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Neue jüdische Presse · 1905-03-17 · Heft 11 (17.3.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Vellage zu Nr. 11 des Fmukfurttt Israelitischen Familienblattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Amalek. — Ein Kampf in Ostasien — für das Judentum. — Zur Geschichte der Juden in Philippopel. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der L e h r e r w e l t. — A u s den Vereinen.— Aus K u n st und Wissenschaft. — B ü ch e r s ch a u. — Vakanzen. — Briefkasten. — „Jüdische I u g e n Amalek!*) .Nach Schirö Tifcrcs des Rabb.i HerzWescl (HarOvig Wessely). (Geboren zu Kopenhagen 1725, gestorben 8. Marz 1805 in Hamburg.) Zu des Verfassers 100. Todestage übertragen von M e n a ch c m. Gott! Deiner Thora Labsal nur genießt Wer ganz “Sit'treu! Ans seiner LiebeSkraft ihm sprießt Weisheit und Welterkenntnisgeist empor. Unheil, Vernichtung seiner Seele bringt, - In Zatnins Banden unentrinnbar ringt, Gottschniähend, götzendienend nur der Tor. Mizraini sank dahin auf Dein Gebot, Du gabst am Schilfmeer ihm den Frevlcrtod. Ein niegekannter Schrecken die Nationen Philister, Ammon, Moab schlug i» Bann, - Edom zog nicht zum Gottesvolk hinan, Zoan, Kcnaan bebt' in ferne» Zonen. — Sink' hin, Amalek st a m nt! Sei» lasterhafter Sinn, Unslät'ges Brüsten bringt ihm nicht Gewinn, Sein sündhaft Prahlen nicht die Herrscherkrone, Znm Staube sinkt wer Gottes Allmacht schmäht. Ob auch in der Gerechten Kreis er steht, Er stürzt herab vom .selbstgeschaffnen Throne! Wozu, denn dieser Krieg? Wo lag des Hasses Spur? Nicht Plünderung, Völkertrotz — Gvttslästrnng nur, Verleugnung ivar's des Wcltcnrichters Macht, Die Meere spaltet, Israel ernährt Mit Himmelsbrot, in Wüsten Trank gewährt Aus Fclsenyncll, cs schützt' durch Wolkenboten Tag und Nacht. . Der Troß ermüdet, sonder Ruh' und Rast, Vom Zeindeshaus' urplötzlich angefaßt, Kein kriegerischer Kamps ist das zu nennen: — Auf Schleichweg, Diebsgesindel gleich, angreifen Israels Schwache, ehe sie entschweisen , Und sich ins sichere Lager retten können! * Mein Gott! Amaleks Gier, Verbrechen sinnenlos Zu denken, — Pflichtgebot uns riesengroß! Nimmer wird Israel Amalek Stätte bieten! Von seinem Sein verschwinden wird die Spur Im Völkerbuch, von dieser Erdenflur Gelöscht sein Name ewiglich hieniedcn! Wach auf drum Harfe, Dankgesang zu Gott Ertöne hell, grausamer Gottesseinde Spott Verkünde ich und ihren Untergang! Mein .Gott! Der Du wo finster Licht verbreitest. Gib Kraft mir, o, daß meinen Sinn Du leitest! Zum Lichte führ' die Schlummernden mein Sang! * Obige Probe aus den das Leben Mosche's verherrlichenden „Prachtgesängen" Wesselys erreicht naturgemäß bei Weitem nicht das hebräische Original an poetischer Gestaltungskraft und tiefer Verständnisinnigkeit des zum Ausdruck gebrachten Schriftgedankens. SB. hat unsere jüd. Literatur mit herrlichen Perlen solvohl hebräischer Sprachforschung als auch exegetischer -Und moralphilosophischer Darstellung beschenkt und es ist darum, kein Lob für unsere jüdischen gesetzestrenen Schriftsteller der Neuzeit, wenn man sie achtlos an diesen .Schätzen vorübergehen sieht. Wir werden Veranlassung nehmen, unsere Leser demnächst mit -dieser eigenartigen Persönlichkeit näher bekannt zu machen. Ein Kampf in Ostafien — für das Judentum. Die in Shanghai erscheinende Zeitschrift Israel'» Nesseager, Offizial Organ of the Shangai Zionist Association ist ein wackerer Kämpfer für das Indent»»,. Klein ist die Schar ihrer Getreuen, schwierig das Terrain, das sie sich zum Kampfplatz gewählt; aber die Ehrlichkeit ihres Woltcns, das Vertraue» ans ihre gute Sache, ihre Umsicht und ihre Tatkraft werden sie zu einem Bahnbrecher für ein lebendig pulsierendes jüdisches Leben i»i fernen Osten werden lassen. In der letzten Nummer