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Neue jüdische Presse · 1905-03-17 · Heft 11 (17.3.1905) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 11. Mid nrmc Glanbensgeiiosscil gespendetwurde». Die Einnahmen -betrugen 860 Mk., denen 760 Mk. Ausgaben gcgciüiberstehe». Ter Vaterländische. Frauenvcrcin überwies 20 Mk. aus der Weihnachtssamnilking zur Verteilung an jüdische Arme. Während des Winters wurden 50 Ztr. Kohlen an Bedürftige auSgegeben. . Basel. In der hiesigen historischen Gesellschaft hielt Herr Tr. Ang. Burk Hardt einen äußerst interessanten Vortrag über „die Ebcrler genannt G r ü n z w e i g, eine BaslerFamilie des'14. und 15. Jahrhunderts". Es ist dies die Geschichte einer jüdischen -Familie im ausgehenden Mittelalter und zugleich ein Stück NechtS- und' Kulturgeschichte. Basel hat die Inden früher als andere oberdeutsche Städte ausgenommen und schon am Anfang des 13. Jahrhunderts existierte hier eine starke jüdische Kolonie. Bischof Heinrich von Thun mußte den Juden im Jahre 1223 den Domschatz verpfänden. Das Ghetto befand sich am Rindermarkt, im heutigen Grünpfahlgäßchen, der Friedhof da, wo jetzt der Werkhof steht. Im 14. Jahrhundert ging es auch den Juden 'in Basel schlecht, weit man sie, wie überall, falsch beschuldigte, die Brunnen vergiftet zu haben. Im Jahre 1349 wurden alle erwachsenen Juden in einem hölzernen Haus auf einer Rheininscl verbrannt, die Kinder aber getauft und im christlichen Glauben erzogen. Ter Rat verbot, daß fernerhin Juden in der Stadt wohnen dürften. Doch bald waren dieselben wieder hier ansässig. Sie wurden Bürger und werden sogar zu Staatsämtern zugelassc», ein gutes Zeugnis für die Toleranz im 14. und 15. Jahrhundert gegenüber späteren Zeiten. Das typische Beispiel einer solchen jüdischen Familie sind die Ebcrler-oder Ebcrlin, die den Beinamen „Grünzweig" annahmen. Ter Stammvater Mathis Ebcrler ans Villingen erlangt 1393 auf dem Mnttciizer Zug »nt 500 andern das Basler Bürgerrecht. Er ist Schlosser, steigt in politischen und militärischen Aemtern rasch aufwärts und wird 1445. Hauptuiaiin des eroberten „Steins zu Rhcinfelden". So . überraschend entwickeln sich Reichtum und Macht der Familie, daß ein Enkel des eingewanderten Villinger Jude» Schloßherr zu Hiltalingen und Gemahl einer Geroldscck wird. Natürlich hört damit auch das Geschlecht auf ein jüdisches zu sein. Doch andrerseits ist cs. Tatsache, daß, nachdem sich dieses Geschlecht mit den angesehensten Familien der Stadt verschwägert hatte, heute noch unter den alten Baslern keiner ist, in dessen Adern nicht das Blut des Juden Mathis Ebcrler von Villingen rollt. Ans Kunst und Wissenschaft. Schmelz der Nibelungen von Franz Adamus. L. Wien, 7. März. Franz Adamus' (Professor Bronners) Komödie „Schmelz her Nibelunge" hat Aufsehen gemacht; der Kassen-Rapport des Raimund-Theaters wird eine Weile von dem Aergernis Für und Wider gespeist werden; mit der Kunst hat diese neue Spielart von.Jacobowskis „W e r t h e r der I u d e" und Wassermanns „I u - den von Zirndorf" wenig zu schaffen. Der Sohn eines polnischen Juden, Schmelz, hält sich für einen Kerndeutschen und streift mit seinem jüdische» Glauben auch diesen Zunamen ab. Christianisiert und germanisiert, hofft Schmelz, der Jüngere, der selbst antisemitische Wallungen hat, Korpsbruder der „Nibclunge" zu werden. Diesem Ziel nahe, wird er durch den llebereifer eines zionistischen Vetters und das bombenmäßige Hereinplatzen seines Vaters in eine „Mbelnngcn"-Kueipe zur Wahl-Entscheidung gedrängt. Im ersten Moment verleugnet er Schmelz den Aeltcren, der angesichts dieser Erbärmlichkeit