Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. hatten. Den Gottesdienst leitete Herr Oberkantor Sinion aus Kopenhagen. In gleich würdiger Weise verliefen die andern Gottesdienste, die im herrlichsten Sonnenschein unter dem blauen Himmel auf dem offenen Deck abgchalten wurden,' Gottesdienste, die von Orthodoxen und Ncologen, Aschkenasim und Sepharvim gemeinsam besucht wurden. Ueberhaupt tritt auf der ganzen Reise das Gemeinsame überall in den Vordergrund, Zu all dem kommt dann noch das herrlichste Wetter. Die See ist nicht zu stark bewegt, und die Zahlt durch die griechischen Inseln, insbesondere die ganz langsainc Fahrt an Korfu vorüber, hätte schon fast die ganze Reise gelohnt. So hoffen wir den», morgcn in Alexandria zu landen, und wenn die Reise in derselben schönen Weise weiter verläuft, könne» >vir ans eine herrliche Zeit unseres Lebens zurückschanen. 8. 8ed. Auglo-Palestine-Company. Dem Jahresbericht der von der Jüdischen Kolonialbank gegründeten Anglo-Palestinc Company entnehmen wir: Die Bilanz pro 1904 ergab nach Deckung aller Spesen und der üblichen Abschreibungen einen Reingewinn von ca. 4,5 «o für das Kapital. Die Direktion strebte danach, der Bank einen guten Ruf in der hiesigen Geschäftswelt zu erwerben und sich eine gute ökonomische Grundlage zu verschaffen, soweit es die Verhältnisse in einem armen und halbzivilisierten Lande wie Palästina gestatten. Zur Erreichung dieses Zweckes fand es die Direktion für notwendig, die Filiale in Jerusalem zu eröffnen, aber da sie erst im August zu funktionieren begonnen hatte, und die nötige Vorsicht zwang, nur langsam mit der Entwicklung der Geschäfte sortzuschreiten, so überstiegen die Ausgabe» der Filiale in Jerusalem für das erste halbe Jahr ihre Einkünfte um einen geringen Betrag. Die Direktion ist imstande, zu ^konstatieren, daß während der iVsjährigcn Tätigkeit der Bank sie keinen einzigen Verlust zu verzeichnen hatte, und daß es ihr gelungen ist, einen Weg zu bahnen, den sic auch in Zukunft mit Sicherheit zu gehen hofft. Die Ausdehnung des Verkehrs der Bank mit den verschiedenen Bank- und Handelshäusern im Auslande, welche ihre Dokumente zum Inkasso sende», die Zunahme der Klienten, welche bei ihr Schecks auf Europa kaufen, erhöhten dermaßen den Barbestand der Bank, daß sie nicht wie im vorigen Jahre, gezwungen war, bares Geld vom Auslände herzuschaffen, wodurch große Kosten erspart wurden. Während man im vorigen Jahre bei einem Kassenumsatz von Fr. 4 700 000 gezwungen war. Fr. 815 000 vom Auslande zu beziehen, hat man in diesem Jahre bei einem Umsatz von Fr. 23000 000 in Jaffa und Jerusalem nur Fr. 838000 bezogen. Wir entnehmen dem Berichte noch folgende, für die Handelswelt interessante Angaben: Jaffa ist eine Handelsstadt, in welcher der Verkehr sehr lebhaft ist. Dennoch war es bei den Kaufleuten nicht Usus, von ihren Klienten Wechsel für die auf Kredit verkaufte Ware zu fordern. Als wir aber die Kaufleutc davon in Kenntnis setzten, daß wir Darlehen nicht gewähren werden, sondern Wechsel zur Diskontierung übernehmen, und nur solche, die den Gegenwert verkaufter Produkte oder Waren repräsentieren, so haben die Geschäftsleute in Jaffa ihr Handelssystcni geändert und verkaufen ihre Ware auf Kredit gegen auf feste Termine ausgestellte Wechsel, die sic zur Diskontierung oder als Sicherheit auf ihr