Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 13. legen der „Hadassa" am Golf von Neapel. Fräulein Minka Labowsky begrüßte die Gäste mit der 'mit feinem musikalischen Verständnis vorgetragenen Arie aus „Mignon", und nun folgte mit dem „Huldigungstanz der Italienerinnen" ein Bild von berückendem Zauber. Als nächste Landungsstatiou war Egypten vorgesehen. Bei der „Landung" in Egypten wurden die Passagiere mit einem geschmackvoll ausgesührtcn „Tanz der Bajaderen" begrüßt. Den Höhepunkt des Festes bildete die um Mitternacht erfolgende „Landung in Palästina" mit der „Ernte-Feier jüdischer Bauern in Palästina". Nach vollendeter „Landung und Ausschiffung" der Passagiere im „heiligen Lande" erfolgte dann in den Nebcnsälen ein lustiges Jahrmarktstreiben. In allen Sälen wogte eine fröhliche Menge bis zur frühen Morgenstunde aus und ab, und so nahm das Fest alles in allem einen schönen Verlauf. © Feuilleton. © Kinder unserer Zeit. Roman von Jacob Levy. sFortsetzung). Kapitel 24. Heinrich war erschüttert beim Anblick seines Vaters. Er sah blaß und eingefallen aus, nur die energischen Züge und das straffe Anstreten zeugten von der ungebrochene» Krast. Er war allein, seine Frau und Erna weilten noch in Mentone. „Nun Vater, die Scheidung." ' „Ist ausgesprochen. Tie Ehe liegt hinter Erna wie ein Traum. Mich aber haben inzwischen die Gewissensbisse nicht verlassen." „Vater!" schrie Heinrich. „Mein Sohn, wir, die Eltern, sind allein die Schuldigen. Ich war der Schwäche Deiner Mutter gegenüber nicht stark genug. Tie ungesunde Neigung Ernas konnte nur deshalb so erstarken, weil wir dieselbe begünstigt haben. Die Welt hat die Achtung vor mir verloren, die ich auch in der Tat nicht mehr verdiene." „Vater," ries. Heinrich, „Ihr habt das Beste gewollt. Um Erna' ihrem Manne, ihrer Stellung, ihrem neuen Glauben ganz und ungeteilt zu überlassen, wolltet Ihr auf das Wiedersehen, auf den Verkehr mit Eurer Tochter verzichten, denn Ernas Besuche wären immer seltener geworden. Eltern, welche so entsagen wollen, sind heilig und müssen mit Ehrfurcht betrachtet werden." „Heinrich, Tein Lob ist der größte Vorwurf für uns. Es durfte zu einem solchen unnatürlichen Opfer unsererseits nicht kommen. Wir durften den Bode» unseres Glaubens niemals verlassen, dann hätte Rode nicht an eine Verbindung mit Erna denken können, und ebensowenig hätten wir das Glück unseres Kindes im Blendwerk der äußeren Stellung gesucht. Wenn Erna in ihrem elterlichen Hause mehr Ehrfurcht vor der Religio» gefunden hätte, wäre der Gedanke an eine Mischehe niemals in ihr ausgestiegen." „Vater, peinige Dich nicht mit Selbstvorwürscü. Schaue voran, denke an Deine Kinder." Heinrich umarmte seinen Vater, der ihn fest an sich preßte. „Ich werde Dich nicht mehr verlassen, Vater, wenn Du so düster denken willst; mag studieren, wer will!" Herr Berger sagte mit einem Anflug von Lächeln: „Kehre unbesorgt nach Deiner llniversität zurück. Du hast mich aufgerichtet und — ich bin noch der Alte! Ihr sollt doch stolz auf Euren Vater bleiben können, denn wie ich in meiner Familie gehandelt habe, kümmert die Oefsentlichkeit nicht. Wie war's in Hamburg?" Heinrich erzählte. Sein Vater nickte billigend. „Wo werden nun die Kinder Unterkommen sinden, Vater?" „Ich denke, im jüdischen Hospiz. Ach, Du kennst dies noch nicht? Es ist hier ein Hospiz gegründet