vom Schlage gerührt wird. Seine Selbstcntwürdigung nutzt., ihm nichts. Die „Nibelungen" schassen den Satisfaktions-Nnsähigen, der die Versöhnung mit seinem Vater sucht und sinket. Die Judenfrage wird von Christen, Altgläubigen, Humanitäts-Aposteln und Zionisten viel beschwatzt. Judenfeinde und Judenfreunde unterstreichen die billigsten Redewendungen . des Textes ulit lärmenden Kundgebungen. Das Judenststck, nach dem Heyermanns (Ghetto) und Maurice Domray („le retour de. Jerusalem") vergeblich ausgriffen, hat Adamus' grelles Melodram noch, lveniger. gegeben.' Es wird kominen, sobald der Rechte, es muß nicht gleich ein Shakespeare oder Lessing sein, immerhin aber ein Schöpfergeist, kein Slktualitätsjäger sich cinstellt. , Professor Wilhelm Winternitz, der Altmeister des Wasserheilverfahren. Seinen 70. Geburtstag feierte am 8. dss. Mts. Prof. W H hcl in W i n t c r n i tz - W i e n. Ter Jubilar hat seinen Namen mit der wissenschaftlichen Begründung des Wasferheilverfahrens verknüpft. Die Anwendung des kalten und warmen Wassers zur Erhaltung der Gesundheit und als Mittel gegen Krankheiten ist. alt. Schon bei Hippokrates finden sich einschlägige Angaben. In ,der modernen Zeit hat die Wasserbehandlung die größte Wandlung durchgemacht. Lange lag sie in den Händen von Laien. Vor allem hat sie Viiiceziz Prießnitz geübt.. Es gelang ihm,, in allgemeinerer Weise die- Aufmerksamkeit . auf. das Wasser als. Heilfaktor jirUnten. In seinen und anderer Laienhände» mußte das Ve» Frankfurter Israelitischer Familienblatt. fahren roh empirisch bleiben. Es ist das große Verdienst Winternitz', die Wirkung des Wassers in seinen verschiedenen Anwendungsformen mit den streng wissenschaftlichen Methoden, wie sie im physiologischen Laboratorium und in der medizinischen Klinik Brauch sind, planmäßig und genau geprüft zu haben. Untersuchungen der Herztätigkeit, des Pulses und Blutdruckes, der Aenderungen des' Wärmehaushalts, der Schweißabsonderung, des Stosswechsels, der Reaktionen im Bereiche des Muskel- und insbesondere des Nervensystems in langjährigen uird mühevollen Arbeiten, lieferten den Grundplan, die Säulen und die Bausteine zu einem wissenschaftlichen System der Wasserheilkunde. Winternitz ist das Glück beschicke», daß seine Lebensarbeit voll anerkannt wurde. Seine angesehene Stellung in der Wissenschaft — man nennt ihn den Mtmeister der Hydrotherapie — ist eines der Zeugnisse dafür. Ei» zweites und sehr gewichtiges ist, daß Winternitz' Vorgehen praktisch reiche Nachahmung gesunden hat. Zuerst waren es freilich zumeist die Sanatorien für die Begüterten, welche sich die Winternitzschen Methoden zu Nutze machten. Dann aber wurde, zumal im Gebiete des Deutschen Reiches, auch für die Volksheilstätten das Wasserheilversahren fruchtbar gemacht. Winternitz' Pionierarbeit hat aber noch eine andere Förderung gebracht. Sie wirkte darauf hin, daß den sogenannten physikalischen Methoden in der praktischen Medizin die ihnen gebührende vermehrte Bedeutung gegeben wurde. Die Ergebnisse seiner Studien über das Wasser- Heilverfahren hat Winternitz zuerst in einer längeren Reihe von Einzelmitteilungen bekannt gemacht. Dann faßte er den Ertrag seiner Forschungen und Beobachtungen zuerst in den „Vorlesungen über Hydrotherapie", dann in mehreren Darstellungen, die er zu Saminelwerken beisteuerte, zusammen. Mit der wissenschaftlichen Forschung geht bei Winternitz eine rege Lehrtätigkeit Hand in Hand. Aerzte aus allen Kulturländern haben sich in seiner Schule mit seiner Sonderdisziplin vertraut gemacht. Darunter sind viele, die jetzt an Universitäten das Lehrfach der allgemeinen und physikalischen Therapie inne haben. Allmählich näinlich hat sich, nachdem auch hier Winternitz den Pionierdienst getan hat, das Wasserheilverfahren im Universitätsunterricht durchgesctzt. Winternitz, in Josephstadt in Böhmen geboren, studierte in Prag und Wien. 1857 wurde er Arzt. 1865 wurde er als Dozent zugelasscn. 