der „Israel's Messenger" lesen wir: Unser Zeitgenosse „The Voice of Sinai" nimmt in einem seiner Leitartikel Stellung gegen unseren Artikel die Reform im Judentum betreffend. Es liegt nicht in unserer Absicht, uns in eine Kontroverse über diesen Gegenstand cinznlassen, aber wir erachten cs als unsere Pflicht, unseren Glauben hochznhalten und zu verteidigen und zu zeigen, daß wir ein wachsames Auge haben für alles, was in dieser Hinsicht geschrieben wird. Genanntes Blatt verübelt uns den Vergleich zwischen den Reform-Rabbinern mit I e r o b e a m' u n d seinesgleichen. Wir aber können keinen Unterschied in ihren Beweggründen entdecken. .Jerobeam versuchte die Jude» seiner Zeit dahin zu beeinflussen, einen Teil unserer Gesetze nicht zu beobachten, wofür er seinerseits neue Gesetze ausstellte, die seinen persönlichen Zwecken dienen sollten. Genau dasselbe versuchen die Reform-Rabbiner und wenn dieser Vergleich ihnen «licht genehm sein sollte — so entspricht er nichtsdestoweniger der Wahrheit. The Voice of Sinai hat heftig die Art und Weise der christlichen Missionare den Juden gegenüber verurteilt. Nach unserem Dafürhalten aber haben die Missionare den I u d c n nicht d e n 'h u n d e r t st e n Teil Schaden z u g c f ü g t wie die Reformer. Die 'Missionare leugnen keinen Augenblick die Göttlichkeit der Bibel und sie empfinden hohe Achtung vor der Heiligen Schrift, worauf die Reformer keinen Anspruch erheben. Im Gegenteil: sie lehren, die Bibel sei kein Buch der Offenbarung, sondern ein historisches Verzeichnis und daß die darin enthaltenen Gesetze zu beobachten nicht verlangt werden könne. Tie Karaiten, welche die Göttlichkeit der Bibel nicht anzweifcln, sondern dllrch einen falschen Jdeengang manche ihrer Gesetze falsch auslegen, lind den Talmud nicht anerkennen, sind im Judentum nicht anerkannt und werden als „Fremde" angesehen. — Die Reform-Rabbiner andererseits, welche absichtlich ihre Gemeinden irreführen, indem sie sie zu überzeugen suchen, daß . die Bibel nicht göttlichen Ursprungs sei und ihre Gesetze nicht als bindend zu erachten seien, ebensowenig wie jene des Talnind, werdcn „wohlmeinende" Rabbiner genannt. Wir versichern hiermit unsere Zeitgenossen, daß wir nicht die mindeste Wsicht hegen, ihnen etwas Böses nachzusagen, aber ihre Handlungen zwingen uns, der Wahrheit eine Lanze zu brecheir und dem Recht zum Siege zu verhelfen. — Unsere Bibel, unser Erbe, das uns durch Jahrtausende bewahrt wurde, das - bei allen Nationen hoch, und hehr dasteht, soll nun, nach Aussage unserer Zeitgenossen, grausanie, despotische Gesetze enthalten. Wehe der Generation, deren Männer derartige Lehren predigen! — Auch wir lieben die Reform, aber nicht jene, die vonr rechten Weg abführt, von: Pfad unserer Vorfahren, welche lehrt, das Gotteswort zu vernachlässigen, und die materialistischen Anlagen zu fördern, sondern jene wahre Reform, die uns anfrütteln soll aus der materialistischen Lethargie, die uns gefangen hält, jene Reform, die uns lehrt, den Gott unserer Väter Seinem heiligen Wort entsprechend zu verherrlichen, das uns veranlaßt, würdig unsere Pflicht zu erfüllen und das uns näher und näher icnserem von allen guten Inden ersehnten Ziel bringt — der Wiedereinsetzung in unser eigenes Land und der Wiederaufrichtung uirseres Tempels, wo wir Gott würdigen können wie in alter Zeit. Zur Geschichte -er Juden i» Philippopel. Seit lange beschäftigte mich die Frage, wann die Inden sich in der so alten, vom Vater Alexanders des Großen gegründeten Stadt Philippopel ansässig machten. Tenl limstande zufolge, daß die Inden Phitippopels mit verschwindender Ausnahme Sephardink sind, könnte man annehmen, daß sie sich erst nach dem spanischen Exil hier ansiedclten. Aber das genügte mir nicht, ich strebte' nach Gewißheit. Vergebens durchsuchte ich die hiesige