wegen seiner ausgeprägten Individualität zu viel Feinde, bei andern sind ebenfalls verschiedene Gründe für dieses Vorgehen maßgebend, und da wir keinen neuen Herzl alsbald werden ausfindig machen können, und es sich jetzt lediglich um die amtliche Besetzung der Führerstelle handelt, so erscheint dem Redner Aktions-Koniitee-Mitglied Wolfsohn-Köln als die geeignete Persönlichkeit, der man die Leitung der Beivegung anvertrauen könne, denn Herr Wolssohn, des verstorbenen Führers bester Freund, ist mit allen Phasen der Parteiinteressen vertraut. Redner bespricht alsdann die neuesten Strömungen im Zionismus und stellt in Bezug auf die tlssischkinschc Politik fest, das jüngst von Ussischkin in einer Broschüre veröffentlichtes Programm für die nächsten Aufgaben des Zionismus bedeute atavistischer Rücksall in chauvenistische Menteuer. Der Zionismus soll „auch politisch" sein, wie es Herr Ussischkin wünscht, nur und ausschließlich politisch, denn auf Schleichwegen werden wir niemals etwas erreichen. Die nächsten Ausgaben des politischen Zionismus, wie ihn der verewigte Führer formulierte, müssen sich auf die Schaffung guter Vorbedingungen zur Entfaltung einer großkolonisatorischen Tätigkeit in Palästina erstrecken. Es muß an dem Programme festgehalten werden, der Zionismus soll und wird in herzlsche Bahnen weiter geleitet werden, und jeder Angriff auf das Programm, de jene Menschheitbeglücker, die sich bald in der Gestalt von Fraktionären, bald in der der Achadhaamisten und jetzt in der Gestalt der Territorialisten offenbaren, niüsse verhindert, rasch abgeschlagen werden. Ter Territorialismus, wie er von Bern her gepredigt wird, ist nicG nur eine Utopie, sondern „die" Utopie, und nur unreifen Leuten kann es einsallen, auf die Landsuche für ein Volk zu gehen. Unser Ziel ist nicht ein Land wie die Territorialismus-Freunde meinen, sonder» „das" Land, das Land der Väter, Palästina ist unser Endziel. Dem mit großem Beifall aufgenommenen Bortrag folgte eine Diskussion, an der sich die Herren I. L. Goitein (1. Vorsitzender der zion. Vereinigung), S. M. Melamed, cand. Phil, und Ingenieur Feingold beteiligten. Zum Schlüsse sei anfügend bemerkt, daß nach der Auffassung des Schreibers dieses Berichtes der Bericht in der „Frankfurter Zeitung" stark subjektiver Tendenz war; insbesondere sind die Worte des „russischen Studenten" sehr mißverstanden worden. Ir. Frankfurt a. M. Schluß des Berichtes über das Bortrag des Herrn Dr. A. Schapira: „Moses Heß, ein Vorkämpfer des Politischen Zionismus. Das Judentum kennt kein Seelenheil des abgesonderten Individuum. Es kennt das Individuum nur im Verein mit der Nation, die Nation nrit der Menschheit und diese mit Gott. Das Jndentttm zieht nur das Ewige in Natur und Geschichte in Betracht. Die Ewigkeit des Geistes fängt nicht erst nach unserem 'Tode an, sotidern ist wie Gott stets gegenwärtig. Nachdem der Redner die streng philosophischen Punkte, die mit der Hcß'schen Ausfassung des Judentums zusammcnhängen, ausführlich dargelcgt hatte, kam er ans Heß Standpunkt zur Reform zu sprechen.

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