Spezialkonto übergeben. Außer den Wechseln gibt es in Jaffa noch eine Art Handelspapierc, und zwar Kaufschcinc über in gewissen sicheren Mederlagen deponierte Ware. Gegen solche Kaufscheine werden auch Darlehen an Ka»flente gewährt. Ganz anders verhält es sich in, Jerusalem, wo der Handel sehr gering ist. Der Krämer oder kleine Kaufmann verkauft seine Ware oder Produkte nur äußerst selten gegen Wechsel. Aus dem Grunde gibt cs in Jerusalem nur wenig Material zum Diskonto. Außerdem befindet sich in Jerusalem, im Verhältnis zum Orte, viel Kapital in den Händen von kleinen Rentiers, die keine Geschäfte machen wollen und es vorziehe», ihr Geld gegen kleine Zinsen zu verleihen. . . _ . Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Die Bank trug viel im verstrichenen Jahre zur Entwicklung des Geschäftslebens im Lande bei, besonders geschah dies durch Beleihungen von Waren, Ivie Petroleum, Weizen, Holz usw. Ebenso wurden Frachtbriefe für exportierte und importierte Waren beliehen. Auch aus diesem Gebiete ist die Haupttätigkcit in Jaffa, dem Zentrum der Export- und Importgeschäfte des größeren Teiles Palästinas. Das Depositengeschäst hat sich in Jaffa bedeutend vergrößert. Hinsichtlich des Umstandes, daß in Jaffa nur sehr wenig brachliegendes Geld vorhanden ist, kann die Ziffer der bei der Bank deponierten Gelder als vollständig befriedigend angesehen werden. In Jerusalem dagegecn sind wir in dieser Beziehung, trotzdem sich dort viel flüssiges Kapital befindet, »och weit vom gewünschten Ziele entfernt. Die Ursache davon ist, daß die christlichen Bewohner Jerusalems mit ihren sämtliche»' reichen Anstalten ihr Geld im Credit Lyonnais und der Deutschen Palästina-Bank deponieren. Es verbleiben also für uns nur unsere Volksgenossen und die Mohammedaner. Die Bank hatte am Anfang ihrer Tätigkcit und hat auch noch jetzt besondere Schwierigkeiten in bezug aus die Beschaffung eines geeigneten Personals. Tic Bank in Jaffa hat jetzt zwölf Angestellte, und die in Jerusalem acht, Diener nicht mitinbegriffcn. Fast alle, mit Ausnahme von zwei, waren im Lande ansässig, und fast alle, mit Ausnahme von zwei bis drei, waren dein Bankgeschäft fremd. Neun 'von den Angestellte» sind junge Leute, die zuerst unentgeltlich als Volontäre gearbeitet haben. Sie mußten an Disziplin gewöhnt und in die Arbeit eingeführt werden. Die Ucberführnng von erfahrenen Leuten aus dem Anslande wäre mit großen Unkosten verbunden, und es ist an und für sich nicht leicht, geübte Leute zu bekommen, die 'geneigt wären, ihre Stettuiigeil aufzugebe», um nach Palästina überz»- siedeln. Ganz besonders kommen Sprachkenutnisse für die Beamten in Betracht. Da die Bank ein englisches Institut ist, so muß die Buchführung sowie die Korrespondenz mit England und Amerika englisch geführt werden, mit allen Orientländern französisch, nrit Mißland, Deutschland, Oesterreich sowie mit dem Direktorium deutsch, und im Innern des Landes muß die Bank wiederum als jüdisches Institut ihre Korrespondenz hebräisch führen. Außerdem sind noch Arabisch, Russisch, Jargon und Spagnolisch als Umgangssprachen mit den verschiedenen Klienten nötig. In bezug auf die Industrie konnte die Bank einzelnen Personen, die schon längere Zeit hier wohnen und auf eigenes Risiko ein Unternehmen begonnen haben, zu Hllfe kommen. Privatpersonen und Gesellschaften