Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerte 4 Bulgarien. Phllippopel, den 19. März. Ein Minister in jüdischen Schulen. Seit vorigem Dienstag weilt in Philippopel der Unterrichtsminister von Bulgarien Dr. Schischmanoff, uni sich über den Stand der hiesigen Schulen zu informieren. Einen Nachmittag widmete er den jüd. Schulen. Zn Begleitung mehrerer Schulinspcktoren besuchte er zuerst die Mädchenschule der Alliance. Er prüfte eingehend die Schülerinnen in Spaniolisch, Bulgarisch und Hebräisch. Von dort begab er sich in die zionistische Schule, wo er vom Präsidenten der "jüd. Gemeinde, Herrn Dr. Marco Romano, cnipfangen wurde. Er besuchte verschiedene Klassen, doch am längsten wohnte er dem deutschen Unterrichte bei, über welchen er sich sehr lobend aussprach. Im Kindergarten begrüßten ihn die Kleinen, die in ihm einen neuen Lehrer vermuteten, mit den Worten „Schalom adoni hainore". Dem Minister gesiel dieser Gruß sehr, und er wiederholte öfters für sich das Wort „Schalom". Wegen vorgerückter Stunde konnte der Minister .die Knabenschule der Alliance nicht mehr besuchen. Amerika. New-Nork. Ein großer Brand. Wie wir bereits in voriger Nummer berichteten, verbrannten in einem fünfstöckigen Gebäude des jüdischen Viertels in der Nacht vom 13. zum 11. März 20 Menschen, während weitere 20 schwer verletzt wurden. Das Feuer brach im untersten Stockwerk aus, als die meisten der 200 Insassen des Hauses schliefen, und verbreitete sich mit großer Geschwindigkeit. Als die Bewohner geweckt wurden, entstand eine furchtbare Verwirrung. Die Leute, fast alle polnische Juden, versuchten zunächst, ihre Habseligkeiten zu retten. Als sie entdeckten, daß die Treppen brannten, versuchten sie, ihre Möbel durch die an dem Hause angebrachten Rettungseinrichtungen zu schleppen, und vergaßen dabei zum Teil sogar ihre Kinder. Die Polizei war außer stände, die schreienden und sich wie wahnsinnig gebärdenden Menschen zu verhindern, die Rettungsschläuche mit ihren Möbeln zu verstopfen. Diesem Umstande ist. es zuzuschreiben, daß so viele Menschenleben den Flammen zum Opfer fielen. Die Feuertvehr machte zusammen mit der Polizei die verzweifeltsten Rettungsversuche. Die Feuerwehrleute kletterten aufeinander und bildeten auf diese Weise lebendige Leitern. Man fuhr mit dem Rettungswerke fort, bis die Mauern so glühend heiß waren, daß man sich ihnen nicht mehr nähern konnte. Ein Polizist, der 20 Personen rettete, wurde selbst schwer verletzt. Er trug Leute über ein Brett, das er als Brücke von dem brennenden Hause nach einem Nachbarhause gelegt hatte, und fuhr damit selbst dann noch fort, als das Brett brannte. Schließlich brach das Brett, und der tapfere Polizist stürzte in den Hof hinunter, wo man ihn mit zerbrochenen Rippen und mit einem zerbrochenen Schlüsselbein bewußtlos fand. Nach einem Telegramm des Daily Chroniele war das Gebäude ein alter, leicht brennbarer Bau, in dem 22 jüdische Familien wohnten. Auch der Korrespondent des Daily Chroniele erklärt, daß die Insassen ihre Rettung selbst dadurch unmöglich machte», daß sie Körbe mit Kleidern und wertlose Dinge aller Art zu retten versuchten. In vielen Fällen ergriffen die Flammen die schreiend an den Fenstern stehenden .Leute, ehe man sie mit Leitern erreichen konnte. Die von den Flammen Ergriffenen sielen dann schreiend in den brennenden Raum zurück. Biele zogen es vor, einen Sprung zu wagen und wurden dabei zum Teil so schwer verletzt, daß an ihrcnr Aufkommen gczweifelt wird. Ein Kind, das aus einem der obersten Fenster geworfen wurde, fiel aus einen Schneehaufen und blieb unverletzt. 