Nationalbibliothek, vergebens fragte ich danach die Aeltesten des Volkes. Es schien, als ob in Philippopel niemals Männer gelebt hätte», die an die kommenden Geschlechter dachten, niemals solche, die sich einen Ruf und Namen im Israel erwarben. Ganz überrascht >var ich nun» in der letzteir Nummer der hiesigen spaiiiolischcn Zeitung „El Dia" Ter Tag) einen Aussatz über „Die Geschichte der Juden iir Philippopel" zil lesen. Sein Autor, von demselben Drang beseelt wie ich, stellte mühevoll diesen Bericht aus einigen hebräischen Werken zusammen. Tenr erlvähntrii Artikel ist zu entnehme», daß lange vor dem spanischen Exil hier bereits Juden wohnten. Im Jahre >360, als die oSmanischen Türken Philippopel eroberten, bildete sich hier eine jüdische Kolonie aus bulgarischen und türkischen Juden. Damals regierte in Bulgarien die an den bulgarischen Fürsten Iwan Alexandrie vermählte „schöne Jüdin" Theodora von Tirnowa. Jene Periode scheint deshalb für die bulgarische Juden sehr günstig geloescn zu sein. Von den spanischen Exulanten waren es besonders die von Aragvnien, welche die Ufer des Ebro Mit den der Maritza vertauschten. Tie Eingewanderten gründeten eine sogenannte aragonische Synagoge, von deren Existenz ' nach 1541 nichts bekannt ist. In den Jahren 1571 und 1645 wurden je zwei Juden in der Umgebung von Philippopel ermorde! Die zeitweiligen Rabbiner von Philippopel führten mit gutem Erfolg Klage bei der türkischen Regierung. 'Zum Tröste der heutigen Juden Philippopels wird in dem Berichte auch von einer 1779 stattgefundenen Spaltung in der Gemeinde, die damals aus 150 Familien bestand, erzählt. Also war doch der im Jahre 1902 heftig wütende Streit zwischen Zionisten und Antizionisten nicht der erste und einzige. Bon den Rabbinern, die in Philippopel van 1360 bis zur Gegenwart ftmgierten, sind von Bedeutung ' der zu Anfang des vorigen Jahrhunderts amtierende Rabbi Jehuda Sidi, Verfasser des „Ner Mizwah", und fein Nachfolger Rabbi Chajim Benarolja, Verfasser des „Majim Chajim". Der letzte Rabbiner Esra Benarolja, in den Balkanstaaten als großer Talmudgelehrter bekannt, wurde schon wegen vorgerückten Alters nach Ieruscholajim geschickt, und die 4000 Seelen (über 700 Familien) starke Gemeinde Philippopels ist bereits seit zwei Jahren rabbinerlos. In dem Artikel der spaniolischen Zeitung werden dann eine Reihe Auszeichnungen der Philippo- Peler Inden von der türkischen und der bulgarischen Regierung angeführt. Das ist jedoch nur für die hiesigen Juden von Interesse, da die Nachkomme» der zil hohen Aemtern beförderten Männer noch heute leben und zum Teil in der hiesigen jüdischen Gemeinde eine große Rolle spielen. Eines Mannes muß ich besonders erwähnen, es ist dies Elieser Cälew, der Großvater des Direktors der zionistischen Schule. Ms Richter erwarb er sich die Gunst und das Vertrauen auch der nichtjüdischen Bevölkerung. Zilr Zeit der bulg. Revolution war er ein wahrer Beschützer der Juden Philippopels. Die türkische, wie auch später die bulgarische Regierung schätzten ihn hoch. Letztere ehrte ihn dadurch, daß sie eine.Straße Philippopels „Ulitza Elieser Ealew" nach seinem Namen nannte. Als 1876 die Russe» auch nach Philippopel kamen, flüchtete sich der größte Teil der hiesigen Juden nach Adrianopcl und Konstantinvpel, die meisten kamen nach Herstellung des Friedens wieder hierher. : ■ An der großen Feier der Bereinigung von Nordirnd Südbulgariien am 13. September 1885 konnten sich die Juden nicht beteiligen, lveil jener Tag gerade Jom Kippur war. Epochenmachend für die Juden Bulgariens im allgemeinen und die Philippopels im besonderen war der Zionismus. Er erweckte das rege jüdische Leben in Philippopel. Das Organ des Zionismus in Bulgarien ~ ist der hier wöchentlich erscheinende

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