traten vielfach an die Ban! mit Vorschlägen zur Gründung von Fabriken heran, die aber darauf hinausgingen, daß die Bank selbst diese Fabriken begründen sollte. Mit Recht hielt es die Bank für nicht ratsam, darauf cinzugehen. Die Initiative zur Begründung von Fabriken muß von Privatpersonen und tüchtigen Fachleuten ausgehen, welche auf eigene Rechnung und mit eigenem Kapital anfangcn. Die Bank gewann die Ueberzeugung, daß, wenn sie in solche Unternehmungen ihr Geld hineinstecken tvürde, die erstrebten Zicke sicher nicht erreicht werden würden.' Es sei besser, wenig auf gesunder Basis, als viel auf schlechter Grundlage zu unternehmen. Der Auszug aus dem Berichte der Direktion der Bank zeigt uns deutlich, wie wichtig unsere Bank für die Entwicklung des Landes ist und wie groß ihre Bedeutung schon in der nächsten Zukunft werden kann. Es ist zu hoffen, daß die Direktion mit gleicher Vorsicht und Umsicht die Tätigkcit der Bank im Lande Iveiter entwickeln wird. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Die'Beimischung der jüdischen Hochfinanz mit dem christlichen Adel ist auch in der Hauptstadt des antisemitisch angehauchten Preußens eine häufige Erscheinung. — Einige Beispiele aus der Berliner Gesellschaft mögen dies belegen : Fräulein Lili Gutmann, die Tochter des während des Hibernia-Strcftes so viel genannten Direktors der Dresdner Bank ist die Gattin des Rittmeisters im dritten' badischen Dragoner-Regiment Nr. 21 in Schwetzingen, Freiherrn v. .Holzing-Benstett, des ältesten Sohnes des badischen Obcrstallmeisters. Eine Nr. 12. Tochter des 1897 iiobilitierteu Geheimen Kommerzienrates und dänischen Generalkonsuls Ernst von Mendelssohn-Bartholdy, aus dessen Ehe mit Maria geborenen Warschauer vermählte sich 1898 mit dem jüngsten Sohne des durch seine kirchlichen Bestrebungen bekannten Grasen Zieten-Schtverin, dem Legationssekretär Albert v. Schwerin. Ten allmächtigen Gebieter der Diskontogcsellschaft Adolf von Hanscmanii überlebte nur eine Tochter Davida, die 1890 dem damaligen Leutnant bei den Kaiser Franz-Gardcgrenadieren, jetzigen HauptMann a. D. Richard von tzindersin, dem Sohne des verdienten Artillcriegcnerals, ihre vielbegchrte Hand gereicht hatte. 'Auch Fräulein Else v. Bleichröder, des „alten Bleichröder", einzige Tochter, Ivurde durch ihre erste, 1887 geschlossene Heirat die Gattin eines Berliner Gardcofsiziers, des Knrassierlcutiiants Bernhard v. Uechtritz und Steinkirch; man weiß, daß diese Ehe von Anbeginn an einen sehr unglücklichen Verlauf nahm und schon nach wenigen Monaten geschieden wurde, — die ehemalige Frau v. Uechtritz ist jetzt eine Baronin Biedermann de Turony und hat in Ungarn eine zweite Heimat gesunden. Die Töchter des Herr» Wilhelm v. Krause, des Eigentümers des Bankhauses F. W. Krause, heißen Frau v. Voß, Gräfin Hacke und Frau v. Zitzewitz. De» Generalstabsmajor Grasen Hans-Bogislaw Hacke, dem eine große Zukunft vorausgesagt wurde, raffte 1901 ein früher Tod dahin. Sein älterer Bruder Graf Kurt Hacke hat eine Tochter des Bankiers Oskar Hainauer zur Frau, von deren Schwester die eine Freifrau von Zedlitz-Neukirch, die andere die Gattin des englischen Zeitungskorrespondentcn George Saunders ist. Schließlich sei noch erwähnt, daß die jüngste Tochter des verstorbenen Geheimen Kommerzienrats Jakob Landau, Fräulein Margarete Landau 