für auswärtige und heimatlose junge Leute, dort erhalten Kommis, Ladenmädchen, Näherinnen, kurz alle, die sich anständig ernähren, für sehr billiges Geld Pension. Tort ist eine Bibliothek, ein Klavier, eine Auswahl Spiele, einzelne halten Vorträge. Wir haben einen sehr tüchtigen Verwalter, der mit seiner Frau das Ganze zu unserer Zufriedenheit leitet." „Bist Tu im Vorstand, Vater?" „Ja, ich habe es mit. geschaffen und ihm einige Spiele geschenkt." Das war richtig, nur hatte er außer de» Spielen das Haus und die ganze Einrichtung gestistet.' „Nun, dann wäre ia unsere» Rumänen geholfen. Aber es ist ein Mädchen dabei, lieber Vater, das Deiner besonderen Fürsorge wert ist. Es ist aus guter Familie und hat so viel gelernt, daß sie nicht zur Arbeiterin entwürdigt iverden darf." „Arbeit entwürdigt niemals, Heinrich. Ich werde das Mädchen aber prüfen und seinen Kenntnissen entsprechend beschäftigen." Hcinrich dankte seinem Vater mit so beredten . Worten, daß' dieser ihn verwundert anschaute. . . Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. Es klopfte an und Philipp Kühl trat ein. Heinrich eilte ihm mit einem freudigen Ausrus entgegen und begrüßte ihn herzlich. Philipp war ein trefflicher Mensch geworden. „Seien Sie willkommen, Herr Berger." „Philipp, bist Tu toll? Ich heiße für Tich immer, noch Heinrich. Wie geht» Dir?" „Tank Teinem verehrten Vater geht's mir vorzüglich. Herr Berger, mein Studium dauert noch etwa zwei Jahre. Tann beweise ich Ihnen meine Dankbarkeit. Ich baue Ihnen eine neue Lichtanlage nach System Kühl und dann werden die Vier Jahreszeiten noch berühmter." Er rieb sich die Hände und sah Herrn Berger strahlend an. Tiefer lachte. „Gut Philivp. Bis dahin soll keine Glühbirne bei mir verändert werden." - Philipp empfahl sich. Heinrich begleitete ihn. „Wir wollen einen Frühschoppen - trinken." „Wo? In Eurem Erholungsraum?" Heinrich schüttelte sich. „Tort gibt's keinen Alkohol. Komm zum Spatenbräu." Wie sie nun beim Bier zusammen saßen, erzählte Philipp deni stauneud zuhörenden Heinrich von den neuesten Unternehmungen seines Vaters und den fürstlichen Schenkungen an die Wohltätigkeitsaustalten, besonders die jüdischen. „Höre, Heinrich, loas Sein Vater leistet, ist mit einem Wort gigantisch. Er hat den großen Zug der amerikanische» Milliardäre, und es ist bemerkenswert, wie er bei seinen wohltätigen Stistungen inimer einen neue», praktischen Zweck im Auge hat." „Und dieser Mann konnte andererseits so schwach sein," murmelte Heinrich. Philipp, dem das Ehedrama ebenso bekannt war, wie der übrigen Welt, schaute Heinrich an und sagte:' „Heinrich, Reflexionen nüyen nichts mehr. Man sieht Deinem Vater a», wie die Reue an ihm nagt, aber die Buße, die er sich auferlegt, gereicht zum Heile von tausenden hilfsbedürftigen Juden. Es wird jetzt noch einige Rührung mit Euren Tamen absetzen, dann aber auch fort mit den Selbstvorwiirfen!" Heinrich lächelte. „Tu hast Dich ganz außer Atem gesprochen. Aber laß gut sein, Philipp, wir werden schon Herr über das Unglück iverden." — Die Damen waren zurückgekehrt. Erna hatte ihre jugendliche Kräfte und ihre frühere Schönheit Wiedergewonnen. Die heiße Sonne des Südens vermochte aber nicht, ihr die durchsichtige Blässe der Wangen zu rauben, was ihr, verbunden mit einem tiefen Ernst, einen eigentümlichen Reiz verlieh. Sie schritt langsam