0 Feuilleton. © Kinder unserer Zeit. Roman von Jacob Levy. (Fortsetzung). Kapitel 23. Hugo wurde von seinen Standesgenossen beglückwünscht. „Sind doch «in famoser Kerl, daß Sie so rasch die Episode 'mit der kleinen Jüdin beendet. War übrigens ein schönes Weib, aber als Gemahlin für einen höheren Staatsbeamte»,.nee. Tic Taufe kann doch den Knoblauchodcur nicht ganz wegspülen. War ihr ja jeder Sport total schnuppe. Wovon konnte man also mit ihr reden? Sache! — was?" Und Hugo glaubte das schließlich auch alles selbst und freute sich, daß er sich so rasch aus den ihn niederdrückenden .Fesseln befreit hatte. Seine ferneren Lebensschicksalc sind rasch erzählt. Es stand ihm nichts mehr im Wege. Frei, durch die Großmut seiner früheren Frau reich, was konnte ihni nun fehlen! Nur eine Gattin aus einflußreicher Familie. Herr von Knupp-Pclzow hatte eine Tochter, blond, groß, chic. Und die Familie! Konservativ bis in die Knochen! Frankfurter Israelitischer FamÜienblall. Die Begüterten der Sippe saugen östlich der Elbe am agrarischen Hungertuch, die anderen nähren sich an der Staatskrippe. Dem Eidam in solcher Familie kann es an nichts mangeln. Er sah sich als Landrat, er wird geadelt, Regierungspräsident, Donnerwetter, oder die Negierung entmmmr seinen glänzenden stieben in konservativen Versammlungen, welch' eminenter Politiker er ist, und er wird Diplomat, er hat ja genug Geld zum Repräsentieren! Er bekommt auch von der schönen Annaliese keinen Korb. Ihr Vater ist zwar sehr verschuldet, das macht aber nichts. Seine Frau wird nach der Hochzeit nicht so liebevoll, so echt weiblich sanft wie seine erste .Frau, das braucht sic aber auch nicht zu sein, sie ist ja „standesgemäß". Sie braucht aber auch viel Geld, denn sie hat stark ausgeprägten Familiensinn, sic bezahlt manchmal die Schulden ihres Bruders und ihres Vetters, zweier flotter Leutnants. So lebt das Pärchen herrlich und in Freuden; er besucht seine Klubs bis zu später Stunde, was seine Frau nachsichtig guthcißt. Die Haushaltung ist überhaupt in großartigem Stile eingerichtet; ein Bedienter und ein Kutscher bei der eleganten Equipage und der Reitknecht für den Braunen der gnädigen Frau fehlen nicht. Daift dem guten Rate des Herrn von Krasst ist auch kein Mangel an Geld. Der größte Teil des Kapitals der Frau Erna ist in Papieren der Glaustädter Bank angelegt und verzinst sich vorzüglich, und das andere, na, das allerdings verläppert sich so nach uird nach. Aber leider ist nichts beständig aus dieser mangelhaften Welt. Die Glaustädter Bank, die die Inden von sich sernhielt und nur arische Ehrenmänner im Direktorium und Aussichtsrat hat, bricht elend zusammen, und Hugo kan» mit seinen schönen Aktien die Wände tapezieren. Er eilt zu Krasst. „Sic rieten mir doch so dringend und versicherten mir, sie hätten Ihr Vermögen ebenfalls in der Glaustädter Bank angelegt, sind Sie nun auch ruiniert?" „Als ich für Sic kaufte, veräußerte ich meine Papiere, weil ich das Geld für einen Gutskauf flüssig machen mußte." Und der Ehrenmann rieb sich die Hände und hielt abends eine donnernde Rede gegen die ausbeutenden Juden. Hugo fand es nun gar nicht mehr so angenehm zu Hause. Seitdeni die Znmilie vom Gehalte Hugos leben muß — das Gehalt, welches vordem die Frau als Nadelgeld so standesgemäß verbrauchte — und die Dienerschaft und die Equipage und der Reitknecht abgeschafft werden mußten, ist die junge Frau gar nicht mehr liebenswürdig. Sie macht ihrem Manne das Haus zur Hölle und quält ihn, sich um eine Direktorstelle bei einer Bank oder einer Versicherungsgesellschaft zu bewerben, bei der das Einkommen größer ist, als mit einem Titel ohne Mittel. Das gelingt ihm aber nicht, und so muß er Beamter bleiben und seiner Stellung gemäß repräsentieren. Er hat aber jetzt mit dem Groschen zu rechne» und fteut sich abends, wenn er ausgehen kann, um dem Krisen seiner .Frau auf einige Stunden zu entrinnen. — Und Liskas Los wirb auch nicht beneidenswert. Nach dem Tode ihrer Mutter wird auch die Pension wegfalten, und sie bemüht sich schon jetzt um die Stelle einer Stütze in einem christlichen Mädchenpensionat. — Heinrich war durch das Unglück in der Familie zuin Manne gereift! Er hatte seinen Freund Dorn aus Heidelberg, "der nun auch in Berlin studierte, wiedergeseheu und erzählte ihm die düsteren Ereignisse. Dieser hörte die Schilderung des Ehedramas von Erna an und-sagte dann ruhig: „Ich hätte Ihnen das Ende schon in Heidelberg prophezeien können, nur glaubte ich nicht, daß der Schluß des Trauerspieles so rasch cintreten würde. Die Veranlassung zu dieser Mischehe war — verzeihen Sie — auf beiden Seiten eine unmoralische. Ihren Schwager lockte nur das Vermögen Ihrer Schwester. Ihrer Familie dagegen fehlt der sittliche Halt, den die Achtung vor dem Glauben mit sich bringt, und da Ihre Eltern das Judentum zum Gespött gemacht hatten, rächt es sich jetzt. Aus Mitgefühl werden Sie alle kaum rechnen dürfen." „Sie sprechen das aus, was uns die Selbstvorwürfe mit zermalmender Wucht zurufen. Wir konnten allerdings nicht ahnen, daß sich in den sogenannten höheren Kreisen der Judeiihaß stets mit gänzlicher moralischer Verkommenheit paart. Mein Schwager, der Schuft, hat uns unglücklich gemacht, und nun lese ich in einem bigott-antisemitischen Blättchen, daß der Rcgierungsrat Rode das jüdische Jntriguenspicl mit männlicher Faust zerrissen hat ustv." „Der Antisemitismus unserer Zeit scheint Ihnen gänzlich unbekannt geblieben zu sein — oder Sie haben ihm mit Absicht Ihr Ohr verschlossen. Sollte Ihre Schwester gerade in den Kreisen, die vom Nr. 12. Judenhaß durchseucht sind, eine Insel der Seligen finden, auf der nur edle Menschen wandeln? Und Sie bedachten ferner nicht, daß die Achtung, die der Christ dein Indender treu an seinem Glauben hängt, zollen muß, vor dem getauften Juden gänzlich schwindet; — er ist und bleibt der Jude, im verächtlichen Sinne auch von seinen früheren Glaubensgenossen so genannt." „Auch diese Wahrheft hat sich, uns mit vernichtender Schärfe aufgedrängt. Wir sind dem Judentum eine Genugtuung schuldig und unser Name soll von Juden auch lobend genannt werden. Ich werde nach Hamburg reisen und dem Komitee für rumänische Juden meine Dienste für einige Wochen zur Verfügung stellen. Mein Vater hat mir einen erheblichen Betrag für die armen Auswanderer angewiesen und will zwanzig Knaben und Mädchen eine Heimat bieten." . „Bravo," sagte Dorn mit leuchtenden Blicken, „Sie haben doch das Herz auf -dem rechten Flecke." „Jetzt werde ich auch fleißiger studieren, wie bisher, denn ich muß noch viel lernen. Wenn ich meinen Doktor habe, trete ich in das Geschäft meines