1881 wurde er außerordentlicher und 1899 ordentlicher Professor. KarlPander. Sechzig Jahre alt ist in Bergedorf bei Hamburg der in Berlin unvergessene Schauspieler Karl Pandcr gestorben. Als Kausmannssohn am 18. Mai 1841 in Posen. geboren, erhielt er eine Erziehung, die ihn für den Beruf des Vaters bestinimte. Neigung und Talent aber drängten ihn znm Theater, dem er von Ende der sechziger Jahre an gute Dienste leistete und dem er erst vor wenigen Jahren,' durch körperliche Leiden dazu gezwungen, entsagte. Pander wirkte als Anfänger in Lübeck und Reichenberg, dann, nachdem er der Militärpflicht entsprochen und den deutsch-französischen Krieg mitgemacht hatte, am Berliner Residcnztheater (1871 bis 1883) und am Hamburger Thaliatheater (1883 bis 1897). Er war ein vortrefflicher Vertreter komischer Charakterrollen und brachte es namentlich mit einer Rolle — als Lotteriekollekteur Hirsch' in der Koniödie „Heines junge Leiden" von I. Mels — zu größter Beliebtheit. Er hat diese mit schauspielerischem Witz durchgearbeitcte Gestalt, zu deren Lobrednern auch Berthold Auerbach gehörte, z. B. den Berlinern mehrere hundert Male vorgcspielt und als „Hirsch" auch in Amerika Erfolg gehabt. Bücherschau. Rudolf Lindau: Alte Geschichten. Berlin 1904. Egon Fleischcl u. Comp. Eine ohne Prätension geschriebene Novelleilfolge von unterhaltender Stofflichkeit. Sehr sympathisch berührt die Schlichtheit, mit der der Verfasser seine Geschichten vorträgt, deren Schauplatz in kaleidoskopartiger Buntheit wechselnd an uns vorüberzieht. Die Uebersetzung eines Abschnittes aus dem amerikanische» Roman The Grandissimcs von G. W. Eable von Salambohafter Bluttrunkenhell ist angefügt. Bis auf dieses Kapitel ist das Buch als angemessene Unterhaltungslektüre sehr zu empfehlen. Per Hall ström: Verirrte Vögel. Autor. Uebersetzung von Francis Maro, Leipzig, Insel- Verlag 1904. Ein geheimes Idyll und andere Novellen. Leipzig, Jnselverlag 1904. Per Hallströms Dichtungen haben nichts gemein nrit den Bestrebungen, die unser Blatt verficht. Mer wir legen sie unfern Lesern an's Herz, wie jeden anderen wertvollen Beitrag der Weltliteratur. Ter sie geschrieben hat, ist ein Poet. Einer, der die unkomplizierte Wirklichkeit ausdeuten kann, bis in ihre tiessten Wurzeln, voll Zartheit, Klarheit, Natürlichkeit und Wärme, der die einfachen Bausteine, aus denen sich das alltägliche Leben zusammensetzt, ohne Pathos, ohne kunstvolle Gruppierung, und doch voll Eindringlichkeit zusanrinenkittet, nur mit der Kraft seiner Fähigkeit, alles zu beseelen. So wie es im Leben geht, daß das Schrecklichste sich unabänder- Seite 11. lich entwickelt, ohne sich vorher anzumelden, und ohne mit Donner und Blitz vereinig aufzutreten, so leise und zwingend sind seine Uebergängc. Wie viel Stilgefühl in dieser Einfachheit liegt, zeigen die Erzählungen aus der italienischen Renaissance und der französischen Revolution. Er ist aber nicht nur ein Dichter, dem die einfachsten Linien von Poesie gezogen, dahinfließen, männlich in allen seinen Aeußerungen, sondern auch ein feiner mitleidsvoller Mensch. Ten» seine Lieblinge sind die Tiere, die alle bei ihm eine Seele haben, nur daß si^'s nicht wissen, was es ist. Und gerade dieses Ringen der Gefühle nach ihrer Erkenntnis, ist eine der zarten Hände, mit denen der Dichter nach unser» Herzen greift. .t Friedrich Hebbels sämtliche Werke. Herausgegeben und mit einer literarisch-biographischen Einleitung versehen von Molf Bartels. 