1883 mit dem bayerischen Kammerjunker Dr. Heinrich v. Poschinger, der seitdem als Bismarck-Historiograph sich einen Namen gemacht hat, zum Traualtar schritt, die Ehe wurde 1900 getrennt. Berlt«. Ueber Judensprößlinge in der''Sozialdemokratie schreibt die „Freie Deutsche Presse" des Abgeordneten Engen Richter folgendes: „Ms in der Reichstagssitzung vom Sonnabend Aüg. Zubeil in ohnmächtiger Wut darüber, daß alle seine gegen die Ausführungen des Abg. Dr. Mugdan vorgebrachten Behauptungen als — Unwahrheiten entlarvt wurden, -seine Rede mit den Worten schloß: „Ein Mann, der wie Mg. Mugdan seine Religion w i e ein schmutziges Hemd gewechselt hat . . .", zollten solcher beispiellosen Jnvektive die Sozialdemokraten des Reichstags frenetischen Beifall. Sonderbar, höchst sonderbar! Die Herren hatten Wohl in jenem Augenblick vergessen, daß für ihre Partei „Religion Privatsache ist", und daß nicht w enig er als 43 Mitglieder — also weit über 50 Prozent der sozialdemokratischen Fraktion des Reichstags — der Religion ihrcrBäter abtrünnig geworden sind. Auch führende Genossen, so der frühere leitende Redakteur der „Leipziger Nolkszeitnng", Abg. Dr. Schönlank, und der jetzige leitende Redakteur des „Vorivärts", Abg. Dr. Gradnaner, haben das nach Znbeilscher Auffassung „schmutzige Hemd" des Judentums — was sagen die vier dem mosaischen Glauben ihrer Väter treu gebliebenen Abgg. Haase, Singer, Stadthagen und Wurm zu solcher. Beschimpfung ihrer Religion??? — gegen ein christliches gewechselt und sich evangelisch taufen lasse». Freilich soll ja Abg. Dr. Gradnaner, der 1898, „evangelisch", Mitglied des Reichstags für Dresden-Altstadt wurde, nun seinen neuen Glauben schon wieder ausgegeben haben und sich konfessionslos nennen; in das Reichstags- Handbuch für 1903 hat er sich aber noch als evangelisch eingetragen. Eine wahre Glaubensperle stellt der sozialdemokratische Abgeordnete für Stollberg-Schnecberg, Hermann Goldstein, dar, der im „Kleinen Kürschner" sich als „Dissident, bis 1876 evangelisch" aufführt, doch offensichtlich nur aus dem Grunde, damit nicht etwa jemand argwöhnt, er sei von niosaischer Slbkunft. Unter solchen Verhältnissen sollte die sozialdemokratische Partei doch nicht auf ihre Glaubenstreue pochen, sondern lieber Herrn Zubeil mahnen: O rühre, r ü h r e n i ch t d a r a uI" Berlin. (Mitgeteilt von dem Deutschen Bureau der Sllliance Jsraelite Universelle.) Die „Vossische Zeitung" Nr. 109 vom 5. März 1905, 15. Beilage, enthielt folgende Notiz: B u d a p e st, 4. März. (Eigen. Drahtber.) Durch eine anonyme Anzeige gelangte die Militärbehörde zur Kenntnis umfangreicher Mißbräuche, die von den aus Galizien und Zinßland in die nordungarischcn Kvmitatc cingcwanderten Inden durch Fälschung der Matrikeln getrieben worden sind, um die in Oesterreich oder Ungarn stellungs- Pslichtigen jungen Leute der Wehrpflicht zu entziehen. Die Geburtsdaten wurden entweder vordatiert, oder die jungen Männer durch .Fälschung der Vornamen der Behörde gegenüber in Mädchen verwandelte Bisher sind, über 1000 Fälle amtlich, sestgestellt worden, man nimmt jedoch an, daß die Zahl der auf diese Weise der Wehrpflicht Entzogenen mehr als zehntausend beträgt. Man versuchte, den zur Untersuchung entsendeten Minijterialkommissar Dr. Orlay zu bestechen und als dies erfolglos blieb, zu vergiften! Die Fälsch-