durch die heimischen Räume und sagte ergriffen: „Hätte ich Euch doch niemals verlassen!" Ihr Vater' sprach mit mildem Vorwürfe: -„Erna, verscheuche jetzt die trübe» Erinnerungen. Wir beginnen jetzt ein neues Leben. Oder liebst Du Deinen srüheren Gatten noch?" „Nein," erwiderte sie ruhig, „das ist alles ausgelöscht und tot. Ich glaube, daß ich ihn niemals liebte, und daß mich nur die Eitelkeit in seine Arme geführt hat." Ein leichtes Rot färbte ihr Antlitz. Herr Berger sagte in leichterem Tone: „Es wird Dir nicht erjpart bleiben, liebe Erna, daß Deine Bekannten Dich Wiedersehen wollen, teils aus Teilnahme, teils aus Neugier. Wirst Du Besuche empfangen?" Frau Berger rief aufgeregt.: „In den ersten Woche» keineswegs und dann auch nur gute Freunde unseres Hauses." Erna sagte lächelnd: „Fürchte nicht für mich, liebe Mutier. Ich beabsichtige jeden Besuch anzunchmen und auch Besuche zu machen. Vor allem wünsche ich Doktor Weil zu sprechen." „Tu kommst meinen Wünschen zuvor, meine Tochter, er soll Dir seinen ärztlichen Rat erteilen." Erna widersprach nicht. Dem Besuche, der sich bald einstellte iiud der ausschließlich aus Damen bestand, trat Erna so unbesangen entgegen, daß die so teilnehiiiendeii Freundinnen ganz verblüsst waren. „Nein," zeterte Fra» Meyer abends bei ihrem Mann, „diese Person ist nicht klein zu kriegen. Ich sage ihr aus Mitleid, sie solle mir ihr Herz ausschütten, ich sei verschwiegen: da sicht sie mich an und erwidert: „Sie haben sich wohl im Hause geirrt". Ich war so alteriert, daß ich anfstand und mich entfernte. Ein Ding, das ich als kleines- »i»d gekannt!" Und ihre Nase schlängelte drohend vor sich hin. — Doktor Weil,. der von dein Wunsche Ernas, ihn zu sehe», in Kenntnis gesetzt war, ließ sich bei ihr melden. Sie reichte ihm die Hand und sagte lächelnd: „Ihr Wunsch, Herr Doktor, für meine sonnige Zukunft ist nicht in Erfüllung gegangen." „Frau Erna, das Geschick ist oft stärker als wir. Doch nun Mut. Zwingen Sie das Glück." „Glück habe ich nicht mehr zu erwarten, ich lebe nur noch für .Pflichten." „Ich verstehe. Sie wollen sich jetzt ganz ihre» Eltern widmen." „Meine Eltern bedürfen meiner noch nicht, aber bitte, hören Sie zu. Mein Leben war bis zu meiner Verheiratung ein eitles, ein faules, wie das aller meiner Freundinnen: denn das bißchen Dileltiere» ist doch nur ein geschäftiger Müßiggang. In meiiierr Ehe war es mir versagt, meine Pilichten als Hansiran, als Beraterin meines Gatte» zu erfüllen. Wie oberflächlich die Erziehung von uns Mädchen ist, beweist die erschreckende Tatsache, daß ich leichten Herzens, ohne zu zögern, meine» Glauben aui- 'ussiwqnApvu jio£ Jjoiq 3)iulj lp£ ojuimi naqaü und glaubte erst, diese Haltlosigkeit sei die Folge unserer Religion. Das ist aber auch ein Irrtum, denn ich hatte ja keine Religion, sondern nur eine Konfession. Das hat sich bitter an mir gerächt. Hätte ich unsere Religion mehr geachtet, so wäre mir das herbe Geschick, das mich betroffen hat, erspart gebliebe». Leichtfertig, ohne lleberzeugnng gab ich de» jüdischen Glauben ans und sehne mich jetzt nach ihm zurück. Vielleicht ist die Reue zu spät, aber büßen will ich und der Buße mein ferneres Leben weihen. Ich will Krankenpflegerin werden und Sie, Herr Doktor, sollen mir den Weg zeigen." Er war erschüttert. „Wissen Sie, Frau Erna, daß außer Ihrer geistigen Stärke auch