1 Band von 1056 Seiten Lexikon-Oktav. Gebunden Jk 4 (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt). Wolf Bartels ist der Herausgeber dieser Ausgabe. Man erinnert sich noch seiner Preßfehbe mll Eugen Holzner, deren Objekt das Judentum in der deutschen Literatur war und die dann in seiner Broschüre Kritiker und Kritikaster ihren einseitigen Abschluß fand, da Holzner es unter seiner Würde hielt, auf persönliche Angriffe zu reagieren. Hebbel ist ein neutrales Gebiet insofern, als das Judentum durch einzelne seiner »Vertreter mit seinen Werken zwar in inniger Berührung steht, aber nur Segen fiir sie brachte. War doch der. bedeutendste Hebbelbiograph der alte David Kuh, an dem auch Bartels nicht vorbeikann. Neben seinem Hauptmannbuch ist diese Arbeit eine seiner) aiw objektivsten gehaltenen, soweit Referent sie kennte-Sehr viel Fleiß, Sammelfleiß und Fleiß schötz^xischer Arbeit ist in dieser Ausgabe vereinigt. Sie« ist inhaltlich den anderen Ausgaben der Werke.Ebels völlig ebenbürtig und hat sogar noch die nffE in einer Ausgabe noch vorkommende Selbstbiogräphie (1852) und die literarische Abhandlung WM Körner und den Dramatiker Kleist aufzuweisen. Wie Grillparrer als Nachllassiker, so gewinnt auch Hebbel als Nachromantiker, der aber später der Idee gegenüber dem Sentiment bas llebergewicht verlieh, immer mehr an Boden im Publikum. Deshalb ist eine populäre Ausgabe, wie sie nun vorliegt, und die dabei mit großer Mribie bearbeitet - ist, freundlich zu begrüßen. Vakanzeit- S ch ö n l a n k e' r. Posen. Rabbiner. Gehalt 2400 Mark, freie Wohnung und Rebeneinkonnnen. Nur Inländer wollen sich melden! Lorsch a. d. Bergstraße. Lehrer, Vorbeter und Schächter per 1. Mas. Einkommen Jk 1500 und freie Wohnung. Homberg i. Oberhessen. Lehrer, Vorbeter und Schächter, freie Wohnung und Jk 1000 Einkommen. Rheinbach bei Bonn, llnverh. Lebrer und Vorbeter per bald. Gehalt Jk 1500 und Nebeneiukommen. Saaz (Böhmen). 2. Oberkantor und Religionslehrer per bald. Gehalt Kr. 3000. Stanislan (Galizien). Oberkantor für den israelitischen Temvelverein. Gehalt Kr. 2400. äftrieffaftrit, S. B. Hier in Frankfurt bezahlt inan als Machazis Haschekel 34 Pfennig, entsprechend dem Zahlenwerte von In der Regel nimmt inan die Hälfte der Landes-Münzcirrheit, am liebsten ein Geldstück auf dem Vs steht. Die Münzeinheit Deutschlands ist 1 Jk", und nachdem seit neuester Zeit Vs .tL-Geldstücke geprägt werden, ist die Frage sehr nahelieaend, ob man künftig diese V» . /L-Stücke als halben Schekel annehmen soll. Abonnent in Mannheim. Paul Heyfe ist der Sohn einer jüdischen Mutter. Seine Mutter war eine geborene Saaling._ Bereinig««- zur Pflege jüdischer Lebeusanschauuug sNachalath Awi>. Mittwoch, den 22. März, abends 8Vs Uhr, im Saale des Hotel Dicht: Purim-Feiex. Verein „Mekor Chajim". Ter auf Sonntag den 29. März angesetzt geivescne Vortrag des Herrn Oberlehrer A. Wehl findet nicht statt. Moutefiore, Verein zur Pfleae der ideale» Interessen jüdischer junger Leute Montag, den 20. März a. c„ abends 0 Uhr: Verlesen der Megillah im Bereinslokale. Dienstag, den 21. März a. c„ abends 9 Uhr: Purimfeier im Bereinslokale. ~ Verein zur Pflege jüdische« Wissend lTiferes Bachurim-> Sonntag, den 19. cr., im Vereinslokal: Aula der Religionsschule, Hermesweg 25/27, abends 8% Uhr: Vortrag des Herrn Gewürz: „Moses Jfserles." Gäste sind willkommen.

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