Vaters ein und gedenke am öffentlichen" Leben teilzunehmen, mich wenn möglich, in den Reichstag wählen zu lassen, als unversöhnlicher Feind der Partei, durch deren Grundsätze meine Schwester unglücklich geworden ist." Eine tiefe Falte in der Stirn und der energische Blick zeigten, daß der Jüngling seinen Vater überraschend ähnlich sah. — Heinrich war in Hamburg eingetroffen. Er war mit Feuereifer bei den unglücklichen Auswanderern tätig. Unermüdlich bei der Speisen- und Kleidervertcilung, hörte er mir rührender Geduld die endlosen Klagen der Rumänen an, obschon er nur die Geberdcn, nicht die Worte verstehen konnte. Er hatte auch schon mehreremal Gelegenheit gefunden, seinem Vater spezielle Schützlinge zuzuscndeii. Eines Abends wurde er angewiesen, eine Schar armer Rumänen, die soeben angekommen waren, mit Kleidern "zu versehen. Auf dem Schiff angclangt, erblickte er das Bild herzzerreißender Armut, das er in der letzten Zeit so häufig geschaut hatte. Menschen, deren einziges Verbrechen war, Jude zu sein, in jedem Lebensalter, abgezehrt, mit dem Ausdruck des verfolgten Wildes iit den Augen, welche die Abgesandten oes Komitees umdrängtcn, die Hände ausstreckend ..... Auf einem Bündel zusanimengckauert saß ein junges, bildschönes Mädchen von e!>va sechzehn Jahren, teilnahinslos vor sich hin starrend, sich nicht an dem erregten Treiben der klebrigen beteiligend. Heinrich fragte cs, in seinem Schulfranzösisch stotternd, ob cs keiner Ergänzung seiner Garderobe bedürfe. Es antwortete in geläufigem Deutsch, mit etwas frcmdenl Accent: „Ich danke Ihnen, cs gibt noch Bedürftigere." „Sie sind kerne Rumänin?" „Gewiß, ich fahre ja auch nach Amerika." „Sind Ihre Elter» auch aus dem Schiff?" „Mein Vater war Advokat in Krajowa und wurde bei einem Straßenauflanf zu Tode mißhandelt, meine Mutter starb infolge des Krmrmers und der Entbehrungen, und so stehe ich allein da." Das Mädchen hatte das alles in herzzerreißendem Ton erzählt, daß Heinrichs Seele von Mitleid ergriffen wurde. „Welche Pläne haben Sie für Ihre Zukunft?" «Ich gedenke eine Stellung als Gouvernante anzunchmen, Ivenn ich mich nicht meineir Fähigkeiten entsprechend beschäftigen kann. Ich spreche und schreibe vier Sprachen und spiele ziemlich fertig Klavier. Meine Eltern, die früher eine angesehene Stellung einnahmen, ließen mir eine gute Erziehung angedeihen," setzte es nicht ohne Stolz hinzu. Heinrich ergriff die Hand der Harmlosen. „Bleiben Sie hier. Mein Vater will einigen Kindern die Heimat ersetzen, und ich nehme Sic mit nach Hause. Sic sollen auf eincin Bnrcan meines Vaters Beschäftigung finden." Das Mädchen war aufgesprungen und sah Heinrich mit strahlenden Blicken an. Ein älterer Herr vom Komitee >var hinzugetrcten, und hatte die letzte Unterhaltung mit angchört. Er sagte zu der Rumänin: »Folge nur dem Herrn. Wenn Du ein gutes, braves Alädchen bist, wirst Du eine neue Heimat gewonnen haben. Du heißt?" „Ruth Borescu." „Deine Papiere?" „Hier, Herr." „Jetzt verabschiede Dich von Deinen Bekannte», dann folge uns." Das Mädchen ging zu einigen Familien, denen es seine Aussichten erzählte, und wurde unter vielen Worten gesegnet und geküßt. Dann nahm es sein Bündclchen und folgte den Herren in die Stadt. Heinrichs Tätigkeit war auch zu Ende, so daß er seine jüngste Schutzbefohlene, zu der sich noch einige Knaben und Mädchen gesellt, nach Frankfurt begleiten konnte. (Fortsetzung folgt).