eine körperliche dazu gehört? Glauben Sie das Grauen überwinden zu können? Denken Sie an das Herzeleid, das Sie -Ihren Eltern zusügcn? Bleibe» Sie zu .Hause, und verschönern Sie Ihren Eltern de» Lebensabend." „Herr Doktor" sagte sie finster, „meine Eltern haben-mit gesündigt, deshalb folge ich ohne Schwanke» meinem innere» Triebe. Wenn meine Elter» eine Tochter, eine Stütze brauche», werde ich da sei», jetzt.aber wäre ich ihnen ein Spielzeug, ein Paradestück, wie früher, und dazu — fühle ich mich zu gut. Meine Leiden haben mich erhöht." Er stand auf und küßte ihr respektvoll die Hand. „Frau Erna, in der chirurgischen Abteilung des Krankenhauses bin ich Oberarzt. Dort sollen Sie iiutcr meiner Leitung für Ihren schwere» Beruf vorbereitet werden, sobald Ihr Herr Vater mich darum ersucht." Sie dankte ihm mit einem warmen Blick. „Erst will ich das Zuhaiisesein auskoste» und bei meinen Eltern bleiben. Ich »ins; ihnen ihre Heiterkeit wiedergeben." — Doktor Weil benachrichtigte sofort Ernas Eltern von ihrem Vorhaben, um ihr die Szene zu erspare». Frau Berger weinte konvulsivisch. „Jetzt verliere ich meine Tochter wiederum." Herr Berger schüttelte seinen Kops. „Es mag jetzt für das Kind das Beste sei». Wen» es sich nur nicht aus immer fesselt." Doktor Weil lächelte. „Eine Krankenpjlegerin legt kein Gelübde ans immer ab, wie eine Nonne. Lassen Sie Ihre Tochter nur ihrem Kopse und ihrem Herzen solgen, beide sind gut." Und das Leben ging seinen Gang weiter. Erna war Krankenpslcgcriu im Hospital geworden. Obgleich der Chefarzt ihr Freund war, nahm sie keinerlei Bevorzugung oder Schonung an. I» der erste» Zeit wich ihr jeder Blutstropfen aus dem Gesicht, biß sie die Zähne zusammen, wenn sie bei einer Operation Beihilfe leisten mußte. Sie hielt aber tapfer aus und wurde der Liebling der Kranken. (Schluß folgt.) Bucherschau. Otto Kraus, Sozialismus und Zionismus. Jüd. Buch- und Kunstverlag, Brünn I9l>4. Der Verfasser dieser kleinen Schrift, Herr Otto Kraus, ist ein sehr sensibelcr Mensch:' jede Animosität seitens seiner Landsleute regt ihn auf. Ei» sozialistischer Abgeordneter aus Galizien, Herr Taszynski soll auf dem Parteitag der polnischen Sozialdemokraten die Aenßernng getan habe», „es gebe keine jüdische Nation". Darob Trauer im sozialistischen Israel. Und Herr »raus sieht sich veranlaßt, Herrn Taszynskis Worte astrologisch zu deute», eventuell ihm eine Rüge zu erteile». Dan» setzt er sich mit .Herr,, Tr. Elias, dem Verfasser des Znlunstsartikcls über die Juden, ii» Salonton auseinander. Was er beide» .Herren antwortet, ist uns trotz eingehender Lektüre verborgen geblieben. Er diploiiiatijiert, philosovhiert.Anf eine Erörterung der Frage über das Verhältnis zwischen Sozialismus und Zionisnius geht der Verfasser überhaupt nicht ei». K o h c l e t l> oder W e l t s ch ui e r z i » d e r B i b e l. Ei» Licblingsbnch Friedrichs des Großen, verdeutscht und erklärt von Paul Haupt, Professor der semitische» Sprachen an der Universität in Baltimore. Leipzig, I. E. Hinrichsche Buchhandlung 1905. Herr Professur Haupt ist BibellrikikuS von Beruf, er glaubt demgemäß a» Tinge, woran mancher nicht glaubt. So giebt es für ihn naturgemäß verschiedene Gestalten des Koheleth, »nd so bietet er nns in dem vorliegende» Buche das hohe Lied — deutsch übersetzt — in der „vermutlichen ältesten Gestalt". Die WWW